Frauenpower in den Hochburgen des Patriarchats

Frauenpower in den Hochburgen des Patriarchats

Konservative Werte und patriarchale Strukturen gewinnen mit dem Erstarken des Rechtspopulismus vermehrt an Bedeutung. Laut dem neusten Global Gender Gap Report werden wir noch 200 Jahre brauchen, bis wir weltweit die Gleichstellung zwischen Mann und Frau erreichen.

Der Tag bricht an. Langsam geht hinter dem Hügel die Sonne auf und lässt das Bergdorf in einem goldenen Glanz erscheinen. Abgesehen von dem Rauschen des Baches und den Glocken, der gemütlich vor sich hin grasenden Kühe, ist kaum etwas zu hören. Man könnte fast meinen, dass sich hier die Welt langsamer dreht.

In dieser Schweizer Idylle lebt Nora mit ihrem Mann, ihren zwei Söhnen und dem Schwiegervater unter einem Dach. Noras großer Wunsch ist es wieder arbeiten gehen zu können, so wie sie das vor der Heirat gemacht hat. Ihr Mann unterstützt sie dabei nicht. Es gehöre sich nicht, dass eine Frau arbeiten geht. Nora soll sich um die Kinder und den Haushalt kümmern. Wir schreiben das Jahr 1971. Während in Zürich zahlreiche Frauen auf die Straße gingen, um für die Gleichstellung von Mann und Frau zu kämpfen, scheint hier die Welt noch in Ordnung zu sein.

Nachdem die junge Tochter der Schwägerin von Nora wegen unkonventionellem Verhalten ins Gefängnis kommt, fällt Nora eine Entscheidung: Sie will nicht mehr hinnehmen, dass die Emanzipation als etwas angesehen wird, was gegen die göttliche Ordnung verstößt. Gemeinsam mit anderen Frauen aus dem Dorf fährt Nora in die Stadt, nimmt an Demonstrationen teil und setzt sich in ihrem Dorf für die Einführung des Frauenstimmrechts ein.

Nora ist die Protagonistin des Schweizer Films «Die göttliche Ordnung1 der die Einführung des Frauen Stimm- und Wahlrechts in der Schweiz thematisiert. Die im Film beschriebene Schweiz ist wahrhaftig kein Paradies und zeigt wie unter den vorherrschenden patriarchalen Strukturen nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer und die Kinder zu leiden haben.

Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen in der Schweiz

Die Frauen in der Schweiz mussten über Jahrzehnte für die Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts kämpfen. Während nach dem zweiten Weltkrieg in zahlreichen europäischen Ländern die Frauen das Stimmrecht erlangt haben, wurde die Frauen in der Schweiz für ihr Engagement nicht belohnt. Die Schweizer Historikerin Heidi Witzig erklärt: „Im Gegensatz zu anderen Ländern, sind die Schweizer Männer nach dem Militärdienst zurückgekehrt, was bedeutete, dass die Frauen als Lückenfüllerinnen zurückzutreten mussten.“ Die erste Vorlage des Bundesrates zur Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts wurde im Jahr 1959 verworfen.2 Danach dauerte es weitere zwölf Jahre bis es endlich am 7. Februar 1971 zur Einführung des Stimm- und Wahlrechts für Frauen gekommen ist. „Da es sich um eine Volks- (Männer) Abstimmung handelte, brauchte es enorm viel Überzeugungsarbeit. Im Jahr 1986 stand aber eine neue Generation von jungen Feministinnen aus der ganzen Schweiz bereit und verlieh der Frauenstimmrechts-Bewegung einen neuen Schwung“, so Heidi Witzig. Auf die Einführung des Stimm- und Wahlrechts folgte dann 1981 auch die Verankerung der Gleichstellung von Mann und Frau in der Schweizer Bundesverfassung.

Und wo steht die Schweiz heute knapp 40 Jahre nach der Verankerung der Gleichstellung in der Verfassung? Laut Historikerin Heidi Witzig hat sich die Schweiz auf einen mittleren Stand entwickelt. „Das neue Eherecht ist partnerschaftlich angelegt, wobei aber die in der Verfassung vorgeschrieben Lohngleichheit immer noch nicht umgesetzt ist.“ Das feministische Kollektiv aktivistin.ch3 ergänzt: „In der Schweiz haben in den letzten Jahren konservative und traditionelle Werte wieder an Bedeutung gewonnen.“ Im Moment ist das Kollektiv deshalb bemüht, dafür zu kämpfen, dass die gewonnen Rechte nicht wieder verloren gehen. Das Kollektiv weist zudem darauf hin, dass die strukturellen Bedingungen in der Schweiz noch immer Veränderungsprozesse erschweren und verlangsamen. „Es zeigt sich als Herausforderung gemeinsame Ideen über die Kantonsgrenzen hinaus zu entwickeln und die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass wir von einer Gleichstellung noch weit entfernt sind“, so das Kollektiv weiter.

