Politische Intersektionalität als Heilungsangebot

Politische Intersektionalität als Heilungsangebot

Was, wenn frau* lesbisch, aus dem Osten und Schwarz ist sowie aus dem Proletariat kommt? Wie ich mich mit mir versöhnen konnte. 

Als ich unlängst für eine Veranstaltung angefragt wurde, erinnerte ich mich wieder daran, wie ich Kimberlé Crenshaw kennenlernte und welche Bedeutung ihre Arbeit für mich hatte und hat. Die besagte Anfrage versetzte mich zurück in die Zeit der frühen 1990er Jahre, genauer gesagt ins Jahr 1993. Im Rahmen einer Ausstellung im Ruhrgebiet beschäftigten sich junge weiße Künstler*innen mit verschiedenen Formen feministischer Kämpfe der 80er und 90er Jahre. In Anlehnung an die studentische Zeitschrift Emanzenexpress sollte ein intergenerationaler feministischer Begegnungsraum geschaffen werden. Soweit, so zeitgemäß. Offensichtlich befindet sich in einer Ausgabe von 1993, die „Rassismus“ zum Thema hat, auch ein Brief von mir, in dem ich über ein persönliches Erlebnis rassistischer Polizeigewalt am Tübinger Bahnhof berichte. Die Veranstalter*innen wollten diesen Brief gern zum Ausgangspunkt für ein Gespräch nehmen. Von „spannenden Artikeln“ zur Asylrechtsverschärfung und zu den Anschlägen in Solingen ist dann auch noch die Rede.

Das Gefühl der Ohnmacht bleibt

Mir werden Kontinuitäten und Brüche sofort wieder gewahr und die Gefühle eines rassistischen Alltags vor fast dreißig Jahren erinnern sich zurück in meinen Körper. Besonders beklemmend empfinde ich die Ohnmacht, die mich damals angesichts des juristischen Nachspiels des polizeilichen „racial profiling“, das ich erlebte, über Wochen im Griff hielt. Aus dieser Ohnmacht heraus schrieb ich den offenen Brief, der in jener Zeitschrift landete. Der Brief gab mir Handlungsoptionen zurück. Doch das Gefühl der Ohnmacht blieb. Denn in aller Solidarität, die ich damals vor allem aus meiner queerfeministischen Schwarzen Community erfahren durfte, ist es mir beim Schreiben des Briefes nicht gelungen das Strukturelle der verschiedenen Machtmechanismen, die miteinander verschränkt bei (diesem) „racial profiling“ zum Wirken kamen, zu versprachlichen. Meine Ohnmacht rührte daher, dass diese kollektiven Rassismuserfahrungen strukturell unsichtbar blieben. In der gesellschaftlichen Wahrnehmung blieb auch meine Erfahrung ein singulärer Einzelfall. Das kollektive Wissen, dass dem aber nicht so ist, konnte sich noch keine strukturierte Bahn brechen.

Systematische Singularisierung kollektiver Rassismuserfahrungen

Fast zwanzig Jahre später lernte ich schließlich Kimberlé Crenshaw 2011 auf einer Community-Veranstaltung in Berlin-Kreuzberg kennen. Organisiert durch Cengiz Barskanmaz, Maisha Auma und andere ging es darum, das Konzept der Intersektionalität auch in Deutschland und Europa zu verankern. Ein wichtiges und längst überfälliges Anliegen. Uns allen war klar, dass dies nicht nur eine akademische, sondern vor allem auch aktivistische Arbeit für uns bedeutete. Als Activist/scholars nahmen wir uns dem Thema an und Kimberlé begleitete diese Arbeit. Aber erst durch meine Tätigkeit als transkulturelle Trainerin für Rassismuskritik und kritisches Weißsein zusammen mit Katja Kinder und Maisha Auma habe ich gelernt, dass politische Intersektionalität für uns mehr bedeutet als ein intersektionales Verständnis von Rassifizierung, Klasse, Geschlechtszuschreibungen und Bildung(szugängen). Es bedeutet vor allem auch, dass ich in der kollektiven Erfahrung meiner individuellen Positioniertheit als Schwarze (deutsche) lesbische Aktivist*in aus dem Osten und aus dem Proletariat kommend, ein Angebot der Heilung, ja der Versöhnung mit mir selbst erhalte. Die Auswirkungen der verschiedenen Ungleichheitsdimensionen, die in meinem Körper eingeschrieben sind, waren mir auch 1993 bekannt. Sie führten immerhin zu einer polizeilichen wie juristischen Auseinandersetzung. Nicht bekannt war mir jedoch, dass die Singularisierung meiner Rassismuserfahrung im wahrsten Sinne des Wortes System hatte.

