Geschlechtergerechtigkeit und Parität

Geschlechtergerechtigkeit und Parität

GendermainstremUrheber: Ted Goldring. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Herr von Bargen, Sie sind seit vielen Jahren Referent für die Gemeinschaftsaufgabe Geschlechterdemokratie. Was hat sich seit ihrem Start 1997 in unserer Gesellschaft verändert?

Viel. Gleichberechtigung der Geschlechter ist in Deutschland als Anliegen und Ziel gesellschaftlicher Veränderung viel verbreiteter als vor knapp 20 Jahren. Zum Beispiel sind Lebenspartnerschaften Gleichgeschlechtlicher akzeptiert, Interund Transgeschlechtlichkeit keine Tabuthemen mehr, oder haben Frauen bei Bildungsabschlüssen enorm aufgeholt. Insgesamt ist vor allem für die jüngere Generation Geschlechterdemokratie fast selbstverständlich. Trotzdem gibt es noch viel zu tun: strukturelle Barrieren für manche Geschlechtergruppen sind weiterhin vorhanden, die ungleiche Bezahlung zwischen Frauen und Männern ist nicht aufgehoben und sexualisierte Gewalt, vor allem gegenüber Frauen und marginalisierten Gruppen, ist weiterhin ein Thema. Besonders in den letzten Jahren sind antifeministische und  rassistische Einstellungen bei einem Teil der Bevölkerung sichtbarer geworden und haben z. B. in der rechtspopulistischen AfD eine Heimat gefunden.

Jugendverbände arbeiten mit Gender Mainstreaming auch wenn nicht alle Menschen aus den Jugendverbänden wissen, was sich hinter dem Begriff verbirgt. Was ist eigentlich für Sie Gender Mainstreaming?

Unter Gender Mainstreaming verstehe ich eine Strategie, die bei allen (politischen) Entscheidungen, Projekten und Maßnahmen von vornherein fragt, ob es eine benachteiligende (oder privilegierende) Auswirkung auf bestimmte Frauen- oder Männergruppen gibt und diese vermeidet, wenn es dafür keinen sachlich nachvollziehbaren Grund gibt. Ziel ist es Chancengleichheit und Gleichberechtigung für alle Geschlechter in ihrer Vielfalt herzustellen. Gender Mainstreaming geht auf die Weltfrauenkonferenz in 1995 in Beijing zurück und ist im Kern ein feministisches Anliegen.

Der Gedanke verbesserter Gleichberechtigung ist nachvollziehbar. Welche weiteren Auswirkungen hat Gender Mainstreaming im Alltag — sowohl für Diskriminierte als auch für diejenigen, die sich nicht diskriminiert fühlen?

Konsequent durchgeführtes Gender Mainstreaming, das auch weitere Dimensionen sozialer Differenzierung in den Blick nimmt, Stichwort Diversity, eröffnet allen Menschen, unabhängig von Geschlechtsidentität und sexueller Orientierung, die gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und selbstbestimmte Entfaltung. Es kann auch dazu führen, dass manchen Menschen Privilegien entzogen  werden, die Ursache für Benachteiligungen waren. Insofern hat es auch eine herrschaftskritische Dimension.

Es wird aktuell auch viel über Gender Mainstreaming diskutiert und Begriffe wie ›Gender-Gaga‹ oder ›Genderismus‹ fallen. Warum sperren sich Menschen
bei diesem Thema? Welche Missverständnisse müssen ausgeräumt  werden?

Menschen, die abwertende Begriffe wie ›Gender-Gaga‹ oder ›Gender-Wahnsinn‹ verbreiten, sind nicht an einem Dialog interessiert. Es geht ihnen darum die eigenen zum Teil christlich-fundamentalistischen, nationalkonservativen oder auch rassistischen Einstellungen und Werte zu verbreiten und damit eine offene und liberale Gesellschaft zu bekämpfen. Da geht es nicht um Missverständnisse, die einfach ausgeräumt werden können, sondern um grundsätzlichverschiedene Gesellschaftsvorstellungen. Diese antifeministischen Gruppierungen gehen dabei teilweise sehr geschickt vor, da sie auf den ersten Blick emanzipatorische Begriffe wie Gleichstellung oder Gleichberechtigung nutzen und mit anderen Inhalten belegen. Wer sich nicht auskennt läuft dann schnell den falschen Leuten hinterher. So kann es passieren, dass ich mich als Person, die beispielsweise Abtreibung ablehnt, aber trotzdem für sexuelle Selbstbestimmung ist, plötzlich auf einer Demonstration gemeinsam mit Rechtspopulisten oder Rechtsextremen wiederfinde. Eine Strategie dagegen ist konsequente Aufklärung und Information.

Im politischen Verbandsleben ist das Thema gesetzt, aber was kann ich vor Ort unkompliziert tun, um Gender Mainstreaming im Alltag zu berücksichtigen?

Ich kann im Alltag versuchen mich immer wieder zu fragen, wie wirkt sich das, was ich tue auf andere aus: Benachteilige ich jemanden? Bevorzuge ich jemanden? Ist das sachlich begründet und gerecht? Wie kann ich das vermeiden? Manchmal ist es dabei hilfreich  Perspektivenwechsel zu üben, sich in die anderen Personen hineinzuversetzen: Was weiß ich über die Lebenssituation und -verhältnisse
dieser Personen? Wie könnte sich das, was ich tue, auswirken? Kann ich was anders machen? Und in Situationen wo ich Diskriminierung konkret miterlebe oder beobachte kann ich Solidarität zeigen und mich einmischen. Denn Einmischung ist die einzige Möglichkeit  realistisch zu bleiben (frei nach Heinrich Böll).

Interview von
Jan Peter Gesterkamp

Zuerst erschienen als Broschüre "das Teil . WoMen at work" . Hier ist die vollständige Broschüre inkl. Interview zu finden

 

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