Fleischeslust ist Fleischeslast – Zum Zusammenhang der Ausbeutung von Frau und Sau

Fleischeslust ist Fleischeslast – Zum Zusammenhang der Ausbeutung von Frau und Sau

Schweinemast
Schweinemast — Bildnachweise

Ich gebe zu: Der ökofeministische Grundgedanke hat mir nie ganz eingeleuchtet, und auch nicht jene Spielart, die sich explizit auf Tiere bezieht. Carol Adams zum Beispiel mit ihrem Buch „The Sexual Politics of Meat“ (1990). Gewiss, es gibt deutliche Parallelen zwischen der Ausbeutung der Natur/der Tiere und zum Beispiel der Reproduktivität des weiblichen Menschenkörpers. Aber dass Frauen in vielen Kontexten verdinglicht werden und Tiere ebenfalls, macht Frauen und Tiere ja noch nicht zu Verbündeten. Für mich persönlich heißt das: Ich bin Feministin. Ich bin Tierrechtlerin. Aber ich bin das eine nicht deshalb, weil ich das jeweils andere bin.

Doch dann nahm mich neulich eine Gruppe von Tierrechtsaktivist*innen mit in einen Stall, in dem Ferkel gezüchtet werden. „Gezüchtet“ heißt eigentlich: Weibliche Schweine gebären sie. Landwirte sprechen vom „Abferkeln“, was ungefähr so klingt, als ob sich die Sauen ihrer Ferkel entledigen wollten... Das ist der erste Schritt der Verdinglichung: spezielle Begriffe, die die sozialen Beziehungen der involvierten Wesen zueinander verschleiern, sogar leugnen.

Wir gingen also in den „Abferkelstall“. Dort liegen die Sauen eingeklemmt zwischen Gittern, so dass sie nicht gehen, sondern nur aufstehen und sich wieder niederlegen können. Eine Sau versuchte, sich nach ihren frisch geborenen Ferkeln umzudrehen – es ging nicht. Sie bog den Kopf und stieß an das Gitter. Neben ihrer „Abferkelbucht“ lag noch die Plazenta. Zehn Prozent ihrer Kinder werden in den ersten drei Wochen sterben, das ist wirtschaftlich einkalkuliert; auch die anderen wird sie nach drei Wochen nie wieder sehen.

Als der altgediente Tierrechtsaktivist und ich das sahen, mussten wir mit den Tränen kämpfen. Ich merke, ich tue mich auch schwer damit, diese Dinge nachzuerzählen, denn sie sind von Grund auf brutal, schlicht lebensverachtend. Doch noch einmal meine Eingangsbedenken: Ist alles Lebensverachtende denn automatisch sexistisch? Wohl kaum! Müssen wir uns als Feminist*innen auch gegen die Ausbeutung tierischen Lebens einsetzen? Vielleicht doch...

Nach drei Wochen also nimmt mensch der Sau die Ferkel, danach treibt mensch sie wieder in den „Besamungsstand“. Der Besamungsstand wird im angelsächsischen Raum oft „Rape Rack“ genannt. Denn die Sauen werden dort „fixiert“ – Bügel links und rechts sollen die Vorderbeine des Ebers simulieren, damit sie die Besamung „dulden“. Was für ein Blick auf Sexualität, auch auf die menschliche, offenbart sich da?

Manchmal treibt mensch einen Eber durch den Gang, öfter verwendet mensch heute künstliches Eberaroma. Oft wird die Ovulation mit Hormonspritzen ausgelöst. So wird die Schweinemutter fünf Tage bis sieben Tage, nachdem mensch ihre Kinder weggenommen hat, über einen in ihre Vagina eingeführten Kunststoffschlauch erneut künstlich besamt. Mensch hängt einen Zettel über ihrem „Kastenstand“ auf: Wann sie „belegt“ wurde, wie es offiziell heißt. Die Produktionsstätte Sau ist sozusagen ausgelastet. Im dazugehörigen Fachdiskurs zählen Begriffe wie „Plazentaeffizienz“ und „Uteruskapazität“. Nach knappen vier Monaten kommt die Sau wieder in die „Abferkelbucht“; mit weiteren Hormonspritzen wird die Geburt eingeleitet, werden die Wehen vorangetrieben. Es ist wichtig, dass bis Freitag jede Sau „abgeferkelt“ hat, damit der Landwirt ins Wochenende kann.

Wieso klingt „Sau“ eigentlich so negativ? Es handelt sich schlicht um weibliche Schweine. Es ist doch weder schlimm, ein Schwein, noch, ein weibliches Wesen zu sein… Jedenfalls: Als ich in diesem riesigen Stall voller Muttersauen stand, über jeder ein Zettel mit dem Termin der jeweiligen „Belegung“ und dem der Wegnahme ihrer letzten Ferkel – da wurde es mir überdeutlich: Ja, auch das ist eine Ausbeutung weiblicher Körper. Das ist die totale Verdinglichung und Industrialisierung biologischer und sozialer Prozesse, die zumeist in der Verantwortung weiblicher Wesen liegen. Das Hervorbringen von neuen Lebewesen, das erste Nähren und Aufbauen einer emotionalen Bindung zu ihnen… Nichts davon lässt mensch diese Säugetiermütter ausüben. Sie werden darauf reduziert, erst Wachstumsumgebung und später Futterstelle zu sein.

In ihrem einflussreichen Buch MutterMaschine zog Gene Corea 1985 solche Beobachtungen aus der Massentierhaltung heran, um die Ausbeutung und Verdinglichung auch des menschlichen weiblichen Körpers besser zu verstehen. Während viele ihrer Leserinnen nach wie vor die „Produkte“ der tierlichen weiblichen Körper verzehrten, erkannten sie anhand von Beispielen aus der Tierzucht, was daran falsch ist, wenn der Menschenfrauenkörper zur kapitalistischen Produktionsstätte degradiert wird. Ob es um Kritik an der Pille ging oder an IVF, an vorgeburtlicher Selektion und zwangsverordneter Pränataldiagnostik: So oft führte der Weg feministischer Analyse und Skandalisierung vom Tier zum Menschen. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, den Tieren etwas zurückzugeben.

 

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