Achtung: Schwieriges Wandergebiet. Die Große Koalition und die Geschlechterfrage

Achtung: Schwieriges Wandergebiet. Die Große Koalition und die Geschlechterfrage

Feministischer Zwischenruf

Die Landschaft unserer Geschlechterpolitik ist von großen Klüften durchzogen. Die SPD hat sich über die Wanderrouten in dieser Landschaft viele Gedanken gemacht.

Gebirge
Schwieriges Wandergebiet. Die Große Koalition und die Geschlechterfrage — Bildnachweise

Achtung: Schwieriges Wandergebiet. Die Große Koalition und die GeschlechterfrageFeministischer Zwischenruf

Die Landschaft unserer Geschlechterpolitik ist von großen Klüften durchzogen. Da ist die große Lohnlücke zwischen Männern und Frauen (23 Prozent), die in einen horrenden Abgrund von Einkommensabstand im Alter einmündet (59 Prozent). Da gibt es die niedrige Hügelkette der typischen Frauenjobs, die unterbezahlt sind und kaum sichtbar, so viele Frauen tummeln sich darauf. Daneben das große und breite Hochgebirgsgebiet der Männerjobs mit Gipfeln von Spitzeneinkommen, von denen die Frauen nur träumen können. Da ist dann noch den Abgrund der unbezahlten Arbeit zwischen Frauen, die fast vier Stunden im Haushalt verbringen und Männern, die auf etwa zwei Stunden kommen.

Heide Oestreich ist Redakteurin der taz, die tageszeitung und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewußte Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

Hochgebirge sind schön, Klüfte sind auch nicht per se schlecht. Nur, wenn auf der sonnigen Seite und den höchsten Gipfeln fast nur Männer und in den schattigen Tälern sehr oft nur die Frauen stehen, dann wird es schwierig. Wenn man in die Nachbarländer schaut und sieht, wie Frauen dort ebenfalls Gipfel erklimmen ergibt sich ein Handlungsbedürfnis. Auch einzelne Männer, die in die Niederungen der Hausarbeit hinabsteigen und -falls sie gern schreiben - mit einem Männerratgeber für den Haushalt wieder daraus auftauchen, lassen die Idee aufkommen, dass man die Geschlechter in dieser Landschaft besser verteilen könnte.

Die SPD hat sich über die Wanderrouten in dieser Landschaft viele Gedanken gemacht. Sie wollte Sackgassen vermindern, einige Frauenjobs ins Gebirge verlegen, die Männer zum zeitweiligen Herabsteigen motivieren, damit sie keine Höhenkrankheit bekommen. In ihrem Regierungsprogramm las sich das so: Die Wegweiser in die Sackgassen namens Ehegattensplitting und Betreuungsgeld sollten abgeschafft werden. Sie wollte ein Entgeltgleichheitsgesetz, nach dem es einfacher werden sollte, gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit zu fordern. Sie wollte eine Hochgebirgsquote für Aufsichtsrätinnen. Sie wollte, dass alle Eltern, Mütter und Väter, für eine Zeit ihre Arbeitszeit reduzieren können, um Kinder zu erziehen, und das mit einem finanziellen Ausgleich. Das waren die Ideen der SPD. In der Landschaft sollten zukünftig Männer und Frauen herumspazieren, wie es ihnen gefällt.

Aber nun haben wir die große Koalition. Die Wegweiser in die Irre namens Ehegattensplitting und Betreuungsgeld bleiben stehen. Statt 40 Prozent sollen nur 30 Prozent Frauen in die Hochgebirgsaufsichtsräte. Die Pflicht zur Entgeltgleichheit wird nicht mit Sanktionen bewehrt. Und die Eltern dürfen weiterhin zusammen keine Kammwanderungen machen: Beide reduzieren ihre Arbeit ein bisschen und bekommen einen Lohnersatz, die sogenannte Familienarbeitszeit: Gestrichen.

Geschlechterpolitisch hätte es schlimmer kommen können. Dank Ursula von der Leyens Erpressung der Unionsfraktion (sie drohte in der verganenen Legislaturperiode, mit der Opposition für eine feste Quote zu stimmen) hat sich die Union überhaupt zu einer Quote durchgerungen. Ansonsten hatte sie außer einer leichten Verbesserung der Mütterrente nichts nennenswertes im Angebot. Dagegen hat unsere Wanderführerin in der kommenden Legislaturperiode, Manuela Schwesig nicht schlecht verhandelt. Das Problem ist, dass wir seit Jahren eigentlich eine Völkerwanderung in diesem Gebiet in Gang setzen müssten. Die wird es also wieder nicht geben. Stattdessen einzelne Eltern, die weiter verzweifelt auf ihre Wanderkarte starren. Väter, die im Hochgebirge verloren gehen. Mütter, die im Sumpf der unbezahlten Arbeit stecken bleiben. Die große Koalition stellen ihnen allen höchstens einen alten undichten Schafstall zur Verfügung: Wenn die Armut zuschlägt, können sie bei Mindestlohn und Mindestrente fast im Trockenen sitzen. Hals- und Beinbruch!


 

Verwandte Inhalte

0 Kommentare

Neuen Kommentar schreiben

Neuen Kommentar schreiben