Weniger ist mehr

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Arbeiten um zu Leben - und nicht andersherum.
Arbeiten um zu Leben - und nicht andersherum. — Bildnachweise

Eine gute Botschaft vorweg: Arbeitszeitverkürzung tut allen gut. Den Arbeitslosen und Unterbeschäftigten genauso wie den Vollzeitbeschäftigten. Und Arbeitszeitverkürzung ist auch aus Sicht der Geschlechterperspektive ein großer Vorteil. Sie ermöglicht eine gerechtere Aufteilung von Familien- und Sorgearbeit zwischen Mann und Frau und schafft die Freiräume für politische und gesellschaftliche Arbeit bis zu Ehrenämtern.

Arbeitszeitverkürzung reduziert die fremdbestimmte Zeit in einem Unternehmen und erhöht entsprechend die selbstbestimmte Zeit. Und die beste Nachricht: Ökonomisch wäre die  Umsetzung der Arbeitszeitverkürzung ganz einfach. Wenn in einer Volkswirtschaft die Produktivität um zwei Prozent zulegt, dann kann der Lohnsatz um diese zwei Prozent steigen und gleichzeitig die Arbeitszeit um zwei Prozent gesenkt werden.

Das bedeutet, wir hätten eine Verkürzung der Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Und Arbeitslose und Unterbeschäftigte hätten wieder Arbeit, und zwar zu den selben Bedingungen wie die bereits Beschäftigten. Dies ist im Ergebnis lohnstückkostenneutral, das heißt, die Lohnkosten pro produzierter Leistungseinheit bleiben konstant. Und das Schöne für Unternehmer: Auch ihre Gewinne steigen automatisch um zwei Prozent in Höhe der Produktivitätsrate. Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich ist damit nicht nur stückkostenneutral, sondern auch im Hinblick auf die arbeitsteilig geschaffene Wertschöpfung verteilungsneutral, was bedeutet, dass sich an der Lohn- und Gewinnquote nichts ändert.

Alle gewinnen demnach und trotzdem gab es nach der Veröffentlichung des "Offenen Briefes zur 30-Stunden-Woche" in der taz heftige Polemik, wie u. a. "Mottenkrise" (Arbeitgeberverbände) oder "die Gruft der 70er-Jahre öffnet sich" (Prof. Michael Hüther), und es wurden viele Phrasen gedroschen wie "das wäre das Todesurteil für die deutsche Industrie" (Unionsfraktionsvize im Bundestag Michael Fuchs).

Nicht zu erwarten war dagegen, dass sich Gewerkschaftsvorstände zunächst so zurückhielten. Dann kam eine schroffe Ablehnung. Die Beschäftigten würden keine Arbeitszeitverkürzung wollen, sondern mehr Lohn. Obwohl diese Behauptung durch keine wissenschaftlich fundierte Untersuchung verifiziert wird, mag das sogar richtig sein. Denn die Beschäftigten haben aufgrund der neoliberal intendierten Umverteilung seit Jahren reale Einkommensverluste hinnehmen müssen. Dann zählt die Kaufkraft bei den Beschäftigten überproportional.

Warum steigt der Lohn aber nicht mit der Inflations- und Produktivitätsrate? Die Antwort ist wieder einfach: Weil die Ware Arbeitskraft nicht knapp ist beziehungsweise wir in Deutschland Massenarbeitslosigkeit haben und in den Betrieben Angst umgeht, mit der die Unternehmer die Beschäftigten klein halten und disziplinieren – mittlerweile bis zu devoten Verhaltensweisen der Abhängigen.

Die Gesellschaft würde von gigantischen Kosten befreit

Verzichten die Beschäftigten auf Verkürzungen der Arbeitszeit, so kommt es letztlich sogar zu einem irrationalen Verhalten: Statt weniger Arbeitskraft anzubieten, was eine ökonomisch rationale (normale) Reaktion wäre, bieten sie, um ihr individuelles Einkommen zu halten, immer mehr davon an, so dass am Ende alle Beschäftigten im Niedriglohnsektor landen. Übrigens sind da die Unternehmer anders unterwegs. Verfallen die Preise für ihre Waren an den Gütermärkten, dann verknappen sie ihr Angebot sofort oder sie bilden ein widerrechtliches Kartell. Die legalen und notwendigen Kartelle der abhängig Beschäftigten, die Gewerkschaften, schaffen es aber offensichtlich nicht, den notwendigen Verknappungsprozess durch adäquate Arbeitszeitverkürzungen auf den Weg zu bringen. Wenn man natürlich in den Tarifverhandlungen nur auf reine Lohnrunden setzt und Arbeitszeitverkürzungen ausklammert, dann gelingt es nicht.

