Was heißt Männerpolitik?

Was heißt Männerpolitik?

Mit Männerpolitik kann der sehr unterschiedliches bezeichnet werden:

  1. alle Politik, die von Männern gemacht wurde und wird;

  2. eine Politik für die Interessen der gesellschaftlichen Gruppe Männer insgesamt oder Gruppen wie Vätern , d.h. eine Identitätspolitik oder

  3. eine emanzipatorische Kritik am vorherrschenden Verständnis der Kategorien Mann und Männlichkeit. Demnach wäre Männerpolitik eine Politik, die dominante gesellschaftliche Geschlechternormen, Rollenerwartungen und zugeschriebene Funktionen in Hinblick auf Mann und Männlichkeit erstens sichtbar macht und zweitens kritisch hinterfragt.

Siehe dazu Dag Schölper: Soziologie/Ethnologie / Frauen- und Maennerforschung / Dag Schoelper sowie Männer- und Männlichkeitsforschung - ein Überblick (PDF, 44 Seiten).

Frauenpolitik als Blaupause?

Die Zweiteilung von Geschlecht in Frau und Mann bzw. weiblich und männlich wird vorherrschend als gegebene Tatsache wahrgenommen und als ‚natürlich’ empfunden. (mehr dazu aus einer Perspektive von Männern in der Dokumentation der: Tagung 'Alles Gender? Oder was?')

Vor diesem Hintergrund entfaltet der Begriff Männerpolitik eine problematische Analogieerwartung zum Begriff Frauenpolitik. Frauenpolitik entstand historisch betrachtet jedoch aus Gründen, die eine Analogsetzung mit Männerpolitik ausschließen.

Kurzer geschichtlicher Rückblick

Im 19. Jahrhundert formierte sich der Kampf von Frauen um „das Recht der Mündigkeit und Selbständigkeit im Staat“ (Louise Otto 1849)i. Es ging um Zugang zur bürgerlichen öffentlichen Sphäre, die eine exklusive Männersphäre war. (mehr dazu: 'Vater werden, Vater sein, Vater bleiben')

Der Soziologe Pierre Bourdieu (1997) beschreibt diese Sphäre als Ort, „wo sich die Spiele abspielen, die, wie die der Politik oder des Krieges, gemeinhin als die ernstesten der menschlichen Existenz angesehen werden“ii. Ökonomie, Religion, Kunst, Kultur und Sport gehören ebenfalls zu diesen ‚Spielen’.

Frauenpolitik kämpfte um Zugang zu diesen Orten, die nur für Männer, die dem Typus „hegemonialer Männlichkeit“ (Carrigan/Connell/Lee) entsprachen, erreichbar waren, und zugleich um Beendigung einiger der dort ausgetragenen ‚Spiele’. Dies führte dazu, dass das für allgemein und verallgemeinerbar gehaltene Männliche wie auch die Selbstverständlichkeit des Mann-Seins sichtbar und als Folge dessen brüchig wurden. So gesehen war Frauenpolitik implizit auch Männerpolitik.

Männerpolitik heute

Männerpolitik hat in den vergangenen Jahren auf unterschiedliche Weise institutionelle Formen angenommen z.B.:

In Österreich wurde 2001 eine männerpolitische Grundsatzabteilung im Bundessozialministerium eingerichtet (mehr dazu: Männerparteien). In der Schweiz wurde 2005 ein Lobbyorganisation für Männer und Väter gegründet: „männer.ch“ (mehr dazu: männer.ch) und seit 2012 gibt es auch einen ersten Männerbeauftragten. 

In Deutschland beschäftigt sich das seit 2000 bestehende Netzwerk „Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse“ regelmäßig mit männerpolitischen Fragestellungen (mehr dazu: Forum Männer). Ende 2010 wurde in Deutschland das BUNDESFORUM MÄNNER – Interessenverband für Jungen, Männer und Väter e.V. gegründet. Darin ist neben 28 weiteren Organisationen und Netzwerken auch das Forum Männer Mitglied.

Männerpolitische Themenfelder

Politische Felder, mit großer männerpolitischer Relevanz sind u.a. (alphabetisch sortiert):

