Klima- und Naturschutz gelten als erstrebenswert, doch was steckt eigentlich dahinter? Dieser Text zeigt auf, wie koloniale Sicherheitslogiken bis heute ein gesellschaftliches Verständnis von Schutz prägen und warum echte Klimagerechtigkeit ohne soziale Gerechtigkeit und Rassismuskritik nicht möglich ist. Ein antikoloniales Umdenken ist gefragt!
Die aktuellen Debatten (in Deutschland) über Sicherheit und Klimapolitik wirken technokratisch und vermeintlich wertneutral. Sie knüpfen aber an historische Machtverhältnisse an, die in kolonialrassistischem Denken verwurzelt sind. Aus diesen Machtverhältnissen ergibt sich, wessen Leben geschützt wird und wie die Natur genutzt und geopfert werden kann - so genannte Sacrifice Zones.
Sicherheit und Schutz haben in den letzten Jahrzehnten gesellschaftspolitisch immer mehr an Bedeutung gewonnen und werden auf politischer und wirtschaftlicher Ebene abhängig von geopolitischen Interessen und gesellschaftlichen Entwicklungen immer wieder neu ausgehandelt. Die deutsche Sicherheitsarchitektur verändert sich also ständig. Konstant bleiben dabei die Fragen, wer oder was als schützenswert gilt bzw. eine Bedrohung darstellt. Bereiche wie Migrations- und Geschlechterpolitik stehen immer stärker im Fokus deutscher Sicherheitspolitik und auch die Klimakrise taucht zunehmend im Kontext von Sicherheitsfragen auf.
Der Schutz vor Klimakrisenfolgen dominiert dabei die Debatte. Populistische Medienkultur und zahlreiche Politiker*innen, nicht nur aus dem rechtskonservativen Spektrum, erkennen z.B. Flucht- und Migrationsbewegungen von Menschen aus dem sog. Globalen Süden nicht als eine maßgebliche Folge der Klimakrise an, sondern instrumentalisieren sie als Gefahr für die innere Sicherheit. Die Antwort westlicher Regierungen auf Zuwanderung lautet also Militarisierung und Abschottungspolitik, Hand in Hand mit einer rassistischen Migrationspolitik. Aber auch bei anderen Klimakrisenfolgen wird konsequent von den Ursachen abgelenkt, beispielsweise im Umgang mit natürlichen Ressourcen, deren Ausbeutung die Klimakrise beschleunigt. Blickt man z.B. auf die Gewalt gegenüber den Aktivist*innen im Hambacher Forst oder die Reaktion der Bundesregierung auf die aktuelle Ölkrise durch den Angriff der USA und Israels auf den Iran wird schnell klar, dass die deutsche Regierung Profitwirtschaft über Klimagerechtigkeit stellt. Deutsche Rüstungskonzerne machen Millionengeschäfte - Aufrüstung, die mit Steuergeldern von Arbeiter*innen bezahlt wird. Zeitgleich werden staatliche Sozialausgaben gesenkt und das Gesundheitssystem finanziell ausgetrocknet.
Sicherheit für wen? Schutz wovor?
Das, was wir klassisch unter innerer und äußerer Sicherheit verstehen, z.B. Polizeiapparat, Militär und Grenzpolitik, sind Institutionen und Praktiken, die ihr Sicherheitsverständnis in einer nicht nur überwiegend westlichen, sondern auch einer kolonialen und patriarchalen Weltsicht verankert haben. Dieses Sicherheitsverständnis setzt militärische Stärke und staatliche Sicherheit über den Schutz von Menschen und dient dabei oft politischen und wirtschaftlichen Interessen. Zu diesem Zweck werden oftmals marginalisierte Gruppen in vermeintlicher Sicherheitsrhetorik gegeneinander ausgespielt, wie an den aktuellen Debatten im Bundestag zu sexualisierter Gewalt und den rassistischen Kommentaren des Bundeskanzlers sichtbar wird. Diskurse der inneren und äußeren Sicherheit haben also nicht primär soziale Gerechtigkeit zum Ziel und lassen jene, die wirklich auf Schutz angewiesen wären und in dieser Welt am meisten Gewalt erfahren, unbeachtet bzw. stilisieren sie zur Gefahr für wirtschaftliche Interessen westlicher Nationalstaaten.
