Die DDR war eine patriarchale Gesellschaft, in der geschlechtsspezifische Diskriminierung Alltag war

Die DDR war eine patriarchale Gesellschaft, in der geschlechtsspezifische Diskriminierung Alltag war

Feministischer Zwischenruf

Die DDR ermöglichte in großer Zahl Frauen Biografien, die zwar einerseits den Horizont voriger Generation um ein Vielfaches übertraf, andererseits aber immer wieder die unverändert starren Grenzen der tief verankerten patriarchalen Handlungsmuster aufzeigten.

Die annähernde Vollbeschäftigung war ökonomische Notwendigkeit, von der Frauen nicht ausgenommen waren. Arbeitsverweigerung gar war eine Straftat, Hausfrauen eine Seltenheit. — Bildnachweise

Wenn Mutti früh zur Arbeit geht,
Dann bleibe ich zu Haus.
Ich binde eine Schürze um
Und feg die Stube aus.

Die DDR war eine Gesellschaft, in der Frauen unabhängiger als im Westen, selbstbestimmt ein emanzipiertes Leben führen konnten.

Dass Geschichte kein Monolith ist, mahnend und belehrend, vor allem aber eindeutig und unveränderlich in der Landschaft lungernd, wird offensichtlich beim Ringen um die Deutungshoheit über das Ende der DDR, den Mauerfall und die Wiedervereinigung. Angestrengt, ver- und erbittert bisweilen, verläuft der Schlagabtausch zwischen apologetischen und verdammenden Strömungen seit nunmehr 30 Jahren. Tagespolitik wurde Vergangenheitsbewältigung, die wiederum aktuelle Auseinandersetzungen befeuert. Als am 9. November 1989 der Durchbruch an der Bornholmer Brücke in Berlin erfolgte, war das der Beginn einer Vielzahl an Versuchen, den zweiten deutschen Staat in der Rückschau zu delegitimieren, ihn zu entlasten, schönzufärben oder zu verteufeln.

Daniél Kretschmar ist Redakteur für digitale Gesellschaft in der taz. Er war für die taz zuvor unter anderem Redakteur für soziale Bewegungen im Berlinteil der Zeitung, Chef vom Dienst und Leiter der Onlineredaktion. Er arbeitet zu  verschiedenen gesellschaftspolitischen Themen und Netzpolitik. Im Jahr 2016 erhielt er zusammen mit mehreren Kolleg*innen den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus für ein Multimediaprojekt zu europäischer Flüchtlingspolitik.

 

Alle möglichen Aspekte des Lebens in der DDR, im Umbruch und der Transformation werden herangezogen, um den jeweiligen Standpunkt zu befestigen. Der Versuch, konkrete Fragestellungen an diese so nahe Vergangenheit zu beantworten, ist also mit besonderer Vorsicht zu genießen. Jede Aussage fügt sich nicht nur unterstützend in eine bestimmte im heute verwurzelte Weltsicht ein, sondern bedient auch ein jeweils recht fest gefügtes Schema der Erinnerung, das oft viel zu wenig Raum für Ambivalenzen, Zweifel und offenes Gespräch lässt, dafür umso mehr Missverständnisse und Abwehr produzieren kann.

Das Essen kochen kann ich nicht,
Dafür bin ich zu klein.
Doch Staub hab ich schon oft gewischt.
Wie wird sich Mutti freu'n!

Alle erwachsenen Frauen, die ich als Kind und Jugendlicher kennenlernte, waren, zumindest soweit ich mich erinnere, voll berufstätig. Es war überhaupt keine Frage, ob eine junge Frau einen Beruf ergriff oder eine Familie gründete. Beides zusammen war der Regelfall. Alleinerziehende waren in Unterzahl, aber keine absolute Ausnahme. Jedoch erinnere ich mich auch an eine unmissverständliche Rollenaufteilung im familiären Alltag. Frauen waren die Familienmanagerinnen, oder um es weniger vornehm zu formulieren, trugen die volle Last der Reproduktionsarbeit, und das ganz selbstverständlich. Meine Großmutter, die 1949, im Gründungsjahr der DDR gerade einmal 15 Jahre alt war, findet es bis heute befremdlich, dass ich für mich selber koche und meine Wäsche erledige. Ganz offensichtlich betrachtet sie solche Tätigkeiten als „Frauensache“. Auch nachfolgende Generationen hatten die traditionellen Rollenbilder hinreichend verinnerlicht. So war ich der einzige Junge meiner Schule im fakultativen Kurs „Nadelarbeiten“. Gezwungen von der Mutter.

Die Kunst eine Mangelwirtschaft, ein ökonomisch wie kulturell und sozial prekäres System am Laufen zu halten, besteht darin, die Balance zwischen individuellen Ansprüchen und systemischen Notwendigkeiten zu finden. Die DDR ist letztlich an dieser Herausforderung gescheitert, hat in ihrem Versuch jedoch Strukturen geschaffen (absichtlich und unabsichtlich), die nicht ganz so leicht abschließend bewertet werden können. Sicher, es war nicht alles schlecht, aber ab welcher Summe von „gar nicht mal so schlecht“ ist eine Sache tatsächlich gut? Die verlorene Systemkonkurrenz beantwortet diese Frage übrigens nicht, sondern bestätigt zunächst nur den Verlust der Balance.

