PostKölnialismus

PostKölnialismus

Blick vom Deutzer Rheinufer auf die Hohenzollernbrücke, den Kölner Dom und das Museum LudwigDer Dom das Kölner Wahrzeichen im Hintergrund.. Urheber: Thomas Wolf, www.foto-tw.de. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Der Januar ist inzwischen genügend Nächte ins neue Jahr gezogen, dass auch ich mich an eine Analyse der Silvesternacht wage. Nicht der Silvesternacht 2015/16, sondern die ein Jahr nach Silvester in Köln, oder wie wir in Köln sagen: ein Jahr nach Silvester. Die gute Nachricht ist, dass sich nicht wiederholt hat, was zwar wieder und wieder durch alle Medien gegangen ist und von einer über hundertköpfigen Sonderkommission analysiert wurde, aber trotzdem weitgehend unklar bleibt. Die schlechte Nachricht: Wie sollen wir bewerten, was dieses Jahr passiert ist, wenn wir noch nicht einmal das letzte Jahr wirklich verstehen?

21, nicht 1.2000 Vergewaltigungen – doch schlimm genug!

Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.Der investigative Journalist und Medienkritiker Walter von Rossum, wagt in einem Feature für den Deutschlandfunk den Versuch: „Es stehen ca. 1.200 Anzeigen im Raum. Der größte Teil betrifft Handydiebstahl oder ähnliche kleinkriminelle Delikte, bei ca. 500 Anzeigen geht es um Sexualdelikte. Allerdings muss man da differenzieren. Es hat keinen einzigen Fall von erzwungenem Geschlechtsverkehr gegeben – auch wenn man kürzlich noch versucht hat, zwei Fälle nachzuliefern. Bei 21 Anzeigen geht es um Vergewaltigung als Form sexueller Nötigung. In diesen Fällen sollen etwa Finger in die Geschlechtsteile eingeführt worden sein. Bei dem Gros der Anzeigen von Sexualdelikten handelt es sich um 470 Fälle von sogenannter sexueller Beleidigung – also Handlungen, die im Volksmund etwa ‚Grabschen‘ heißen.”
Wenig überraschend hielt sich die Erleichterung darüber, dass es 1.179 Vergewaltigungen weniger waren als befürchtet, in Grenzen. Von Rossum wurde Verharmlosung und Schlimmeres vorgeworfen, als hätte er sich die Zahlen selber ausgedacht und nicht vom BKA erhalten. Dabei gibt es keine Mindestgrenze, ab der man Vergewaltigungen ernst nehmen muss. Auch 21 sind schrecklich. Doch steht damit Köln nicht mehr als das einzigartige Ereignis da, als der Scheidepunkt, nach dem alles anders geworden ist.

Diesesmal: die Polizei und die „Nafris“

Und damit wären wir bei diesem Silvester, mit „nur“ 10 Anzeigen wegen Sexualdelikten bis 1.1.2017. Was auch immer das heißt. Die Polizei will bis zum Bericht der Sonderkommission keine Auskünfte mehr geben. Um sich nicht erneut dem Vorwurf der political correctness auszusetzen, wurde der Kölner Hauptbahnhof bis auf zwei Ausgänge geschlossen: die Guten ins Töpfchen, respektive auf die Domplatte, die Schlechten in den Polizeikessel. Und “schlecht” waren alle, die irgendwie so aussahen wie die Täter im letzten Jahr. Dieses Vorgehen hieß früher Gesichtskontrolle und heute Racial Profiling. Und ist in Deutschland verboten. Also wurde der erste Polizeibericht, nach dem Menschen aufgrund ihres Aussehens kontrolliert wurden (und zwar 2.500 Kontrollen von 674 Personen, was bedeutet, dass jeder rund vier Mal dran war?), im Nachhinein revidiert: Die Männer seien agressiv gewesen.

Doch dann gab es da noch den berüchtigten Polizei-Tweed aus der Silvesternacht: “#PolizeiNRW #Silvester2016 #SicherInKöln: Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen."

Die Info, die hätte folgen sollen, war, dass „Nafri“ eine herabwürdigende Gruppenbezeichnung ist. Darüber hinaus war der Tweet schlicht falsch. Kontrolliert wurden nicht mehrere Hundert „Nafris“, ein Akronym für Nordafrikanische Intensivtäter, sondern mehrere Hundert Menschen mit dunklen Haaren. Ziemlich schnell stellte sich außerdem heraus, dass die Profiler keineswegs wussten, wer genau ihrem Profil entsprach. Die “rund 2.000 Nordafrikaner”, die an Silvester nach Köln geströmt sein sollten, entpuppten sich als Iraker, Syrer und ... Deutsche. Alle Menschen, die kontrolliert wurden, als Intensivtäter zu bezeichnen, zeigt, dass die Polizei nicht unvoreingenommen war, sondern dass es Vorverurteilungen gab und darüber müssen wir nachdenken dürfen. Damit im nächsten Jahr nicht genau das gleiche passiert. Denn ich will nicht, dass sich Köln eine Nacht im Jahr in eine Stadt verwandelt, in der Selektion und Apartheid  gerechtfertigt ist.