Versöhnung mit den verschiedenen Dimensionen meines Seins

Die Lebensrealitäten von BPOCs sind oft davon geprägt, dass ihnen vorgeworfen wird, in etwas „zu viel“ oder „zu wenig“ zu sein. In meinem Fall waren diese Zuschreibungen ein „zu laut“, „zu undiplomatisch“, „zu aggressiv“, „zu wenig einfühlsam“ – die Liste ließe sich beliebig erweitern. Ich habe diese Zuschreibungen lange in mir getragen, und sie haben sich in mir viel zu lange breitgemacht. Sie haben mich wütend gemacht, mich zweifeln lassen und dies vor allem an mir selbst. Sie haben mich immer wieder zurückgehalten, da, wo es mir gutgetan hätte, nach vorne zu gehen. In meiner Arbeit mit politischer Intersektionalität wurde mir immer klarer, was diese Zuschreibungen wirklich bedeuten. Sie verschleiern die eigentliche Macht und halten uns beschäftigt, wie Toni Morrison das Systemische des Rassismus so treffend beschrieb. In dem Erkennen meiner Sektionen, die mir das Label der „wütenden Schwarzen Frau*“ einbrachten, lag die Chance der Erfahrbarkeit und Würdigung m/eines komplexen Hintergrunds. Nun war es mir möglich, in einen positiven Kontakt zu treten mit den verschiedenen Dimensionen meines Seins. So konnte auch das Hadern mit den Jahren weniger werden, und ich konnte anfangen, meine Schwarze, queerfeministische, gender-nonkonforme Identität zu feiern und mich mit meinem „wütenden“ und ver/zweifelten Ich von 1993 zu versöhnen. Politische Intersektionalität macht uns in der Heilung aber auch ein Befreiungsangebot. Macht verschleiert (sich) nicht nur, sie operiert auch in Spaltungsdynamiken.

Wenn wir nicht auf ein „zu viel“ oder „zu wenig“ angesprochen werden, wird uns gern auch das Angebot eines punktuellen oder vielmehr momentanen „genau richtig“ gemacht. Ich nenne das die unseriösen Angebote, die wir bekommen. Sprache, Bildung, kanonisiertes Wissen und vermeintliche habituelle Sicherheit werden aus unseren komplexen Hintergründen gern herausgenommen, um uns temporäre Legitimität anzubieten. Diese Legitimität wird gern zuungunsten anderer BPOCs (im Raum) erteilt. Doch sie ist auch deshalb toxisch, da sie uns anbietet, das „zu viel“ oder „zu wenig“ in uns – also unsere mehrdimensionalen Ungleichheitserfahrungen – zu „übersehen“ beziehungsweise nicht zu sehen. Dieses Angebot kann jederzeit entzogen werden, und dann sind wir wieder nur „zu viel“ bzw. „zu wenig“.

Ich werde auch heute noch gern einmal als „wütende Schwarze Frau*“ angesprochen, aber mit den Jahren, den graueren Haaren und vor allem meinem in mir eingeschriebenen Verständnis von politischer Intersektionalität kann ich es nun auch fühlen: It’s not me, it’s you, system … Und genau so konnte ich zurück ins Handeln kommen und raus aus der Ohnmacht.

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    „A truly intersectional feminism can reach everyone on the planet", davon ist K. Crenshaw überzeugt. In der Publikation erzählen Aktivist*innen, Künstler*innen und Forscher*innen warum und vor allem wie Crenshaw sie bis heute inspiriert. 

    Von Dr. Ines Kappert, Dr. Emilia Roig

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