Friedensgutachten: No women no peace

An den Herausgeber des Friedensgutachtens 2010,
Herrn Bruno Schoch
Hessische Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung

Friedensgutachten: No women no peace

Sehr geehrter Herr Schoch,

mit großem Befremden haben wir das diesjährige Friedensgutachten zur Kenntnis genommen. Wir sind nicht befremdet über den Tenor des Gutachtens an sich, denn auch wir als Frauensicherheitsrat finden es gut, dass die verschiedenen AutorInnen schonungslos die Konzeptionslosigkeit und fehlende Strategie der militärischen Interventionisten in Afghanistan analysieren. Wir geben den beteiligten FriedensforscherInnen Recht, wenn diese feststellen, dass die Afghanistan-Politik (nicht nur) der Bundesregierung völlig gescheitert ist.

Was uns jedoch mit Entsetzen erfüllt, ist die totale Abwesenheit von jeder Geschlechterdimension in allen Analysen. Und das am Beispiel Afghanistan!

Die Unterdrückung der afghanischen Frauen war eine zentrale Rechtfertigung für die einmarschierenden Länder. Die Frauen wurden bekanntlich keineswegs befreit, für die allermeisten hat sich ihre katastrophale Lage zwischen Hunger, Elend und alltäglicher Gewalt nicht geändert. Es hätte den deutschen Friedensforschungsinstituten gut angestanden, die Gründe für das Scheitern dieses Versprechens für die Hälfte der afghanischen Bevölkerung zu analysieren. Kein Wort darüber im Friedensgutachten.

Neben äußeren Faktoren ist das Geschlechterverhältnis nicht nur nach unserer Überzeugung ein zentrales Erklärungsmoment für die Misere der afghanischen Gesellschaft. Um den Zusammenhang etwas plakativ auszudrücken: Die innerfamiliäre Gewalt befeuert die gesellschaftliche und die militärische Gewalt, und diese wiederum die häusliche Gewalt, sodass eine endlose Gewaltspirale entsteht. Die teils traditionellen, teils erst von Mudschaheddin und Taliban importierten repressiven Rollenmodelle für afghanische Frauen und Männer sorgen dafür, dass die Massenproduktion militarisierter Männlichkeit und bewaffneter Kämpfer nicht abreißt. Kein Wort darüber im Friedensgutachten.

Zudem ist aus den letzten Jahrzehnten entwicklungspolitischer Forschung bekannt, dass Mädchen- und Frauenförderung eine absolut zentrale Rolle spielt für die Entwicklung von Nationen. Mädchenbildung ist das A und O für die Zukunftsfähigkeit und das Wohlergehen von Familien, Gemeinden und Ländern, darüber sind sich viele Studien so unterschiedlicher Organisationen wie Plan International oder Weltbank einig. Kein Wort darüber im Friedensgutachten.

Darüber hinaus war in der Frankfurter Rundschau vom 19. Mai über die Pressekonferenz zur Vorstellung des Friedensgutachtens folgender Satz zu lesen: „Für das Ziel der Friedenssicherung müsste man möglicherweise auch im Bereich der Menschenrechte Abstriche machen, „zum Beispiel bei der Schulbildung von Mädchen“ , sagte Margret Johannsen vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH).“ Die Äußerung ist zumindest höchst missverständlich. Sollte Frau Johannsen damit nur mögliche Reaktionen von Dritten auf die Taliban gemeint haben, hätte sie sich deutlich davon distanzieren müssen. Sollte sie indes selbst den „Abstrichen“ bei den Menschenrechten das Wort geredet haben, hielten wir das für skandalös, und wir würden gern wissen: Wie stehen Sie als Herausgeber des Friedensgutachtens zu einer solchen Position?

Im Oktober 2010 wird die UN-Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit ihren zehnten Jahrestag erleben, und weltweit wird es eine Vielzahl von Veranstaltungen dazu geben. Es ist uns unverständlich, dass die wichtigsten deutschen Friedensforschungsinstitute nicht fähig sind, die Resolution in ihre Arbeitsgrundlagen aufzunehmen sowie „the State of the Art“ bezüglich des engen Zusammenhangs zwischen Gender und Konflikt zur Kenntnis nehmen und in ihre Gutachten einfließen lassen.

Wir wissen, dass Wissenschaftlerinnen, die für das Friedensgutachten Artikel zum Thema Resolution 1325 angeboten haben, abgelehnt wurden. Wir möchten daran erinnern, dass der letzte Artikel in einem Friedensgutachten, der mit diesem Thema zu tun hatte, aus dem Jahre 2004 stammt. Aus unserer Sicht wird es höchste Zeit, dass sich dies ändert.

Mit freundlichen Grüßen,
Für den Frauensicherheitsrat Ute Scheub