"Die klassische Familie ist zum Leitbild zu erheben": Das kommt mit der AfD

"Die klassische Familie ist zum Leitbild zu erheben": Das kommt mit der AfD

Feministischer Zwischenruf

Es war die Stunde der AfD. Diese seltsam schwammige Partei, die irgendwie rechts ist, ist in zwei weitere Landtage eingezogen. Ob sie sich damit wirklich etabliert oder den Weg vieler bisheriger Protestparteien gehen wird ist weiterhin fraglich.

Familie mit drei Kindern
Frauke Petry, die Spitzenkandidatin in Sachsen, nennt es "wünschenswert, dass eine normale deutsche Familie drei Kinder hat" — Bildnachweise

Es war die Stunde der AfD. Sonntag, 18 Uhr: Diese seltsam schwammige Partei, die irgendwie rechts ist, ist in zwei weitere Landtage eingezogen. Ob sie sich damit wirklich etabliert oder den Weg vieler bisheriger Protestparteien gehen wird, die sich nach einiger Zeit zerlegen und entzaubern, ist weiterhin fraglich. Doch die Koinzidenz mit einem anderen Ereignis lässt einen dann doch nocht einmal genauer hingucken. Nächsten Samstag werden die "Lebensschützer*innen" wieder demonstrieren, sie rufen auf zum "Marsch für das Leben" in Berlin.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Eine ganze Menge. In der AfD versammeln sich Menschen mit einem konservativen Familienbild, wie der Soziologe Andreas Kemper in seiner Studie "Keimzelle der Nation?" beschreibt. Viele sind Christen. Und viele sind "Lebensschützer*innen". Die Spitzenkandidatin für das Europaparlament etwa, Beatrix von Storch, war 2013, beim letzten "Marsch für das Leben" ganz vorn mit dabei. Frauke Petry, die Spitzenkandidatin in Sachsen, nennt es "wünschenswert, dass eine normale deutsche Familie drei Kinder hat" und spricht sich für ein Volksbegehren für eine Verschärfung des Paragraf 218 aus.

Heide Oestreich ist Redakteurin der taz, die tageszeitung und betreut dort vor allem die Geschlechter- und Gesellschaftspolitik. 2004 erschien von ihr das Buch "Der Kopftuchstreit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam". 2009 wurde sie vom Journalistenverband Berlin Brandenburg für ihre langjährige Berichterstattung über unbewußte Geschlechterklischees mit dem Preis "Der lange Atem" ausgezeichnet.

Auch die Europäischen Bürgerinitiative "One of us" initiierte von Storch mit ihrem Mann. Die Initiative wollte über eine Petition mit knapp 2 Millionen Unterzeichner*innen an die Kommission erreichen, dass die EU keine "verbrauchende" Embryonenforschung mehr unterstützt. Nebenbei wurde auch noch gefordert, dass Entwicklungshilfeprojekte, die Familienplanung betreiben, also auch Abtreibungen ermöglichen, nicht mehr unterstützt werden sollten. Die EU-Kommission wies die Petition zurück.

Zugleich lobbyierte das Bündnis gegen den sogenannten Estrela-Bericht, benannt nach der Verfasserin, einer Abgeordneten der Sozialdemokraten, der europaweit liberale Standards bei Reproduktionsmedizin, Abtreibung und Sexualerziehung einforderte. Der Frauen- und Gleichstellungsausschuss des EP hatte den Bericht schon verabschiedet, doch das Lobbying trug mit dazu bei, dass das Europaparlament ihn ablehnte. Ähnlich wurde danach das "Lunacek-Papier" torpediert, das die Einhalten der Grundrechte für Homo- und Bisexuelle, Trans- und Intersexuelle (LSBTI) forderte.

Nun gab und gibt es "Lebensschützer*innen" auch in der Union, das ist also kein Alleinstellungsmerkmal der AfD. Was sie allerdings singulär unter den deutschen Parteien macht, ist ein ganz expliziter Antifeminismus. Zuerst war es nur lustig, als die Jugendorganisation der AfD auf Facebook eine Aktion namens "Ich brauche keinen Feminismus" startete, aber dann hieß es auch im Wahlprogramm zur Europawahl: "Die AfD lehnt ein "Gender Mainstreaming", das auf eine Aufhebung der Geschlechteridentitäten zielt, ab. Entsprechende finanzielle Förderungen sind ebenso einzustellen wie etwaige Bestrebungen der EU, den Mitgliedsstaaten eine solche Politik aufzuzwingen." Natürlich werden auch Quoten für Frauen abgelehnt.

