Verschärfen sich Geschlechterungleichheiten in der Krise?

Verschärfen sich Geschlechterungleichheiten in der Krise?

Fußgängerweg: Text mit Kreide "Suche Lohnarbeit"
In der gesamten Europäischen Union ist festzustellen: Je jünger die Beschäftigten sind, desto höher sind die Beschäftigungsverluste während der Krise — Bildnachweise

Es handelt sich um einen stark gekürzten und überarbeiteten Auszug von Scheele, Alexandra (2013): Geschlechterdemokratie: Kein Thema in der politischen Krisenbewältigung? In: Nickel, Hildegard M./Heilmann, Andreas (Hg.). Krisen, Kritik, Allianzen. Arbeits- und geschlechtersoziologische Perspektiven (Reihe „Arbeitsgesellschaft im Wandel“). Weinheim: Beltz Juventa, S. 86-100.

Der Begriff der „Krise“ ist durch seine inflationäre Verwendung (Ölkrise, Geburtenkrise, Demografiekrise, Sozialstaatskrise etc.) zu einem Platzhalter geworden, der durch sein Bestimmungswort zwar deutlich macht, welcher Gegenstand sich nun in einer Krise befindet, nicht aber, was genau die Einordnung als „Krise“ begründet. Handelt es sich nur um eine negativ konnotierte (und von daher zwingend problematische) Ansammlung kritischer Situationen oder auch um einen Wendepunkt, der einen notwendigen gesellschaftlichen oder politischen Wandel markiert? Zudem zeigen bereits die Beispiele, dass die einzelnen Krisen nicht klar voneinander abzugrenzen, sondern eng miteinander verwoben sind. Die Sozialsysteme vieler Länder in Europa befanden sich zum Beispiel bereits vor der im Jahre 2008 beginnenden Finanz- und Wirtschaftskrise in einer Finanzierungskrise. Als deren Ursache wurde insbesondere das niedrige Wirtschaftswachstum, die hohe Erwerbslosigkeit, die zu sinkenden Einnahmen und steigenden Ausgaben führte, sowie der demografische Wandel gesehen und insbesondere die Alterung der europäischen Gesellschaften und die damit einhergehenden steigenden Aufwendungen in der Altersvorsorge und in den Bereichen Gesundheit und Pflege . Ähnliches gilt nun für die seit 2007/2008 virulente Finanzmarktkrise, die sich zu einer Wirtschaftskrise, einer Euro-Krise und mittlerweile zu einer EU-Krise entwickelt hat – oder umgekehrt den Kumulationspunkt markiert, „an dem krisenhafte Entwicklungen in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen […] in systemische Funktionszusammenbrüche umschlagen, die nur noch durch ihre Verschiebung […] in andere Teilbereiche (Fiskalkrise, Krise der politischen Repräsentation) bzw. durch ihre räumliche (an die EU-Semiperipherie) und zeitliche (z.B. ‚Rettungsschirme‘) Verlagerung […] aufgefangen werden“ (Nickel 2012, 7). Nickel zufolge werden diese unterschiedlichen Krisendimensionen „auf der subjektiven Ebene als gesamtgesellschaftliche Krise wahrgenommen, die sich um die gesellschaftliche Re-/Organisation von Arbeit zentriert“ (ebd.). Im Folgenden werde ich die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Wirtschaftskrise und der nachfolgenden Austeritätspolitik auf den Arbeitsmarkt und Dimensionen sozialer Ungleichheit in Europa skizzieren.

Nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers und den ersten wirtschaftlichen Einbrüchen in vielen Ländern Westeuropas und in den USA wurde die Frage aufgeworfen, ob die Krise „ein Geschlecht habe“ (Scheele 2009). Diese Frage bezog sich zunächst nur darauf, ob Frauen und Männer unterschiedlich stark vom Arbeitsplatzabbau in den einzelnen Ländern betroffen sind und inwieweit die wirtschafts- und arbeitsmarktpolitischen Interventionen der einzelnen Regierungen diese Ungleichheiten abbauen oder verstärken. Weiterhin wurde gefragt, inwiefern politische Maßnahmen zur Bekämpfung der Krisen „eine direkt oder indirekt geschlechterdiskriminierende Wirkung haben, z.B. durch die einseitige Förderung von industrieller Produktion oder ob sie sich zeitversetzt zum Nachteil von Frauen auswirken, z.B. wenn im Zuge von Haushaltskonsolidierungen Einsparungen im öffentlichen Dienst stattfinden“ (Kurz-Scherf/Scheele 2013, S. 8). Es ging also zunächst mehr oder weniger um eine Krisenfolgenabschätzung, wenngleich diese in Zusammenhang mit der strukturellen Verfasstheit von Arbeit, Ökonomie und staatlichen Handeln gestellt wurde und z.B. in der bundesdeutschen Krisenpolitik ein geschlechterpolitischer Konservatismus identifiziert wurde. Darüber hinaus wurde allerdings auch gefragt, welche Bedeutung Geschlechterstereotypen und Geschlechterasymmetrien sowie hegemoniale Konstrukte von Männlichkeit und Weiblichkeit in diesem Kontext haben,

