Dirndl-Gate und die Folgen

Dirndl-Gate und die Folgen

In der Sexismus-Debatte wurde um vieles gerungen, vor allem aber um die Deutungshoheit. Eine der grundlegenden Fragen dabei: Leben wir noch im Patriarchat? 16.000 oder 60.000 wie viele Twittereinträge es auch immer gewesen sein mögen, die sexistische Sprüche und Übergriffe von Männern beschrieben – der Twittersturm und die Debatte, die er auslöste, zeigen, es gibt ein Sexismus-Problem. Und Sexismus funktioniert nun mal vor allem, wenn jemand seinen angebliche überlegenen Status durch Abwertung des anderen beweisen will. Frauen zu Sexobjekten zu machen, ist eines der bewährten Mittel dazu. „Ich kann jede vögeln, also bin ich ein toller Hecht“.

Ist das das Patriarchat? Ja, ist es. Es ist nicht mehr die grobe Herrschaft der Männer über die Frauen. Aber es ist ein Geflecht von Deutungen, von Positionen, die Männer und Frauen im kollektiven Unbewussten einnehmen, das Männern immer noch gern die überlegene Position zuspielt. „Ich bin der Chef. Und die tanzt mir nicht auf der Nase herum, das werde ich ihr schon zeigen“. Aber es ist ein Patriarchat, das Rückzuggefechte führt. Da sind die älteren Herren und Damen und die FDP, die Sexismus und flirten nicht auseinanderhalten können. Herrn Brüderle ist offenbar gar nicht klar, was er falsch gemacht haben könnte. War doch nett gemeint. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek brachte das sehr schön auf den Punkt, indem er bei Günther Jauch monierte, dass ja die Frau tatsächlich entscheiden könnte, ob etwas ein Flirt oder eine Belästigung sei. Ja, wenn der Mann das nicht mitbekommt, muss es wohl oder übel die Frau entscheiden. Die Verwunderung darüber, dass sie überhaupt etwas zu entscheiden hat, stand Karasek ins Gesicht geschrieben.

Dann gibt es die Menschen, die darauf hinweisen, dass die Journalistin Laura Himmelreich selbst mit der machtvollen Waffe des Porträts zurückgeschlagen habe, ja, sie sei auch eine Täterin. Wird da einfach das Täter-Opfer-Verhältnis umgekehrt? Altes Mittel patriarchaler Abwehr? Nicht ganz. Denn in der Tat hat Frau Himmelreich nach dieser Szene nun auch Macht in der Hand. Sie deutet Brüderle. Im Stern. Und die vielen Frauen, die den Twitter-Aufschrei zu einem Twitter-Sturm gemacht haben – sie haben damit ebenfalls ein Machtmittel in der Hand. Plötzlich tauchen Anke Domscheit-Berg und Anne Wizorek in Talkshows auf. Feministinnen, die sich nicht mehr von Alice Schwarzer vertreten lassen. Sondern neben ihr stehen- was letztere übrigens sehr zu genießen scheint. Ja, da nehmen Frauen eine andere Position ein. Sie deuten. Sie fordern Respekt.

Und nun kommt die dritte Abwehrreihe ins Spiel: Es sind die Jörg Kachelmanns, die meinen, Frauen hätten schon zu viel Macht, dank ihres „Opfer-Abos“. Die Marc Felix Serraos von der SZ, die sich zu Unrecht kollektiv in Sippenhaft genommen sehen, obwohl doch die Männer neuerdings als das schwache Geschlecht gelten. Und die Monika Ebelings, Ex-Frauenbeauftragte von Goslar, die Männer als Opfer in den Mittelpunkt rücken wollen. Sie würden wahrscheinlich glatt bestreiten, dass es ein Patriarchat noch gibt. Vielleicht in den Siebzigern, aber heute nicht mehr. Heute sind die Frauen auf dem Vormarsch. Sieht man doch überall.

Was diese Leute unter den Tisch fallen lassen, sind Fakten, die ihnen nicht passen. Die Topetagen sind männlich, die Stereotype weisen Frauen nach wie vor die Kaffee-Holerinnen-Positions zu, wie gerade eine anonyme Topmanagerin in ihrem Erfahrungsbericht „Ganz oben“ anschaulich beschreibt. Ein Blick aufs Mainstream-Kino: Männer sind stark, Frauen schwach. Was aber sichtbar geworden ist, ist die Mechanik der Macht, die dahinter sitzt. Das Herstellen der überlegenen Position von Männern und der unterlegenen von Frauen, das „Doing Gender“. Frauen verweigern nun öfter die Position, die das unbewusste Geflecht ihnen zugedacht hat. Sie glauben an die Veränderbarkeit der patriarchalen Situation, denn sie haben diese selbst miterlebt. So kommt es zu Ungleichzeitigkeiten: Die älteren Journalistinnen Wiebke Bruhns oder Alexandra Hofmann vom Spiegel, die sagen: Nie wird sich etwas ändern, ignoriert es, so gut ihr könnt. Damit wären die patriarchalen Positionen zementiert. Und die jüngeren, die hinter der angeblichen erreichten Gleichstellung plötzlich doch wieder die klappernde Mechanik alter Rollenbilder entdecken. Das darf ja wohl nicht wahr sein, lautet ihre Reaktion.

Und, gibt es nun das Patriarchat noch? Ja, aber es wird in seine Einzelteile zerlegt. Die männlichen Positionen können nicht bestehen bleiben, wenn Frauen die ihnen zugedachte Position verweigern. Beim Sexismus haben sie es nun laut und deutlich getan.      

 

 

 

 

     

 

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Heide Oestreich

ist Redakteurin der taz, die tageszeitung und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewußte Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

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