«Bürger in Uniform» oder «Kämpfer»?

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Militär und Geschlechterverhältnisse in Ost und Westdeutschland bis heute Traditionell ist Militär eine Männlichkeitsschmiede. Gleichwohl entwickelten sich in der alten BRD und der früheren DDR unterschiedliche Vorstellungen von Rolle und Funktion der Armee mit unterschiedlichen Leitbildern vom Soldaten als «Bürger in Uniform» bzw. «Kämpfer». Welche Rolle spielen diese unterschiedlichen Bilder für die Armee der neuen BRD, wie spiegeln sie Geschlechterverhältnisse und Geschlechterbilder der verschiedenen Gesellschaften wider?

Panel mit:

  • Prof. Dr. Christine Eifler – Zentrum Gender Studies Uni Bremen
  • Prof. Dr. Ruth Seifert – Hochschule Regensburg
  • Dr. Klaus Naumann – Institut für Sozialforschung Hamburg

Moderation:

Themenaspekte:

Militärische Friedenssicherung und Geschlechterverhältnis in der DDR - Prof. Dr. Christine Eifler

  • Der Beitrag zeigt den engen Zusammenhang von offizieller Friedenspolitik der DDR und der Entwicklung des Geschlechterverhältnisses. Für die spezifische Ausrichtung in der Friedenspolitik war relevant, dass der Frieden mit militärischen Mitteln zu sichern sei. Eingebettet in ein umfassendes System männlich-militanter Werte trug der militärische Bereich zu einer Verstetigung männlicher Vergemeinschaftung bei. In dessen Folge wurde die Figur des Soldaten und des klassenbewussten Kämpfers zur geschlechterkulturellen Grundlage für die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft. Der Rückgriff auf die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als "natürliche" Begründung für die Wertigkeit der Geschlechter vollzog sich im Zusammenhang mit der militärischen Friedenssicherung besonders offensiv. Aufgabe der Frauen war es, helfend an der Seite "ihrer" Männer zu stehen und sie in ihrem wichtigen Kampf zu unterstützen.


    Diese Konstruktionen wirkten nicht unerheblich auf die Wahrnehmung von Friedensgefährdungen zurück. Sie zeigen, wie eng die soziale und kulturelle Konstruktion der Zweigeschlechtigkeit in vielfältiger Weise mit der "großen Politik" verbunden war. Neben der disziplinierenden und formierenden Wirkung der gleichsam fundamentalistischen Begründung eines revolutionären Sendungsbewusstseins konstituierte und reproduzierte das Politische den ewigen Feind und die Bedrohung. Dem war scheinbar nur mit Stärke, Wachsamkeit und Ordnung zu begegnen, die ihrerseits Regelungen und klare Rollenzuschreibungen erfordern. Rückzug, Toleranz, Verständnis, Nachgiebigkeit erschienen hier als (weibliche) Schwäche und Inkonsequenz in der "Sache".

Zur Rückkehr des Militärischen - Dr. Klaus Naumann

  • Von "Rückkehr" des Militärischen zu reden, ist verführerisch und irreführend. Allzu viel hat sich verändert, seit der Krieg vor 64 Jahren hierzulande beendet wurde. Der Streit um die angemessene Bezeichnung ("Einsatz", "Krieg", "Stabilisierung", "Kampfeinsatz" etc.) unterstreicht nicht allein politische Unsicherheiten, sondern spiegelt auch die Veränderung der Bedingungen. Verführerisch ist ebenfalls der Glaube, dann zum altbewährten Kriegshandwerk der "Kämpfer" zurückkehren zu können, wenn scharfe Schüsse fallen. Der Irak hat gezeigt, wie komplex die militärische Problematik ist und wie wenig sie mit den klassisch-historischen Feldzügen und Leitbildern zu tun hat.


    Was bleibt, sind Probleme das Neue zu denken und in politisches Handeln zu überführen. Was ist das für ein Soldat, der nicht nur (noch nicht einmal in erster Linie) kämpfen soll, sondern vor allem helfen, retten, wiederaufbauen, stabilisieren, schlichten und schützen? Schon dem "Staatsbürger in Uniform" wurden in den fünfziger Jahren unter dem Verdikt einer "weichen Welle" in abwertender Absicht weibliche Konnotationen zugewiesen. Was heißt das für den zeitgenössischen "Sozialarbeiter" in Uniform (wie er inzwischen sogar in den Field Manuals der U.S. Amry beschrieben und gefordert wird)?


