Eineinhalb Frauen? Über Sprache und feministischen Widerstand

Eineinhalb Frauen? Über Sprache und feministischen Widerstand

Ich schrieb und schrieb
Doch es blieb kein Buchstabe
Ich beschrieb und beschrieb
Doch es blieb keine Bezeichnung
Ich sage also
In Kürze und schließe:
Die Frauen meines Landes sind
Eineinhalb Frauen.

So besang der berühmte Dichter der Revolution, Mohamed Sghaier Ouled Ahmed, die Frauen Tunesiens. Er ist bekannt für sein gewerkschaftliches Engagement, seinen leidenschaftlichen Kampf für die Freiheit, seinen kontinuierlichen Einsatz für die Marginalisierten und seine Unterstützung für den Kampf der Frauen. Ouled Ahmed schrieb dieses Gedicht im August 2015, etwa zeitgleich mit dem jährlich in Tunesien zelebrierten „Nationalen Frauentag“ am 8. August. Seit 2012 finden in diesem Monat riesige Protestmärsche führender Feministinnen statt, die unter dem Namen „Freie von Tunesien“ bekannt geworden sind. Sie rufen dazu auf, die Gleichheit der Geschlechter in der Verfassung festzuhalten und Frauenrechte anzuerkennen.

Die Worte des 2016 verstorbenen Mohamed Sghaier Ouled Ahmed erfreuten sich in den Kreisen dieser Tunesierinnen großer Beliebtheit. Sein Gedicht wurde sogar offiziell als „feministisches Gedicht“ kategorisiert, das von Demonstrantinnen und Demonstranten zitiert wurde, wann immer es um Frauenrechte ging. Zahlreiche Frauen und Männern rezitierten Ouled Ahmeds Worte, ebenso wie die Nationalhymne, mit einer Spur von Stolz und Angeberei. Als der beliebte Dichter vor zwei Jahren starb, liefen tunesische Frauen entgegen der Norm im Trauerzug mit und riefen laut: „Die Frauen meines Landes… sind eineinhalb Frauen!“ (Im Arabischen kann der Ausdruck „ein X und ein halbes“ bzw. „eineinhalb X“ für alle möglichen Dinge und Personen verwendet werden. Er bedeutet im Deutschen so viel wie „150%ig“, AdR.)

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Ich liebe Lyrik. Viele Gedichte von Mohamed Sghaier Ouled Ahmed mag ich und kann sie auswendig. Doch als ich dieses Gedicht über die tunesischen Frauen das erste Mal hörte, konnte ich ein Lachen nicht unterdrücken. Was soll das bedeuten, dass ich eineinhalb Frauen bin? Vielleicht hätte ich dieses lyrische Bild gebraucht, um all die psychischen Widersprüche und den Weltschmerz zu verstehen, unter dem ich schon mein Leben lang leide. Wohin verschwindet die zweite Hälfte der zweiten Frau in mir? Was passiert, wenn ich die verbleibende Hälfte mit der verlorenen Hälfte zusammenbringe und nicht mehr eineinhalb Frauen bin, sondern eine Frau und noch eine Frau? Ich könnte Stunden über diesen Ausspruch nachdenken! Schließlich haben mich Verwandte oder Freunde oft genug als „eine Frau wie tausend Männer“ bezeichnet.

Dieses Verständnis der Frau ist Teil eines reduktiven Narrativs, das auf dem biologischen Gegensatz männlich/weiblich beharrt.

Letzterer Ausdruck ist im Arabischen ein geläufiges Kompliment, um eine Frau zu loben, die sich durch einen starken Charakter auszeichnet und Verantwortung übernimmt. Ich habe mich auch über diesen Ausdruck lustig gemacht. Dieses Verständnis der Frau ist Teil eines reduktiven Narrativs, das auf dem biologischen Gegensatz männlich/weiblich und auf der traditionellen gesellschaftlichen Einteilung in zwei Geschlechter beharrt. Dazu gehört ein System aus Werten, Hierarchien und Diskriminierungen, das dem Mann eine Reihe von Rechten überträgt, die auf Kosten des anderen Geschlechts gehen.

Jedes Mal wundere ich mich, wenn ich eine Person des öffentlichen Lebens oder ihre Abkömmlinge höre, die die Worte Ouled Ahmeds als feministischen, modernen oder revolutionären Ausspruch preisen.

