"Es ist sehr gefährlich, sich zu wehren"

"Es ist sehr gefährlich, sich zu wehren"

Afghanische Polizei beim TrainingAfghanische Polizei beim Training – Urheber/in: DVIDSHUB. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Im August 2010 war auf dem Cover des Time Magazine das stark verstümmelte Gesicht einer Afghanin zu sehen. Titel der Ausgabe: « Was wird geschehen, wenn wir aus Afghanistan abziehen? » Dieser reichlich plumpe Versuch, die Präsenz ausländischer Truppen mit dem Schutz von Frauen zu rechtfertigen, ging über wichtige Tatsachen hinweg: Die Verstümmelung hatte sich zugetragen, während Truppen aus über 40 Ländern in Afghanistan stationiert waren.

Sollte das Militär zur Stabilisierung des Landes beitragen können, hätte dies sicher auch positive Auswirkungen auf die Rechte von Frauen. Langfristig aber müssen afghanische Institutionen für öffentliche Sicherheit sorgen und mithin auch Frauenrechte schützen. Davon sind sie jedoch noch weit entfernt. Frauen machen immer wieder die Erfahrung, dass die Polizei sie nicht ernst nimmt oder sogar schikaniert.

Aziza*, Aufgabe der Polizei ist es, Bürgerrechte zu schützen und für öffentliche Sicherheit zu sorgen. Glauben Sie, dass ihr das gelingt?

Die Qualität der Polizeiarbeit im Allgemeinen kann ich nicht beurteilen. Ich nehme an, dass es da – wie in jedem anderen Beruf auch – Leute gibt, die sehr gut sind, die ganz in ihrem Job aufgehen. Aber ich sehe oft Polizisten, die Straßenhändler verprügeln und ihre Waren zerstören. Fährt man durch die Stadt, ist es auch üblich, dass Verkehrspolizisten einen abkassieren. Die Beziehungen zwischen der Polizei und der Bevölkerung funktionieren nicht immer gut. Ein Freund von uns wurde in seinem Haus ermordet, und Nachbarn und seine Familie gingen zur Polizei. Die fragte als Erstes, wo sich der Mord denn ereignet habe. Dann schauten sie auf der Karte nach und sagten, für den Bezirk seien sie nicht zuständig. Aber insbesondere Frauen haben es in der Öffentlichkeit schwer mit der Polizei.

Was sagt oder tut die Polizei, dass Frauen vor ihr Angst haben?

Wenn eine Frau vorbeikommt, dann machen sie über sie Bemerkungen, wie sie aussieht, was sie trägt … und sie benutzen dabei wirklich unangemessene Wörter. Wenn man auf der Straße unterwegs ist, selbst in Begleitung eines Mannes, halten sie an, kurbeln das Fenster runter und fragen, ob man mitfahren möchte. Immerhin sind mittlerweile die getönten Fenster verboten worden – auch bei Polizeiautos. Davor konnte sich niemand sicher sein, was im Wagen vor sich geht. Es gab Gerüchte, Polizisten hätten Mädchen mitgenommen und sie im Wagen vergewaltigt. Manche Polizisten überlassen auch nachts ihren Söhnen das Auto, denn Polizeifahrzeuge kommen überall durch. Die Leute denken natürlich, dass jeder, der ein Polizeiauto fährt, Polizist ist. Dieser Missbrauch von Dienstwagen hat möglicherweise dazu geführt, dass der Ruf der Polizei weiter geschädigt wurde.

Wie sollten sich Frauen in solchen Situationen verhalten?

In der Regel hat man dagegen kaum eine Chance. Es ist sehr wichtig, was die Leute von einem denken. Wenn man Ärger macht, bekommt man erst vor Ort Probleme und muss sich später möglicherweise auch noch von der eigenen Familie was anhören. Wenn eine Frau sich bei der Polizei beklagt, wird ihr häufig gar nicht zugehört. Es gibt so eine Art Hotline, da kann man sich beschweren, wenn sich Beamte falsch verhalten. Aber in meinem Bekanntenkreis habe ich noch nie gehört, dass da jemand angerufen hätte. Nur wer einen hochrangigen Beamten persönlich kennt, hat normalerweise eine Chance, das Problem zu lösen.

Macht Sie das nicht wütend?

