#MeToo und das Unbehagen der Linken

#MeToo und das Unbehagen der Linken

Angriffe auf feministische Proteste verkennen, dass es nicht um die Interessen Einzelner geht, sondern um Gerechtigkeit für alle.

#MeToo ist mehr als ein Hashtag
#MeToo ist mehr als ein Hashtag. Es ist eine Bewegung. — Bildnachweise

Im Jahr 2017 brachten die Women’s Marches und eine anhaltende Debatte um alltägliche, sexualisierte Gewalt: #MeToo. Wir erleben seither eine widersprüchliche Gegenwart: Angesichts der demokratiepolitischen Katastrophen herrscht politische Weltuntergangsstimmung, indessen insbesondere der feministische Widerstand ermutigend ist.

Gleichzeitig werden Feminist*innen auch von allen Seiten kritisiert – und auch die #MeToo-Bewegung massiv angegriffen. Da gibt es auf der einen Seite eine linksliberale US-Debatte, die auch in die deutschsprachige Diskussion geschwappt ist. Energisch wird hier gefordert, Identitätspolitik mit ihren vermeintlichen «Partikularinteressen» hinten anzustellen. Lieber solle man die eigene Basis verbreitern und Kernprobleme wie soziale Gleichheit ansprechen, statt sich mit Firlefanz wie Homosexuellenrechten, Rassismus oder Alltagssexismus zu beschäftigen. Sie missverstehen dabei freilich, dass es bei diesen Kämpfen keineswegs um die Verteidigung von Einzelinteressen, sondern um Gerechtigkeit für alle geht.

Nancy Fraser stimmt ein

Seit Jahrzehnten wird behauptet, Strömungen der Identitätspolitik wie etwa der Feminismus würden von sozialer Ungleichheit ablenken – anstatt sie als Teil des Kampfes gegen sie zu begreifen. Und so argumentieren heute auch Linke aller Sparten: Showmaster wie Bill Maher, Politiker wie Bernie Sanders, Intellektuelle wie Slavoj Žižek. Dass es sich dabei in großer Mehrheit um weiße Männer handelt, dürfte kein Zufall sein. Aber es gibt selbstverständlich auch Frauen wie die Philosophin Nancy Fraser, die in ein ähnliches Horn blasen. An der Wahl Trumps sei die Linke mitschuldig, «weil sie die Sache der sozialen Sicherheit, des Wohlstands und der Würde der Arbeiterklasse zugunsten falsch verstandener Emanzipationsvorstellungen» geopfert habe. In den Augen der (weißen) Arbeiter*innen seien «Feminismus und Wall Street zwei Seiten derselben Sache, geradezu vollkommen verkörpert in Hillary Clinton».

Nancy Fraser nennt das einen «progressiven Neoliberalismus», den sie definiert als «eine Allianz zwischen einerseits tonangebenden Strömungen der neuen sozialen Bewegungen (Feminismus, Antirassismus, Multikulturalismus und die Verfechter von LGBTQ-Rechten) und andererseits kommerziellen, oft dienstleistungsbasierten Sektoren von hohem Symbolgehalt (Wall Street, Silicon Valley und Hollywood)». Ihre, von #MeToo-Kritiker*innen oft aufgegriffene These lautet in etwa: Die linken akademischen Eliten fänden sich hier wie dort und würden sich gegenseitig in ihren abgehobenen politischen Vorstellungen und Luxusproblemen bestätigen, die mit der Realität im amerikanischen «Rust Belt» nicht das Geringste zu tun hätten.

Frasers Vorwurf an den Feminismus ist falsch. Sicherlich gibt es frauenpolitische und multikulturelle Agenden, die sich mit ihren Diversitätsprogrammen in neoliberale Logiken einpassen. Doch von der überwiegenden Mehrheit und den «tonangebenden Strömungen der neuen sozialen Bewegungen» kann das nicht pauschal behauptet werden. Sieht man sich diese genauer an, fällt vielmehr gerade der gleichzeitige Kampf gegen Diskriminierung und soziale Ungleichheit ins Auge.

Es geht um strukturelle Gewalt

Auch in Deutschland wird Kritik an #MeToo laut. Die dort zugrunde liegende neoliberale Logik der Eigenverantwortung wird exemplarisch etwa bei der deutschen Philosophin Svenja Flaßpöhler erkennbar, wenn diese sich gerade am Ruf nach «dem starken Staat» stößt und den Frauen bei sexueller Belästigung deshalb allen Ernstes rät: «Klärt es selbst.»

