Vergewaltigung und Opfer-Abo: Beim Thema sexuelle Gewalt sind wir von Mythen umstellt

Vergewaltigung und Opfer-Abo: Beim Thema sexuelle Gewalt sind wir von Mythen umstellt

Plakat  - "Blame Rapists for Rape not Women" - "Beschuldigt Vergewaltiger für Vergewaltigung - nicht Frauen"
Plakat - "Blame Rapists for Rape not Women" - "Beschuldigt Vergewaltiger für Vergewaltigung - nicht Frauen" — Bildnachweise

In Indien sind die Leute aufgewacht. Nach der brutalen Vergewaltigung einer Studentin im Dezember protestierten sie lautstark gegen den Staat, der Vergewaltiger schützt und das Opfer im Stich lässt. Sie protestierten auch gegen etwas, das man „rape culture“ nennt: Eine Kultur, die Vergewaltigungen bagatellisiert und die Täter schützt. In ihr herrschen Stereotype über dieses Verbrechen, die Täter entlasten und Opfer belasten. Diese Stereotype konnten in diesem Fall nur rudimentär greifen, deshalb bleibt das Opfer auch in der Öffentlichkeit Opfer, und die Täter werden voll belastet. Das liegt daran, dass die ambivalenten Gefühle, die bei vielen Vergewaltigungen ausgelöst werden, diesmal nicht ausgelöst werden konnten: Man konnte dem Opfer keine Schuld anhängen. Es war nicht allein, nicht auffällig gekleidet, es hatte nicht mit den Männern getrunken, es kannte sie überhaupt nicht – mit anderen Worten: Der Opferstatus kann ihr nicht abgesprochen werden – außer von einigen Hardlinern, die meinen, Gebete hätten geholfen oder Frauen dürften Häuser generell nicht verlassen.

Indien ist ein Extremfall, in dem erst heute die rape culture in Frage gestellt wird. Aber es kann überall passieren, dass Täter*innen ihre Frustrationen und Aggressionen in einem gewaltsamen Sexualakt entladen und den anderen Menschen dabei als Instrument benutzen. Wir wissen das. Pola Kinski, von ihrem Vater, dem Schauspieler Klaus Kinski, jahrelang genötigt, hat es gerade wieder erzählt. Der Missbrauchs-Skandal in Kirche und Schulen – ist der schon wieder so weit weggedrängt, dass man nun ausschließlich über Indien reden kann?

Missbrauchte Kinder müssen oft ihr Leben lang mit der Frage kämpfen: Warum habe ich mich so wenig gewehrt? Bin ich selbst schuld? Die Gesellschaft antwortet ihnen beruhigender Weise: Nein, du bist nicht schuld, du warst ein Kind. Dieselbe bange Frage aber stellen sich Frauen häufig, die vergewaltigt wurden. Habe ich mich auch genug gewehrt? Ihnen aber antwortet die Gesellschaft keineswegs eindeutig. Und hier kommen die Mythen ins Spiel, die Opfer und Täter umkehren:

Die Frau hat provoziert, so der gängige Vorwurf. Sie war am falschen Ort, trug die falsche Kleidung, hatte sich sogar erdreistet, Alkohol zu trinken, setzte sich in das Auto eines fremden Mannes. Man muss sich klar machen, welches Geschlechterbild hier vermittelt wird: Es gibt No-Go Areas für Frauen. Ihnen wird die Kleidung vorgeschrieben und der Alkohol verboten. Vertrauensvolles Verhalten gegenüber Männern ist ebenfalls verboten. Männer dagegen werden als reine Triebwesen dargestellt: Wenn sie provoziert werden, schlagen sie zu. Man darf diese Raubtiere nicht reizen. Und schon sind sie entlastet. Sie konnten nicht anders. Es ist erstaunlich, wie archaisch dieses Bild ist, was in einem vermeintlich aufgeklärten Land wie Deutschland vertreten wird.

Es gibt noch viele solcher Mythen: Frauen lügen Vergewaltigungen herbei, um sich zu rächen, ist einer davon. Dass der Fall Kachelmann nicht geklärt werden konnte, und der Wettermoderator sich nun als Opfer wild gewordener Feministinnen präsentiert, trägt zu diesem Stereotyp bei. Sein Diktum, dass Frauen ein „Opfer-Abo“ besäßen, das suggeriert, Frauen lögen massenhaft erlebte sexuelle Gewalt herbei, ist deshalb zu Recht zum Unwort des Jahres gekürt worden.

Ein weiterer Mythos besagt, dass promiske Frauen oder Prostituierte gar nicht vergewaltigt werden können: sie stehen doch ohnehin zur freien Verfügung. Man sieht, wie schwer es fällt, den Willen der Frauen überhaupt wahrzunehmen, geschweige denn, ihn ernst zu nehmen. Ist der Vergewaltiger ein Bekannter – und das ist er in den allermeisten Fällen – dann hat sie es doch sicher freiwillig - oder wenigstens halb freiwillig - getan? Wieder wird ihr der Wille abgesprochen. Wikileaks-Gründer Julian Assange fand offenkundig nichts dabei, eine schlafende Frau zu penetrieren, die vorher den Sex mit ihm abgelehnt hatte, weil er kein Kondom benutzen wollte. Und die (Medien)öffentlichkeit rätselt, ob man das nun wirklich Vergewaltigung nennen kann.
Die einfach Antwort, die von diesen vielen Mythen verstellt wird, lautet ja.

Eine mörderische Vergewaltigung zu skandalisieren, wie nun in Indien geschehen, ist enorm wichtig. Aber es ist erst der Anfang.
Reden Sie mal mit Ihren Bekannten darüber, was genau eine Vergewaltigung ist. Sie werden staunen, wie wenig klar uns das ist – hinter all den mythischen Schleiern.

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