Vorhaut dran, Kopftuch ab!

Vorhaut dran, Kopftuch ab!

Feministischer Zwischenruf

Europa hat seinen nächsten migrantischen Sexismus-Skandal. Diesmal spielt er in Therwil, ein 10.000-Einwohner Städtchen im Umland von Basel. Zwei Schüler weigerten sich ihrer Lehrerin die Hand zu geben und nun sind die Kommentarspalten wieder gefüllt mit bedeutungsschwangeren Begriffen.

Mädchen auf Roller mir schwarzem Hijab
Nicht das Kopftuch schließt aus, sondern dessen Stigmatisierung — Bildnachweise

Vom Angriff auf westliche Werte ist die Rede, von Aufklärung, Frauenrechten und fehlendem Respekt. Doch wer solche Belehrungen als einen Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung in schweizerischen Klassenräumen hält, irrt. Aus ihnen spricht nicht das Bedürfnis nach Emanzipation, sondern der Wille nach Bewahrung traditioneller Rollenbilder.

Die Mehrheitsgesellschaft und ihre Suren-Sklaven

Es soll in diesem Beitrag nicht darum gehen, dass das Problem handschlagverweigernder Muslime eigentlich viel zu marginal ist um eines zu sein. Diese Kolumne handelt auch nicht davon, dass es selbst im aufgeschlossenen Basel nicht erst zwei jugendliche Migrantenkinder brauchte, um traditionelle Geschlechterrollen zu praktizieren. Dieser Beitrag macht sich nicht auf die Suche nach alten Handschlag-Anekdoten des Propheten, als handle es sich bei Muslimen zu individuellen Entscheidungen unfähige Suren-Sklaven. Ebenso wenig geht es hier darum, dass das Nicht-Händeschütteln selbst unter konservativen Muslimen und Musliminnen als ein absolutes Minderheiten-Phänomen gilt und die zum Kulturkonflikt hochstilisierte Handschlag-Frage den meisten islamischen Theologen bestenfalls ein gelangweiltes Schulterzucken entlockt.

Fabian Goldmann ist freier Journalist, Politik- und Islamwissenschaftler. Seine Themenschwerpunkte sind u.a. Islamophobie und die Kritik an patriarchalen Männlichkeiten.

Es soll nicht darum gehen, ob die beiden in der Schweiz geborenen Söhne eines vorzwanzig Jahren aus Syrien migrierten Imams nun Respekt oder Frauenverachtung antrieb. Stattdessen handelt diese Kolumne davon, wie die Mehrheitsgesellschaft mit solchen Fällen umgeht. Davon, dass sich die Werte-Dogmen der überwiegend weiß-männlichen Debattenführer gegenüber Migranten im Wesentlichen nicht unterscheiden von den Rollenbildern des Patriarchats gegenüber Frauen.

Weiße Allmachtsfantasien, schon wieder

Um festzustellen, dass es in der Regel nicht die Überzeugungskraft freiheitlicher Ideale sondern die Konservierung traditioneller Machtverhältnisse ist, die viele nun aufschreien lässt, reicht es schon sich den „Wir versus die“-Ton der Kommentare anzuschauen: Der Händedruck sei „Teil unserer Kultur“, urteilt zum Beispiel  der Präsident des schweizerischen Lehrerverbandes, Beat Zemp. „Die Verweigerung des Handschlags ist eine Kampfansage an unsere Ordnung“, schreibt der CDU-Bundestagsabgeordnete Phillip Lengsfeld auf Twitter. Und Martin Neumeyer, der völlig ohne Ironie den Titel „bayerischer Integrationsbeauftragter“ trägt, schreibt: „Es kann nicht sein, dass wir immer mehr von unseren eigenen Umgangsformen und unserer Identität aufgeben, nur weil eine kleine Minderheit nicht integrationswillig ist.“ 

