Haters gonna hate – Aber wer hasst eigentlich wen?

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Über Hasskommentare wird mittlerweile viel diskutiert, doch wer, wie, warum überhaupt von digitaler Gewalt betroffen ist bleibt vage. Es fehlen Daten. Deshalb haben wir, in Kooperation mit dem Online-Meinungsforschungsinstitut Civey, eine Umfrage zum Thema digitale Gewalt durchgeführt.

Im Wesentlichen brachte unsere Umfrage folgende Erkenntnisse:

  • Hasskommentare werden kaum angezeigt
  • Meldung von Hasskommentaren an Facebook sind häufiger, verlaufen aber genauso häufig im Nichts
  • Hasskommentare haben einen hohen Einfluss auf Online-Debatten
  • Hass im Netz wirkt sich unterschiedlich auf verschiedene Menschen aus

Es werden kaum Anzeigen wegen Hasskommentaren erstattet

Ein Weg, sich gegen Hasskommentare zu Wehr zu setzen, ist die Erstattung einer Anzeige. Doch nur 6,7 Prozent aller Befragten haben bisher Hasskommentare zur Anzeige gebracht. Sind Hasskommentare doch kein weitverbreitetes Problem? Dagegen sprechen Erkenntnisse aus internationalen Studien sowie die weiteren Ergebnisse unserer Umfrage. Einer Studie des Pew Research Centers zufolge haben etwa 40 Prozent aller erwachsenen Internetnutzer*innen bereits digitale Gewalt erlebt (vgl. Pew Research Center 2014: 3). Wahrscheinlicher ist, dass Hasskommentare bisher nicht als Form strafrechtlich relevanter Gewalt wahrgenommen werden, oder überhaupt als Gewalt. Vielen gelten sie als normal oder als „notwendiges Übel“ des Internets, was sich nicht zuletzt in dem verharmlosenden Begriff des „Trolls“ widerspiegelt.

Weitere Gründe für die geringe Zahl der Anzeigen könnten einerseits mangelndes Wissen vonseiten der Betroffenen bezüglich der Rechtslage sein und andererseits fehlendes Vertrauen in die staatlichen Verfolgungsbehörden. Tatsächlich gibt es in Deutschland bisher kein Gesetz, dass speziell für die Verfolgung von digitaler Gewalt zuständig ist. Zwar ist mit dem Netzwerkdurchsuchungsgesetz ein Vorschlag im parlamentarischen Prozess, Social Media Anbieter*innen unter Androhung hoher Geldstrafen zum Löschen von digitaler Gewalt und Fake News zu bringen. Aber gerade aus feministischer Sicht, ist nicht nur die Privatisierung der Rechtsprechung die damit vorangetrieben wird, zu kritisieren. In der langen Reihe der aufgeführten Straftatbestände fehlen beispielsweise Stalking oder die Verletzung höchstpersönlicher Lebensbereiche durch Bildaufnahmen.

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Doch wer von den wenigen erstattet denn bisher überhaupt Anzeige? Unsere Umfrage konnte zeigen, dass die Prozentzahl im Zusammenhang mit der politischen Orientierung der Befragten steht. Vereinfacht gesagt nimmt die Prozentzahl der Anzeigenerstattung von links nach rechts kontinuierlich ab. Während 9,2 Prozent der Anhänger*innen von Parteien des linken Spektrums (Die Linke und die Grünen) schon einmal Anzeige erstattet haben, trifft dies auf nur 4 Prozent derjenigen zu, die AfD wählen würden. Darüber hinaus erstatten Frauen (8,1 Prozent) häufiger Anzeige als Männer (5,4 Prozent). Dies könnte darauf hindeuten, dass zwei Gruppen besonders von Hasskommentaren betroffen sein könnten: Frauen einerseits und links orientierte Menschen andererseits. Ein solcher Schluss wird jedoch durch die hohe Dunkelziffer bei Anzeigen und möglichen Unterschieden im Anzeigeverhalten erschwert. Laut Bundeskriminalamt (BKA) gehört computerbezogene Kriminalität mit 9 Prozent zu den Delikten mit den geringsten Anzeigequoten (vgl. Bundeskriminalamt 2015: 95). Geschlechtsspezifische Unterschiede beim Anzeigeverhalten stellt das BKA zwar bei Delikten wie Körperverletzung oder Raub fest, zu digitaler Gewalt gibt es jedoch keine Informationen (vgl. ebd.: 96). Dass digitale Gewalt eine geschlechtsspezifische Dimension besitzt, wurde aber in verschiedenen US-amerikanischen Studien festgestellt. Ein Bericht der UN Broadband Commission for Digital Delevopment kam zu dem Schluss, dass 57 Prozent der Betroffenen von digitaler Gewalt Frauen sind (UN 2015). Laut einer Studie der NGO Working to Halt Online Abuse sind sogar 70 Prozent der Betroffenen weiblich (WHOA 2013).

