Regretting fatherhood. Wenn der distanzierte Vater noch immer die Norm ist

Regretting fatherhood. Wenn der distanzierte Vater noch immer die Norm ist

Feministischer Zwischenruf

Dass es Frauen gibt, die ihre Mutterschaft bereuen, bewegt die Öffentlichkeit immer noch. Wo ein Muttermythos, da ein an den Rand gedrängter Vater. Regretting fatherhood – Fehlanzeige.

Vaterliebe gilt nach wie vor als Glücksfall. — Bildnachweise

Dass es Frauen gibt, die ihre Mutterschaft bereuen, bewegt die Öffentlichkeit immer noch. Die entsprechende Studie erschien nun auf Deutsch, deutsche Forscherinnen haben zudem nachgelegt und das Phänomen auch hierzulande erkundet. Nun wird wieder gestaunt, verstanden, problematisiert und geschimpft. Der Muttermythos, der die Frauen fertig macht, wird zu Recht beleuchtet und kritisiert. Weniger aber seine Kehrseite. Wo ein Muttermythos, da ein an den Rand gedrängter Vater. Regretting fatherhood – Fehlanzeige.

Nun kann man sagen, das Phänomen Regretting fatherhood existiert eben nicht, weil es ja auch keinen aufgeladenen Vatermythos gebe. Das stimmt aber nicht ganz. Denn Rollenerwartungen gibt es auf jeden Fall. Und die sind sogar noch um einiges anspruchsvoller geworden, seit wir entdeckt haben, dass Väter im Leben ihrer Kinder genauso präsent sein sollten wie Mütter. Der Anspruch, dass der Mann eine Familie ernähren können muss, ist nämlich im Gegenzug keinesfalls weggefallen. Die deutsche Durchschnittsfamilie baut auf ein volles Gehalt des Vaters, damit die Mutter in Teilzeit gehen kann. Diese doppelte Rollenanforderung kann durchaus auch einem Mann zu viel werden, ähnlich wie es die zahllosen Erwartungen an die Mutterschaft sind.

Heide Oestreich ist Redakteurin der taz, die tageszeitung und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewußte Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

Die Bindungslosigkeit bereuen

Der große Unterschied: Väter, die die Familiengründung bereuen, fallen kaum auf. Ihre Vaterliebe gilt nach wie vor als Glücksfall. Ein distanzierter Vater ist zwar nicht erwünscht, gilt aber immer noch als unvermeidliches Schicksal. Das heißt, Väter, die ihre Vaterschaft bereuen, haben Mittel und Wege, den Kontakt zu den Kindern auf ein Minimum zu reduzieren. Der Papa muss halt so viel arbeiten. Und ihnen steht zudem offen, ganz aus der Familie zu verschwinden – und die Kinder bei der Mutter zurück zu lassen. Über 2 Millionen alleinerziehende Mütter gibt es in Deutschland. Der zugehörige Vater kann aus einem Menü wählen: Kinder gar nicht mehr sehen, Kinder ab und zu an Spaßwochenenden treffen oder mehr Verantwortung übernehmen – alles frei verhandelbar.

Mit anderen Worten: Männer können vor Rollenanforderungen fliehen, Frauen nicht. Männer brauchen ihre Vaterschaft gar nicht zu bereuen, sie können sie nämlich auf ein Minimum begrenzen.  

Sie wird im Regelfall nicht ihr Leben dominieren, ihre Berufsausübung unmöglich machen, sie zu unbezahlten 24/7 Reinigungs- und Betreuungskräften umschulen und ihre Nerven ruinieren bis sie reif sind fürs Muttergenesungswerk. Allerdings bleibt eine letzte Frage. Denn Väter mögen sich zwar absentieren, aber Väter bleiben sie doch. Sie haben Kinder. Zu denen sie nur eine dünne oder gar keine Beziehung aufgebaut haben. Sie brauchen ihre Vaterschaft nicht zu bereuen, aber ihre Nichtvaterschaft ist ebenso eine unwiderrufliche Tatsache. Regretting fatherhood, das wäre also das Bedauern darüber, dass sie eine Vaterschaft nicht gelebt haben, die Probleme ihrer Kinder nicht ein Leben lang verfolgt haben, deren Hochs und Tiefs nicht mitempfunden, eine Bindung nicht aufgebaut haben. Aber Menschen brauchen eben auch Bindungen.  Und sie leiden, wenn sie keine haben.

Nun gibt es aber doch schon die neuen Väter, die für ihre Kinder genauso da sind wie die Mütter. Und die die Entscheidung vielleicht bereuen, aber das Familienschiffchen keinesfalls verlassen wollen. Mögen diese Eltern, Mütter oder Väter, ein Arrangement finden, das sie ihre Entscheidung, die sie nun bereuen, leichter tragen lässt. Mehr Betreuung, eine Putzfrau, versuchen, die Arbeitszeit zu reduzieren oder sogar mit anderen Familien zusammenziehen, um die Betreuung zu teilen. Das Eingeständnis, dass etwas nicht so gelaufen ist, wie man dachte, kann da einige Kräfte frei setzen. 

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    Von Heide Oestreich

2 Kommentare

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Alice

Aber die Putzkraft, die zur Entlastung der egalitären Familie beiträgt, ist dann doch noch ganz klar weiblichen Geschlechts?

Jennifer Hueber

Im Rahmen meiner Masterarbeit (Psychologiestudium) führe eine Umfrage zum Thema "Unzufriedenheit mit der Vaterrolle" durch. Für weitere Informationen bzw. eine Teilnahme http://regretting-fatherhood.jimdo.com/ besuchen

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