Der Spitzenkandidaten der AfD in Thüringen, Björn Höcke, sagte der Thüringer Allgemeinen: "Schädliche, teure, steuerfinanzierte Gesellschaftsexperimente, die der Abschaffung der natürlichen Geschlechterordnung dienen, zum Beispiel das Gender Mainstreaming, sind sofort zu beenden". Kinder sollten wieder "verstärkt in der Familie erzogen werden": "Die klassische Familie ist wieder zum Leitbild zu erheben."

Na und? Was interessieren uns Reaktionäre in Kleinparteien? Sie sollten uns interessieren. Sie klauen Unionswähler*innen, die die Union gern zurück hätte. Wie macht man das? Man signalisiert Offenheit für ihre Themen. Es wäre nicht das erst Mal, dass eine Partei sich auf Kosten von Frauenrechten sanieren will.

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    Von Heide Oestreich

8 Kommentare

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Hebel

Es ist ja interessant, dass diejenigen Parteien, welche besonders laut für übertriebenen Genderismus und z. B. gegen ein Betreuungsgeld waren (FDP, Grüne, SPD), in der Bundestagswahl und den folgenden Länderwahlen weitgehend verloren haben bzw. untergegangen sind. Viele merken, dass die Hauptleidtragenden des Genderismus die Frauen und Kinder sein werden. Denn wenn die eigentlichen weiblichen Vorteile und Überlegenheiten ausgeredet oder gar negativ bewertet werden, ist die innere Identität zerstört und es bleiben nur noch Äußerlichkeiten, die dann kultmäßig in den Mittelpunkt rücken (Diäten, Schönheitsoperationen, Castingshows, Sexting usw.) [Kommunikationswissenschaftlerin Petra Grimm, 2010: Mädchen ziehen zunehmend Selbstbewusstsein daraus, Jungen als Sexobjekte zu dienen].
Die Überredungs-Ideologie, dass Gleichberechtigung nur durch Aufhebung der Geschlechtrollenunterschiede möglich sei, kann bei Frauen mit den anderen selbst erlebten motivationalen Grundlagen zu inneren Konflikten und damit zu Depression und anderen ernsthaften psychischen Problemen führen [Moulton, 1977]
Siehe auch in den hierzulande weitgehend unbekannten Studien z. B. von Prof. Annica Dahlström, Uni Göteborg: Innerhalb der letzten 15 – 20 Jahre einen Anstieg psychischer Erkrankungen bei schwedischen Mädchen um 1000 Prozent, Depressionen um 500 Prozent; Suizidrate finnischer Mädchen ist die höchste in Europa
Gleichheit kann sich höchstens addieren, Verschiedenheit kann wesentlich mehr erreichen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 4. erweitere Auflage, Logos-Verlag, Ansbach, 2014: ISBN 978-3-9814303-9-4)

PoliBlog

An Hebel:
offenbar haben Sie den Begriff "gender" nicht vertsanden. Es geht ja gerade darum, geschlechtsspezifische Merkmale nicht zu einer Einordnung in der Gesellschaft zu verwenden. Ihr Beispiel mit dem Lustobjekt soll eben gerade dadurch verhindert werden, wobei individuelle Vortsellungen zum persönlichen Rollenbild ja nicht verboten sind.
Wer möchte, kann weiterhin ein viktorianisches Menschenbild vom Mann als außerheimischen Vater, Geldbeschaffer und Soldat und der Frau als innerheimische Köchin, Putzhilfe und Kindererzieherin pflegen. Dies soll jedoch nicht mehr als Grundsatz zur Einordnung in einer Gesellschaft dienen. Unabhängig vom biologischen Geschlecht sollen die Menschen in einer Gesellschaft ihre Rolle frei wäheln können. Das führt wohl kaum zu Depressionen, sondern zu erhöhtem Glück durch mehr Selbstbestimmung.