    Das Militärische der Gegenwart steckt voller Ambivalenzen - während die Auslandseinsätze zivil-militärische Komponenten erfordern, droht sich am anderen Ende Ziviles und Militärisches zu entkoppeln. Ein neue Gleichgewicht ist erforderlich - aber dazu gehört der politische Mut zu Strukturreformen.

Streitkräfte und Frauen - Gewandelte Rollenverhältnisse und ihre Wechselwirkungen - Prof. Dr. Ruth Seifert

  • Der folgende Text beschäftigt sich mit der Entwicklung der Geschlechterverhältnisse in der Bundeswehr. Die Fragestellung, die lange Zeit ausschließlich von der Friedensforschung - nicht in der Soziologie oder den Politikwissenschaften generell - ventiliert wurde, wurde lange Zeit so behandelt, dass man das Verhältnis von Militär und Gesellschaft als das eines radikalen Gegensatzes behandelte. Das Militär wurde aus "ausgelagertes" Problem gesehen, das wenig Zusammenhang mit den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen hatte (vgl. z.B. Vogt).


    Mittlerweile scheint ein Stadium erreicht, in dem Militär nicht mehr als "Sonderfall", sondern als gesellschaftliche Institution gesehen wird, die nur in ihrer Einbettung in die Gesamtgesellschaft zu verstehen ist (vgl. Kümmel). Das gilt auch für die militärische Geschlechterpolitik. Ich möchte im Folgenden den Versuch machen, den Zusammenhang von ziviler und militärischer Geschlechterpolitik in der BRD in aller Kürze zu skizzieren.


    » Der vollständige Text von Prof. Dr. Ruth Seifert als [ » PDF]

Dr. phil. Ruth Seifert

Dr. phil. Ruth Seifert studierte Sozialwissenschaften, Philosophie und Amerikanistik in München und Philadelphia/USA. Danach war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in verschiedenen sozialwissenshaftlichen Forschungsprojekten sowie an Bildungseinrichtungen der Bundeswehr in München und Hamburg. Sie ist Professorin an der FH Regensburg im Fachbereich Sozialwesen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Feministische Theorie/Gendertheorie, Militär- und Berufssoziologie, Gewalt und Geschlecht.

Prof. Dr. phil. Christine Eifler

Prof. Dr. phil. Christine Eifler ist Sprecherin des Zentrum Gender Studies (ZGS) der Universität Bremen. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin an verschiedenen Forschungseinrichtungen der DDR und bis 1995 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Danach war sie in Forschungsprojekten an der Universität Hannover (gefördert vom Forschungsverbund Friedens- und Konfliktforschung in Niedersachsen) und an der Universität Bremen (gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft) tätig. Von 2003 bis 2006 war sie Leiterin des von der Heinrich-Böll-Stiftung geförderten Promotionskollegs Genderdynamiken in gewaltförmigen Konflikten. Die Themen Krieg, Militär und Gender; Frauenfrage und Frauenpolitik in der DDR; kulturelle Differenzen zwischen Ost und West sowie sozialistische Männlichkeitskonstrukte bilden ihre Forschungsschwerpunkte sowie Inhalte zahlreicher Publikationen.

Dr. phil. Klaus Naumann

Dr. phil. Klaus Naumann studierte Geschichts- und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität in Marburg/Lahn. Er promovierte am Institut für Alte Geschichte (Prof. Dr. Karl Christ) über methodologische Probleme historischer Gesellschaftsanalyse unter besonderer Berücksichtigung der römischen Antike. Von 1981 bis 1992 war er Redakteur und seit 1992 ist er Mitherausgeber der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Er ist freier Mitarbeiter beim WDR (ARD-Presseclub) und seit 1992 tätig am Hamburger Institut für Sozialforschung. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Erinnerungspolitik, Nachkriegszeit, Militärgeschichte der Bundesrepublik.

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