Na ja, meist versuche ich, einfach wegzuhören. Eines Tages, nach einem besonders unanständigen Kommentar von einem Polizisten, habe ich innegehalten und bin zurückgegangen. Ich habe ihn am Kragen gepackt, von seinem Stuhl hochgezogen und gefragt: « Was würdest du denken, wenn deine Kollegen sich gegenüber deiner Schwester oder Tochter so verhalten würden? Denkst du jemals darüber nach? Und was hat deine Uniform zu bedeuten? Bist du dir darüber bewusst, dass du damit ein Repräsentant des Staates bist und dich entsprechend verhalten solltest? » Seine Kollegen sind ihm zu Hilfe gekommen und haben versucht, mich zu beruhigen. « Bitte, lass ihn, wir werden mit ihm reden, » haben sie gesagt. Ich habe die Nummer des Checkpoints notiert und jemanden angerufen, den ich persönlich kenne und der sehr gute Beziehungen hat. Das Personal an diesem Checkpoint wurde ausgewechselt, und nun ist es ruhig. Aber das ist keineswegs üblich.
Ein paar Meter weiter haben die Kerle mir nachgerufen: « Hey Tantchen, wohin geht’s denn so? », dabei waren die so ungefähr in meinem Alter. Ich hab mich umgedreht und sie angeschrien: « Euer Tantchen geht studieren! » Seither sind sie da sehr höflich und fragen mich: « Schwester, dürfen wir bitte einen Blick in Ihre Tasche werfen? » Es ist also möglich, etwas zu erreichen, wenn man sie auf ihr Fehlverhalten direkt anspricht. Frauen sollten dabei aber vorsichtig sein. Es ist gefährlich, sich mit der Polizei anzulegen.

Inwiefern gefährlich? Was könnte passieren?

Freundinnen von mir wurden von Polizisten um Gefälligkeiten gebeten. Als sie Nein sagten, haben die Polizisten gedroht, Anschuldigungen gegen sie vorzubringen, gegen die sie sich kaum hätten verteidigen können. Das unangemessene Verhalten der Polizei gefährdet in jedem Fall die öffentliche Sicherheit. Oft konzentrieren sie sich nicht auf ihre eigentliche Arbeit, weil sie zu beschäftigt damit sind, Frauen anzumachen.

Warum, glauben Sie, verhält sich die Polizei so? Sind das alte Konservative, die sich nicht daran gewöhnen können, Frauen auf der Straße zu sehen?

Oh nein, das beschränkt sich nicht auf die Alten. Ganz im Gegenteil, viele der Jungen sind unverschämt. Die fühlen sich in ihrer Uniform mächtig, weil sie den Leuten viel Ärger machen können. Sie glauben auch, dass Normen und Gesetze nur für andere gemacht sind, nicht für sie. Demokratisierung und Öffnung sind zu schnell gekommen, als dass ihr Geist dem hätte folgen können. Sie haben nicht gelernt, dass Freiheit auch bedeutet, dass man den anderen weiterhin achten muss.

Würden Sie, trotz all dieser Probleme, die Polizei um Hilfe bitte oder ein Verbrechen bei ihr anzeigen?

Wie gesagt, man kann Glück haben und die richtigen Leute kennen. Wenn nicht, gerät man leicht in Schwierigkeiten. Die meisten Polizeibeamten sind ziemlich ungebildet. Sie sind unsicher, wie man sich Frauen gegenüber verhält, und manche haben auch keine Ahnung von Recht und Gesetz. Wie ich gehört habe, hat sich in einigen Bereichen auch etwas gebessert. Wenn junge Frauen von zuhause weglaufen, ist das nach afghanischem Recht kein Verbrechen. In der Vergangenheit haben Polizisten solche Frauen aber häufig eingesperrt oder sie zu ihren Familien zurückgebracht. Beides oft mit schlimmen Folgen. In unserer Gesellschaft gilt eine Frau als schuldig – ganz gleich, ob sie in Untersuchungshaft sitzt oder verurteilt worden ist. Männer denken, sie sei eine unmoralische Person. Daher werden weibliche Gefangene von den Wärtern auf vielerlei Art belästigt. Heute schickt man mehr Frauen stattdessen in Frauenhäuser, aber die gibt es nur in den großen Städten wie Kabul und Masar.

Laut aktueller Statistik gibt es gegenwärtig rund 900 Beamtinnen in der afghanischen Polizei. Lassen sich so die Probleme, die Sie beschrieben haben, lösen?

Mehr Polizistinnen zu haben, das ist sicher ein guter Schritt. Auf der Straße wird man diese Beamtinnen jedoch nicht sehen – sie arbeiten in der Verwaltung, im Innendienst. Es wäre interessant von einer Polizistin zu hören, wie es ist, mit diesen Kollegen zusammenzuarbeiten. Solange sich die Polizei so aufführt, wüsste ich nicht, weshalb Frauen dorthin gehen sollten, oder ihre Familie das Vertrauen haben sollte, um weibliche Familienmitglieder bei der Polizei arbeiten zu lassen.

 

* Aziza, 31, will anonym bleiben. Sie stammt aus Masar und arbeitet gegenwärtig für eine Organisation in Kabul; gleichzeitig studiert sie. Auf ihren täglichen Wegen durch die Stadt muss sie regelmäßig zahlreiche Kontrollpunkte passieren.

Bente Scheller studierte Politikwissenschaft, promovierte in Berlin und verbrachte mehrere Jahre im Nahen Osten. Seit Oktober 2008 leitet sie das Landesbüro Afghanistan der Heinrich-Böll-Stiftung in Kabul.

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