Soziale Gerechtigkeit wird dabei an kapitalistische Bedingungen geknüpft. Bekannte deutsche Medienhäuser berichten viel über den wirtschaftlichen Wert von Zuwanderung. Dass geflüchtete Menschen und Migrant*innen das deutsche Sozialsystem ausnutzen würden, ist eine der beliebtesten rechtskonservativen rassistischen Argumentationslinien. Soziale Gerechtigkeit erfährt somit nur Relevanz, wenn politische Macht und Einfluss gesichert sind. Auch global wird dies im Umgang mit der Natur sichtbar. Am Beispiel Palästina sehen wir, dass Olivenbäume regelmäßig von der israelischen Armee entwurzelt werden, unter dem Vorwand, sie stellten eine "Sicherheitsbedrohung" für israelische Siedlungsstraßen dar. Diese Maßnahmen verletzen nicht nur die kulturelle Identität palästinensischer Gemeinschaften, in welcher Olivenbäume seit Jahrhunderten tief verankert sind, sondern haben auch verheerende ökologische Folgen. Das Land wird anfälliger für Erosion und Klimaschäden, sicherheitspolitisches Handeln geht also sehr häufig auf Kosten der Natur und der Selbstbestimmung (mehrfach-)marginalisierter Menschen.
Sicherheitspolitik zwischen kolonialer Kontrolle und Klassenherrschaft
Ansätze der kritischen Sicherheitsforschung setzen sich einer solchen rassistischen Sicherheitslogik entgegen. Sie betrachten Sicherheit als politisch und gesellschaftlich konstruiert und kritisieren unter anderem eine kapitalistische Sicherheitspolitik, die die Gesellschaft entlang rassistischer, klassistischer und ableistischer Kriterien einteilt. Auch die Trennung von innerer und äußerer Sicherheit wird hier oft in Frage gestellt. Im Kontext aktueller Politik zu innerer und äußerer Sicherheit sehen wir, dass diese Trennung koloniale Vorstellungen von Nationalstaatlichkeit, Landenteignung und Machtinteressen widerspiegelt. In der Praxis sind Institutionen wie die Polizei und das Militär dabei zentrale Akteure. Historische Forschungen zeigen, dass der Ursprung der modernen Polizei in vielen Kontexten eng mit der Durchsetzung staatlicher und wirtschaftlicher Macht verbunden war. Besonders während der Entstehung des Industriekapitalismus übernahm z.B. die Polizei in Großbritannien eine wichtige Rolle bei der Kontrolle sozialer Ordnung und der Absicherung bestehender Eigentumsverhältnisse. Am Beispiel der Landenteignung, der Enclosures, in England oder der britischen Kolonialherrschaft in Kenia wird deutlich, dass staatliche Gewalt eingesetzt wird, um Widerstand gegen Enteignung und koloniale Kontrolle zu unterdrücken.
Was hat das alles mit Dualismus zu tun?
Hinter dieser Sicherheitspolitik steht eine dualistische Weltsicht. Der Philosoph René Descartes prägte mit seinem Dualismus die westliche Denkweise, indem er Geist und Materie strikt voneinander trennte. Der Dualismus analysiert und kategorisiert die Welt in Gegensätzen, die hierarchisiert zueinander stehen. Dualistische Ansätze ziehen sich durch eine Vielzahl an gesellschaftspolitischen Theorien. Francis Bacon zum Beispiel prägte vor allem die gegensätzliche Trennung zwischen Mensch und Natur. Denker wie Immanuel Kant bauten darauf ihre Rassenlogik auf. Dieser Trennung und Hierarchisierung liegt die Annahme zu Grunde, dass der Mensch über der Natur steht und ihre Ressourcen zugunsten menschlicher Entwicklung ausgebeutet werden müssen. Die Konstruktion von race (1) und Klasse schafft zudem eine Hierarchisierung, nach welcher vor allem Ultrareiche und Konzerne Kontrolle über natürliche Ressourcen besitzen.
Übertragen bedeutet es heute: Klima- und Umweltschutzthemen werden gesellschaftlich emotionalisiert und entpolitisiert. Ein Buckelwal hält Deutschland in Atem, während die Berichterstattung zum Einsturz einer Coltanmine in Rubaya in der Demokratischen Republik Kongo emotional und von der Länge her einer Wettermeldung gleicht. Es fehlt eine kritische Einordnung dieser jahrzehntelangen Ausbeutung von Mensch und Natur, nicht nur als menschenrechtswidrig und rassistisch, sondern auch als klimaschädigend. Mainstreammedien setzen stattdessen auf Ablenkung und Individualisierung von Empathie, wie wir am Beispiel des gestrandeten Buckelwals gesehen haben. Es sticht hervor, dass das Leben Schwarzer und indigener Menschen systematisch abgewertet wird. Tödliche Klimawandelfolgen für dieselben Menschen werden somit schweigend zur Normalität erklärt.
