Ein Besuch im Mekka der Lesben

Reportage

Das griechische Lesbos ist tatsächlich ein Lieblingsziel für lesbische Tourist*innen. Hier suchen sie Gemeinschaft, Strände ohne männliche Blicke – und die Magie der Urmutter.

Am 26. April wird seit 2008 weltweit der Tag der lesbischen Sichtbarkeit und damit die vielfältige Geschichte und Kultur lesbischen Lebens gefeiert. Anlässlich dazu erscheint diese Reportage von Anna Dotti über ein Festival von und für Frauen*.

Manche sagen, er habe magische Kräfte: der Felsen vor der Küste von Skala Eressos.
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Manche sagen, er habe magische Kräfte: der Felsen vor der Küste von Skala Eressos.

Als ich von Skala Eressos erfuhr, lag ich mit einer Erkältung im Hamburger Herbst auf meiner Couch und wunderte mich, dass mir dieser Ort bis dahin verborgen geblieben war. Ich hatte gerade den Dokumentarfilm Lesvia gesehen; je nach Betonung bedeutet das griechische Wort entweder »Lesbe« oder »aus Lesbos«. Der Film erzählt die Geschichte einer lesbischen Community, die sich seit den Siebzigerjahren im Küstenort Skala Eressos im Süden der griechischen Insel entwickelt hat. Dort wurde circa 600 Jahre vor Christus die Dichterin Sappho geboren, die in ihren Versen Schönheit, Sehnsucht und weibliche Liebe feiert und heute als eine Ikone der Lesben gilt.

Ich bin eine Frau, die Frauen liebt. Ich war schon auf Lesbos gewesen und kannte die Figur von Sappho. Aber von der lesbischen Community in Skala Eressos hatte ich trotzdem noch nie gehört. An diesem regnerischen Nachmittag wurde mir also klar: Ich muss an diesen Ort.

Lesbos liegt an der Grenze Europas, dicht vor der türkischen Küste. Bekannt wurde die Insel in den letzten Jahren eher wegen der Flüchtlingslager dort als wegen Sundownern am Strand. Anders als in den Touristen-Hotspots Santorini oder Mykonos mit ihren Glamour-Resorts und Partys ist das Flair dort eher noch traditionell, und es gibt viel unberührte Natur.

Mein Weg mit dem Mietwagen von der Inselhauptstadt Mytilene nach Skala Eressos im Südwesten der Insel dauert zwei Stunden und führt durch Olivenhaine und einen Pinienwald, bis ich in Serpentinen meinem Ziel am Meer entgegenkurve. Skala Eressos ist ein guter Ort für Ungewöhnliches. Das merke ich am nächsten Morgen, als ich in einem Kanu zwischen zwei Frauen sitze, die ich erst vor einer knappen halben Stunde kennengelernt habe. Wir gleiten über das Ägäische Meer, der Himmel ist wolkenlos blau. Unser Ziel: ein Fels, der sich mehrere Meter hoch aus dem Wasser erhebt und der als Motiv auf Postkarten und T-Shirts gedruckt wird. Ihm wird eine Art magische Energie nachgesagt.

Tamsin heißt die Frau mit kurzen blonden Haaren, die vor mir paddelt und mir ihr Käppi anbietet, weil ich die Sonnencreme vergessen habe. Tamsin kommt aus Großbritannien. Seit sie vor drei Jahren in Rente gegangen ist, wohnt sie in Skala Eressos. Solange die Wassertemperatur es zulässt, schwimmt sie fast jeden Tag im Meer, meist zum Felsen hinaus, und oft ist sie dabei nicht allein. Auch jetzt nicht. Um das Boot herum zähle ich etwa sechzig Köpfe im Wasser. Alles Frauen.

Das Schwimmen zum Felsen, bei dem nur Frauen teilnehmen dürfen, organisiert Tamsin seit 14 Jahren und führt damit eine Tradition fort, die es seit den Achtzigerjahren gibt. Dass sie heute paddelt, statt zu schwimmen, ist eine Sicherheitsmaßnahme: Ein Kanu muss immer dabei sein im Tross. Sich sicher zu fühlen, sei Teil der Erfahrung, sagt Tamsin. Es gehe darum, sich in das tiefe Gewässer zu wagen, von anderen motiviert und unterstützt. Man solle sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Frauen unter Frauen. Empowerment mit einem Hauch von Spiritualität. »In die Ägäis zu springen, ist fast wie eine Taufe.«

Nach etwa zehn Minuten Paddeln erreichen wir den Felsen. Bei einem Vulkanausbruch sei er plötzlich aus dem Meer gewachsen, sagt Tamsin, daher stamme seine magische Energie. Auf dem Felsen heiraten Frauen oder verstreuen die Asche Verstorbener. Heute singen wir Happy Birthday, denn Tina wird an diesem Freitag im September 63 Jahre alt. Sie stammt aus Australien und kommt seit 1995 fast jeden Sommer hierher, um sich zu Hause zu fühlen, wie sie sagt, um ihre Freundinnen zu sehen, mit den anderen zu sein. Mit Frauen, die Frauen lieben.

