Anne-Klein-Frauenpreis 2018: "Zwei Stimmen von Millionen kolumbianischen Frauen"

Anne-Klein-Frauenpreis 2018: "Zwei Stimmen von Millionen kolumbianischen Frauen"

Rede

Der Anne-Klein-Frauenpreis 2018 geht an Jineth Bedoya und Mayerlis Angarita aus Kolumbien. Barbara Unmüßig, Vorsitzende der Jury, würdigte in ihrer Eröffnungsrede der Verleihung den Mut der beiden Preisträgerinnen.

Barbara Unmüßig hält eine RedeBarbara Unmüßig bei der Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises 2017 – Urheber/in: Stephan Röhl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Liebe Freundinnen und Freunde von Anne Klein,
liebe Jineth Bedoya, liebe Mayerlis Angarita,
und liebe Gäste,

herzlich willkommen zur 7. Verleihung des Anne-Klein-Frauenpreises. Anne Klein hat uns diesen wunderbaren Preis gestiftet und jedes Jahr im März bringt er uns zusammen, um neben der Preisträgerin auch Anne selbst zu feiern. Heute, am 2. März, wäre ihr 68. Geburtstag gewesen.

Die Heinrich-Böll-Stiftung ist ihr zutiefst dankbar für den Preis, den wir jedes Jahr in ihrem Namen an Frauen verleihen dürfen, die für ihre Rechte streiten und gegen Diskriminierung und Gewalt kämpfen. Und dieser Preis strahlt und wirkt in so vielen erfreulichen Dimensionen. Jeder unserer bisherigen Preisträgerinnen hat der Preis ein mehr an Solidarität, an politischer und öffentlicher Wahrnehmung ihrer Anliegen gebracht.

Jedes Jahr ist der Preis etwas ganz besonderes und die Frau, die ihn erhält einzigartig. Dieses Jahr ist er ganz besonders anders, weil wir nicht nur eine Frau für ihren Mut und ihr frauenpolitisches Engagement auszeichnen, sondern gleich zwei: Mayerlis Angarita und Jineth Bedoya. Zwei Frauen aus Kolumbien, die sich dort für Frauenrechte, gegen sexualisierte Gewalt und Straflosigkeit einsetzen und einen emanzipatorischen Beitrag zum jungen Friedensprozess im Land leisten. Diese Arbeit wollen wir mit dem Anne-Klein-Preis unterstützen.

Liebe Mayerlis, liebe Jineth, ihr repräsentiert verschiedene Professionen - Mayerlis ist Aktivistin, Jineth ist Journalistin. Ihr sagt von euch selbst, dass ihr zwei Gesichter, zwei Stimmen von Millionen kolumbianischen Frauen seid, die sich täglich für Frieden, Gerechtigkeit  und Gewaltfreiheit einsetzen.

Mayerlis ist vor allem auf dem Land aktiv, wo sie die Wunden des Krieges zu heilen versucht und für Landrechte für Frauen kämpft. Die Region Montes des Maria, wo Mayerlis herkommt und arbeitet, ist 28 Reisestunden von Bogota entfernt, wo Jineth für die größte kolumbianische Zeitung Il Tiempo arbeitet. Mayerlis sagt von Jineth, ich bin so froh, dass wir Jineth dort haben.

Ihr kennt euch schon lange, ihr begreift euren Kampf für die Beteiligung von Frauen am Friedensprozess als komplementär. Euer Einsatz für die Rechte und die Partizipation der Frauen Kolumbiens in der Zukunft Eures Landes eint Euch. Alles wird gebraucht, Basisarbeit, guter Journalismus, nationale und internationale Vernetzung. Vor allem brauchen die Frauen mehr Geld, um den Friedesnprozess, seine Umsetzung professionell zu begleiten.

Jede für sich und für eure gemeinsamen Ziele und Hoffnungen will euch der Anne-Klein-Frauenpreis ehren und euren Anliegen politischen und öffentlichen Auftrieb in Kolumbien geben.

Ihr seid die siebte und achte Preisträgerin dieses Preises und reiht Euch damit ein, in eine Kette von tollen inspirierenden Frauen. Mit ihnen habt ihr gemeinsam, mit welchem Mut ihr für eure Rechte streitet, mit welcher Entschlossenheit ihr euch Unrecht in den Weg stellt und wie sehr ihr euch Gewaltfreiheit, den Frieden und Aufarbeitung und Versöhnung ersehnt.

