Unaussprechliche Dinge

Unaussprechliche Dinge

Feministischer Zwischenruf

Wir leben in einer Gesellschaft, die ihren eigenen Sexismus gründlich verdrängt. Das kann natürlich nicht im Sinne der Gleichberechtigung sein. Kann #MeToo helfen?

Urheber: Morgan Basham. Creative Commons License LogoDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Me Too!!! Ja, ich auch! Ich bin auch genervt von Metoo! Warum ist sie keine vorbildliche Debatte, in der alle mit klugen Argumenten nach der Wahrheit suchen und die Welt besser machen? Wo niemand Plüschhasen unter dem Hashtag #Metoo postet und ihn damit delegitimiert und niemand so tut, als sei der Unterschied zwischen flirten und belästigen ja sowieso nicht zu erkennen. Wo nicht die hysterisierte angelsächsische Presse legale Prostituiertenbesuche und Straftaten wie Vergewaltigungen als "Sex-Pest" in einen Topf werfen und die USA ein Purgatorium veranstalten, als sei der Antichrist erschienen, nur weil es sexuelle Übergriffe und sexuelle Gewalt gab und gibt. Der Ablenkungscharakter, den all diese Dinge haben, ist zuletzt von Katrin Köppert beschrieben worden, im queeren Zwischenruf von Oktober auf dieser Seite.

Urheber: GWI. Alle Rechte vorbehalten.Tja, die schöne Debatte, die kriegen wir nicht. Stattdessen Frauen*, die sich natürlich angreifbar machen, weil ihre Vorwürfe oft nicht belegt sind. So zuletzt die Kulturjournalistin Carolin Würfel, deren offener Brief mit diversen Beschreibungen und Vorwürfen (von anzüglichen Bemerkungen bis Vergewaltigungen) an einige vage bezeichnete Männer der Berliner Kulturszene auf Zeit Online erschien. Und die anderen, denen diese Halbanonymität der Tweets und Briefe und Stellungnahmen nicht behagt. Da kann ja jede alles behaupten. (Bemerkenswerterweise kritisiert Zeit-Chefredakteurin Sabine Rückert den Brief ihrer freien Autorin Würfel in ihrem eigenen Organ vehement. ("Soll das Journalismus sein?" - fragte sie. Die Antwort lautet: Nein. Es war ein Brief, unrecherchiert, unbelegt, wie Briefe nun einmal sind).

Katrin Köppert hat an dieser Stelle schon bemerkt, dass der skandalisierende Diskurs Gefahr läuft, zum "Klostein" zu werden, Einmal spülen - weg ist der Dreck, nichts mehr zu sehen. Aber warum ist das so? Warum sind wir so eifrig damit beschäftigt, die Spülung zu ziehen  - oder die Stellungnahmen der Betroffenen wortreich zu delegitimieren? Nicht zuletzt, in dem wir die Augen verdrehen und "genervt" sind?

Gleichberechtigung muss gelernt werden

Wir leben in einer Gesellschaft, die ihren eigenen Sexismus gründlich verdrängt. Wir wollen kein Patriarchat mehr sein, wir sind aber immer noch eins. Unsere Kultur ist weiterhin von der Abwertung der Frauen durchdrungen. Die heute 50-Jährigen im Westen wurden von Eltern erzogen, die ab 1957 lernen sollten, dass sie nun gemeinsame Entscheidungen treffen sollen (Der Stichentscheid des Vaters wurde abgeschafft). Aber waren sie dazu überhaupt in der Lage, die autoritär erzogenen ehemaligen Hitlerjungen? 1977 mussten sie dann zur Kenntnis nehmen, dass Vater der Mutter nicht einfach den Job kündigen darf, wenn ihm danach ist. Aber gingen die Frauen nun plötzlich in den Konflikt mit ihren Ehemännern? Unsere Väter und Ehemänner durften ihren Frauen ganz legal Gewalt antun, im Ehebett, bis 1997. Sagen seitdem die Frauen flächendeckend "Nein", wenn ihnen die Annäherung ihres Gesponses nicht gefällt? Sie sagen ja noch nicht mal "Nein", wenn jemand nur sexistische Sprüche macht!

Was macht so etwas mit Männern und Frauen? In unser aller Seelen steckt die Erfahrung, dass Frauen weniger wert sind als Männer, dass Männer auf sie aufpassen müssen, sie und ihre Fähigkeiten bewerten dürfen, dass sie kurz gesagt nicht für voll genommen werden. 40 Jahre Realsozialismus haben diese Jahrhunderte alten Muster im Osten anders und stärker abgeschliffen als im Westen. Aber auch die DDR-Frauen leisteten die übliche Doppelschicht, weil ihre Ehemänner regelmäßig befanden, dass sie zum "Hausmann" leider nicht berufen seien.

"Danke! Emanzipiert sind wir selber!" – denkste!

