Trolljaner im Netz - Wie ist Sexismus, Rassismus und Homophobie beizukommen?

Trolljaner im Netz - Wie ist Sexismus, Rassismus und Homophobie beizukommen?

Die Publikation #public_life - Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz erschien am 01.April 2011 in der Reihe: Schriften zu Bildung und Kultur der Heinrich Böll Stiftung, Band 8Die Publikation #public_life - Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz erschien am 01.April 2011 in der Reihe: Schriften zu Bildung und Kultur der Heinrich Böll Stiftung, Band 8. Urheber: hbs. Alle Rechte vorbehalten.

Trolljaner im Netz - Wie ist Sexismus, Rassismus und Homophobie beizukommen?

Im Internet weiß keiner, dass du ein Hund bist. Wenn du eine Frau bist und öffentlich feministische Fragen verhandelst, hat das aber mit Sicherheit Folgen. Der viel beschworene digitale Freiheitsraum als Spielplatz für verschiedene Online-Identitäten scheint sich manchmal in einen Ermöglichungsraum für Restriktionen zu verkehren. Ein Erfahrungsbericht über Trolle und Elfen, Kommentare und Netiquette.

Das World Wide Web etablierte sich anfangs als Raum für utopische Visionen. Das Aufbrechen der heteronormativen Matrix und hegemonialen Machtstrukturen schien in greifbarere Nähe gerückt. Doch ein Blick in Diskussions- und Entwicklerforen oder auf Blogchartsi u.ä. zeigt, dass dem nicht so ist. Das Internet ist von Männern «erfunden», gestaltet und genutzt worden. Online-Formulare, standardisierte Eingabemasken oder Suchformulare spiegeln eine starre Zweckrationalität wider, in der Verwertbarkeit das oberste Prinzip ist. Vornehmlich Männer beherrschen die breitenwirksamen, vermeintlich öffentlichen Themen des Internets, wie z.B. Politik, Wirtschaft und Technik, während Frauen die anscheinend privaten, weichen Themen (Mode, Stricken, Reisen, Familie usw.) besetzen.ii

Mit dem Web 2.0 - der zweiten Entwicklungsstufe des Internet, die Empfänger/innen die Möglichkeit gibt, durch kollaborative und interaktive Elemente selbst zu Produzent/innen zu werden - findet eine zunehmende Verschiebung von öffentlichem und privatem Raum statt. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg spricht sogar von «Post-Privacy». Jedoch werden Grenzen zwischen öffentlich und privat den Geschlechterstereotypen entsprechend im Internet reproduziert.

Denn was relevanten Öffentlichkeiten zuzurechnen ist, ist immer Ergebnis von Aushandlungsprozessen ressourcenstarker Akteure. Das Gesamtnutzungsbild im Internet zeichnet einen klaren Vorteil für Männer (80% Männer; 68% Frauen)iii, über alle Altersklassen verteilt. Frauen hingegen nutzen vermehrt soziale Medien wie Facebook, die lediglich Teilöffentlichkeiten darstellen und außerdem in einer Linie mit dem tradierten Frauenbild als Trägerin des Sozialen, des Kommunikativen stehen. In der Alterskategorie 18-34 Jahre beträgt der Unterschied lediglich 2% (98% Männer; 96% Frauen). In der jungen Generation ist das Internet Teil des Alltags, beruflich wie privat, jenseits von Geschlecht.

Viel entscheidender ist allerdings der Unterschied bei der Wahrnehmung von Möglichkeiten, Entscheidungsprozesse oder Diskussionen zu beeinflussen. Auch hier stehen Frauen den Männern bei denjenigen, die das Netz auch für Diskussionen nutzen, noch immer nach (9% Männer, 4% Frauen). Das Potenzial, Wissen und Erfahrungen von Frauen einzubringen bzw. zu unterstützen, minimiert sich damit, was eben erst in der Wikipedia-Debatte deutlich geworden ist. Der Anteil schreibender Frauen bei Wikipedia beläuft sich gerade einmal auf 10-15%. Als Grund für diesen niedrigen Prozentsatz führt die taz den «rauen Umgangston» an, der in den Foren der Wikipedia herrscht.iv Unberücksichtigt bleibt hierbei jedoch die Frage nach der Qualität des Contents - nicht Masse, sondern auch Klasse sollte Faktor für Erhebungen sein.

