Consent per Blockchain? Nein Danke.

Consent per Blockchain? Nein Danke.

Feministischer Zwischenruf

Consent Apps sind Sympton eines verkürzten Verständnisses von Consent. Einvernehmen ist mehr als ein Klick in einer App. Consent ist zwischenmenschlich, fließend und kompliziert.

Die Blockchain ist seit einigen Jahren in aller Munde. Mal gefeiert als die Technologie der Zukunft, mal kritisiert wegen ihres umstrittenen ökologischen Fußabdrucks, und beides oft mit mehr Hype als Verstand.

Doch was ist eine Blockchain überhaupt? Zunächst ist es eine dezentrale Datenstruktur zur (mehr oder weniger) fälschungssicheren Erfassung von Transaktionen. Dezentral bedeutet hier, dass kein zentraler Server die Blockchain verwaltet, sondern jede*r einzelne Nutzer*in eine vollständige und stets aktuelle Kopie vorliegen hat. Transaktionen werden in chronologischer Reihenfolge zu einer Kette (chain) von verschlüsselten Blöcken (block) zusammengefügt. Die Integrität der ganzen Kette wird sichergestellt indem die Prüfsumme[IK1]  (hash) eines Blocks jeweils im nächsten Block mit enthalten ist. Dadurch können einer Blockchain zwar neue Informationen angehängt, aber keine bestehenden Daten verändert werden.

Zum Begriff geworden ist Blockchain-Technologie mit der Verbreitung von Kryptowährungen[IK2] , konzipiert wurde sie für Ur-Kryptowährung Bitcoin. Blockchain-Technologie an sich ist aber auch für viele andere Anwendungen denkbar. So wird zum Beispiel fleißig über das Potential von Blockchains für das Gesundheitswesen, das Vertragswesen, transparenteres Spenden, für die Ökostromversorgung, oder für Wahlen diskutiert[IK3] . Sicherheitslücken, Fehler, Hacking, Betrug oder Korruption sollen so behoben oder verhindert werden. Gerne herbeigezogene Schlagwörter sind dabei Dezentralisierung, Transparenz, und Datenintegrität. Über Sinn und Unsinn, wie auch über Sicherheit und den tatsächlichen Nutzen verschiedener Anwendungsmöglichkeiten lässt sich aber oft streiten.

Sicheres Dating dank Blockchain?

Neuerdings schleicht sich die Blockchain auch immer häufiger in Diskussionen rund um Online-Dating ein. Consent per Blockchain? So stellen sich Blockchain Fans wohl die Zukunft von Dating vor. Das jüngste Beispiel ist der Consent Tracker – zurzeit schon wieder offline.

Das erklärte Ziel der App? “Create a safer dating experience by building consent throughout your date.” Zu den Features zählen unter anderem: vollständig verifizierte Benutzerprofile, ortsbezogenes Tracking, Consent Bestätigungen im Verlauf des Dates, und natürlich die Absicherung des Ganzen durch Blockchain-Technologie. Zu den angepriesenen Rewards, die ich mir während eines Dates anscheinend erarbeiten kann, hätte ich noch Fragen. Aber warten wir erstmal ab, ob sich der Consent Tracker nochmal aus der Versenkung erhebt.

Screenshot von consenttracker.com, Zugriff am 11.06.2019 — Bildnachweise

Die Geschichte könnte man eigentlich für Blockchain Satire halten. Im Interview mit Onlinemagazin OneZero erklärt Gründer Jason Maskell sich allerdings munter weiter in verschiedene Sackgassen. Zum Beispiel meint er, “if you are someone who wants to take advantage of someone else, you’re going to think twice about it, because you know that your real name, and all your details are logged securely within the app and can be used when required.” Als ob nur Fremde oder Pseudonyme vergewaltigen würden.

Den großen Vorteil seiner App sieht Maskell darin, dass keine Telefonnummern ausgetauscht werden müssen. Consent wird schließlich sicher innerhalb der App verhandelt. Auf die Frage, was nun der Vorteil dieser Blockchain-basierten Lösung sei, etwa gegenüber der Chatfunktion innerhalb einer Dating-App, erwidert Maskell, “there have been problems with sites being hacked and information taken out of them and changed before. By putting it into the blockchain, we know it’s secure.” Zwar werden Dating Apps tatsächlich öfter mal gehackt, aber die Fälschung von Consent im Chat Verlauf steht dabei eher nicht im Vordergrund.

Und wie sieht’s in der Realität aus?