Aber das wollen wir doch gar nicht! Nein, das weisen wir weit von uns. Diese Zeiten der Abwertung von Frauen sind vorbei! Emanzipation? Da brauchen wir keine Nachhilfe mehr. "Danke! Emanzipiert sind wir selber!", tönte 2012 CDU-Frauenministerin Kristina Schröder per Buchtitel. Und doch sehen Wissenschaftler*innen, die unsere unbewussten Stereotype erkunden, immer wieder dasselbe. Wenn sie etwa Menschen fragen, was sie mit Männlichkeit und Weiblichkeit assoziieren. Immer wieder kommt heraus: Stärke und Schwäche. Intelligenz und Gefühl. Härte und Weichheit, Macht und Ohnmacht, Kontrolle und Kontrollverlust.

Konkret heißt das, dass Frauen auch heute abgewertet werden. Natürlich auch von Frauen. Das Muster steckt in uns allen. Ihre Intelligenz wird weniger anerkannt, ihnen wird weniger zugetraut und ihnen wird weniger Macht zugeschrieben. Ja, trotz Merkel. Und das heißt: Man nimmt sie weniger wichtig. Man kann entscheiden, ob man ihnen zuhört, sie mal eben für albern erklärt, für weinerlich (zu viel Gefühl!), sie ignoriert oder sie mal wieder ausgiebig in die Schranken weist. Das alles ist Sexismus, eine Abwertung aufgrund des Geschlechts.

Die Mechanismen des Sexismus

Die für diesen Zusammenhang wichtigste Komponente des Sexismus: Man kann den Willen der Frauen ignorieren, über ihn hinweggehen. Fertig ist der Übergriff, verbal oder körperlich. Der unerwünschte Blick, Spruch, Kontakt. Es ist leicht, diesen Sexismus für "zu klein", und "unwichtig" zu halten. Was ist schon ein Blick, ein Spruch? Das Problem ist, dass dieser kleine Blick, dieses "ungehobelte Wort" ein großes Machtverhältnis ausdrückt. Ein Machtverhältnis, das wir nach Kräften verdrängen.

Verdrängung ist ein aktiver Vorgang. Und bei diesem Vorgang können wir uns in der Metoo-Debatte beispielhaft beobachten.

Die Mechanismen: 

Normalisieren. "Willkommen in der Wirklichkeit. So ist die Welt, so sind die Männer." "Für wirklich schwere Fälle haben wir das Strafrecht, alles geregelt" "Ist Sex nicht immer irgendwie übergriffig?"

Bagatellisieren. "Ein paar ungehobelte Typen sind sexistisch, Einzelfälle." "Stell Dich nicht so an."

Pathologisieren. "Du bist zu blöd, dich zu wehren" "Du machst Dich ja selbst zum Opfer!" "Hysterische Weiber".

Blame the Victim. "Frauen mit Dekolletee sehnen Übergriffe geradezu herbei!"

Relativieren I. "Vergewaltigung, Gewalt, das ist eine Straftat. Was Du da erlebst, ist nichts dagegen."

Relativieren II: "Männer erleben auch Sexismus".

Rationalisieren: "Wo sind Deine Beweise? Warum zeigst Du nicht an? Ich glaube Dir kein Wort."

All das schlägt Frauen* entgegen, die nun die Stimme erheben. (Übrigens werden Männer, die sich auch über Übergriffe beschweren, schnell zu "Heulsusen" erklärt - zu Frauen.) Ja, sie machen sich angreifbar. Ja, sie erheben Vorwürfe, die sich selten lupenrein belegen lassen. Sie erklären sich zum Opfer. Sie schreiben Briefe, anstatt ihren Fall gründlich zu recherchieren und die Täter zu konfrontieren, wie Chefredakteurin Sabine Rückert ihrer eigenen Autorin im Nachhinein nahelegt.

Nur: es gibt sie, die gründlich recherchierten Fälle. Aber diese Fälle werden, wie wir jetzt gerade erleben, sofort zu pathologischen Einzelfällen deklariert: Ab in die Klinik mit Herrn Weinstein! Rausschneiden aus dem Film, den Spacey. Prinzip Klostein. Und schon ist die Welt wieder in Ordnung. Das eben ist einer der Verdrängungsmechanismen. Und so bleibt das allgemeine Raunen, auf Twitter, in unklaren und angreifbaren Briefen.

Die Angst vor der Gnadenlosigkeit der Kritik ist groß

Das ist unbefriedigend. Es wird zu Recht kritisiert. Es ist nicht gut. Manchmal kontraproduktiv. Anfällig für Selbstviktimisierung. Aber: Unter den Verhältnissen der Verdrängung wird es eine Menge krumme und merkwürdige und widersprüchliche Aussagen geben. Weil die Angst vor der Gnadenlosigkeit der Kritik so groß ist. Sie ist so gnadenlos, weil ein veritabler Teil von uns allen hier bekämpft, was da ans Licht kommen möchte. Und die Opfer dann merkwürdige Strategien wählen. Namen nennen, Namen nicht nennen, anonym drohen, nicht anzeigen, doch anzeigen. Einfach mal alles in die Medien kotzen.

Man muss hier nicht mit allem einverstanden sein. Aber mehr als wütende Abwehr hat diese Debatte allemal verdient.  

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