Und der Po fliegt

Twerk 2 resist - aufgesprüht auf einer MauerPopowackeln (Twerking) als Widerstandsform queerer Blackness. Urheber: Tom Woodward. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Die Wieder-Entdeckung queerer Blackness durch Niv Acostas Performance "Discotropic". 

Eine Performance, die Science Fiction, Disco, Astrophysik, queere Körper und schwarze Erfahrungen vermischt. KWEEK. Der queere Zwischenruf.

Es wird etwas gekommen sein, das als die Zukunft der Vergangenheit seinen Anfang genommen hatte und uns die gegenwärtige Krise des Postkolonialismus vor Augen führt. What? Nochmal anders: Wenn wir dachten mit dem ‚post’ hätten wir den Kolonialismus überwunden, werden wir andauernd eines Besseren belehrt. Und trotzdem: Was in der jüngsten Vergangenheit als zartes Pflänzlein hoffnungsstiftend war, wird eine Zukunft haben. Zumindest bald und zwar in einem kleinen Off-Theater in Berlin. Im Rahmen des Berliner Festivals „Tanz im August“ führt Niv Acosta „Discotropic“ auf. Eine Performance, die Science Fiction, Disco, Astrophysik, queere Körper und schwarze Erfahrungen vermischt, um Zeiten implodieren und pop-kulturelle Referenzen verschmelzen zu lassen. Das macht schon in der Vorschau Lust auf die Zukunft.

Urheber: GWI. Alle Rechte vorbehalten.Das Stück tritt an, um die Zukunft schwarzer Weiblichkeit in der Geschichte des Sci-Fi Genres zu problematisieren. Marginalisierende Darstellungen schwarzer Frauen in populären Technologie-Fiktionen der Vergangenheit werden einer Prüfung unterzogen.

Aber es geht nicht nur um die Kritik an vergangenen Zukünften, sondern um eine Vision. Inmitten der gegenwärtigen Krise diasporischen Zusammenlebens angesichts der Gewalt gegenüber Afro-Amerikaner*innen, Geflüchteten oder Menschen islamischen Glaubens werden Angst und Hass an die Wand getanzt. Wenn Acosta bezüglich des Entstehens von „Discotropic“ sagt: „I was thinking about universes, suns, how planetary formations are created, of how stars collapse when they create new systems“, spricht er nicht nur über eine Neuanordnung des intergalaktischen Systems, sondern die Erschaffung eines ‚outer space’ für Black Queers im Moment ihrer Bedrohung und Zerstörung. Das Massaker in Orlando ist unvergessen. 

Sci-Fi-Formate waren und sind weiterhin vornehmlich weiß. Tritt schwarze Weiblichkeit auf, wird sie, wie das Beispiel Diahann Carrolls im Fernsehfilm „Star Wars Holiday Special“ (1978) zeigt, zur holografischen Fantasie von Meerjungfrau und Alien degradiert.

Einen Kontrapunkt zu dieser Mischung aus Idealisierung und Exotisierung bildet allein schon Niv Acostas Verkörperung queerer schwarzer Weiblichkeit. Sein schwerer und sich manchmal wenig graziös drehender Körper ist präsent und gleichzeitig fantastische Verheißung.

Arschtritt in den Fortschritt

Im Tanzstück erobern sich die Performer*innen dann schließlich durch den Stil des Twerkings nicht nur ihre Körper zurück, sondern ihre Sexualität.

Ähnlich wie Beyoncé als Meerjungfrau in ihrem Video-Film zu ihrem aktuellen Album aus dem Aquarium schwimmt, um später mit Serena Williams „cocky fresh“[1] zu bouncen, schütteln sich die Körper lasziv und eignen sich mit ruckhaften Bewegungen den Bühnenraum an. Mit der Virtuosität des sich im Hüftschwung verselbständigenden Fleisches und der zerstreuten Einheit des wackelndes Pos wird die rassistische Fantasie, die sich einst in Bildern der ausgestellten Hottentotten Venus brutal materialisierte, umgedeutet. Statt exponierter Exotik geht es hier um die dynamische Verkörperung einer Zeitlichkeit, die aus dem Rahmen fällt. So wie das Gesäß in alle Richtungen fliegt, fliege ich mit und zwar nicht nach vorn, sondern beständig durch das Raster normativer Zeit.

Zeit nach westlichen Maßstäben zerfällt in den sich zergliedernden Bewegungen des Hinterns. Twerking als Arschtritt in den Fortschritt. Das ist für das Konzept des Afrofuturismus, das Vorlage für die Performance bildet, typisch. Visionen des Fortschritts im globalen Komplex der Zukunftsindustrie, die Schwarzsein immer als Scheitern betrachtet haben, werden im Afrofuturismus einer Kritik unterzogen. Blackness wird nicht länger mit vorzivilisierter Anarchie oder Rückwärtsgewandtheit assoziiert. Mit der Aneignung von Sci-Fi  beziehungsweise mit der Eroberung anderer Galaxien wird eine schwarze Zukunft möglich, ohne in die Effekte weißer, liberaler Subjektivität zu investieren (Weheliye 2002).

Leidige weiße Machbarkeitsfantasien

Das sich der Kontrolle entziehende Fett des schwingenden Hinterteils beim ‚twerk’ erscheint mir als rotzfreche Antwort auf weiße Machbarkeitsfantasien, die sich im posthumanistischen Diskurs unter den Schlagworten Rationalismus, Transparenz und Wahrheit tummeln. Wer schon mal versucht hat, den Hintern zu schnellen Beats wackeln zu lassen, weiß, was ich meine: Es ist der Arsch, der den Ton angibt, beim Versuch sich zur Musik zu attunen.

Von dort aus weiter zu denken, heißt auch, die queere Seite des Afrofuturismus zu verstehen. Die taktile und sinnliche Wieder-Entdeckung queerer Blackness in den Fantasien zukünftiger Technologien fängt beim Gesäß an.

 

[1] Beyoncé bezeichnet “cocky fresh” als eine schwarze feministische Ästhetik, die das genussvolle Vergnügen zum Ausdruck bringt, im Besitz der Sexualität zu sein, die gewöhnlich für Männer reserviert ist.

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