Geteilte Blicke

Geteilte Blicke

Während des Workshops „Fotografische Tagebücher“ hielten 13 geflüchteten Frauen aus dem Irak und aus Afghanistan Momente ihres Alltags fest. Die Bilder wurden in einer Ausstellung präsentiert, sie zeigen einen Blick von Innen und Außen zugleich.

Urheber: Doro Zinn. Alle Rechte vorbehalten.

Viele kamen zur Ausstellungseröffnung ins Neuköllner Ori, dementsprechend voll waren die beiden Räume der Projektgalerie in der Friedelstraße. Für die Kinder gab es Eis und die Besucher*innen hatten Gelegenheit mit den Frauen ins Gespräch zu kommen, die am Workshop beteiligt waren.

Das Projekt der „Fotografischen Tagebücher“ wurde von Patricia Morosan und Doro Zinn ins Leben gerufen und von dem Künstlerverein Artistania e.V. getragen. Die beiden engagierten Fotografinnen stehen kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung an der renommierten Berliner Ostkreuzschule für Fotografie.

Urheber: Maritta Iseler. Alle Rechte vorbehalten.

Die Idee entstand, als Patricia und Doro auf das Förderprogramm „Frauen iD“ des Paritätischen Bildungswerk Bundesverband e.V. aufmerksam wurden. Der Verband fördert durch das Programm kulturelle Projekte mit geflüchteten Frauen in Deutschland – von Frauen für Frauen. Über 50 Initiativen werden und wurden bereits finanziert. Patricia Morosan und Doro Zinn nahmen über ihre Kooperationspartner – die Schoko Fabrik e.V. und die Albatros gGmbH, ein Träger von Flüchtlingsunterkünften – Kontakt zum Förderprogramm auf und luden zu einem Infotag. Das Projekt lief über ein halbes Jahr und fand seinen Abschluss in der Ausstellung. Die teilnehmenden Afghaninnen und Irakerinnen sind im Durchschnitt seit etwa ein bis zwei Jahren in Berlin, sie leben mit ihren Familien in zwei Asylbewerberheimen in der Nähe von Lichtenberg und am Wittenbergplatz.

Die Frauen erhielten zunächst Kameras und wurden mit „visuellen Tagebüchern“ vertraut gemacht. Einige kannten die Ausdrucksform des Diariums bis dahin nicht, aber nachdem sie einige fotografische Beispiele kennen gelernt hatten, war schnell klar, worum es gehen sollte, so die Organisatorinnen. Die Idee, dass die geflüchteten Frauen ihren Alltag fotografisch selbst dokumentieren, bietet sich deshalb besonders an, weil die meisten Menschen die universelle Sprache von Bildern unmittelbar nachvollziehen können, unabhängig von Kultur und Vorbildung. Fotos sind nicht zu abstrakt, um Gedanken, Träume, Sehnsüchte und etwa Gefühle, wie Angst oder Hoffnung, wiederzuerkennen. Damit lässt sich besonders partizipatorisch arbeiten, es wird nicht über die Frauen berichtet, sondern sie kommen selbst zu Wort bzw. Bild. Sie zeigen Momente, Bruchstücke dessen, was ihr Leben zurzeit bestimmt – einen Alltag in Asylbewerberheimen, den sie gerade mit vielen anderen Menschen teilen, die sich auf eine ganz neue Umwelt einstellen müssen. Es wäre sicherlich interessant, das Projekt in einigen Jahren mit den gleichen Teilnehmerinnen zu wiederholen und zu sehen, was sich in der Zwischenzeit verändert hat.

Urheber: Maritta Iseler. Alle Rechte vorbehalten.

Im zweiwöchigen Rhythmus wurden die entstandenen Fotos analysiert, die aussagekräftigsten waren maßgebend für den weiteren Prozess. Am Ende des Workshops trafen Patricia Morosan und Doro Zinn gemeinsam mit den Fotografinnen eine Bildauswahl für die Tagebücher und deren Präsentation im Ori. Die gedruckten Diarien lagen in der Ausstellung zum Ansehen aus. Zweifellos war die Ausstellung und Präsentation der selbst gemachten Fotos für alle Teilnehmerinnen ein besonderer Moment.

Mit dem Workshop wurde den Frauen ein Raum eröffnet, ihre Umgebung zu reflektieren und über sprachliche Grenzen hinweg einen Ausdruck zu finden. Mithilfe der Übersetzungen von Schore Mehrdju konnte zwischen allen Beteiligten ein reger Austausch entstehen. Für Patricia Morosan und Doro Zinn war es eine Begegnung, bei der sich der abstrakte Begriff der „Geflüchteten“ konkretisierte.

 

Die Bilder der Teilnehmerinnen

 

Dieser Artikel erschien zuerst beim Aktionsbündnis "Wir machen das". Der Originalbeitrag hier.

 

Das Projekt wurde vom Paritätischen Bildungswerk Bundesverband e.V. durch das Programm Frauen ID finanziert. Träger des Projektes ist Artistania e.V., die Kooperationspartner sind Albatros GmBH und Schoko Fabrik e.V., Dolmetscherin ist Schore Mehrdju.

Teilnehmerinnen / Fotografinnen: Basse Khalaf, Farhed Safi, Fatima Ashadi, Fatemeh Heidari, Khokhe Khalaf, Latifeh Mohammadi, Marzia Mosawi, Miyan Khalaf, Mohadeseh Mohammadi, Sakineh Azadi, Sayide Amiri, Shaha Khalaf, Yasemin Nabizadeh

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