Don’t use his name

Don’t use his name

Resist! Keep demonstrations peaceful. - Einer der 11 Punkte. Urheber: Tim Gouw. Public Domain.

Kümmert euch um das Politische. US-Aktivist*innen haben ein 11-Punkte-Papier geschrieben. Ein feministischer Zwischenruf.

Es ist Frühling. Die Magnolien blühen. Wer dabei nicht unweigerlich an Billie Holiday denkt, hat in seiner Jugend zu wenig Blues gehört oder gehabt. Apropos Blues ... seit den Wahlen in Amerika führt jede Assoziationskette unweigerlich zu der Frage: Warum? Was nun? Wie? ... Mich bringen diese Gedankenspiralen nicht dazu, auf Women’s Märsche zu gehen oder Pussy Mützen zu stricken. Um überhaupt politisch denken oder handeln zu können, muss ich das Entsetzen über den 45sten Präsidenten der Vereinigten Staaten mit aller Disziplin verdrängen, während gleichzeitig alle politischen Diskussionen mit ihm zu beginnen und zu enden scheinen.

Alle Rechte vorbehalten.Deswegen war es ein Augenöffner, die politische Philosophin Regula Stämpfli zu treffen, die eine öffentliche Intellektuelle in der Tradition Simone de Beauvoirs und Hannah Arendts ist: Glamorös, klug und erschütternd auf den Punkt. „Alles eine große Ablenkung,“ sagte sie über der ersten Weissweinschorle. „Wir reden nur noch über den Clown auf der anderen Seite des Atlantiks. Indem wir über seinen Sexismus und Rassismus berichten, müssen wir nicht mehr über unseren Sexismus und Rassismus reden.“

You say Muslim Ban, I say Frontex.

Im Anschluss leitete sie mir ein 11 Punkte Papier weiter, das Aktivist*innen erstellt haben, die nicht namentlich erwähnt werden wollen, ähnlich wie die Guerilla Girrls. Es beendete die Endlosschleife in meinem Kopf. Hier ist es, übersetzt und kommentiert von mir.

  1. Don’t use his name.
    Wiederholt seinen Namen nicht wieder und wieder. Das war schon Harry Potter, Hermine Granger und Ron Weasley klar, dass Lord V jedesmal mehr Macht bekam. Außerdem baut man unweigerlich eine emotionale Verbindung auf. Ja, er mag eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen, Abtreibung nur noch mit der Erlaubnis des Vaters in Spe erlauben und auf Atomwaffen setzen, aber ist er nicht immer noch unser D? Schließlich ist das der perfekte Name für einen Bond-Bösewicht, die ja bekanntlich die eigentlichen Stars der Filme sind.
     
  2. Remember this is a regime and he's not acting alone.
    Man sollte niemals vergessen, dass es sich hier um ein Regime handelt und eben nicht um den wahnsinnigen Einzelkämpfer, als der er sich inszeniert. He who must not be named kann mit Geld und anderer Unterstützung von der Großbank J.P. Morgan rechnen, der Bank of America, dem Ölriesen Chevron, dem Hersteller ziviler und militärischer Flugzeuge Boeing, dem Telekommunikationskonzern AT&T, aber natürlich auch von Bayer, Siemens, Allianz, BASF und der Deutschen Bank und wenn ich jetzt nicht aufhöre, ist dieser Zwischenruf beendet, bevor ich bei Punkt 3 ankomme:
     
  3. Do not argue with those who support him - it doesn't work and it makes them feel important. It makes them feel they've won something.
    Oder auf Deutsch: Don’t feed the Troll.
     
  4. Focus on his policies. Do not focus on his personality traits, his physical appearance, or his mental state.
    Wenn Ihr über ihn schreibt, konzentriert euch auf seine Politik. Die Hautfarbe sagt nichts über den Charakter einer Person aus, auch wenn sie orange ist und von strohgelben Haaren bedeckt wird wie von einem Toupée. Lookism bringt uns nirgendwohin. Sexismus gegen Melania genauso wenig. Mein Problem sind nicht seine Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder anderen psychischen Probleme, viele meiner besten Freund*innen haben psychische Probleme. 
     