Statt einer Kollektivierung, bei der die eigenen Diskriminierungserfahrungen der gemeinsamen und vermeintlich größeren Sache wegen heruntergeschluckt werden sollen, wird hier eine Individualisierung des Problems propagiert. Bei Flaßpöhler geht das tatsächlich so weit, dass sie ins rechtsreaktionäre Victim-Blaming einstimmt und Betroffene dazu auffordert, doch ihre Mitschuld zu reflektieren, bevor sie Männer an den Pranger stellen.

Diese Ignoranz gegenüber strukturellen Machtverhältnissen geht Hand in Hand mit der Unterstellung, hinter solchen Anklagen verberge sich letztlich nur Prüderie. Das tradierte Klischee von den lustfeindlichen Emanzen ist freilich so alt wie der Feminismus selbst. Doch angesichts des Medienechos und des Backlashs, den auch die Schauspielerin Catherine Deneuve mit ihrem offenen Brief («Freiheit zu belästigen») auslösen konnte, hat es auch in Zeiten eines dezidiert sexpositiven Feminismus offenbar nichts von seiner Diskursmacht eingebüßt. Dabei wird auch gerne unterstellt, dass Beschuldigungen mitunter aus persönlicher Rachsucht oder gar aus politischem Kalkül eingesetzt würden, um bestimmte Männer zu demontieren. Statt der Unschuldsvermutung gäbe es einen hysterischen Denunziationsrausch, der Einzelne aufgrund der schwierigen Beweisführung bei sexualisierter Gewalt bereits Amt und Ansehen gekostet hätte.

Wir sollten das ungeheure Potenzial, das die Wut der Frauen für Veränderungen hat, nicht ungenutzt verpuffen lassen.

Das Gegenteil ist der Fall: Das Verbrechen der Vergewaltigung wird so selten geahndet wie kaum ein anderes Gewaltdelikt, obwohl es global eine der häufigsten Formen roher Gewalt gegen Frauen ist. Neben einem «Ende jeder Erotik» wird überdies über die schwierigen Grenzziehungen zwischen Sexualität, sexueller Belästigung und sexueller Gewalt lamentiert. Aufgrund der undifferenzierten #MeToo-Rufe würde nun alles in einen Topf geworfen. Doch die Vermischung von Sexualität und sexueller Gewalt ist mitnichten #MeToo anzulasten. Es sind vielmehr gerade die #MeToo-Gegnerinnen, die diese Vermengung gezielt betreiben, indem sie so tun, als handle es sich bei Sexualdelikten in aller Regel um «Auslegungssache» oder einen missglückten «Verführungsversuch».

Böll.Thema: Demokratie braucht Feminismus

Die neue Ausgabe von Böll.Thema informiert über die Strömungen des Feminismus, greift aktuelle Debatten und Entwicklungen auf (#MeToo, den umstrittenen Paragrafen 219a oder das Transsexuellengesetz) und zeigt vor allem eines: Demokratie braucht Feminismus!
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Die Wut öffnet Türen

Die MeToo-Kampagne ist getragen vom ehrlichen Bemühen, ein gesellschaftliches Bewusstsein für gewaltsame Grenzüberschreitungen zu schaffen – die in aller Regel klar zu erkennen sind. Dabei wird keineswegs unterstellt, dass Gaffen, ein sexistischer Kommentar oder eine Vergewaltigung ein und dasselbe seien. Aber all diese Spielformen werden von #MeToo zum Thema gemacht, um ein Muster männlicher Dominanz und sexualisierter Degradierung von Frauen offenzulegen.

Ein Muster, das allgegenwärtig ist, weil es kulturgeschichtlich tief verankert und in gewaltige Machtgefälle eingebettet ist. Deshalb ist es in den meisten Fällen sehr schwer, wenn nicht unmöglich, ihm individuell zu begegnen. Stattdessen muss das sexistische System dahinter skandalisiert und verändert werden. Dazu wird es eine enorme gemeinsame Anstrengung brauchen – und eine solidarische linke Bewegung. Sonst wird das ungeheure Potenzial, das die gewaltige Wut der Frauen für feministische, aber auch für soziale Veränderungen generell hat, ungenutzt verpuffen. Das sollten wir angesichts der weltpolitischen Lage nicht riskieren.

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