In der Praxis stelle ich es mir eher umständlich vor, die Nuancen von Consent im Verlauf eines Dates und allfälliger Folgeaktivitäten konsistent per App zu loggen. Das sieht der Entwickler wohl ähnlich. Denn obwohl er sich den Consent Tracker einerseits explizit als Schutz vor sexuellen Übergriffen (wie auch vor Falschanschuldigungen) vorstellt, scheint er andererseits nicht wirklich davon auszugehen, dass sexuelle Handlungen tatsächlich geloggt werden: “If you’re still using the app at that late stage in the date, then yes, there will be an option for that.”

Mir sind auch weder Überlebende sexueller Gewalt noch Forscher*innen oder Beratungsstellen zum Thema bekannt, die sich Consent per Blockchain wünschen. Maskell hat sich auch nicht entsprechend beraten lassen, sondern lieber mit Menschen “in online dating” und “some relationship experts” gesprochen, die der Idee anscheinend nicht abgeneigt waren.

Und, gab’s sowas nicht schon einmal? Ja, vor etwas über einem Jahr wollte bereits eine App namens LegalFling die Dating Landschaft per Blockchain Consent revolutionieren. LegalFling ist aber längst wieder aus Apples App Store wie auch aus Googles Play Store verschwunden, die lassen nämlich keine explizit sexuellen Inhalte zu. Auch die Website des Consent Trackers, wo bis vor kurzem noch aktiv nach Beta Testern gesucht wurde, ist inzwischen nicht mehr erreichbar*. Zufall? Jedenfalls war der Consent Tracker nicht der erste Versuch Consent per Blockchain zu gewährleisten, und wird kaum der letzte bleiben.

Warum Consent nicht per Klick zu haben ist

Echtes Potential für sichereres Dating und radikalen Consent sehe ich in der Blockchain kurzum nicht. Bestehende Probleme, zum Beispiel dass einige Mitmenschen vereinbarte Grenzen überschreiten oder dass Opfern sexueller Gewalt oft nur bedingt geglaubt wird, kann die Blockchain nicht verhindern. Auch nicht, dass unser Verständnis von Consent oft nach wie vor zu binär behaftet ist. Im Gegenteil. Jaclyn Friedman, Mitherausgeberin von Yes Means Yes!, schreibt über Consent Apps, dass sie ein Symptom dieses verkürzten Consent Begriffes sind:

“We’ve replaced some of the old rape myths with this new one: That consent is just a hurdle you have to clear in order to Get The Sex. That's where all these consent apps come from. You know, the ones that are introduced every six months or so to great fanfare only to immediately go down in flames because they all imagine a world in which people sit down together in front of a phone before they Have Sex, and then once they’ve recorded themselves consenting that’s that. BOOM. Consensual Sex. In the process, we’ve forgotten that enthusiastic consent is so much more than a string of legal language.”

Nein heißt zwar immer noch nein, aber nur ja, und nicht etwa die Abwesenheit von nein, heißt wirklich ja. Doch gilt ein Ja nicht ein für alle Mal, kann mal zum Vielleicht oder Nein werden, und kann auch räumlich, zeitlich oder anderweitig bedingt sein. Consent ist zwischenmenschlich, fließend und kompliziert. Consent Apps täuschen demgegenüber Consent per Checkbox vor – ob dieser nun in der Blockchain verewigt ist oder nicht, ist dabei unerheblich.

Zu guter Letzt fällt noch auf, dass sowohl der Consent Tracker als auch LegalFling, soweit ersichtlich, keine einzige Frau im Team hatten. Das muss nichts heißen, legt aber doch den Verdacht nahe, dass das eigentliche Ziel nicht eine Consent-gesteuerte Dating-Erfahrung oder gar der effektive Schutz vor sexuellen Übergriffen war, sondern eine Art Blockchain Alibi zum Schutz der eigenen Haut: Aber hier steht’s doch in der Blockchain, sie wollte es auch… bis sie es nicht mehr in die App geschafft hat, bevor Grenzen überschritten wurden.

 

*Über Google’s Cache Funktion oder über die Wayback Machine lassen sich archivierte Versionen von consenttracker.com aufrufen; das aktuellste Abbild scheint dabei vom 18.06.2019 zu sein. Der Aufruf für Beta Tester führt hingegen zu einem Mailchimp Formular von Gründer Jason Maskell, das während ich diesen Zwischenruf verfasse noch online ist. Ich habe mich lieber nicht angemeldet.

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