Insbesondere queer-feministische Blogs oder Foren, die sich jenseits der hegemonialen Diskurse verorten oder diese «stören» wollen, bilden Teilöffentlichkeitenv, deren Relevanz und politische Notwendigkeit in Frage gestellt werden. Tatsächlich entwickeln sich vermeintlich private und auf den ersten Blick irrelevante Themen schnell zu gesellschaftskritischen Diskussionen. Zum Beispiel verhandelt das Thema Kinderbetreuung, geführt in einem auf den ersten Anschein unpolitischen Forum für Frauen, strukturelle Versäumnisse der Politik und stellt gesellschaftliche Normen von Mutterschaft in Frage.

Eben jene queer-feministischen Netzwerke und Communities werden im Netz besonders oft konfrontiert mit Sexismus, Homophobie und/oder Rassismus im Netz. Susan Herring bezeichnet solche Communities daher als «verletzbar»: «Such groups can be considered vulnerable populations, in that they tend to be stigmatized and discriminated again by mainstream society.»vi Die suggerierte Anonymität des Internets verleitet scheinbar Menschen dazu, Meinungen oder Ansichten in Communities einzubringen, die in einer realen Kommunikationssituation unangemessen oder sozial geächtet wären.

Nutzer/innen, die explizit versuchen, die Kommunikation in Netzwerken zu (zer-)stören, werden Trolle genannt. Schon in der nordischen Mythologie galten Trolle als Schadensbringer und Bösewichte und stehen somit im klaren Gegensatz zu den heilsbringenden Feen und Elfenvii, was wiederum einer Vergeschlechtlichung insofern entspricht, dass Feen und Elfen als weiblich konnotierte Wesen Wünsche erfüllen und den Zusammenhalt stärken, wohingegen sich mit der Semantisierung des Trolls eine Vermännlichung andeutet. Wenn Troll-Sein implizit eine Vermännlichung ausdrückt, ließe sich argumentieren, dass damit eine Re-Maskulinisierung des Internetraumes erfolgt, wie sich bei unserem Blog www.streit-wert.boellblog.org zeigen lässt, auf dem eine profeministische Debatte bzw. ein Dialog durch Maskulinisten und in diesem Fall Trolle gestört wurde.

Was ist der Streit Wert?

Auf dem Debatten-Blog des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus und Geschlechterdemokratie sollen in regelmäßigen Abständen Online-Debatten zu feministischen und geschlechterdemokratischen Themen ermöglicht werden.

2010 wurde das im selben Jahr veröffentliche, grüne Männermanifest «Nicht länger Macho sein müssen», das sich gegen traditionelle Männlichkeitskonzepte sowie hegemoniale Männlichkeit wendet und sich für vielfältige Verständnisse von Männlichkeiten einsetzt (in diesem Sinne profeministisch ist), zum Ausgangspunkt für eine Debatte gewählt.

Alle abgegebenen Kommentare wurden zunächst überprüft und Beiträge, die nicht den Kommentarregeln entsprachen bzw. die Debatte zu unterminieren versuchten, mit einem entsprechendem Hinweis an den/die Kommentator/in, gelöscht. Dieses Vorgehen hat den Ruf nach Zensur innerhalb der Kommentator/ innen, dessen bzw. deren Kommentare gesperrt wurden, schnell laut werden lassen, was sie jedoch nicht daran hinderte, weiter zu kommentieren. 15 Blogbeiträge haben sich entweder politisch-pragmatisch oder wissenschaftlich-dekonstruktivistisch queer mit aktueller Männerpolitik auseinandergesetzt. Insgesamt gibt es 360 freigeschaltete Kommentare (exklusive Pingbacks) und ungefähr 150 sind von der Moderation gelöscht worden. Von Anfang an war klar, dass besonders mit Kommentaren von Seiten sogenannter Männerrechtler/innen zu rechnen ist, da Online-Foren und Blogs wichtige Diskussions- und Vernetzungsmedien der «neuen» Männerrechtler/innen bzw. Maskulinisten sind.viii Unter Männerrechtler/innen bzw. Maskulinisten ist in diesem Zusammenhang ein Zusammenschluss antifeministisch und zu Teilen misogyn skandalisierender Personen zu verstehen. Eine kleine statistische Erhebung hat gezeigt, dass 46% aller freigeschalteten Kommentare tendenziell antifeministisch waren, während nur 39% als tendenziell profeministischix zu bezeichnen sind, der Rest verhält sich nach dieser Kategorisierung eher neutral.

