Schluss mit der Geringschätzung

Nicht nur als Altenpfleger_innen erfahren Menschen, die sich kümmern, Diskriminierung
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Nicht nur als Altenpfleger_innen erfahren Menschen, die sich kümmern, Diskriminierung

Es gibt sichtbare und unsichtbare Krisen. Wie die Arbeit, die unsichtbar im Haus geleistet wird, ist die Krise der sozialen Reproduktion nicht täglich in den Nachrichten. Sie betrifft jedoch Alltags-und Lebenswelten existentieller als Börsenkurse.

Die Gesellschaft, die an der Oberfläche immer fitter und effizienter wird, geht  am Rollator: Es fehlt an Kitas, Burnout ist eine Volkskrankheit, frisch Operierte sollen im trauten Heim gesunden, Marginalisierte werden durch Tafeln verköstigt, immer mehr Alte brauchen Hilfe im Alltag. Der Pflege-und Betreuungsbedarf ist ein Fass ohne Boden. Wer kümmert sich? Wer legt Hand an, personen- und hautnah, wer versorgt?

Die Politik bemüht sich um ein kostengünstiges Management der Probleme oder aber um eine Verschiebung aus dem Öffentlichen ins Private. Dies geschieht mithilfe a) der Familiarisierung oder Ver«ehrenamt »lichung von Pflege und Betreuung, für die rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen vom Betreuungsgeld bis zur Pflegeversicherung geschaffen und auf Frauen zugeschnitten werden, b) durch die Legalisierung der zirkulären Migration von osteuropäischen Altenpflegerinnen. Diese politischen Maßnahmen haben gemeinsam, dass sie preiswerte und private Formen der Problembewältigung sind, die Betreuung und Pflege als individuelle Dienstleistung, bezahlt oder unbezahlt, nicht aber als Angelegenheit des Gemeinwohls und des Solidarprinzips verstehen.

Auf dem Markt wird die Krise der sozialen Reproduktion dadurch verschärft, dass die Sorgearbeit so billig und so effizient wie möglich sein muss. Deshalb wird zum Beispiel die Altenpflege in Module und Akkord gepresst. Die Proteste und Streiks von Kita-Beschäftigten und angestellten Lehrer/innen, von Alten- und Krankenpfleger/innen sind Alarmsignale, dass es nicht so weitergehen kann mit der Geringschätzung und Geringentlohnung dieser Arbeit und mit dem Diktat der Effizienz. Denn sie machen Qualitätsversorgung mit Menschlichkeit unmöglich.

Transnationale Sorgeketten sind ebenfalls eine widersprüchliche und zudem imperiale Form, soziale Reproduktion zu organisieren. Wenn die globalen Mittelschichten die notwendige Sorgearbeit an sozial schwache, migrantische Arbeitskräfte verlagern, geht dies auf Kosten anderer. Denn wo in Deutschland durch Migration ein Zugewinn an Sorgekapazitäten erfolgt, entsteht auf den Philippinen oder in der Ukraine eine Versorgungslücke. Ohne a) eine massive Umbewertung von Sorgearbeit durch Aufwertung als sozial existenzsichernde Arbeit und Entprekarisierung und b) eine Umverteilung zwischen den Geschlechtern und zwischen dem Öffentlichen und Privaten kann es keine strukturelle und dauerhafte Lösung der Krise sozialer Reproduktion geben.

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Wohin mit Vater und Mutter? Drei Autoren, drei Standpunkte: Wie die Pflege von Angehörigen zum Wohle aller in Zukunft gestaltet werden kann. Neben Christa Wichterich erläutern Hannelore Buls ("Mehr professionelle Pflege bitte!") und Thomas Birk ("Selbstbestimmt in einer Wohngemeinschaft") ihre Standpunkte.

 
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Böll.Thema 2/2013

Wie frei bin ich? Schwerpunkt: Lebensentwürfe in Bewegung

Unser aktuelles Magazin liefert Analysen, Denkanstöße und praktische Vorschläge, wie für die eigenständige Existenzsicherung politische und gesetzliche Weichen gestellt werden können. Mit Beiträgen von Barbara Unmüßig & Susanne Diehr, Uta Meier-Gräwe, Heide Oestreich, Astrid Rothe-Beinlich, Götz Aly, Julia Friedrichs, Chris Köver, Ulrike Baureithel u.v.a.