30 Jahre Intersektionalität: Echte Kritik oder getarnter Widerstand?

30 Jahre Intersektionalität: Echte Kritik oder getarnter Widerstand?

Feministischer Zwischenruf

„Oppression Olympics“, spaltend, ungenau, nicht anwendbar - Intersektionalität trifft auf vielfältige Kritik. Welche davon ist konstruktiv, was sind Mythen bar jeder Grundlage? Emilia Roig gibt Antworten.

 

30 Jahre nach der Erfindung des Begriffs ‚Intersektionalität‘ durch US-Amerikanische Juraprofessorin Kimberlé Williams Crenshaw wird das Konzept vornehmlich gelobt, mit Begeisterung aufgenommen und weiterentwickelt. Dennoch trifft Intersektionalität auch auf Kritik und Widerstand. Was davon ist konstruktive Kritik, was sind Mythen bar jeder Grundlage?

Doch beginnen wir am Anfang: Was heißt Intersektionalität eigentlich?

Intersektionalität beschreibt die Erfahrung von Menschen, geprägt von mehreren Identitätsachsen. Damit wird die sogenannte und immer noch vorherrschende "Einachsanalyse", die sich ausschließlich auf eine Dimension der Identität konzentriert herausgefordert. Denn diese Eindimensionalität maskiert implizit dominante Identitäten, wie zum Beispiel das weißsein bei weißen LGBTQI* Menschen oder die Männlichkeit bei männlichen Migranten. Besondere Erfahrungen derjenigen, geprägt durch mehr als eine marginale Identitätsachse, zum Beispiel von muslimischen LGBTQI* Menschen, werden so verzerrt. Um es klarzustellen, es geht bei Intersektionalität nicht nur darum, wie mehrere Achsen manche Menschen "mehrfach belasten" können (z.B. Schwarze Frauen* mit Behinderung), und in der Folge auch andere Menschen "relativ privilegieren" (z.B. weißer Mann* mit Behinderung).

Intersektionalität erlaubt, bestimmte multidimensionale Erfahrungen zu benennen, die "nicht die Summe von Rassen- und Geschlechterdiskriminierung" sind, sondern eine unabhängige Betrachtung verdienen - Erfahrungen, die ohne Intersektionalität "nicht beschrieben werden können".

Dr. Emilia Roig gründete das Center for Intersectional Justice (CIJ) im 2017, um Gleichstellungs- und Anti-Diskriminierungsarbeit in Deutschland und Europa durch eine intersektionale Perspektive zu verändern. Das CIJ nutzt Advocacy und Politikberatung sowie Kampagnen und gezielte Öffentlichkeitsarbeit, um auf ineinandergreifende Formen von Diskriminierung aufmerksam zu machen und auf die politische Praxis Einfluss zu nehmen. Dr. Emilia Roig studierte an der Hertie School of Governance und promovierte an der Université Lumière Lyon 2 und der Humboldt Universität Berlin. Seit Sommer 2015 ist sie Dozentin im Social Justice Study Abroad Programm der Chicago DePaul University.

Was wird am häufigsten am Konzept der Intersektionalität kritisiert?

1. Intersektionalität wurde aus den USA importiert und findet kaum Anwendung im europäischen Kontext. Antwort: die Ungleichheitssysteme, die Intersektionalität analysiert sind globale Systeme (Patriarchat, Kolonialismus/Rassismus und Kapitalismus), die auch in Europa wirken. Intersektionalität kommt zwar aus den USA, findet aber weltweit Anwendung.

2. Intersektionalität ist ein akademisches Konzept, und hat nichts mit den Erfahrungen aus dem wirklichen Leben zu tun. Antwort: Intersektionalität ist eine Theorie, die am „Rand“ (Margins) der Akademie entstanden ist. Sie kann als „Befreiungstheorie“ bezeichnet werden. Tatsächlich beruht sie auf der gelebten Erfahrung von Menschen, die von den klassischen Theorien oft unsichtbar gemacht werden.

3. Intersektionalität spaltet. Antwort: Intersektionalität benennt Unterdrückungssysteme. Nicht die Benennung schafft Differenzen, sondern die politischen, sozialen und historischen Systeme der Unterdrückung. Sie sind es, die uns spalten, nicht die Intersektionalität.

