Was ich als Pornomacher über Männlichkeit gelernt habe

Was ich als Pornomacher über Männlichkeit gelernt habe

Feministischer Zwischenruf

Ich mache seit acht Jahren Pornos. Mein Zugang zu Sex hat sich dadurch verändert - aber nicht so, wie ihr jetzt denkt. Dadurch, was ich sehen und erleben konnte, habe ich einiges über Männlichkeit gelernt, was ich gerne jedem heterosexuellen Cis-Mann mitgeben würde. ​

Urheber/in: Patrick Catuz. Alle Rechte vorbehalten.

Wie landet man denn überhaupt beim Porno? Ich kam aus dem Feminismus dahin. Feministische Pornos? Die Idee fand ich wahnsinnig spannend, aktiv etwas an dem, wie diese Filme aussehen, verändern zu können und so bessere Messages über Geschlecht und Sexualität zu vermitteln. Irgendwie auch eine Art der Erwachsenenbildung. Ich heuerte bei Erika Lust in Barcelona an und wurde Produktionsassistent. Danach schrieb ich ein Buch darüber und lernte zufällig die Opernsängerin Adrineh Simonian kennen, die von der Bühne die Nase voll hatte und Pornos machen wollte. Wir gründeten Arthouse Vienna und machen jetzt Pornos, meistens in Wien, manchmal in Berlin.

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Arbeitsalltag beim alternativen Porno

Lust Films war damals noch eine recht kleine Firma und Arthouse Vienna ist es immer noch. Unterstützt von ein paar helfenden Händen machen wir mehr oder weniger alles selbst. Ich lese Skripte, sichte Locations, suche oder produziere Musik, suche nach Leuten, die bereit sind, vor der Kamera Sex zu haben. Die Filme veröffentlichen wir im Netz und wir screenen auch direkt vor Publikum.

Wir erhalten viele Emails von Menschen, die das gerne machen würden und wissen so aus erster Hand, was sie bewegt und wie es ihnen dabei geht. Da geht es eigentlich permanent um Geschlechtsidentität, Sexualität und Begehren. Männer drücken es meistens in funktions- und leistungsbezogenen Worten aus. Das hält mir als Mann den Spiegel vor und regt mich an, Männlichkeit zu reflektieren, den gefühlsfeindlichen Zugang zum Körper und die leistungs- und zielorientierte Sexualität, die männlich sozialisiert wird, zu hinterfragen.

Doch bevor ich das bei mir selbst bemerkt habe, ist es mir bei anderen Männern aufgefallen. Mein Alltag besteht glücklicherweise nicht aus Kettenproduktion, sondern auch aus viel Büroarbeit. Wir bekommen viele Zusendungen, größtenteils von Menschen, die sich vor die Kamera legen wollen, meine Kollegin oder mich irgendwo gesehen haben und ein paar Worte loswerden wollen. Die Reaktionen sind zum Glück größtenteils positiv (gemeint). Angenehm sind sie deshalb aber trotzdem nicht immer. Seit ich diese Arbeit mache, erhalte ich regelmäßig Dick-Pics. Eine Nachricht zu öffnen und sofort die Großaufnahme eines erigierten Penis vor mir zu haben, war für mich etwas komplett Neues. Auf die Idee, mit einem Dick-Pic am besten einen Eindruck von der eigenen Person zu vermitteln, kommen lustigerweise nur Männer.

Die harte Realität

Die Haltung, dass Männlichkeit eine harte Währung sein muss, zeigt sich dann auch beim Casting. Ein Sachverhalt, der sich in nicht ganz einem Jahrzehnt alternativem Porno in drei verschiedenen Ländern durchzieht, ist, dass sich wesentlich mehr Männer für Pornodrehs melden als Frauen. Das Interessante daran ist, wie das Reflexionsniveau entlang der Grenze Geschlecht aufgeteilt ist. Fast jede Frau hat zumindest versucht, ernsthaft zu hinterfragen, was das überhaupt bedeutet, ob sie mit dieser Situation zurechtkommen würde oder ob sie das überhaupt will. Deshalb melden sich wohl auch weniger. Neun von zehn Männern, die sich melden, kommen kaum über ein „Sex ist geil, Pornos sind geil, klar möchte ich mitspielen“ hinaus (und teilweise schreiben sie tatsächlich diesen Einzeiler).

Das reicht uns natürlich nicht. Wenn der Kontakt also nicht per Email versickert und die Menschen bereit sind uns etwas über sich und ihre Motivation zu erzählen, was auch Substanz hat, beginnt die eigentliche Arbeit. Denn Vorstellungen von aufregendem Sex vor der Kamera damit abzugleichen, was es bedeutet in einem Porno mitzumachen, ist nicht immer einfach. Dazu braucht es viele Gespräche. So finden wir heraus, wie reflektiert und stichhaltig ihre Beweggründe sind, wie gut sie sich selbst kennen und wie genau sie wissen, worauf sie sich einlassen. Wir wollen wissen, was sie daran reizt, aber auch, wo ihre Grenzen liegen. Ersteres fällt Männern leicht zu artikulieren (dazu genügt manchmal offenbar ein Satz). Bei ihren Grenzen wird es schwierig, weil sie sich oft gar nicht eingestehen wollen, dass sie überhaupt an ihre Grenzen stoßen könnten.