  • Arbeit – Erwerbsarbeit und das männliche Rollenbild des Ernährers sind bis heute eng miteinander verknüpft, kulturell als auch in Recht, Strukturen, Institutionen. (mehr dazu: Behnke, Cornelia/Meuser, Michael: „Wenn zwei das Gleiche wollen“. Konkurrenz und Kooperation bei Doppelkarrierepaaren, Stuttgart 2006).
  • Familie und Väter/Vaterschaft – Aufgabe und Bedeutung des Vaters in der Familie sind von aktueller politischer Brisanz. Nicht zuletzt ist auch Thema, dass Männer immer seltener Vater werden (wollen) (mehr dazu:  'Vater werden, Vater sein, Vater bleiben').
  • Gender Mainstreaming – eine politische Strategie, mit der die Geschlechterverhältnisse in den Blick genommen werden sollen und damit auch stärker Männer, als es in der Gleichstellungspolitik vorher üblich war.
  • Gesundheit
  • Gewalt – physische, psychische und strukturelle Gewalt sind kulturell aufs Engste mit der männlichen Sozialisation verwoben. Gewalterfahrungen machen Männer als Täter wie als Opfer, in den Familien, im öffentlichen Raum, im Arbeitsleben und nicht zuletzt beim Militär. (mehr dazu: Tagungsdokus Gewalt und Konflikt; Krieg; BMFSFJ: Gemeinsam gegen häusliche Gewalt. Kooperation, Intervention, Begleitforschung. Forschungsergebnisse der Wissenschaftlichen Begleitung der Interventionsprojekte gegen häusliche Gewalt (WiBIG), Berlin 2004; BMFSFJ: Gewalt gegen Männer in Deutschland. Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland. Pilotstudie im Auf trag des Bundesministeriums für Familie, Senioren , Frauen und Jugend, 
  • Migration – Flucht und die Suche nach Erwerbsmöglichkeiten sind zwei zentrale Motive von Migration. Die Erfahrungen von Ausgrenzung und Kriminalisierung/Illegalisierung sind auch für die Wahrnehmung der eigenen Männlichkeit relevant.
  • Pflege
  • Vereinbarkeit

Literaturtipps

Die nachstehende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll den Einstieg in das Themenfeld erleichtern:

Aulenbacher u.a. (Hrsg.): FrauenMännerGeschlechterforschung. State of the Art, Münster 2006

BauSteineMänner (Hrsg.): Kritische Männerforschung. Neue Ansätze in der Geschlechtertheorie, Hamburg 2001

Bereswill, Mechthild/Meuser, Michael/Scholz, Sylka (Hrgs.): Dimensionen der Kategorie Geschlecht: Der Fall Männlichkeit, Münster 2007

Böhnisch, Lothar: Männliche Sozialisation. Eine Einführung, Weinheim/München 2004

Bourdieu, Pierre: Die männliche Herrschaft, Frankfurt am Main 2005 (orig. 1998)

Brandes, Holger: Der männliche Habitus. Band 2: Männerforschung und Männerpolitik, Opladen 2001

Connell, Robert W./Wedgewood, Nikki: Männlichkeitsforschung: Männer und Männlichkeiten im internationalen Forschungskontext, in: Becker, Ruth/Kortendiek, Beate (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2004, S. 112-121

Dinges, Martin (Hrsg.): Männer – Macht – Körper. Hegemoniale Männlichkeit vom Mittelalter bis heute, Frankfurt am Main/New York 2005

Döge, Peter: neue Männer – neue männerpolitik. Ansätze geschlechterdemokratischer Politik im Zeichen des „neuen Mannes“, in: Rosowski, Martin/Ruffing, Andreas (Hrsg.): MännerLeben im Wandel. Würdigung und praktische Umsetzung einer Männerstudie, Ostfildern 2000, S. 111-131

Döge, Peter/Meuser, Michael (Hrsg.): Männlichkeit und soziale Ordnung. Neuere Beiträge zur Geschlechterforschung, Opladen 2001

Engelfried, Constance: Männlichkeiten. Die Öffnung des feministischen Blicks auf den Mann, Weinheim/München 1997

Jungnitz, Ludger u.a. (Hrsg.): Gewalt gegen Männer. Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland. Opladen/Framington Hills 2007

Kimmel, Michael: Frauenforschung, Männerforschung, Geschlechterforschung: Einige persönliche Überlegungen, in: Meuser, Michael/Neusüß, Claudia (Hrsg.): Gender Mainstreaming. Konzepte – Handlungsfelder – Instrumente, Bonn 2004, S. 337-355

Meuser, Michael: Geschlecht und Männlichkeit. Soziologische Theorie und kulturelle Deutungsmuster, Wiesbaden 2006 (2. überarb. u. aktual. Aufl., zuerst 1998)

Walter, Heinz: Männer als Vater. Sozialwissenschaftliche Theorie und Empirie, Gießen 2002

Endnoten:
i So Louise Otto, in der Erstausgabe der Frauen-Zeitung vom 21. April 1849.
ii Bourdieu, Pierre: Die männliche Herrschaft, in: Dölling, Irene/Krais, Beate (Hrsg.): Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktionen in der sozialen Praxis, Frankfurt am Main 1997, S. 153-217, 189

Fachtagung: Männerleiber
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