Das scheint den ersten Eindruck zu bestätigen, der entstehen kann, wenn die Kommentare auf dem Blog gelesen werden: Man ist umgeben von Menschen, die eine Revitalisierung von tradierten Rollenbilder proklamieren. Interessant jedoch ist, dass neun von 54 Benutzer/innen 78% aller freigeschalteten Kommentare geschrieben haben. Von diesen neun vertreten fünf eine tendenziell antifeministische, in dieser Hinsicht eher maskulinistische Haltung, drei argumentieren tendenziell profeministisch, eine Person argumentiert eher ausgleichend.

Nach Betrachtung der Zahlen kann man feststellen, dass von den 78% «nur» 42% Männerrechtler/innen zuzuordnen sind. Profeministische Kommentator/ innen haben 40% und die nicht zuzuordnenden Personen 18% der Kommentare abgegeben. Diese Zahlen spiegeln zunächst ein ausgewogenes Verhältnis wieder.

Tatsächlich wurde der öffentliche Raum, der geschaffen wurde, um Männerpolitiken vielfältig und kritisch zu diskutieren, vornehmlich genutzt, um das Gegenteil zu praktizieren. Mit langen, sich ständig wiederholenden antifeministischen Pseudo-Argumenten, die eine produktive Diskussion unmöglich machten, wurde die Kommentar-Debatte in eine Richtung gelenkt, die der Vielfalt der eigentlichen Debattenbeiträge nicht gerecht wurde. Was positiv hervorzuheben ist und eher selten in feministischen Räumen im Internet vorkommt, ist, dass es nur zwei (Troll-)Kommentare mit sexistischem und rassistischem Inhalt gab. Sie wurden gelöscht.

Wie ist Trollen beizukommen? Einige Gegenstrategien

Grundsätzlich kann jedes Forum, jeder Blog, jede Internetseite, die Nutzer/ innen die Möglichkeit der Kommunikation untereinander bietet, von Trollen besucht werden; nicht selten jedoch sind es die «verletzbaren» Netzwerke. Diese stehen/standen in dem Zwiespalt zwischen den eingeforderten demokratischen Prinzipien von Rede- und Meinungsfreiheit und dem Bedürfnis eines sicheren, aber dennoch zugänglichen Raums für Interessierte. Gesperrte Kommentare werden dann sofort mit Zensur gleichgesetzt. Der deutschsprachige Blog www.maedchenmannschaft.net hat mehr als 1.600 dieser nicht freigeschalteten Kommentare zu verzeichnen, die meist sexistischer Natur sind.x

Ein anderes probates und mittlerweile oftmals praktiziertes Mittel, Trollen Einhalt zu gebieten, ist die Nutzung der Freischaltfunktion von Kommentaren. Bevor ein Kommentar online geht und somit in die Debatte einfließen kann, muss er von eine/r Administrator/in gelesen und bewertet werden.xi Kommentarregeln bzw. die viel beschworene Netiquette sind mittlerweile ebenfalls Standard, stellen jedoch in keiner Form eine technische Hürde für Trolle dar. Eine Strategie ganz anderer Art ist die Monetarisierung der Troll-Kommentare. Dabei wird eine Webseite geschaltet, auf der Troll-Kommentare anonym gepostet werden. Die Einnahmen aus der auf der Seite geschalteten Werbung können dann genutzt werden, um sonst minorisierte Projekte finanziell zu unterstützen. Zwar hilft das nicht zwingend, die Kommunikationskultur zu verbessernxii, doch könnte es Teil einer «größeren», noch zu entwerfenden Strategie sein.

Wie wichtig das Nachdenken über Gegenstrategien ist, hat die letztjährige re:publica10 gezeigt. Hilflos standen dort die Administrator/innen sexistischen Kommentaren im Livechat gegenüber. Bei dem Panel «Das andere Geschlecht - Sexismus im Netz"xiii wurde über Sexismus im Netz gesprochen und im Livechat, der zum Livestream gehörte, Sexismus im Netz praktiziert. Hier zeigte sich, wie schnell eine Online-Diskussion (zer)stört werden kann, und, dass Sexismus im Netz keine Randerscheinung ist. Der viel beschworene Freiheitsraum Internet als Spielplatz für verschiedene Online-Identitäten scheint sich hier zu verkehren in einen Ermöglichungsraum für Restriktionen.