Inwiefern der Handschlag von zwei schweizerischen Jungen Einfluss auf die Umgangsformen in Bayern hat, sagt Neumeyer nicht. Stattdessen spricht etwas anderes aus seiner Art von Urteil: ein Allmachtsanspruch, der seinen Geltungsbereich genauso im letzten schweizerischen Klassenzimmer verteidigen will wie in den eingeschlechtlichen Aufsichtsräten deutscher DAX-Konzerne. Die tatsächliche gesellschaftliche Relevanz des Problems, die konkrete Wirkung der Forderungen, ja sogar der jeweilige Anlass spielen für die meist männlichen Debatten-Führer kaum eine Rolle. Was zählt, ist die Selbstvergewisserung des eigenen Machtanspruches. Das Instrument dazu ist nicht Befähigung, sondern Bevormundung: Das Mädchen muss ins Schulschwimmbecken, der Junge raus aus dem Freibad! Das Kopftuch muss runter, die Vorhaut bleib dran! Frauen sollen kein Fußball, und die Twitter-Feministin sich nicht so aufspielen!

Nicht das Kopftuch schließt aus

In keinem Symbol kulminieren sexistische und rassistische Dimension des Chauvinismus so sehr wie im Kopftuch. Kein anderes Beispiel zeigt so gut, dass der Versuch, Emanzipation erzwingen zu wollen, nicht nur verlogen, sondern auch kontraproduktiv ist. Chronisch und chronisch ungehört weisen muslimische Frauenrechtlerinnen darauf hin, dass es nicht das Kopftuch, sondern dessen Stigmatisierung ist, die seine Trägerinnen vom öffentlichen Leben ausschließt. Muslimische Frauen gelten oft erst dann als Problemfall, wenn sie sich als Lehrerinnen, Polizistinnen oder Richterinnen von Geschlechterrollen emanzipieren. Wer daran zweifelt, sollte die Gegenprobe machen: Wann hat sich zuletzt jemand über eine kopftuchtragende Putzfrau echauffiert?

Dafür, dass man Emanzipation nicht erzwingen, sondern nur ermöglichen kann, bietet die Türkei ein schönes Beispiel. Seit 1923 war kopftuchtragenden Türkinnen der Besuch von Universitäten verboten. In der Folge waren Generationen türkischer Frauen zu einem Dasein als Bäuerinnen und Putzfrauen verdammt. Heute nach dem Ende des Kopftuchverbots liegt der Frauenanteil an türkischen Hochschulen bei fast 50 Prozent, gibt es in der Türkei fünfmal mehr Professorinnen als in Deutschland, sind 12 Prozent aller Vorstände türkischer Unternehmen weiblich. In Deutschland sind es 5 Prozent.

Von solchen Zuständen ist auch das schweizerische Therwil noch weit entfernt. Dort hat die Schulleitung einen sehr eigenwilligen Weg gefunden, Geschlechtergerechtigkeit durchzusetzen: per Verordnung. Sie wies die beiden muslimischen Schüler an, auch ihren männlichen Lehrern nicht mehr die Hand zu geben. Die Schulleitung und alle anderen Debattenteilnehmer täten besser daran, das Problem einfach dort zu belassen, wo es auftritt: im Klassenraum. Denn dieser ist nicht nur ein Ort von Kurvendiskussion und Gedichtinterpretation, sondern auch Sozialisationsinstanz. Ein unter normalen Umständen geschützter Freiraum, in dem heranwachsende Jungen und Mädchen die Möglichkeit haben, ihr Rollenverständnis immer wieder neu auszuhandeln und sich schließlich emanzipieren können – von den Traditionen ihrer Eltern und dem Werteverständnis der Mehrheitsgesellschaft. 

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6 Kommentare

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Alexander

Ich habe es endgültig satt, dass linke Kolumnen offenbar nicht mehr ohne den ausgestreckten Zeigefinger auskommen. Dieser richtet sich selbstverständlich auf den "weißen, männlichen, heterosexuellen" Menschen, der natürlich die Quelle allen Übels dieser Welt ist. Ein Vorurteil bleibt ein Vorurteil, eine Diskriminierung, eine Diskriminierung und zwar vollkommen egal gegen welche Personengruppe sie sich richtet. Wer glaubt etwas Besseres zu sein, der sollte gefälligst genau das sein: Besser. Solange Weltverbesserung ein Feindbild braucht ist es genau ein Teil der Kraft, die stets das Gute will und doch stets das Böse schafft.