  5. Keep your message positive; they want the country to be angry and fearful because this is the soil from which their darkest policies will grow.
    Widersteht den Versuchungen der Krisenerzählung.
    Auf Deutschland bezogen reden wir ständig von der Flüchtlingskrise, wegen der konservative und erzkonservative Parteien Gehör finden. Dabei ist die Zahl der Geflüchteten weltweit keineswegs dramatisch angestiegen. 2015, auf dem Höhepunkt der vielbeschworenen Krise, waren es nicht mehr als Anfang der 1990er. Die erschreckende Zahl von über 65 Millionen kommt zu rund zwei Dritteln durch die Binnenvertriebenen zustande, von denen es in der Tat viel, viel mehr gibt als zuvor. Hier ist es angebracht von Krise zu sprechen, nämlich von der Krise für diese Menschen, ein großer Teil von ihnen Frauen und Kinder, die von humanitärer Hilfe viel seltener erreicht werden und es nahezu nie über eine internationale Grenze schaffen. Die Zahl der Geflüchteten, die in Deutschland ankommt, ist dagegen in der deutschen Geschichte keineswegs einmalig.
    Das einzige, was einmalig ist, ist die Sicherheit in Deutschland – für Alteingesessene. Für Neuankommende bedeutet das Wohnen in Unterkünften häufig rechten Angriffen ohne Polizeischutz ausgesetzt zu sein. Sollten Sie also schon lange hier leben, herzlichen Glückwunsch, Sie befinden sich in einem der sichersten Länder der Welt. Das gilt auch für Terror, der seit 1988 extrem rückläufig ist. Und zwar trotz London und Brüssel in ganz Europa!
  6. No more helpless/hopeless talk. The numbers don't lie, there are more of 'us' than there are of them. Feel that support.
    Siehe oben. Die Rechten sind nicht in der Überzahl. Sie schreien nur lauter. Also müssen wir noch lauter lieben.
     
  7. Support artists and the arts.
    Unterstützt die Künste, denn Kunst, Musik, Literatur ist gelebte Utopie.
     
  8. Be careful not to spread fake news. Fact check it.
    Überprüft eure Fakten, ob sie fake news sind. Fake news werden erst zu news, indem wir sie verbreiten. Verbreitet stattdessen alternative Erzählungen.
     
  9. Take care of yourselves.
    Praktiziert Achtbarkeit für euch selbst und eure Mitmenschen. Aber lest gelegentlich auch den Artikel von Hengameh Yaghoobifarah im Missy Magazine, in dem sie den Unterschied zwischen Selbstfürsorge und Konsumlust beschreibt.
     
  10. Resist! Keep demonstrations peaceful.
    In the words of John Lennon, "When it gets down to having to use violence, then you are playing the system’s game. Because once they’ve got you violent, then they know how to handle you. The only thing they don’t know how to handle is non-violence and humor." Praktiziert gewaltlosen Widerstand. Lasst euch nicht von dem System dazu verführen, Hass mit Hass zu begegnen und Erniedrigung mit Zurück-Erniedrigen. Und schaut euch Interviews mit John Lennon im Internet an.
     
  11.  When you post or talk about him, don't assign his actions to him, assign them to "The Republican Administration".
    This will have several effects: the legislators will either have to take responsibility for their association with him or stand up for what some of them don't like; he will not get the focus of attention he craves. His representatives will become very concerned about their re-elections.

Wenn Ihr über seine Gesetzesentwürfe/Vorhaben/Eingaben berichtet, schreibt sie nicht ihm zu, sondern der Republikanischen Regierung. Dadurch müssen sie entweder dafür Verantwortung übernehmen oder sich von ihm distanzieren. Und es ist immer interessant, was passiert, wenn Oportunisten vor dieser Wahl stehen.

In diesem Sinne: Seid riesig nett zueinander!

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Kommentare

Ja, es wird ungemein helfen,

Ja, es wird ungemein helfen, Trumps Namen nicht mehr auszusprechen. Aber dann dürften wir auch nicht mehr "Merkel" aussprechen oder die Namen der deutschen und europäischen PolitikerInnen, die genauso eine menschenfeindliche Politik machen wie "T".

RE die Harry Potter-Referenz:

RE die Harry Potter-Referenz: "Don't use his name" ist im Voldemort-Kontext absolut falsch. Zitat Figur Dumbledore: "Call him Voldemort, Harry. Always use the proper name for things. Fear of a name increases fear of the thing itself." Die Aussprache des Namen wird erst im siebten Buch zum Problem, wenn sich herausstellt, dass auf ihr ein Fluch lastet, der den Aufenthaltsort des Sprechers preisgibt. Dieser Fluch existierte natürlich chronologisch bereits vorher, doch war er allgemein nicht bekannt und die Nennung des Namens wurde aus eher diffusen Gründen zum Tabu.
Ich stimme im Übrigen mit Dumbledore überein. Welchen Sinn hat es, Dinge nicht eindeutig zu bezeichnen. Empfehlenswerter wäre es, aus humoristischen Gründen Trump stattdessen als Baldwin zu bezeichnen. Das ist sein SNL-Schauspieler und momentan ein running gag, der umgangssprachlich die Delegitimisierung der Administration bewirken soll.

Sorry, aber jede/n, der/die

Sorry, aber jede/n, der/die Artikel von Hengameh Yaghoobifarah empfiehlt, kann man als Journalist/in nicht wirklich ernstnehmen. Und noch ein Popkultur-Minuspunkt für "Harry Potter falsch verstanden". Da geht es nämlich genau andersherum: Harry ist ziemlich angepisst, dass seine Freunde immer mit diesem "you know who" und "he who must not be named" herumreden, und besteht darauf, dass man den Typ bei seinem Namen nennen muss, und zwar letztlich bei seinem echten menschlichen Namen (bei der finalen Konfrontation spricht er ihn mit "Tom Riddle" an).

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