Weniger Burnout, weniger Scham

Dabei verbessert erstens eine 30-Stunden-Woche nicht nur die Arbeitsbedingungen, sondern beendet zweitens auch den Ausschluss der Arbeitslosen aus der Gesellschaft, ihr Minderwertigkeitsgefühl, ihre Scham, und bringt sie wieder in Arbeit und Brot. Auch wird durch Arbeitszeitverkürzung die geschlechtergerechtere Aufteilung der Hausarbeit, der Erziehungs- und Pflegearbeit nachhaltig verbessert und die Lebensplanung insgesamt viel freier durch weniger fremdbestimmte Arbeit. Nicht zuletzt brauchen wir eine Arbeitszeitverkürzung auch, um mehr Zeit zu haben für ein gesellschaftliches und politisches Engagement. Und drittens wird die Gesellschaft als Ganzes von jährlich 50 bis 70 Milliarden Euro fiskalischer Kosten für Massenarbeitslosigkeit befreit. Hieran müsste insbesondere die Politik ein Interesse haben.

Wäre die Wirtschaft, nur gerechnet für die Jahre von 2001 bis 2011, vollbeschäftigt gewesen, dann hätte der Staat im selben Zeitraum nicht zusätzlich 623,3 Milliarden Euro neue Schulden machen müssen, sondern im Gegenteil die öffentlichen Haushalte hätten einen Überschuss in Höhe von 17,3 Milliarden Euro verbuchen können. Die größte Ursache für Staatsverschuldung in Deutschland ist die seit fast vierzig Jahren bestehende Massenarbeitslosigkeit. Dies scheint nicht im Bewusstsein der herrschenden Politik zu sein; sie hat sich offensichtlich mit Arbeitslosigkeit abgefunden. Die Unternehmer können bestens damit leben.

Die Arbeit wird nicht ausgehen

Es gab aber auch ernstzunehmende Kritik gegen eine 30-Stunden-Woche. Natürlich ist es ein Problem, das durch Arbeitszeitverkürzung freigesetzte Arbeitsvolumen qualifikatorisch und räumlich eins zu eins zu kompensieren. Die Arbeitslosenquoten und auch die Qualifikationen der Menschen sind regional nicht gleichverteilt. Dies wird berufliche und arbeitsplatzbezogene Anpassungsprozesse implizieren, die aber über Qualifizierungsmaßnahmen mit staatlicher Unterstützung realisierbar sind. Allerdings ist es eine Beleidigung der Arbeitslosen und Unterbeschäftigten, sie seien unisono nicht hinreichend ausgebildet und qualifiziert genug, um das durch Arbeitszeitverkürzung freiwerdende Arbeitsvolumen zu kompensieren. Die große Masse ist es. Und außerdem haben die meisten Arbeitsprozesse in einer hocharbeitsteiligen Wirtschaft allenfalls einen repetitiven Charakter.

Nicht alle müssen (können) in einer Gesellschaft Ingenieure, Rechtsanwälte, Ärzte, Lehrer oder Professoren sein (werden). Das Argument, dass es große regionale Unterschiede gibt, was Qualifikation und Arbeitslosigkeit angeht, wiegt da schwerer. Hier wird der Staat monetäre Anreize zur Mobilität setzen und auch kleinen Betrieben bei der Anpassung helfen müssen. Trotz alledem: Das wichtigste Argument für eine Arbeitszeitverkürzung, dies sei allen Kritikern noch einmal gesagt, ist und bleibt der seit langem in Deutschland vorliegende empirische Tatbestand, dass das reale rückläufige Wirtschaftswachstum nicht ausreicht, um die stetig weiter steigenden (wenn auch nachlassenden) Produktivitätsraten auszugleichen. Daran wird sich auch in Zukunft trotz der demographischen Entwicklungen nichts ändern.