Dass die von Ihnen erwähnten Studien weitgehend unbekannt sind, hat wohl einen guten Grund. Und für Wahlschlappen sind nicht allein "Genderisumus" Themen verantwortlich zu machen, das wäre eine allzu einfache und bequeme Ausrede. Darüberhinaus ist es äußerst grotesk, zu glauben, eine Gleichberechtigung der gesellschaftlichen Rollen-Geschlechter (engl.: gender) führe zu einer Ausschaltung der biologischen Geschlechter (engl.: sex) bzw. zu Konflikten in der eigenen körperlich-seelischen Wahrnehmung.
Eine Frau wird wohl kaum an Suizid denken, wenn sie eine Führungsposition im Beruf angeboten bekommt.
Zitat (nachzulesen bei Wikipadia): "Gender Mainstreaming bedeutet, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen" sowie GG, Art.3, Abs.2: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt". Haben Sie etwas dagegen? Oder glauben Sie ernsthaft, aufgrund dieser Freiheitsrechte könne jemand in Depression verfallen oder seine menschliche Identität als vergewaltigt ansehen?

eger

Das dominierende Genderkozept ist eben nicht nur die Anerkennung der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Dagegen hat die AfD auch nichts einzuwenden. Das Konzept der vielen Genderlehrstühle geht davon aus, dass das Geschlecht eine rein soziale Konstruktion darstellt. Biologie und Naturwissenschaften sind daher rote Tücher für die Genderisten. Da gibt es ja noch Unterschiede. Das Phänomen "Mutter" ist deshalb absolut auszurotten (Simone de Beauvoir, Judith Butler). Gegen diesen Genderwahn mit seinen unsinnigen Auswüchsen wie den Gendergap in wissenschaftlichen Arbeiten erlaubt sich ja in den Medien und in der Politik niemand mehr etwas zu sagen. Seien wir froh, dass die AfD hier den Meinungskorridor wieder weiter gemacht hat.

statistik

@Hebel: Vorsicht mit der Aussagekraft statistischer Erhebungen. Sie zitieren die Studie von Prof. Annica Dahlström, die einen 1000% Anstieg an Depressionserkrankheiten von Frauen in Skandinavien dokumentiert. Was die Studie leider nicht belegt ist wie dieser 1000%ige Anstieg zustande kommt, sprich der kausale Zusammenhang. Wir verzeichnen in allen Industrieländern, sowohl in konservativ regierten als auch anderen, einen Anstieg Psychologischer Erkrankungen. Ist dies eine Folge der Globalisierung, wirtschaftliche Entwicklungen, der Leistungsgesellschaft, der Annonymisierung in einer digitalen Gesellschaft, liegt es einfach nur an verändrungen in der Diagnostik (siehe die Kontroversen um u.a. das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders"), oder liegt es wirklich an der gleichberechtigung zwischen Mann und Frau? Ich weiss es nicht. Aber die Implikationen der Studie sind so nicht beweissbar.

statistik

@eger: Natürlich kann man sich immer auf den STandpunkt stellen das die AfD nur gegen die von Ihnen zietierten extremen Fiministinen ist. Die Zitate im Artikel, sprechen aber leider etwas anderes. Frau Beatrix von Storch ist eben nicht nur gegen Übertribene Formen des Gendrismus, sonder ganz konkrete gegen alles was nicht ihrer sehr egen Definition von Korrektem Familienbild entspricht. D.h. konkret gegen alle nicht heterosexuellen, auch wenn sie selbst gezeugte Kinder haben, gegen alle Nichtverheirateten, usw. Das ist in einer pluralistischen, tolleranten Gesellschaft mindestens genau so ein Problem wie übertriebener Feminismus.

statistik

Man kann ja manche Forderungen in der Geschlechter Politik für übertrieben halten. Aber man sollte nicht aus dern Augen verliegen, dass ohne die Grünen Ehelichen Gewalt nicht einmal ein Tatbestand wäre. Leider gibt es aus Richtung AfD (zum Glück noch nicht im Wahlprogramm) auch Vorderungen soetwas wieder abzuschaffen. Bei allem Respekt vor der Institution Ehe, zu einer rechtsfreie Zone sollte sie nicht wieder verkommen.

statistik

@[anonym]: Vermute nicht das die Boellstiftung es als Anti-Bild verwenden wollte. Es ist ein Wahlwerbebild der AfD. Ich bin nicht so ein großer Freund Kinder zu Wahlwerbezwecken zu nutzen. Alle Parteien ausser der NPD und er AfD haben in den letzten Wahlen darauf verzichtet. Es schadet den Kindern auf dem Bild sicher nicht, aber es hat etwas extrem subjektives und emotionalisierendes. Populistisch eben, denn natürlich sind wir alle "für Kinder".

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