4. Intersektionalität ist ungenau. Antwort: Zu erkennen, wie mehrdimensionale Identität die gelebte Erfahrung beeinflussen kann, ist vielschichtig und komplex. Wenn überhaupt, dann ist es der nicht-intersektionale Feminismus - der auf der Erfahrung eines generischen Subjekts "Frau" basiert und, von allen anderen Identitätsdimensionen getrennt, nur sehr allgemein und damit zwangsläufig vage ist.

5. Intersektionalität ist unendlich, da es unzählige Kreuzungen gibt. Antwort: Diese Kritik basiert auf einem Missverständnis von Intersektionalität. Das Konzept erlaubt die Anerkennung multidimensionaler Erfahrungen, ohne auf diese Erfahrungen zu bestehen. Dementsprechend gibt es zwar unzählige Identitätsattribute, die sich theoretisch überschneiden können, aber es ist immer nur eine bestimmte Zahl in einem bestimmten Kontext involviert.

6. Intersektionalität legt zu viel Wert auf Identität. Antwort: Intersektionalität benennt lediglich, wie strukturelle Kräfte Menschen aus verschiedenen mehrdimensionalen Identitätspositionen unterschiedlich beeinflussen können. Die Theorie selbst hat keinen Anspruch darauf, wie Identität in einer emanzipativen Politik eingesetzt werden sollte.

7. Intersektionalität verteufelt weiße Männer. Antwort: Intersektionalität geht es um Anerkennung mehrdimensionaler Nachteile, nicht die Verteufelung multidimensionaler Privilegien (weiße Männer) oder relativer Privilegien (z.B. weiße Juden vs. Schwarze Juden).

8. Intersektionalität wertet den Opferstatus auf und fördert eine Kultur der „Oppression Olympics“. Antwort: Intersektionalität bietet einen Rahmen für die Anerkennung, nicht für die Aufwertung dieser Erfahrungen.

9. Intersektionalität fehlt eine empirische Grundlage. Antwort: Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Menschen mit intersektionalen Identitäten einzigartige Erfahrungen machen, die sich von ihren relativ privilegierten Pendants unterscheiden (z.B. Muslimas mit Kopftuch vs. Muslimische Männer).

10. Intersektionalität lenkt vom Eigentlichen ab, z.B. der Kampf gegen das Patriarchat. Antwort: Intersektionalität gibt diesen Kampf nicht auf. Vielmehr priorisiert sie den Kampf gegen Unterdrückung gegenüber allen Formen von sozialer Hierarchie und ist damit explizit inklusiver, radikaler und transformativer. Auf diese Weise ist der nicht-intersektionale Feminismus nicht "besser für den Fortschritt der Frauen". Im Gegenteil, er ist nur für relativ privilegierte – nicht-intersektionale – Frauen besser und daher konzeptionell begrenzt in seiner Fähigkeit, die vielen Formen des Patriarchats wirklich zu bekämpfen. Die Frage ist also nicht, welcher Feminismus für Frauen besser ist, sondern welche Frauen ein solcher Feminismus mitnimmt. Die Wahl liegt nicht zwischen Frauen und Schwarzen Frauen, sondern zwischen weißen Frauen (nicht-intersektionaler Feminismus) und allen Frauen (intersektionaler Feminismus).

Der Widerstand gegenüber Intersektionalität wird oft mit Kritik getarnt. Das Konzept stellt Positionierung in sozialen Bewegungen in Frage. Dies kann ein Grundgefühl von Unangemessenheit und Unfairness verursachen. Wie kann eine weiße Feministin die Position einer „Patriarchin“ gegenüber Frauen of Color annehmen, wenn sie sich selbst doch dem Kampf gegen das Patriarchat widmet? In sozialen Gruppen werden Muster der Unterdrückung reproduziert. Intersektionalität lenkt unsere Aufmerksamkeit auf genau diese Mechanismen und stellt sicher, dass solche Muster innerhalb sozialer Bewegungen kritisch hinterfragt und abgeschafft werden. Das kann für einige von uns schwierig sein. Aber auch hier liegt eine echte Chance auf Transformation.

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