Umverteilung von Besitzeinkünften zu den Arbeitseinkommen

Das Ergebnis ist: Das Arbeitsvolumen (Beschäftigte multipliziert mit der Arbeitszeit) geht weiter zurück. Sollte es dennoch zu einem Anstieg des Arbeitsvolumens kommen, wird dieser nicht ausreichend sein, um die hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung zu beseitigen beseitigen. Natürlich kann man jetzt versuchen, wie dies reine Wachstumsfetischisten machen, über steigende Löhne eine entsprechende Nachfrage an den Gütermärkten und damit auch an den Arbeitsmärkten zu entfalten.

Auch die Unterzeichner des "Offenen Briefes" (30-Stunden-Woche fordern! Ohne Arbeitszeitverkürzung nie wieder Vollbeschäftigung)* sind ganz dezidiert für eine Umverteilung von den Besitzeinkünften (Gewinne, Zinsen, Mieten und Pachten) zu den Arbeitseinkommen (Löhne und Gehältern), um die Kaufkraft zu erhöhen. Dies wird, wie oben ausgeführt, aber nur gelingen, wenn die Arbeitsmärkte einigermaßen im Gleichgewicht sind und durch Arbeitszeitverkürzungen keine Massenarbeitslosigkeit mehr besteht. Und wir sind auch der Meinung, obwohl uns einige Kritiker das Gegenteil unterstellen, dass in Deutschland die Arbeit nicht ausgeht.

Langfristig eine 30-Stunden-Woche

Sicher gibt es im öffentlichen Sektor, was die Infrastruktur, den Bildungsbereich oder auch fehlende öffentliche Dienstleistungen anbelangt, noch viel zu tun. Hier könnten sinnvolle Arbeitsplätze geschaffen werden. Dagegen wird in der privaten Wirtschaft viel überflüssiger Schrott produziert, den im Grunde keiner benötigt. Wir wollen nicht nur einfach wachsen, sondern, ohne weitere riesige Umweltprobleme zu schaffen, ein sozial-ökologisch ausgerichtetes Wachstum auf den Weg bringen. Und dies mit einer kollektiven Arbeitszeitverkürzung verknüpfen, die Wohlfahrt und Zufriedenheit für alle bringt. In der Vergangenheit wurde viel versäumt, deswegen wird eines nicht mehr gelingen: Die 30-Stunden-Woche wird sich nicht innerhalb eines Jahres umsetzen lassen.

Es werden mindestens fünf Jahre nötig sein, mit einer Verkürzung der Arbeitszeit um fünf Prozent in jedem Jahr. Um das zu finanzieren, wäre eine Produktivitätsrate von ebenfalls fünf Prozent pro Jahr nötig, die aber nicht realistisch ist. In den Jahren 2000 bis 2012 lag sie im Jahresdurchschnitt nur bei 1,22 Prozent. Das heißt, etwa vier Prozentpunkte müssten durch eine Umverteilung aus den Besitzeinkommen zur Finanzierung der Arbeitszeitverkürzung aufgebracht werden. Vor dem Hintergrund der gigantischen Umverteilung seit dem Jahr 2000 in Höhe von gut einer Billion Euro zu den Besitzeinkünften ist dies jedoch kein Problem, wären da nicht die Kapitalisten und die ihnen nahestehenden Parteien, die was dagegen haben, von ihrem Reichtum etwas abzugeben.

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*Der "Offene Brief an die Vorstände der Gewerkschaften, Parteien, Sozial- und Umweltverbände und Kirchenleitungen in Deutschland" wurde von Prof. Dr. Heinz-J. Bontrup und Prof. Dr. Mosshen Massarrat verfasst und von 100 Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterzeichnet.

 

Böll.Thema 2/2013

Wie frei bin ich? Schwerpunkt: Lebensentwürfe in Bewegung

Unser aktuelles Magazin liefert Analysen, Denkanstöße und praktische Vorschläge, wie für die eigenständige Existenzsicherung politische und gesetzliche Weichen gestellt werden können. Mit Beiträgen von Barbara Unmüßig & Susanne Diehr, Uta Meier-Gräwe, Heide Oestreich, Astrid Rothe-Beinlich, Götz Aly, Julia Friedrichs, Chris Köver, Ulrike Baureithel u.v.a.

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