Hier zeigt sich immer noch dasselbe Problem, wie mit den Dick-Pics: Die unerschütterliche Überzeugung in dieser Situation zu funktionieren, ja nicht den leisesten Hauch eines Zweifels zu verspüren, dass da etwas nicht ganz reibungslos laufen könnte, liegt wie ein Schleier auf der Selbstreflexionsgabe. Dann zu vermitteln, was es bedeutet, zu einem gewissen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort vor einem halben Dutzend Menschen Sex zu haben, ist schon eine besondere Herausforderung. Ich habe mich oft gefragt, woran das liegen könnte. Mir kommt es vor, als wäre die sexuelle Leistungsfähigkeit so stark mit männlicher Identität verknüpft, dass ein Scheitern, worunter meistens Erektionsprobleme verstanden werden, gleichzusetzen wäre mit einer Bedrohung der gesamten männlichen Identität. Deshalb muss allein der Gedanke daran von vornherein ausgeschlossen werden – immerhin ist man sich doch sicher ein Mann zu sein. Die Realität sieht dann natürlich anders aus und selbst die offensten und abenteuerlichsten Menschen können Schwierigkeiten damit haben, sich in dieser Situation fallenlassen zu können – selbst wenn sie es schon einmal gemacht haben. Ich kann das bestens nachvollziehen, sich wohlzufühlen ist eben auch situationsabhängig und wir haben vollstes Verständnis dafür, wenn es aus irgendwelchen Gründen doch nicht passt. Wir versuchen nur, es so früh wie möglich herauszufinden. Und das ist speziell bei Männern oft nicht so einfach.

Urheber/in: Patrick Catuz. Alle Rechte vorbehalten.

Ein neuer Zugang zu männlicher Sexualität

Man(n) geht eben davon aus, dass ein Mann können muss. Aber was bedeutet das überhaupt? Ich habe aus diesen unzähligen Situationen auch etwas über mich selbst lernen können. Die Sturheit, in der man(n) sich an den Strohhalm erektiler Funktion klammert, ist kein Phänomen einzelner törichter Gestalten. Es steht exemplarisch für den problematischen Zugang zu Geschlecht, Körperlichkeit und Sex in der männlichen Sozialisation der Einzelnen und zu männlicher Sexualität in der Gesellschaft insgesamt.

Was diese Fälle ausdrücken, ist die Leistungsorientierung, an der der Zugang zum eigenen Körper gemessen wird. Das Körpergefühl und das persönliche Wohlbefinden sind nachrangig. Die Frage, die gemäß normierter Vorstellungen an erster Stelle steht ist, ob „er“ denn nun eigentlich steht. Die Idee, dass ein Mann auch ohne Erektion vollwertig sexuell interagieren kann, kommt nämlich immer noch vielen, vor allem heterosexuellen Menschen, abwegig vor. Es würde beinhalten, dass der Gradmesser sexueller Aktivität nicht die Penetration durch den Penis ist. Aber dieser Glaube ist weit verbreitet.

Die Männer, die bei Pornoproduktionen den Weg ans Set schaffen, sind natürlich nicht zwingend jene, die reflektiert damit umgehen. Viele dieser Männer haben normierte Männlichkeitsvorstellungen verinnerlicht und neigen dazu, das abzuspielen, was auf Mainstream-Sets gefragt ist oder was sie in anderen Pornos gesehen haben. Bei uns orientieren wir uns aber auch beim Dreh von heterosexuellen Akten nicht daran, ob der Penis jetzt steht oder Penetration stattfindet. Das ist oft auch für viele Frauen gewöhnungsbedürftig, aber damit haben wir ein paar der sinnlichsten Begegnungen eingefangen, die ich je miterleben durfte. Genauso wichtig, wie die Leistungsorientierung abzubauen, ist es, die Zielorientierung in der Sexualität zu hinterfragen. Nämlich, dass erst der Orgasmus den Sex vollwertig mache. Das ist zwar für viele Frauen keine Überraschung, für viele Männer allerdings schon – wenn es um ihren eigenen geht.

Das Erkennen dieser zentralen Mythen männlicher Sexualität ist ein entscheidender Schritt, um einen entspannteren Zugang zum eigenen Körper und vielleicht auch zum Körper des Gegenübers zu finden. Man(n) lernt sich selbst besser zu spüren, zu erkennen was einem gut tut und was nicht, was im anderen Menschen passiert und was gerade zur Situation passt. Es bedarf eines Loslassens. Das mag sehr schwer sein, weil es grundsätzlich dem männlichen Kontrollbedürfnis entgegensteht. Aber es ist es wert, es zu versuchen. Es ist eine Chance zu lernen, sich ganz anders auf sexuelle Begegnungen einzulassen. Und ist damit der Weg zu einer neuen, sinnlicheren Sexualität.

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