Thomas Arbs

Auch wenn ich jetzt wieder als Mann in Frauenfragen mitrede, "mansplaining" geschimpft, ähnlich wie - ups - der Autor, war ich eine ganze Weile ganz bei ihm, bis ich auf Frauen traf, die sich "als Lehrerinnen von Geschlechterrollen emanzipieren". Wann war der Herr bitte das letzte Mal an einer ganz durchschnittlichen Grundschule? Und von der Referendarin bis zur Schulleiterin, wie viele Lehrer kann er mir dort zeigen, die diese Geschlechterrollen zementieren?

Kemalist

"Heute nach dem Ende des Kopftuchverbots liegt der Frauenanteil an türkischen Hochschulen bei fast 50 Prozent, gibt es in der Türkei fünfmal mehr Professorinnen als in Deutschland, sind 12 Prozent aller Vorstände türkischer Unternehmen weiblich."

Ein Kopftuch in Ehren kann niemand verwehren. Aber: Die im Vergleich zu Deutschland erfreulichen Zahlen gab es schon vor Aufhebung des Kopftuchverbots. Sie sind ein Nachhall der Reformen Atatürks, die Erdogan mit seinem reaktionären Familienbild und seinen Reproduktionsvorschriften rückgängig machen will. In Polen erleben wir z. Zt. die katholische Variante, weshalb ist die 'muslimische' besser?

"Ebenso wenig geht es hier darum, dass das Nicht-Händeschütteln selbst unter konservativen Muslimen und Musliminnen als ein absolutes Minderheiten-Phänomen gilt"

Es ist sehr bezeichnend, worum es in dem Artikel eben alles nicht geht. Unter konservativen Muslimen ist der Handkuss gegenüber älteren Respektpersonen üblich, auch weiblichen. Die Regel, von der die Schüler übrigens übers Internet erfahren haben, ist wohl weniger konservativ als körperfeindlich. Wieder die Frage: Wieso ist das in diesem Fall weniger problematisch als bei anderem religiösen Hintergrund?

"Weiße Allmachtsfantasien, schon wieder"

Weiß? Spannende Rassenfantasie. Rasse ist in dieser 'religiösen' Auseinandersetzung meist ein reines Konstrukt. Mats Hummels ginge von seiner äußeren Erscheinung als Araber durch, das Gegenteil kann ich z. B. von türkisch/kurdischen Freunden sagen.

Der Autor scheint mir leider in den kulturalistischen Klischees befangen, die er bekämpfen möchte.

Im Jahre 2016 gibt es aber keine 'Kulturkreise' mehr. Es gibt aber progressive und reaktionäre Fraktionen und Individuen. Und da muss man sich eben entscheiden, mit wem man sich solidarisiert.

Ich solidarisiere mich z. B. mit den IranerInnen, die als Männer und Frauen und andere Gender gemeinsam und ohne Trennwand sowie Verschleierung im kaspischen Meer schwimmen wollen. Vom Handschlag mal ganz abgesehen.

Marie

Welche muslimischen Frauenrechtlerinnen meint der Autor? Die angeblich im Kopftuch kein Problem sehen? Etwa Necla Kelek, Güner Balci, Seyran Ates und Serap Cileli?

Detlef Bosau

Der Vergleich ist unerträglich. Ein Kopftuch kann ich abnehmen, die Genitalverstümmelung ist irreversibel und aus meiner Sicht so unerträglich schwerwiegender sexueller Kindsmißbrauch, daß ich bei der Beschneidung einmal mehr die Diskussion um die Todesstrafe lanciere, diese ist aus meiner Sicht die einzig angemessene Sanktion für diese unerträgliche Widerlichkeit. Religionen, die dieses Ritual auch nur dulden, also etwa Judentum, Islam, Jesidentum, lehne ich kategorisch ab. Das sind Fehlentwicklungen in der menschlichen Evolution, bei denen ich fordere, daß wir sie überwinden. Wenn es nicht anders geht, muß ein Totalverbot von Religionen diskutiert und ggf. auch sanktioniert werden.

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