Die Diskrepanz der Ergebnisse könnte durch das Fehlen einer einheitlichen Definition von digitaler Gewalt begründet sein. Während die UN darunter Hate Speech, Hacking, Identitätsdiebstahl, Online Stalking und Drohungen versteht, spricht die Studie des PEW Research Centers von Online Belästigung und Cyberstalking, ohne die Begriffe näher zu definieren.

Unzureichende Löschung von Hasskommentaren durch Facebook

Neben einer Anzeige haben Betroffene die Möglichkeit, sich bei Hasskommentaren an die Betreiber*innen der entsprechenden Plattformen zu wenden und um eine Löschung der Kommentare zu bitten. Am Beispiel von Facebook haben wir einerseits gefragt, inwiefern Nutzer*innen Hasskommentare melden und andererseits, wie Facebook mit ihren Meldungen umgegangen ist.

Der Großteil der Befragten nutzt Facebook nicht (63,1 Prozent). Dieses Ergebnis entspricht dem Nutzungsverhalten in Deutschland. Von den Wahlberechtigten in Deutschland nutzen etwa 37 Prozent und damit 22-23 Millionen Menschen das soziale Netzwerk (Wiese 2016). Von den Facebook-Nutzer*innen hat ein Drittel der Befragten schon einmal einen Kommentar gemeldet. Diese Möglichkeit wird damit deutlich häufiger genutzt, als die der Anzeigenerstattung. Während die Bereitschaft, Hasskommentare bei Facebook zu melden groß ist, lässt der Umgang des sozialen Netzwerkes mit solchen Meldungen zu wünschen übrig. Die Meldungen der Befragten haben im seltensten Fall zur tatsächlichen Löschung von Kommentaren geführt. Nur 1,6 Prozent der Befragten berichteten über die Löschung der gemeldeten Kommentare; 2,2 Prozent war das Resultat ihrer Meldung unbekannt. Sollte das Netzwerkdurchsuchungsgesetz in Kraft treten, wird sich diese Zahl sicherlich ändern. Es besteht die Sorge, dass Facebook alles löscht was zur Meldung gebracht wird, um etwaigen Bußgeldern zu entgehen.

 

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Die politische Orientierung spielt eine ähnliche Rolle wie bei Anzeigenerstattung. Während politisch links orientierte Menschen am häufigsten Hasskommentare meldeten, geschah dies am seltensten durch AfD-nahe Befragte. Eine geschlechtsspezifische Betrachtung der Ergebnisse unterstützt die Vermutung, dass Frauen stärker von Hasskommentaren betroffen sind. So stellen Männer zwar die Mehrheit der Facebook-Nutzer*innen, Meldungen von Hasskommentaren erfolgten jedoch mehrheitlich durch Frauen.  

Hasskommentare beeinflussen Online-Debatten maßgeblich

In einer letzten Frage ging es um die Auswirkungen von Hasskommentaren auf Online-Debatten. Dabei zeigte sich einerseits, dass 64 Prozent der Befragten überhaupt nicht an Online-Debatten teilnehmen. Andererseits haben Hasskommentare für die Menschen, die Online-Debatten führen, einen großen Einfluss. Von ihnen haben sich mehr als zwei Drittel schon einmal aufgrund von Hasskommentaren aus einer Diskussion zurückgezogen. Es ist wahrscheinlich, dass Hasskommentare sich nicht nur auf Teilnehmer*innen von Online-Debatten auswirken, sondern Menschen auch von der Teilnahme an sich abhalten könnten. Als häufigsten Grund für einen Rückzug nannten die Befragten Beleidigungen (10,2 Prozent), gefolgt von diskriminierenden Aussagen (7,1 Prozent) und anderen Gründen (5,1 Prozent).

Online-Debatten werden von rechtspopulistischen Positionen dominiert

Hasskommentare spielen auch eine wesentliche Rolle bei der Frage, wer an Online-Debatten teilnimmt und wer sich aus ihnen zurückzieht. Insgesamt nehmen vor allem Menschen im Alter von 18 bis 49 Jahren an Online-Debatten teil. Am häufigsten berichteten Menschen über 65 davon, nicht an Online-Debatten teilzunehmen (73,7 Prozent). Zudem polarisieren Online-Debatten offenbar. Am häufigsten beteiligen sich AfD-nahe Menschen an Online-Debatten, gefolgt von Anhänger*innen von Grünen und Linken. Es scheint, dass Menschen aus der politischen Mitte weniger an Online-Debatten teilnehmen. Zugleich sind Anhänger*innen der AfD diejenigen, die sich am seltensten aus Online-Debatten zurückziehen, während Anhänger*innen der Partei Die Linke (26,5 Prozent), gefolgt von Anhänger*innen der Grünen (24,5 Prozent) dies am häufigsten tun.