Bestätigt wird diese Einschätzung auch durch den Global Gender Gap Report4 vom Jahr 2018. Die Schweiz belegt Platz 20 von insgesamt 149, nach Bulgarien und Südafrika. Der Report zeigt auch auf, dass die Gleichstellung von Mann und Frau weltweit stagniert. Der Report des Weltwirtschaftsforums vergleicht 149 Länder in vier Bereichen: Wirtschaftliche Partizipation und Chancengleichheit, Bildungsabschluss, Gesundheit sowie politische Selbstbestimmung. Einer der Hauptgründe sind die gesellschaftlichen Werte, die weiterhin auf traditionellen Rollenbildern und patriarchalen Strukturen beruhen. In Europa sind solche patriarchalen Strukturen und traditionellen Rollenbilder besonders in den Ländern Südosteuropas stark verbreitet. Dem Global Gender Gap Report zufolge belegt Albanien Platz 34, Serbien Platz 38, wobei Mazedonien auf Platz 66 und Montenegro auf Platz 69, knapp hinter Bosnien und Herzegowina auf Platz 62 liegen.

Bosnien und Herzegowina: Parallelen mit der Schweiz der 70er Jahre

Die aktuelle Situation in Bosnien und Herzegowina weist Parallelen auf zur Schweiz in den 70er Jahren. Bosnien ist wie die Schweiz ein ländlich geprägtes Land. Gerade in diesen ruralen Gebieten sind traditionelle Werte und patriarchale Strukturen noch weit verbreitet. Dazu kommt, dass für diese Frauen der Zugang zu Bildung beschränkt ist und es wenige Möglichkeiten für bezahlte Arbeitsstelle gibt. „Oft sehen deshalb junge bosnische Frauen aus ländlichen Gebieten eine frühe Heirat als einzige Chance aus diesen Strukturen auszubrechen“, so Vedrana Frasto von der feministischen Organisation CURE5.

Sara Velaga, eine junge bosnische Kolumnistin, die sich mit der Stellung der Frau in Bosnien auseinandersetzt, meint: „Die patriarchalen Strukturen sind aber nicht nur in ländlichen Regionen stark verbreitet, auch in den Städten sind wir von einer Gleichstellung noch weit entfernt. Ich selbst erlebe in meinem Alltag immer wieder Situationen in denen ich als Frau diskriminiert werde. Traurig stimmt mich aber vor allem, dass es zwischen den Frauen an Solidarität mangelt. Oft wird die Kompetenz von erfolgreichen Frauen von den Frauen selbst in Frage gestellt.“

Viele Frauen in Bosnien sind auch nach wie vor Gewalt ausgesetzt. Die Organisation für Frieden und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) publizierte vor zwei Tagen die Resultate einer Langzeitstudie über die Gewalt gegen Frauen in Ost- und Südosteuropa. In der Studie wurden auch Frauen aus Bosnien und Herzegowina befragt. Die Resultate fallen ernüchternd aus: Rund 70% der Frauen bestätigen, dass sie seit ihrem 15 Lebensjahr Gewalt ausgesetzt waren, davon 31% in den letzten zwölf Monaten.6 „Die Gewalt gegen Frauen in Bosnien ist tatsächlich ein großes Problem. Oft getrauen sich die betroffenen Frauen nicht darüber zu sprechen oder zur Polizei zu gehen und noch immer wird die geschlechtsspezifische Gewalt nicht als solche anerkannt“ so Vedrana Frasto der Organisation CURE.

Obwohl Bosnien bereits im Jahr 2003, als eines der ersten Länder der Region, das Gleichstellungsgesetz verabschiedet hat und 2009 dann auch ein Antidiskriminierungsgesetzt einführte, fehlt es laut dem Alternative CEDAW Report7 an dessen Implementierung. Die von Frauenorganisationen initiierten Vorschläge für Verfassungsänderungen werden vom Parlament nicht behandelt und da Frauen im politischen Diskurs in Bosnien kaum eine Rolle spielen, haben sie auf politischer Ebene auch keine Stimme, um sich gegen die Diskriminierung und für eine Gleichstellung zwischen den Geschlechtern einsetzen zu können. Gerade mal 21,4% Frauen waren im Jahr 2018 im nationalen Parlament vertreten. Dies obwohl Bosnien seit 1998 eine Quote festgelegt hat, die vorschreibt, dass jede Parteiliste mindestens 40% des unterrepräsentierten Geschlechts enthalten muss. Es gibt und gab bis heute keine Staatspräsidentin und nur gerade 22,2% der Ministerposten waren 2018 von Frauen belegt worden.8 „Die Verantwortung dies zu ändern, liegt ganz klar bei den Parteien. Es kann nicht sein, dass 50% der Bevölkerung und damit ihre Anliegen in der Politik kaum vertreten sind“, so Jasmina Mršo, Mitglied für die Nasa Stranka im Gemeinderat der Altstadt Sarajevo.