Letztes Jahr haben wir Nomarussia Bonase geehrt. Sie widmet sich in ihrer Heimat Südafrika der Versöhnung für die Opfer der Apartheid. Wahrheit in der Aufarbeitung fordert sie. Denn ohne Wahrheit kann es keine Gerechtigkeit geben. Und ohne Gerechtigkeit – besonders für die Frauen - auch keine Versöhnung. Und ohne all das wird auch die kolumbianische Gesellschaft den Konflikt, die Traumata und gesellschaftlichen Spaltungen nie hinter sich lassen.

Wir wissen: In Kolumbien steht ein noch langer und harter Weg bevor, bis Versöhnung und Frieden den Alltag der Menschen prägen werden. Nahezu 60 Jahre Krieg haben große Wunden und Verwüstungen hinterlassen.

Ein Friedensabkommen gibt es nun. Die Geschlechterperspektive, die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, die Themen der Aufarbeitung und Ahndung sexualisierter Gewalt sind fest im Friedensvertrag verankert. Ebenso die gleiche Teilhabe von Frauen an den diversen Prozessen in Kolumbien. Das ist ausschließlich der Mobilisierungskraft und Einheit, über ideologische Grenzen hinweg, der kolumbianischen Frauen zu verdanken.

Gleichwohl so berichtet ihr – ist alles höchst fragil, nichts gesichert, vor allem die Arbeit der Frauen unterfinanziert.

Liebe Mayerlis, liebe Jineth, ihr beide lasst gemeinsam mit einer großen Zahl von Mitstreiterinnen nicht nach, das Erstrittene und das Ende der Gewalt einzufordern.

Ihr beiden habt Initiativen und Kampagnen ins Leben gerufen, mit denen ihr für eure Rechte kämpft. Eine heißt „No es hora de calla“: „Es ist nicht an der Zeit, zu schweigen“, die andere „Narrar par vivir“: „Erzählen, um zu leben“. Euch ist wichtig, dass es nicht weiter geht wie bisher, dass die, die Gewalt erfahren haben, ihre Stimme erheben, dass sie gehört werden und einbezogen werden in politische und ökonomische Entscheidungen des Landes.

Die Umsetzung des Friedensabkommens verläuft leider nur schleppend. Angesichts der Wahlen, die dieses und nächstes Jahr anstehen, droht das Land wieder in alte Muster zu verfallen: Klientelismus, Vetternwirtschaft, Korruption und Gewalt. Ihr beide sagt: die Gewalt – durch kriminelle Banden und Paramilitärs hat zu- und nicht abgenommen. Besonders beunruhigend sind auch die Zahlen bedrohter und getöteter Menschenrechtsverteidiger/innen und Umweltaktivist/innen.

Gerade diese Menschen auf lokaler Ebene sind für eine partizipative und emanzipierte Demokratie so wichtig. Doch 2017 wurden 170 Aktivist/innen getötet. Und in diesem Jahr – es wird gerade erst Frühling - und schon haben 25 Menschen ihr Leben verloren, in ihrem Kampf um mehr Rechte und um ihre Lebensgrundlagen.

Ihr beide habt massive Gewalterfahrungen gemacht und ihr erlebt unendlichen Hass wegen eurer Arbeit für die Frauenrechte – aber ihr macht weiter – trotz zahlreicher Morddrohungen.

Liebe Mayerlis und liebe Jineth, ihr beide und all eure Unterstützerinnen machen Mut – uns allen.

Seit letztem Jahr hat auch die Heinrich-Böll-Stiftung ein Büro in Kolumbien. Es ist unser großes Anliegen, die Menschen vor Ort dabei politisch zu unterstützen, ihre Rechte zu verwirklichen.

Es freut mich riesig, dass sich die Jury des Anne-Klein-Frauenpreiseses - Renate Künast, Michaele Schreyer, Jutta Wagner und Thomas Herrendorf - mit mir gemeinsam dazu entschieden hat, dass dieser Preis in diesem Jahr an Euch beide geht, an zwei so tolle und mutige Frauen.

Im Namen der Jury gratuliere ich Euch ganz herzlich zum Anne-Klein-Frauenpreis 2018 und wünsche Euch weiterhin Kraft und Mut und Ausdauer, Eure Arbeit mit und für die Frauen – ganz in Annes Sinn – weiterzuführen.

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