Hasskommentare schließen daher viele Menschen von Online-Debatten aus und verschieben das Feld der Diskussionteilnehmer*innen zum Vorteil politisch rechts eingestellter Menschen. In der Konsequenz erscheinen rechtspopulistische Positionen in Online-Debatten dominanter und verschieben damit die Wahrnehmung. Rechtspopulistische Positionen werden dann als Mehrheitspositionen wahrgenommen und zusätzlich ziehen sich kritische Stimmen zunehmend aus dem Diskurs zurück.

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Die Gründe für den Rückzug aus Online-Debatten unterscheiden sich ebenfalls nach der politischen Orientierung der Befragten. Diskriminierende Aussagen sind für etwa 10 Prozent politisch links orientierter Menschen ein Rückzugsgrund, während dies nur auf 3 Prozent AfD-nahe Menschen zutrifft. Auch im Hinblick auf das Alter der Befragten ergeben sich interessante Unterschiede bei der Begründung von Rückzügen aus Online-Debatten. Während als Rückzugsgrund am häufigsten Beleidigungen genannt werden, zieht sich die Gruppe der 30-39-jährigen als einzige Altersgruppe häufiger aufgrund von diskriminierenden Aussagen zurück. Die Gruppe der 40-49-jährigen berichtet mit 30,2 Prozent insgesamt am häufigsten über einen Rückzug aus einer Online-Debatte. Für diese Gruppe sind Beleidigungen mit Abstand der wichtigste Rückzugsgrund. 18-29-jährige ziehen sich insgesamt seltener zurück, geben aber ebenso Beleidigungen deutlich häufiger als Grund an. Ein Schluss wäre, dass 18-29-jährige und 40-49-jährige häufiger beleidigt werden, während 30-39-jährige häufiger diskriminierenden Aussagen ausgesetzt sind. Was Beleidung und was Diskriminierung ist wurde nicht näher erfragt, die Nutzung ist generationell scheinbar unterschiedlich. Während 18-29-jährige eine Aussage als Beleidigung einstufen, könnte die gleiche Aussage von der Gruppe der 30-39-jährigen als diskriminierend gewertet werden.

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Teilnehmer*innen an Online-Debatten sind zudem mehrheitlich männlich. 67,3 Prozent der Frauen bleiben Online-Debatten fern und zwei Drittel der Online debattierenden Frauen haben sich schon einmal aufgrund von Hasskommentaren zurückgezogen. Auch hier ein weiteres Indiz, dass Frauen besonders von digitaler Gewalt betroffen sind. Demgegenüber hat sich nur etwas mehr als die Hälfte der Männer bereits aus einer Debatte zurückgezogen.

Fazit

Obwohl digitale Gewalt ein großes Problem in Online-Debatten und sozialen Medien ist, wird kaum angezeigt. Häufiger wählen Betroffene den Weg, die Kommentare an Plattformen wie Facebook zu melden, was jedoch nur selten in eine tatsächliche Löschung von Hasskommentaren mündet und deren strafrechtlicher Relevanz meist nicht gerecht wird. Meinungsfreiheit im Internet heißt daher meist die Freiheit der Einen ist die Unfreiheit und der Verlust eines Kommunikationsraumes der Anderen. Von Hass Betroffene werden aus Diskussionen verdrängt wodurch das Feld denjenigen überlassen bleibt, die entweder nicht von Hasskommentaren betroffen sind, in der Mehrzahl weiße Männer, oder diejenigen die selbst Hasskommentare schreiben. Online-Debatten sind damit ein Ort, an dem sich die gewaltvolle Ausgrenzung von Menschen entlang verschiedener Diskriminierungsmerkmale auch virtuell fortschreibt. Um für Einschluss statt Ausschluss zu sorgen, muss digitaler Gewalt daher wirkungsvoll entgegengetreten werden. Zivilgesellschaftliche Verantwortung für ein demokratisches Miteinander ist dafür ebenso notwendig, wie eine geschulte Polizei und Justiz, die bisher eher zu Verharmlosung, denn zu Rechtsumsetzung beigetragen haben.


Quellen

Bundeskriminalamt (2015): Viktimisierungsbefragung in Deutschland. Ziele, Nutzen und Forschungsstand, Wiesbaden.

Pew Research Center (2014): Online Harassment: www.pewinternet.org/2014/10/22/online-harassment/ (zuletzt abgerufen am 25.04.2017).

United Nations Broadband Commission for Digital Development, Working Group on Broadband and Gender (2015): Cyber Violence against Women and Girls – A World-Wide Wake-Up Call.

Wiese, Jens (2016): Offizielle Facebook Nutzerzahlen für Deutschland (Stand: Februar 2016), Allfacebook.de: https://allfacebook.de/zahlen_fakten/erstmals-ganz-offiziell-facebook-nutzerzahlen-fuer-deutschland). 

Working to Halt Online Harassment (WHOA) (2013): Comparison Statistics 2000-2013: www.haltabuse.org (zuletzt abgerufen am 25.04.2017).

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