War es zu Beginn der Krise nur möglich, diese Fragen im Sinne einer „Checkliste“ für die politischen Akteure zu formulieren (vgl. z.B. Walby 2009, EWL 2009), zeigt sich nun, dass „Geschlecht“ tatsächlich eine Rolle spielt – allerdings andere Ungleichheitsdimensionen ebenfalls eine Rolle spielen:  EU-weit ist zwar das Gender Gap in der Beschäftigungsquote in den Krisenjahren 2008 bis Anfang 2012 um mehr als drei Prozentpunkte von 14.1% auf 10.9%  zurückgegangen (Bettio u.a., 2012, S. 10). Dies sollte jedoch nicht als gleichstellungspolitischer Fortschritt interpretiert werden, da es sich dabei offensichtlich um eine Angleichung „nach unten“ handelt. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern ist in diesem Zeitraum gesunken, die Arbeitslosigkeit EU-weit gestiegen und die Einkommen gesunken (Bettio u.a., 2012, S. 32). Bettio u.a. kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass die Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen Frauen und Männer „auf unterschiedliche Weise“ betroffen hat, und deshalb nicht von einem „mehr“ oder „weniger“ gesprochen werden könne (Bettio u.a. 2012, S. 33). Im Unterschied zu vorangegangenen Krisen sind es nicht mehr in erster Linie Frauen, die als Arbeitsmarktreserve fungierten und in Krisenzeiten ihre Arbeitsplätze verlören, sondern vor allen Dingen junge Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen mit befristeten Arbeitsverträgen sowie Migrant_innen. In der gesamten Europäischen Union sei festzustellen: Je jünger die Beschäftigten sind, desto höher sind die Beschäftigungsverluste während der Krise (Bettio u.a. 2012, S. 13). Besonders dramatisch hat sich die Situation für junge Menschen unter 25 Jahren in Spanien und Griechenland entwickelt, wo die Jugendarbeitslosenquote bei über 50% liegt. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO hat deshalb in ihrem jüngsten Bericht zur globalen Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen von einer „verlorenen Generation“ gesprochen (ILO 2012b) und sieht auch in ihrer kurzfristigen Prognose bis 2016 keine Verbesserung, da die Regierungen eine rigide Sparpolitik verfolgten, anstatt Maßnahmen einer aktiven Arbeitsmarktpolitik insbesondere für diese Gruppe auszubauen. Es verwundert damit nicht, dass seit 2008 das Armutsrisiko in Europa angestiegen ist und die Zahl der tatsächlich von Armut betroffenen Personen. Besonders diejenigen Personengruppen, die bereits vor Krisenbeginn zu den gefährdeten bzw. verletzlichen Gruppen gehörten weisen ein erhöhtes Armutsrisiko auf.