Die Hoffnung, die sich mit der Sichtbarmachung von hinter Namen vermuteten Identitäten verbindet, ethisches Handeln und verantwortlichen Umgang mit Kommunikation und Sprache hervorzubringen, wird durch diejenigen ad absurdum geführt, die überhaupt erst durch die Techniken des Cyberspaces hervorgebracht wurden. So ermöglicht das Internet, eine temporäre Online Identität anzunehmen, auf deren Konstrukt man sich für einen bestimmten Zeitraum berufen kann. Eben jenen diversen Identitätskonstruktionen bietet das Internet mit seinen Möglichkeiten enormen Vorschub, die sich dann in ganz verschiedenen Communities wiederfinden - was im Sinne einer performativen Ausgestaltung von Gesellschaft nicht zwingend negativ zu bewerten ist. Jedoch setzt sich, wie Peter Weibel es formulierte, konservatives Gedankengut durch.xiv

Somit bleibt das Internet ein heteronormativer und in dieser Hinsicht stark konfigurierter Raum. Die Kategorie «sex» bzw. «gender» pendelt z.B., vor allem in Online-Formularen, immer zwischen männlich und weiblich.

Der viel beschworene Begriff der Medienkompetenz wird in Zukunft nicht an Bedeutung verlieren, denn kommunikative, kooperative, transkulturelle und soziale Kompetenzen sind von Nöten, um das Netz von heute in ein Netz von morgen zu führen - ein Netz, in dem eine Diskussions- und Wissenskultur Einzug hält, die das Individuum und die Gemeinschaft schätzt und frei von Geschlechterstereotypen, Homophobie und Rassismus ist. Unterstützen kann dies auch eine partizipative technische Weiterentwicklung des Netzes. Nicht nur Wissen und Content kommen von Vielen, sondern auch die technischen Grundlagen; Open-Source-Projekte gehen hier mit gutem Beispiel voran. Trolle werden sich auch im Internet der Zukunft tummeln. Vielleicht wird ihnen das Leben aber durch die Entschlossenheit der Nutzer/innen, die Bildung neuer (größerer) Öffentlichkeiten für Themen jenseits des Mainstreams und einem daraus folgenden sozialen Druck in Zukunft schwerer gemacht.

Endnoten:
i Blogcharts 01/2011 - von 100 aufgeführten Blogs sind weniger als 5 fünf Frauen.
ii Die Geschlechterdimension von Weblogs: Inhaltsanalytische Streifzüge durch die Blogosphäre von Franka Hesse (Bochum) (PDF)
iii Forschungsgruppe Wahlen: E.V.: Internet-Strukturdaten - Repräsentative Umfrage - IV. Quartal 2010 (PDF)
iv taz.de: Wissen für alle, aber nur von Männern (v.02.02.2011);
Zeit Online: Frauen im Netz - Sag doch auch mal was (v.07.02.2011);
Spiege Online: Männer schreiben die Wikipedia voll (v.02.02.2011)
v Siehe die Blogcharts 01/2011, wo dieses Themenspektrum vergeblich gesucht werden kann.
vi Susan Herring: Searching for Safety: Managing a "Troll» on a feminist Discussion Board. In: The Information Society. 18, Nr. 5, Routledge, 2002, S. 371-384.
vii In der Regel spricht man im Internet nur von Trollen, selten von Trullas, die weibliche Form.
viii Thomas Gesterkamp: Geschlechterkampf von rechts. Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren, Bonn 2010, S. 8.
Leider fehlen bisher genaue Untersuchungen zur Vernetzung von Männerrechtler/innen im Internet.
ix Es sei darauf hingewiesen, dass es mehr als eine Strömung des Feminismus gibt, so dass die Einteilung zwischen pro- bzw. antifeministisch in diesem Rahmen nur allgemein sein kann.
x Mädchenmannscht: Sexismus im Netz – ein ganz alltäglicher Kampf und „Ihr durchtriebenen, miesen Fotzen!“
xi Susan Herring verweist darauf, dass Gruppen, die besonders für Trolle und Belästigungen bzw. Bedrohungen «anfällig» sind, von einer strikten, zentralisierten Moderation profitieren.
xii Diese Idee wurde auf dem letztjährigen genderCamp2010 diskutiert: Trolle monetarisieren… praktiziert: Monetizing The Hate
xiii Piratenweit: re:publica – se:xisticum … ; Antje Schrupp: Zwei, drei Gedanken zum Panel „Sexismus im Netz“; re:publica 11
xiv taz.de: "Das Monopol brechen" (v.02.02.1011)

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Der Text ist ein Beitrag zu Digitale Intimität, die Privatsphäre und das Netz - #public_life herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung (Berlin, April 2011)

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