Zurück auf dem Festland, schlendere ich über die Promenade am Meer. Skala Eressos wirkt auf den ersten Blick wie ein typisch griechisches Küstendorf, ein ruhiger Urlaubsort. Leinenkleider flattern vor den Geschäften, an den Tischen der Restaurants essen Tourist*innen Zaziki und Gyros, unterhalten sich auf Englisch, Deutsch, Französisch. Die Häuser haben höchstens zwei Etagen, viele sind weiß getüncht, die Fensterrahmen blau gestrichen, andere zeigen die steinernen Wände ungestrichen her. Schmale Kopfsteinpflastergassen durchkreuzen das Dorf, nicht alle tragen ein Straßenschild.

Ich laufe Slalom zwischen den Tischen der Lokale, die die Promenade säumen. Eine Gruppe niederländischer Frauen hat sich vor einem Restaurant aufgereiht. Sie sitzen mit dem Rücken zum Meer, den Blick auf einen Fernseher gerichtet, es läuft eine niederländische Realityshow.

Manche Bars haben die Regenbogenflagge gehisst. An den Wänden kleben Sticker mit Sprüchen wie »My beautiful pussy« neben der Zeichnung einer Vulva. Vor mir gehen zwei Frauen mit grauen kurzen Haaren, die sonnengegerbten Beine in Shorts, Hand in Hand.

Mit meinen 36 Jahren zähle ich zu den jüngeren Frauen hier. Die meisten Lesben sind schon in den Achtziger- und Neunzigerjahren gekommen, als Skala Eressos gerade erst zu einem besonderen Ziel für die Community wurde; einer von wenigen Orten war, an denen die Frauen Urlaub machen konnten, ohne ihre Identität verstecken zu müssen. Viele von ihnen kehren seitdem immer wieder hierher zurück.

An einer Kreuzung sehe ich drei ältere Männer sitzen, Einheimische, die Backgammon spielen. Ein gewöhnlicher Anblick in Griechenland, aber hier fällt mir das Trio auf, weil sonst Frauen das Stadtbild dominieren. Auf der Straßenseite gegenüber sehe ich ein Sappho-Reisebüro, ein Sappho-Immobilienbüro und das Büro des Sappho Women’s Festival – alle drei betrieben von Lesben.

In Skala Eressos gibt es keine archäologischen Überreste zu besuchen, keine Ruinen des Hauses von Sappho. Doch Sappho ist in diesem Dörfchen eine allgegenwärtige lokale Marke – wie Maradona in Neapel oder der Papst in Rom. 

Sie wird auf Magneten verkauft, hängt als Bild in den Souvenirshops. Und sie gibt dem Highlight des lesbischen Zusammenkommens seinen Namen: dem Sappho Women’s Festival.

In diesem Jahr hat das Festival sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert. Zwei Wochen lang gab es Konzerte, Filme und Workshops mit etwa tausend teilnehmenden Frauen – ziemlich viele Besucherinnen für einen Ort mit nur etwa doppelt so vielen Einwohner*innen. Während meiner Zeit in Skala Eressos habe ich unter ihnen keine trans* Frauen oder nicht-binäre Personen bewusst wahrgenommen. Sie werden auf der Website des Festivals jedoch explizit erwähnt: „including cis women, trans women, and non-binary individuals”. Wenn es um Aktivitäten des Festivals „nur für Frauen“ geht, sind sie mitgemeint. Queere Identitäten sind seit den 70ern vielfältiger geworden – trotzdem scheint das Festival hier eher Frauen aus etablierten lesbischen Netzwerken anzuziehen.

Die Organisatorin des Festivals heißt Liz Turnell, ist 60 Jahre alt und vor acht Jahren aus England nach Skala Eressos gezogen. Mit kurzen Locken, rotem Lippenstift und einem Mikrofon in der Hand treffe ich sie nachmittags in der Flamingo Bar. Die gehört zu den beliebten Lesben-Lokalen an der Promenade, wird geführt von einem Paar aus England, beide Ex-Polizistinnen. Heute findet hier eine Auktion zugunsten einer Organisation statt, die sich um Straßenkatzen kümmert.