Zusammenfassend zeigt sich, dass die Krise und die nachfolgende Austeritätspolitik bestehende Ungleichheiten verschärfen und insbesondere in den südeuropäischen Ländern zu sozialen Verwerfungen führen. So unterschiedlich die aktuelle wirtschaftliche Situation und der Umfang der nationalen Sparprogramme in den europäischen Ländern ist – Deutschland als Krisengewinner, Spanien und Griechenland als Krisenverlierer – so sehr ähneln sich die eingeschlagenen Politikrezepte: Die Konsolidierungsmaßnahmen zur Entlastung der öffentlichen Haushalte zielen vorrangig auf Einsparungen bei den Sozialleistungen, Rentenzahlungen und im öffentlichen Sektor (vgl. auch Bieling 2012, S. 73). Auf dem Arbeitsmarkt führt das nicht nur zu einem Anstieg von Arbeitslosigkeit, sondern auch von unfreiwilliger Teilzeitbeschäftigung – gerade in den Segmenten, in denen Frauen überdurchschnittlich beschäftigt sind. Dieser Verlust an Arbeitsplatzsicherheit wird verstärkt durch die Kürzungen von Leistungen im Falle von Arbeitslosigkeit einerseits aber auch familienpolitischen Leistungen wie Mutterschutzzahlungen oder Elterngeldzahlungen. Die Einschnitte bei den Renten betrifft nicht nur die Gruppe der gegenwärtigen Rentenbezieher_innen, sondern es ist anzunehmen, dass auch die späteren Renter_innen davon noch betroffen sein werden. Das bedeutet, dass diejenigen, deren Erwerbschancen heute stark eingeschränkt werden, kaum Möglichkeiten haben, ausreichend in die staatliche Rentenversicherung einzuzahlen noch privat vorzusorgen – und zudem auch noch befürchten müssen, dass das erreichte Rentenniveau sehr niedrig ist. In Spanien haben die Sparmaßnahmen außerdem dazu geführt, dass erst kürzlich eingerichtete Gleichstellungsinstitutionen wieder geschlossen wurden. Das bedeutet zum einen, dass Unsicherheit zu einer zentralen Dimension der Politik geworden ist: Wer vor der „Krise“ prekär und unsicher beschäftigt war, ist nun auch in besonderem Maße von Arbeitsplatzabbau und einer Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen in der Krise betroffen. 


Literatur

Bieling, Hans-Jürgen, 2012: Transnationale (Krisen-)Dynamiken des Finanzmarktkapitalismus. Klassenverhältnisse, Gender und Ethnizität aus politökonomischer Perspektive. In: Berliner Journal für Soziologie H. 22, S. 53-77.

Eurostat, 2012: European Union Labour Force Survey – Annual results 2011. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_OFFPUB/KS-SF-12-040/EN/KS-SF-12-040-EN.PDF [30.01.2013]

EWL, 2009: Women, the Financial and the Economic Crisis – the Urgency for a Gender Perspective. September 2009. Download unter: http://www.womenlobby.org/site/1abstract.asp?DocID=2598&v1ID=&RevID=&nam...

Bettio, Francesca/Corsi, Marcella/D’Ippoliti, Carlo/Lyberaki, Antigone/Samek Lodovici/Verashchagina, Alina, 2012: The Impact of the Economic Crisis on the Situation of Women and Men and on Gender Equality Policies. Synthesis Report for the European Commission, Directorate-General for Justice; Unit D2, November 2012. Download unter: http://ec.europa.eu/justice/gender-equality/files/equal_economic_independence/crisis_report__dec_2012_en.pdf [26.12.2012]

ILO, 2012b: Global Employment Trends for Youth 2012. http://www.ilo.org/wcmsp5/groups/public/---dgreports/---dcomm/documents/... [17.1.2013]

Kurz-Scherf, Ingrid/Scheele, Alexandra (Hg.), 2013: Macht oder ökonomisches Gesetz? Zum Zusammenhang von Krise und Geschlecht. Münster: Westfälisches Dampfboot,  S. 7-19.

Nickel, Hildegard, 2012: Die „große Transformation“ als Krise des Arbeits- und Geschlechterregimes. In: Arbeits- und Industriesoziologische Studien, 5. Jg., H. 1, Mai 2012, S. 5-16.

Scheele, Alexandra 2009: Hat die Wirtschaftskrise ein Geschlecht? In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 54. Jg., H. 3, S. 26-28

Walby, Sylvia, 2009: Gender and the Financial Crisis. Paper for UNESCO project, 9. April 2009. Download unter: http://www.lancs.ac.uk/fass/doc_library/sociology/Gender_and_financial_c...

Verwandte Inhalte

  • Gleichstellungsprojekt Europa?

    Die EU hat in den letzten Jahrzehnten bei der Gleichstellung der Geschlechter Fortschritte gemacht, doch es gibt noch viele Herausforderungen. Die nächsten Europawahlen werden zeigen, ob das „Gleichstellungsprojekt Europa“ fortgesetzt und verbessert werden kann oder ob die meist konservativen oder rechtspopulistisch bis rechtsextremen Kräfte, die sich gegen eine emanzipative Gleichstellungspolitik wenden, Überhand gewinnen werden.

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben