Freundschaft wider die Feindschaft

Freundschaft wider die Feindschaft

Sabine Hark und Ines Kappert im Gespräch mit Christina Thürmer-Rohr – Urheber/in: Stephan Roehl. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

"Die Freundschaft zur Welt nicht verlernen" – mit diesem Gedan­ken, in dem sich zugleich eine Hoffnung und eine Herausforderung verbirgt, beendete Christina Thürmer-Rohr unser Gespräch, in dem wir die Vor- und Nachteile des Begriffs der Feindschaft im politi­schen Denken gegeneinander abwogen. Sollten wir die Kategorie der Feindschaft wieder anwenden? Das war unsere Ausgangsfrage. Immerhin erleben wir dieser Tage weltweit eine Intensivierung has­serfüllter und demokratiefeindlicher Politiken. Auch in Deutschland steigt die Zustimmung zu sexistischen, rassistischen und homo­phoben Werten stetig, wie zuletzt die Leipziger Studie Enthemmte Mitte zeigen konnte (Decker/Kies/Brähler 2016), und es findet sogar eine Rückkehr völkischen Denkens statt, das wesentlich vom Freund-Feind-Gegensatz bestimmt ist. Christina Thürmer-Rohr fand am Ende jedoch, dass uns das Konzept der Täter- bzw. Mittäterschaft größere Denk- und Handlungsräume eröffnet – liege hier der Akzent doch auf den Taten und nicht auf einem wie auch immer verstan­denen Sozialcharakter von Personen oder Gruppen. Der Feindschaft setzt sie die Freundschaft zur Welt entgegen. Und das, obwohl sie aus dem schrecklichen 20. Jahrhundert kommt, mit seinen "Vor- und Ein­übungen in die Gegenwart, die kaum eine menschliche Phantasie sich bis dahin auszudenken getraut hat" (Thürmer-Rohr 1987: 21), wie sie schon vor nunmehr dreißig Jahren im ersten Essay ihres sicher meist- und kontrovers diskutierten Buches Vagabundinnen (1987) schrieb. Trotz all der Grausamkeiten und Kollaborationen die Freundschaft zur Welt nicht zu verlernen, das sei nicht nur eine Herausforderung, sondern geradezu eine Provokation, – und auch deshalb schien ihr der Titel dieses Band zu gefallen.

Um zu verstehen, wohin wir wollen, müssen wir verstehen, woher wir kommen. Das Konzept der Mittäterschaft, erstmals 1983 in den beiträgen zur feministischen theorie und praxis publiziert und wenige Jahre später mit dem Essayband Vagabundinnen einer größeren femi­nistischen Öffentlichkeit zugänglich geworden, schüttelte die unter­schiedlichen feministischen Szenen der 1980er Jahre durch. Fast alle Autor*innen in diesem Band sprechen davon, wie sie davon affiziert, inspiriert, aber auch irritiert und zum kritischen Widerspruch ange­stachelt wurden. Bei Schwarzen Feminist*innen hatte die von wei­ßen Frauen vielfach für sich reklamierte Unschuldsvermutung ohne­hin zumindest Kopfschütteln hervorgerufen, doch bei vielen weißen Feminist*innen durchkreuzte das von Christina Thürmer-Rohr ana­lysierte systematische Mittun der Frauen* an Patriarchat und Nati­onalsozialismus sicher geglaubte Schutzräume. Die Wut, Empörung und kreative Unruhe waren daher groß. Bis heute ist der Gedanke, dass Frauen* an patriarchaler Gewalt mitgetan haben und mittun, geeignet, Verstörung und Abwehr auszulösen. Das machte die Dis­kussion anlässlich der Premiere des Films von Gerd Conradt über Christina Thürmer-Rohr, anfangen (2014), in der Heinrich-Böll-Stif­tung einmal mehr deutlich.

Christina Thürmer-Rohr

Die Freundschaft zur Welt nicht verlernen. Am 17. November 2016 feierte die feministische Autorin, Theoretikerin, Vordenkerin und Musikerin Christina Thürmer-Rohr ihren 80. Geburtstag. Zu diesem Anlass erschien am 26.11.2016 der Sammelband "Die Freundschaft zur Welt nicht verlernen - Texte für Christina Thürmer-Rohr zum 80. Geburtstag der Sozialwissenschaftlerin, Feministin und Musikerin".

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Christina Thürmer-Rohr war und ist nicht nur eine Feindin der gemütlichen Selbstversicherungen und Begriffsunschärfen; sie ist zeit ihres Lebens auch komponierende Musikerin und eine Pionierin hinsichtlich der Verbindung von Musik und Theorie. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin, der Schweizer Pianistin Laura Gallati, entwi­ckelte sie noch während ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit als Pro­fessorin an der Technischen Universität Berlin einen Ort für "Übun­gen im politischen und musikalischen Denken", das Forum Akazie 3. Orientiert am Konzept des Dialogs als philosophischer Idee, als musi­kalischem Prinzip und als kritische Theorie und Praxis, werden hier seit bald zwanzig Jahren Verbindungen zwischen politischen, philo­sophischen und musikalischen Fragen gesucht, Probebohrungen in die gesellschaftliche Gegenwart vorgenommen, Theorie und Musik in einen immer wieder neuen und spannenden Dialog miteinander gebracht.

Uns, Sabine Hark und Ines Kappert, hat die Arbeit an diesem Band große Freude bereitet. Es war an- und aufregend, berührend und befremdend zugleich, sich erneut in Christina Thürmer-Rohrs Texte zu vertiefen und zu lesen, was feministische und andere Weggefährt*innen und Kritiker*innen an ihrem Denken damals bewegt hat und bis heute bewegt. Ein herzliches Dankeschön dafür an alle Autor*innen! Mit ihren Texten tragen sie dazu bei, zentrale Ideen und Begriffe feministischer Debatten ins Gedächtnis zu rufen, damit wir sie alle in Erinnerung behalten und so erneut ausloten können, warum und wozu feministisches Denken auch heute noch taugt.


Literatur

Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Brähler Elmar (2016): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Gießen: Psychosozial Verlag.

Thürmer-Rohr, Christina (1987): Abscheu vor dem Paradies, in: Vagabundinnen. Feministische Essays, dies., Berlin: Orlanda Frauenverlag, 21-37.

Thürmer-Rohr, Christina (1987 [1983]): Aus der Täuschung in die Ent-Täuschung. Zur Mittäterschaft von Frauen, in: Vagabundinnen. Feministische Essays, dies., Berlin: Orlanda Frauenverlag, 38-56.Freundschaft wider die Feindschaft

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    Welt neu zu sehen geben, indem sie Welt neu und anders liest, indem sie wieder und wieder fragt, was genau vor ihr ist, war und ist das Metier von Christina Thürmer-Rohr. Heute wird sie 80 Jahre alt. Wir gratulieren herzlich!

     

    Von Prof. Sabine Hark

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