Die rassistische Geschichte des Naturschutzes
Diese rassistische Normalisierung ist nicht neu und schlägt sich auch in Klimaschutzkontexten nieder. Denn das dominierende Verständnis von Umwelt- und Klimaschutz lässt sich auf die Abwertung indigenen Lebens in den Amerikas zurückführen. So galten bereits ab dem 15. Jahrhundert indigene Menschen als Bedrohung für Siedler*innen und die Natur selbst. Siedlungskolonialistischer Landraub und Enteignung wurden so legitimiert, mit dem Ziel, indigene Bevölkerung durch Siedler*innen zu ersetzen und dauerhaft Kontrolle über Land und natürliche Ressourcen zu erlangen. Nur selten thematisieren mainstream Klima- und Naturschutzdebatten diese historischen Eingriffe, wie die Rodung ganzer Wälder und Ausrottung von Tierarten. Rückblickend legen diese jedoch den Grundstein für unsere heutigen ökologischen Krisen.
Dass die dualistische Denkweise sich auch in der frühen Naturschutzbewegung widerspiegelt, wird insbesondere am Beispiel von John Muir deutlich. Er war eine zentrale Figur der US-amerikanischen Naturschutzbewegung und vertrat ein dualistisches Wissenssystem. Er setzte sich stark für den Schutz von Landschaften wie dem Yosemite National Park ein. Die Entstehung vieler dieser sogenannten “Nationalparks” auch an anderen Orten der Welt, z. B. Tansania und Palästina, gingen mit der gewaltsamen Vertreibung indigener Gemeinschaften einher. Diese Gebiete wurden als „unberührte Natur“ dargestellt, obwohl sie über Generationen hinweg bewohnt, gepflegt und aktiv gestaltet wurden.
Muir idealisierte in seinen Schriften eine „wilde“ Natur, während er indigene Lebensweisen abwertete oder ausblendete. Dieses Narrativ legitimierte die Entfernung von Menschen aus diesen Landschaften, um sie als Erholungsräume, insbesondere für weiße, privilegierte Bevölkerungsgruppen, zugänglich zu machen. Die Natur wurde fortan als schutzbedürftig konstruiert, wobei nur bestimmte Gruppen als legitime Schutzakteur*innen galten. Indigene Gemeinschaften galten dabei als Teil der Bedrohung, während westliche Nutzungsformen, etwa Tourismus, Erholung oder Trophäenjagd, als legitim und Norm galten.
Kritische Stimmen wie Mordecai Ogada, ein kenianischer Umweltaktivist, zeigen auf, dass diese Logik Machtverhältnisse naturalisiert und koloniale Strukturen bis in gegenwärtige Naturschutzprojekte fortschreibt. Viele Naturschutzinitiativen in Ostafrika, so Ogada, werden bis heute von weißen Menschen geleitet oder sind in ihrem Besitz. Es zeigt sich somit, dass der zugrunde liegende Sicherheits- und Schutzgedanke auch hier auf Trennung basiert: zwischen „schützenswerter Natur“ und „störendem Menschen“, zwischen „zivilisiert“ (Menschen, die die Natur schützen und effektiv nutzen) und „unzivilisiert“ (Menschen, die dies nicht tun).