Die Tische sind voll, das Publikum besteht vor allem aus Boomer-Ladies, die sich mit zwei Küssen am Lippenrand begrüßen, Bier trinken und laut lachen. Turnell moderiert die Auktion: Sie verkauft einen Pflanzentopf in Form von Brüsten für über hundert Euro. Danach wird ein Date versteigert: »Eine halbe Stunde mit Petra und Aperol Spritz.« Petra ist die blonde Niederländerin in der ersten Reihe. Am Ende der Auktion sind mehr als 3.000 Euro zusammengekommen.

Am folgenden Tag treffe ich Tzeli Hadjidimitriou. Mit braunem Bob und rechteckiger Sonnenbrille sitzt sie vor dem Margaritari, dem einzigen Szene-Café an der Promenade, das von einem schwulen Paar geführt wird. Hadjidimitriou ist eine Lesbe aus Lesbos und wahrscheinlich das bekannteste Gesicht von Skala Eressos. Sie ist Autorin, Fotografin und außerdem die Regisseurin von Lesvia, dem Film, der mich hergeführt hat.

Schon in den Siebzigerjahren begannen Frauen, zu Sapphos Geburtsort zu pilgern. Sie kamen etwa aus England, den Niederlanden, Deutschland, Frankreich, Italien und den USA. Seit den Achtzigerjahren kam auch Hadjidimitriou aus ihrer Heimatstadt Mytilene im Osten der Insel regelmäßig her. Sie und die anderen Frauen wollten gemeinsam am Strand chillen, nackt in der Sonne liegen, sagt sie. 

Sich auf der Straße küssen, feiern, flirten, Sex haben. Sie selbst sein, out and proud, zu einer Zeit, als lesbisches Leben tabu war.

Die gebürtigen Insulaner*innen, auch davon erzählt Hadjidimitriou in ihrem Film, waren anfangs nicht begeistert von der neuen Community rund um den Strand. Es gab Stress und Streit. Doch nachdem sich einige der Lesben dauerhaft am Ort angesiedelt und Hotels und Bars eröffnet hatten, wurde die Stimmung besser. Die Einheimischen freuten sich, dass die Frauen den Tourismus in Schwung brachten, und kommen inzwischen gut mit ihnen aus.

Auch dank Hadjidimitrious Film kommen immer mehr Menschen nach Skala Eressos – so wie ich. Ihr gefällt das nicht unbedingt. Denn auch hier bringt der Tourismus die bekannten Probleme mit sich: Die Preise steigen. Ein Cappuccino kostet 3,50 Euro, während der Mindestlohn in Griechenland bei etwa fünf Euro liegt. Die meisten einheimischen Frauen, denen ich begegne, arbeiten als Kellnerinnen. Urlaub machen sie hier nicht. Die Besucher*innen stammen überwiegend aus westlichen Ländern: aus Europa, den USA und Australien. Es ist vor allem auch eine Frage des Geldes, Teil dieser Community sein zu können.

Obwohl sie von den Tourist*innen genervt zu sein scheint, kommt Hadjidimitriou trotzdem Jahr für Jahr hierher. Unter Gleichgesinnten zu sein, stillt ihr Bedürfnis, sich verstanden zu fühlen, ohne sich erklären zu müssen. 

Sie nennt Sappho ihre Urmutter und die Urmutter aller Lesben. Also frage ich sie: „Wo in Skala Eressos kann man sich Sappho am nächsten fühlen?” Sie sagt, ich solle aufhören, Fragen zu stellen, und mich der Natur hingeben.

Ich gehe an den Strand. Auf Google Maps heißt dieser Abschnitt „Nudist Beach“. Doch für die Community ist es der Frauenstrand. In den Achtzigerjahren haben sie dafür gekämpft, diesen Ort für sich zu haben. Als Safe Space. Nackt, ohne männliche Blicke.

Früher wurden Männer vom Strand mit Steinen verjagt, heute werden sie toleriert. 

Ich sehe zwei, doch sie liegen etwas abseits von den Frauen. Ich breite mein Handtuch auf dem groben, warmen, dunklen Sand aus, ziehe mich aus und lege mich ihn. Hinter mir spielen ein paar Frauen Volleyball. Vor mir die Bucht, die Felsen links, rechts geht bald schon die Sonne unter. Der Horizont färbt sich rot.

Um mich herum liegen nackte Frauen. Die meisten sind weiß und keine scheint eine Behinderung zu haben – in Sachen Inklusion und Diversität gibt es noch Raum für Entwicklung hier in Skala Eressos. Und doch zeigt sich eine Vielfalt an Körpern: durchtrainiert und rund, straff und weich, jung und alt. Ich fühle mich wohl. Entspannt. Glücklich. Angekommen in dieser selbstgewählten Gemeinschaft, die sich wie Familie anfühlt. Ich schließe die Augen und lausche dem Rauschen des Meeres. Es umhüllt mich wie eine sanfte Umarmung. 

Die Reportage erschien in leicht veränderter Form zuerst in DIE ZEIT.