In Bosnien und Herzegowina werden daher nahezu alle politischen Entscheidungen von Männern gefällt. Dies aber nicht zum Vorteil des Landes, das im internationalen Vergleich in vielerlei Hinsicht sehr schlecht abschneidet: Die hohe Arbeitslosigkeit, die starke Luftverschmutzung in vielen Städten und die weitverbreitete Korruption sind nur drei Beispiele für das politischen Versagen der männlichen Elite in Bosnien und Herzegowina.9

Die mutigen Frauen von Kruščica10

Auch in Kruščica war bis vor kurzem Politik eine reine Männersache. Das änderte sich aber im August 2017 als das Dorf Kruščica zum Schauplatz einer Geschichte von mutigen Frauen geworden ist, die sich zusammengetan haben, um für ihr Anliegen zu kämpfen. Tag und Nacht bewachten die Frauen die Brücke ihres Heimatorts, um den Bau zweier Wasserkraftwerke zu verhindern und damit den Erhalt des Kruščica Flusses zu garantieren. Die Frauen blieben trotz der Einschüchterungen seitens der Polizei standhaft und erarbeiteten sich das Wissen, um mit juristischen und politischen Mitteln gegen das Bauvorhaben ankämpfen zu können.

Alma Midžić, die die Frauen bei ihrem Vorhaben unterstützt, erläutert: „Die Einwohnerinnen haben gezeigt, dass es möglich ist, sich zu organisieren und breite Unterstützung zu bekommen, sogar in einem ethnisch geteilten Gebiet.“ Die Frauen ließen sich für die lokalen Wahlen aufstellen und wurden dadurch ein aktiver Teil der Politik. Im Dezember 2018 haben die Frauen einen weiteren Erfolg verzeichnen können: Das zuständige Gericht hat die Baugenehmigung für die zwei Wasserkraftwerke als ungültig erklärt.

Wenn Frau will, steht alles still

Zwei Ländern, zwei Geschichten. Geschichten von Frauen aus einem ländlichen Umfeld, die ohne vorgängiges Wissen oder Interesse an politischen Prozessen sich zusammengeschlossen haben und erfolgreich für ihr Anliegen eingestanden sind.

Nora und ihre Mitstreiterinnen beschließen sich während Tagen in ein Hotel zurück zu ziehen, ganz nach dem Motto: Wenn Frau will, steht alles still. Nicht anders war es in Kruščica. Während die Frauen Wache standen, mussten die Männer selbst die Hausarbeit erledigen. Der Streik ließ in beiden Fällen die Männer vermissen, was sie wohl zu lange als selbstverständlich genossen haben. Dadurch wurde die zentrale Rolle der Frau in der Gesellschaft sichtbar gemacht und vorherrschende Machtverhältnisse ins Wanken gebracht. „Dass Frauen streiken, und zwar nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch im Haushalt, ist ein starkes Signal“, so Historikerin Heidi Witzig.

„Der Schweizer Film «Die göttliche Ordnung» und die Frauen von Kruščica sind zwei wunderbare Beispiele für Frauen, die gemeinsam erfolgreich etwas in der Gesellschaft bewegen konnten“, so Andrea Vujošević, Direktorin des Cinema City in Sarajevo. Sie selbst wurde im Jahr 2016 von dem bosnischen Parlament für ihr Engagement mit dem Preis für Geschlechtergleichstellung ausgezeichnet. “Es ist fundamental, dass Frauen ihre Fähigkeiten sich zum Nutzen machen und beginnen sich nicht nur aber auch in der Politik für eine bessere Zukunft Bosniens einzusetzen.“

1  http://www.goettlicheordnung.de

https://www.parlament.ch/de/%C3%BCber-das-parlament/politfrauen/frauenstimmrecht (Retrieved: 24.01.2019).

10  https://ba.boell.org/de/2018/04/03/kruscica-ein-kampf-fuer-uns-alle (Retrieved: 05.02.2019).

 

Autorin: Laura Meier für Heinrich-Böll-Stiftung

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