Fehlende Gerechtigkeit in eurozentrischen Umwelt- und Klimaperspektiven
Durch die Prägung des dualistischen Denkens in vielen traditionellen Umwelt- und Klimaschutzorganisationen fehlt häufig eine systematische Verknüpfung sozialer und ökologischer Zusammenhänge - besonders im deutschsprachigen Raum. Eine Perspektive, die diese Verknüpfung herstellt, ist Kritik an Umweltrassismus, ergänzt durch das Konzept der Umweltgerechtigkeit. Diese haben ihre Wurzeln in der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung sowie in den Kämpfen rassifizierter Arbeiter*innen in den USA, die gegen gesundheitsschädliche Stoffe und unsichere Arbeitsbedingungen protestierten. Ein zentrales Beispiel ist Warren County: 1982 sollte dort verseuchte Erde entsorgt werden. Der Landkreis war einer der ärmsten der Region und hatte eine Schwarze Bevölkerungsmehrheit von 65%. Während eine weiße Bürgerinitiative den Bau einer Deponie in ihrer Nachbarschaft verhindern konnte, kämpfte die Schwarze Bevölkerung von Afton über Jahre hinweg, juristisch und mit Protesten erfolglos gegen das Projekt. Die Proteste gelten als Ausgangspunkt der Umweltgerechtigkeitsbewegung. Zentraler Ansatz der Bewegung ist, dass Umweltprobleme nicht als rein ökologische Fragen verstanden werden, sondern als Ausdruck struktureller Ungerechtigkeiten, die mit Rassismus, Kapitalismus und realen Lebensbedingungen verknüpft sind. Sie zeigen, dass unpolitische Forderungen wie „Not In My Backyard“ (Nicht in meinem Hinterhof) dazu führen, dass Umweltbelastungen in marginalisierte Gemeinschaften verlagert werden. Der Soziologe und Aktivist Robert Bullard definierte Umweltrassismus 1994 als jede Praxis, die Menschen aufgrund von race benachteiligt. Das Beispiel Warren County macht deutlich, für wen Sicherheit gewährleistet wird und für wen nicht: Rassifizierte und marginalisierte Menschen sind dadurch überproportional Umweltgefahren wie schlechte Luft, Lärm und verseuchtem Wasser ausgesetzt, was ihr Risiko für Krankheiten wie Krebs oder Atemwegserkrankungen erheblich erhöht.
Wir sehen also wieder, dass Schutz- und Sicherheitsnarrative der Absicherung bestehender Interessen und Machtverhältnisse dienen. Diese Logik zeigt sich auch in aktuellen klimapolitischen Debatten, in denen eher technische und marktbasierte Lösungen im Mittelpunkt stehen und die tatsächlichen Ursachen der Klimakrise, nämlich Kolonialismus, Rassismus und Kapitalismus, weitgehend unangetastet bleiben. Klima- und Umweltgerechtigkeit Bewegungen fordern radikalere Ansätze, wie die komplette Vermeidung von Umweltgefahren oder die Anerkennung historischer Verantwortung für strukturelle Ungerechtigkeiten durch Reparationen.
Wie sollte Sicherheit im Kontext der Klimakrise aussehen?
Um diese Gerechtigkeitsansätze tatsächlich umzusetzen, muss die dualistische Trennung überwunden und kolonialrassistische Kontinuitäten aus der Klima- und Sicherheitspolitik verdrängt werden. Dualismus ist keine universelle Denkweise, sondern eine spezifisch westliche Form, die Welt einzuordnen und zu kontrollieren. Angesichts der klimapolitischen Herausforderungen müssen wir uns daher als Gesellschaft fragen: Wie kann Sicherheit nicht durch Abgrenzung, sondern durch Beziehungen, gegenseitige Fürsorge und Verbundenheit entstehen? Von wem können wir lernen, eine gerechtere Zukunft für alle aufzubauen? Sollten wir auf staatliche Lösungen warten oder beginnt Veränderung bereits bei uns selbst und in unseren Gemeinschaften?
Es existieren Wissenssysteme, die hierfür wertvolle Perspektiven bieten können. Sie denken weniger in Trennungen und vielmehr in Beziehungen. In vielen indigenen Weltbildern gibt es keine klare Grenze zwischen Mensch und Natur, etwa bei den Yoruba in Nigeria. Menschen gelten nicht als außerhalb oder über der Natur stehend, sondern als Teil eines lebendigen Netzwerks. Tiere, Pflanzen, Wasser oder Berge besitzen häufig eine eigene Bedeutung und Handlungsmacht. Wissen entsteht in diesen Kontexten nicht durch die Zerlegung der Welt in Einzelteile, sondern durch Beziehung, Erfahrung und Verantwortung. Diese Sichtweise auf die Welt könnte langfristig eine gerechtere und nachhaltigere Form von Sicherheit für alle Menschen und Natur auf dem Planeten ermöglichen.
Glossar
«Race» wurde als englischer Begriff im deutschen Sprachgebrauch eingeführt, um an Diskurse anzuknüpfen, die diesen Begriff von einer biologistischen Kategorisierung hin zu einem Analyseinstrument für sozialwissenschaftliche Zwecke erweitert haben, daher verzichten wir auf den Gebrauch von “Rasse”.