Beide Ausdrücke – „eineinhalb Frauen“ und „eine Frau wie tausend Männer“ – gehen implizit davon aus, dass das weibliche Geschlecht mangelhaft sei oder jedenfalls nicht genüge. Darum nutzen sie quantitative Begriffe oder Zahlen, um den Mangel zu beseitigen und die Waage wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Jedes Mal wundere ich mich, wenn ich eine Person des öffentlichen Lebens oder ihre Abkömmlinge – Pseudoaktivisten, Experten, Usurpatoren, Medienleute, Intellektuelle und Künstler – höre, die die Worte Ouled Ahmeds als feministischen, modernen oder revolutionären Ausspruch preisen.

Immer wieder wundere ich mich über ihr Unwissen. Beispielhaft dafür ist die Äußerung Rashed al-Ghanouchis, des Vorsitzenden der muslimischen An-Nahda Partei in Tunesien, während der Feier zum Frauentag 2015: „Die Frauen Tunesiens sind nicht nur eineinhalb Frauen, sondern eineinhalb Männer!“ Wer könnte eine eloquentere Aussage als diese finden, die derart schlau mit der Sprache und ihren Symbolen spielt? Die Eloquenz des Sheikhs hat wahrlich die des Dichters übertroffen!

Wenn die Sprache das Haus des Seins ist, wie Heidegger schrieb, dann kann die Sache der Frau nicht außerhalb ihrer Mauern behandelt werden.

In diesem Fall wurde ein lyrisches Bild auf peinliche Weise politisch missbraucht. Doch abgesehen davon habe ich keinen einzigen Text gelesen und keine Erklärung, die aufzeigten, wie gefährlich es ist, derartige Aussprüche zu verbreiten, da sie die Hegemonie des Mannes in den Darstellungen der Frau innerhalb feministischer arabischer Diskurse nur bestärken. Wenn die Sprache das Haus des Seins ist, wie Heidegger schrieb, dann kann die Sache der Frau nicht außerhalb ihrer Mauern behandelt werden. Zu den Strategien eines wirkungsvollen feministischen Widerstands gehört es deshalb auch, die richtigen Begriffe zu wählen, um sich im Verhältnis zum kulturell dominierenden Verständnis von Rolle und Definition der Frau zu positionieren.

Obwohl die Frauenbewegung und feministische Theorien schon zwei Jahrhunderte alt sind, bleiben Feministinnen und Feministen dennoch Gefangene überkommener Darstellungen der Frau, die sie überwunden zu haben glauben und die in Wirklichkeit noch immer ihren Aufsätzen innewohnen. Ich war überrascht, dass auch einige Feministinnen im Westen den Hashtag #MeToo für die Verbreitung von Aussagen wie dieser verwendet haben: „Die Frau ist ein Mann wie jeder andere“ (Simone de Beauvoir) oder „Die Frau ist die Zukunft des Mannes“ (Louis Aragon). Die diesen Zitaten innewohnende Deklassifizierung wurde nicht ansatzweise in Frage gestellt. Sie fordern zwar Geschlechtergerechtigkeit und den Widerstand gegen einen zentristischen Diskurs innerhalb der europäischen Kultur, die zwischen einem „ersten“ und einem „zweiten Geschlecht“ unterscheidet, haben es jedoch nicht verstanden, sich der Sprache auf eine Weise zu bedienen, die gänzlich mit der Logik der Gegensätzlichkeit und des Vergleichs mit dem Mann bricht.

Wir kommen einfach nicht umhin, das Leid der Frauen ewig zu instrumentalisieren und mit ihren Rechten zu handeln.

Auf den ersten Blick mögen derartige Aussprüche wie originelle sprachliche Bilder wirken. Aber Originalität in der Sprache allein genügt nicht, um die Frau außerhalb der traditionellen Dualität darzustellen: Mann – Frau, Held – Opfer, Ursprünglichkeit – Neuheit, Islam –Westen, Stadt – Land, Rand – Zentrum, Fiktion – Realität etc. Diese zahlreichen miteinander verflochtenen Ebenen machen den feministischen Widerstand meistens zu einem komplexen und unklaren Unternehmen. Wir kommen einfach nicht umhin, das Leid der Frauen ewig zu instrumentalisieren und mit ihren Rechten zu handeln.

In der tunesischen Politik und in der arabischen insgesamt ist kein Raum, um über arabische Frauen zu sprechen, ohne sich entweder ob ihrer Unterdrückung zu geißeln oder die Realität durch Übertreibung zu verfälschen. Es gibt kein drittes Szenario außer diesen beiden: Das erste stellt arabische Frauen als Opfer dar (das ist oft nur eine Projektion und stellt nicht die Wahrnehmung der Frauen selbst dar), also als unterdrücktes Wesen in Gesellschaften mit einem religiösen und traditionellen Erbe, das Frauen abwertet und sie nur als Objekt von Lust und Fortpflanzung sieht, während das Patriarchat alle Rechte innehat.

