"Wenn Mutti früh zur Arbeit geht ..."
Die signifikant höhere Erwerbsneigung im Osten (1) hat Ursachen, die sich am ehesten als Aspekte der Sozialisation zusammenfassen lassen. Von feministischen Diskursen unbeeindruckt und verständnislos gegenüber der Aufgeregtheit der Debatte, betrachten es ostdeutsche Frauen überwiegend als selbstverständlich, in ebenso hohem Maße erwerbstätig zu sein wie Männer. In der DDR wurde die Erwerbsbeteiligung von Frauen aktiv gefördert und dringend gewünscht – die dortige Wirtschaft konnte sich das westdeutsche Hausfrauenmodell, das einen Verzicht auf die Arbeitskraft der halben Bevölkerung bedeutete, schlicht nicht leisten. Entsprechend waren aber auch Infrastruktur und Steuermodell auf die Erfordernisse von Zweiverdienerhaushalten ausgerichtet: Neben der vielfach zitierten, umfassenden Kinderbetreuung galt in der DDR die Individualbesteuerung, die das Paradigma der erwerbstätigen Frau unterstützte. Selbst Teilzeitarbeit für Frauen bzw. Mütter war sehr selten, was relativ geringe geschlechtsspezifische Lohndifferenzen bewirkte (Fuhrmann 2005: 79). Auch wenn jenseits der Erwerbstätigkeit die Arbeitsteilung gerade im Privaten überwiegend den gängigen Geschlechterstereotypen entsprach und feministisch-emanzipatorische Debatten auch in der DDR unerwünscht waren: Bezüglich der Erwerbsbeteiligung sind und waren ostdeutsche Frauen deutlich „emanzipierter“ als westdeutsche Frauen. Die Selbstverständlichkeit, mit der Frauen in Ausbildung und Beruf gegangen sind, ihre Töchter und Söhne dies erlebt haben und daher ebenso selbstverständlich von äquivalenten männlichen und weiblichen Erwerbsmustern ausgehen, kann als Beleg für die Bedeutung der jeweiligen Sozialisation gelten. Das oben zitierte realsozialistische Kinderlied (das übrigens aus der Perspektive des Kindes erzählt, wie das Kind sich an der Hausarbeit beteiligt, während die Mutter tagsüber arbeiten geht) kennt noch heute jede/r, die oder der in der DDR aufgewachsen ist – und wundert sich bisweilen über die aufgeregte Debatte zum Ehegattensplitting. Eher ärgert man sich darüber, dass – sollte ein Paar doch einmal die Lohnsteuerklassenkombination III-V wählen müssen – so viele Steuern anfallen, aber kaum jemand würde das Ehegattensplitting als Grund sehen, nicht zu arbeiten. Mit feministischen Debatten oder emanzipatorischen Kämpfen hat diese Fortschrittlichkeit der ostdeutschen Frauen nichts zu tun. Das Problem wird in Ost- und Westdeutschland von zwei unterschiedlichen Richtungen gedacht: Während im „Westen“ eher vom Ernährermodell ausgegangen wird, und dann überlegt wird, ob sich der Zweitverdienst auch lohnt, stehen im „Osten“ zwei Erwerbseinkommen außer Frage – woraufhin das Ehegattensplitting seine Relevanz verliert.
(1) Dieses Phänomen wurde bereits in den 1990er-Jahren vielfach diskutiert, z.B. im Wochenbericht 23/95 des DIW, wo es heißt: „Drei Viertel der Nichterwerbstaetig en im Alter zwischen 18 und 59 Jahren in Ostdeutschland halten den Beruf fuer die wichtigste Taetigkeit des Menschen (...) Damit waren Frauen in Ostdeutschland im Vergleich zu den Frauen in Westdeutschland nach wie vor deutlich staerker erwerbsorientiert.“ Auch in anderen Publikationen (z.B. Falk 2005) wird deutlich, dass westdeutsche Erwerbsmuster, die auf den Mann als Versorger zugeschnitten sind, bei ostdeutschen Frauen auf geringe Akzeptanz treffen – dies gilt auch für Teilzeitarbeit.
« zurück zu: Wir könnten auch anders