Schon Mitte der 1970er Jahre war die vollkommene Gleichberechtigung in der DDR erreicht. Geschlechtsspezifische Beschränkungen des bürgerlichen Rechts waren lange aufgehoben, selbst Schwangerschaftsabbrüche legal. Formal wurde alles getan, Beruf und Familie für Frauen vereinbar zu machen. Eine Formulierung, die stutzig macht, denn ja, die Betonung lag eindeutig auf „Frauen“ - oder, um genau zu sein, auf „Müttern“. Die annähernde Vollbeschäftigung war ökonomische Notwendigkeit, von der Frauen nicht ausgenommen waren. Arbeitsverweigerung gar war eine Straftat, Hausfrauen eine Seltenheit. Gleichzeitig war eine hohe Geburtenrate ein wichtiges Staatsziel, das über ein Anreizsystem erreicht werden sollte. Umfassende staatliche Kinderbetreuung, finanzielle Förderung junger Familien – alles zielte darauf ab, Nachwuchs und Arbeit in Einklang zu bringen. Die konkrete Aufteilung der Reproduktionstätigkeit in der Familie war dabei ein offenbar weniger vordringliches Problem, mit bekannten Folgen.

Frauen waren also staatlicherseits keineswegs auf ihre Rolle als Mutter reduziert, jedoch war dies wesentlicher Bestandteil des weiblichen Lebenslaufes. Keine Kinder zu haben, galt als egoistisch und kleinbürgerlich, nicht früh genug Nachwuchs zur Welt zu bringen weckte Misstrauen. Fast drei Viertel aller in der DDR geborenen Kinder wurden von unter 25-jährige Frauen zur Welt gebracht. Immerhin gab es in den 1980er Jahren eine Pluralisierung der sozial akzeptierten Familienformen, so dass auch Alleinerziehende in den Genuss der vollen Förderung des Staates kamen. Die bürgerliche Kleinfamilie war zwar das dominante, aber nicht mehr das zwingende Modell, die Kinder selbst waren das Entscheidende – und dafür brauchte es eben vor allem Mütter, Wohnungszuweisung garantiert, Heirat optional.

Ich habe auch ein Puppenkind,
Das ist so lieb und fein.
Für dieses kann ich ganz allein
Die richt'ge Mutti sein.

Individuelle Bedürfnisse zu dulden oder gar zu fördern, war in der DDR nicht vorgesehen. Der gesamte Erziehungsapparat war darauf ausgerichtet, gesellschaftlich „nützliche“, also arbeitende Individuen heranzuziehen, die Wahl von Ausbildung und Beruf war entsprechend eingeschränkt. Hierbei machte der Staat zumindest theoretisch keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern. Dennoch gab es in der Praxis eine Aufteilung in Frauen- und Männerberufe, die sich nicht zuletzt wegen der branchenspezifisch unterschiedlich verlaufenden Umbruchphase unmittelbar nach 1990 in einer höheren Arbeitslosigkeit bei Frauen niederschlug. Genauso waren die Führungsebenen in allen Berufsfeldern der DDR fast exklusiv Männern vorbehalten. Der Wiedereinstieg in das Berufsleben wurde von Frauen zwar erwartet, bei kleinsten Normabweichungen jedoch nicht unbedingt erleichtert. Nach dem Mutterschutz waren Karriereknicks durch Teilzeitarbeit oder Beschäftigung unter der ursprünglichen Qualifikation keine Seltenheit.

Meine Mutter, die als Dolmetscherin und Übersetzerin arbeitete, erzählte von einem Einsatz für spanische Gewerkschafter*innen Ende der 1980er Jahre, bei dem einer der Funktionäre, von den Gästen gefragt, warum man so gar keine Frauen in Chefpositionen treffe, sinngemäß antwortete, dass „unsere Frauen“ nicht so karrierefixiert wären. Der in dieser Antwort offensichtliche und beiläufige Sexismus, kann keine singuläre Erscheinung gewesen sein. Die kritische Reaktion meiner Mutter, die sich weigerte diesen Quark zu übersetzen, ebensowenig. Im letzten von der DDR-Filmfirma DEFA produzierten Film, „Die Architekten“ von Peter Kahane, gibt es eine ganz ähnliche Szene, die zumindest als Indiz für die allgemeine Kenntnis dieser Verhältnisse gelesen werden kann. Dort knallt eine Architektin, die sich gerade von einem Großkopferten hatte anhören müssen, dass junge Frauen sich wegen ihrer Neigung zur Familiengründung nicht für höhere Aufgaben empfehlen würden, dem Mann ein Kondom vor die Nase: „Elektrisch geprüft.“

Vielleicht war die DDR einfach eine Gesellschaft, die aus ökonomischer Notwendigkeit heraus, in großer Zahl Frauen Biografien ermöglichte, die zwar einerseits den Horizont voriger Generation um ein Vielfaches übertraf. Die aber andererseits immer wieder an die unverändert starren Grenzen der tief verankerten patriarchalen Handlungsmuster stoßen mussten, was wiederum nicht immer unwidersprochen blieb.

Es war nicht alles schlecht?

Vielleicht eher: Es war nicht alles anders.

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