Rassistische Gesichtskontrollen sind kein Sicherheitskonzept

Racial Profiling hat Folgen: es macht etwas mit dir, wenn du ständig dem Verdacht ausgesetzt  bist, dass du etwas – irgend etwas - falsch machen könntest. Big Brother is watching you – all the time. Allein die Frage „warum kamen an Silvester wieder viele Nordafrikaner nach Köln“ (Süddeutsche Zeitung) ist erschreckend.  Sich an einem öffentlichen Ort aufhalten ist (noch) kein Kriminaldelikt. Wenngleich die Sicherheitszone um den Dom etwas anderes zeigt. Und dann, Punkt Mitternacht, verwandelte sich die rassistische Gesichtskontrolle wie Cinderellas Kutsche wieder zurück in einen freundlichen Kürbis und alle Festgehaltenen konnten in die Innenstadt gehen. Weil nach 12 Uhr niemand mehr vergewaltigt wird?

Ich möchte über Sicherheitskonzepte sprechen, die Sicherheit geben und Konzepte sind und nicht blinder Aktionismus.

Über Sexualität reden, ohne Krisenerzählungen

Aber vor allem möchte ich über die Erzählungen sprechen, die sich “seit Silvester” durchgesetzt haben. So schreibt die FAZ am 4.1.2017, dass die Nordafrikaner “auf einen Tanz mit der Staatsmacht” gekommen seien, oder mit den Worten der EMMA, um es den “westlichen ‘Schlampen’ und deren Männern, diesen europäischen Schlappschwänzen zu zeigen”. Das Problem mit diesen Krisenerzählungen ist,  dass sie zu Krisenverhalten führen – auf allen Seiten.

Wie es möglich ist, z.B. über Sexualität zu reden, ohne die ganzen Stereotype zu aktivieren zeigt Fräulein Read on – ja, sie nennt sich wirklich so auf Twitter. In ihrem blog „read on my Dear, read on“ erklärt die Sexologin, unaufgeregt und freundlich, wie sie Sexualsprechstunden (nicht nur) für Flüchtlinge anbietet. In einen extra dafür eingerichteten Briefkasten können Menschen Fragen einwerfen und sie beantwortet diese dann einmal im Monat - und zwar vorbehaltlos, egal ob es darum geht, dass der Penis des besten Freundes zwei Meter lang ist und warum der eigene dann so klein sei oder ob Masturbation zum übermäßigen Verzehr von Gurken führen kann. In dem Text schreibt sie so kluge Sätze wie: „Die, die am lautesten Fikki-Fikki schreien, schämen sich bald am meisten und bringen irgendwann Blumen.“  

Zusammen das gemeinsame Leben gestalten

Neben Sexualität, spielt Nation eine gewichtige Rolle in den Silvestererzählungen. Inzwischen sieht nicht nur die AfD das Abendland bedroht. Dabei sehen neuere Ansätze Nationen eben nicht als das vielbeschriebene Schicksal, sondern als Projekt. Wenn man in einem Staatsgebilde zusammen lebt - und als Teil dieses Gebildes betrachtet wird! - dann wächst man zu einer Nation zusammen. Dazu gehören die Gründungsmythen, also die (auch gerne erfundenen) Geschichten darüber, warum wir zusammengehören, aber vor allem: die Geschichten, wohin wir gehen wollen. Der Philosoph Kwame Anthony Appiah führt aus: “Was uns zu uns macht, ist die Absicht zusammen unser gemeinsames Leben zu gestalten.”

Ob die aktuelle Herausforderung also eine Krise oder eine Chance ist – ob wir gemeinsam reicher werden oder Integration verhindern - liegt zu einem großen Teil an den Erzählungen, auf die wir uns einigen.

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    Die Silvesternacht 2015/16 in Köln hatte weitreichende Folgen. Die sexuellen Übergriffe auf Frauen galten in Deutschland mehrheitlich als Beleg, dass die im Sommer begonnene Willkommenskultur beendet, wenn nicht sogar insgesamt ein Fehler gewesen sei. Mit der vorliegenden Studie versetzen wir uns zurück in die Zeit just nach diesen Ereignissen. Also in eine Zeit, in der zunächst notwendigerweise Unklarheit über die Geschehnisse herrschte, folglich den Medien eine besondere Sorgfaltspflicht zukam.

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