Tatsache ist, dass man nicht von Gleichheit zwischen Mann und Frau sprechen kann, ohne den Frauentag komplett abzuschaffen.

Das zweite Szenario steht im krassen Gegensatz dazu: In diesem Narrativ tritt die Frau als Heldin auf, die mythische und übernatürliche Kräfte hat. Sie verbindet das Ursprüngliche (traditionelle Hausarbeit) und das Moderne (die freie Frau nach westlichem Standard) und befindet sich in einer ständigen Auseinandersetzung mit der Macht der Männer, die je nach politischem Kalkül entscheiden, welches Ausmaß an Rechten sie ihr großzügig zukommen lassen. Als bestünde die Freiheit der Frau nur darin, dem Mann die Anerkennung ihrer Rechte abzuringen oder ihn dazu zu bringen, am Frauentag zu ihren Gunsten zu entscheiden! Tatsache ist, dass man nicht von Gleichheit zwischen Mann und Frau sprechen kann, ohne den Frauentag komplett abzuschaffen.

All diese Szenarios zeichnen sich durch eine strukturelle und sprachliche Dualität aus, die die Frau aus dem Fokus nimmt und sie stattdessen an den für sie vorgesehenen Rand setzt. Diese Ansätze haben sich seit den postkolonialen Aufklärungskämpfen nicht verändert und können leicht in den Westen exportiert werden. Denn letzterer interessiert sich nur für das Narrativ der unterdrückten und gequälten Frau als Opfer. Es prägt das Fantasiebild des „Anderen“. Einige arabische Frauen sind sogar bereit zurückzustecken, wenn es um ihre Ambitionen geht, denn ihr höchstes Ziel ist es, ihre Position innerhalb der eigenen geografischen Grenzen zu verändern. Diese Frauen laben sich am Unglück der anderen und nur sie finden Unterstützung im Westen. Sie sind das Gegenteil derer, die standhaft bleiben, außerhalb der bekannten Grenzen forschen und sich nicht mit der halben Freiheit zufriedengeben. Was haben die „eineinhalb Frauen“ innerhalb und außerhalb des Landes versagt und wie elend ist doch ihr Schicksal!

Im Schatten eines grausamen globalen Systems, das auf der Hegemonie über und Ausbeutung aller beruht, ist die Befreiung der Frau nicht isoliert von der Befreiung der gesamten Gesellschaft möglich.

Der Kampf aber ist von vornherein verloren, weil es entweder ein künstlicher Kampf ist oder weil der Gegner erfunden ist. Der ganze Fehler liegt in der Einschätzung dieses Gegners. Daher werden nicht die richtigen Instrumente und Strategien ausgewählt, um ihn zu beseitigen. Jenen Frauenbewegungen, die den Kampf auf einen binären, identitären und existenziellen Konflikt zwischen Mann und Frau reduzieren, fehlt es an Vorausschau. Im Schatten eines grausamen globalen Systems, das auf der Hegemonie über und Ausbeutung aller beruht, ist die Befreiung der Frau nicht isoliert von der Befreiung der gesamten Gesellschaft möglich. (Dass die Unterdrückung der Frau nicht losgelöst von anderen Strukturen der Diskriminierung, z.B. von Rassismus, gesehen werden kann, argumentiert auch Ines Kappert in ihrem Beitrag zur Debattenreihe, AdR.) Der größte Feind des feministischen Widerstands ist der patriarchale Kapitalismus, der die Menschen auf unterschiedliche Weise und in verschiedenem Ausmaß einem System der Sklaverei und der Gefangenschaft unterwirft.

„Überall wo man hinsieht, sind Betrüger. Die Situation ist aussichtslos.“ Das schrieb die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia, die an der Auswertung der Panama Papers beteiligt war, in ihrem letzten Blogeintrag, 23 Minuten bevor sie ermordet wurde.

Übersetzung: Hannah El-Hitami

Dieser Artikel wurde im Rahmen der deutsch-arabischen Debattenreihe von FANN Magazin erstveröffentlicht. Diese deutsch-arabische Debattenreihe wird von dem Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie gefördert. Den arabischen Originaltext von Meriam Bousselmi könnt ihr hier lesen. Im vorherigen Beitrag zu dieser Debattenreihe beschreibt Ines Kappert, warum der europäische Mainstream-Feminismus ein Problem hat. 

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