Dürfen die das? Zur (Il-)Legitimität gleichstellungsorientierter Männerpolitik

Dürfen die das? Zur (Il-)Legitimität gleichstellungsorientierter Männerpolitik

Was ist gleichstellungsorientierte Männerpolitik und wie lässt sich diese Strömung legitimisieren? Eine Einordnung in aktuelle feministische Debatten.

Gleichstellungsorientierte Männerpolitik – gibt es so etwas überhaupt? Dies ist immer die erste Frage, die mir gestellt wird, wenn ich erzähle über welches Thema ich promoviert habe. Ich antworte dann meist: „Ja, die gibt es, es handelt sich allerdings um ein recht kleines diskursives Feld, das kaum öffentliche Beachtung findet.“

Nicht nur, dass die Frage bereits symptomatisch für die relative Unsichtbarkeit gleichstellungsorientierter Männerpolitik wäre. Auch in meiner Antwort schwingt bereits vieles mit: Zum einen, dass gleichstellungsorientierte Männerpolitik keine große oder gar dominante geschlechterpolitische Strömung ist. Vielmehr handelt es sich dabei um vereinzelte Vereine, Organisationen und Gruppen, die mit Blick auf Jungen und Männer versuchen Geschlechterverhältnisse in Richtung Geschlechtergerechtigkeit oder -demokratie zu verändern. Hierfür beschäftigen diese Organisationen sich mit Themen wie Arbeitsbedingungen, (aktive) Vaterschaft, Vereinbarkeit, Scheidung, Gewalt (gegen Frauen, gegen Jungen, gegen Männer), Sexualität, männliche Identität, Alkoholismus, Sucht, Gesundheit, Männer und Alter, Gleichstellungspolitik, Chancengleichheit, Frauenpolitik, Männerpolitik, Gender/ Geschlechterverhältnisse/ Geschlechterrollen, Jungen- und Männerarbeit (insb. ihre Veränderung und Finanzierung), mediale Berichterstattung über Männerarbeit und -politik und die Verschränkung von Differenzkategorien/ Intersektionalität.

Zum anderen deutet sich in meiner Antwort an, dass der gleichstellungsorientierten Männerpolitik die Beachtung fehlt: Trotz ihrer Entstehungsgeschichte aus der Frauenbewegung und ihrer Orientierung an feministischen Theorien oder Geschlechtergerechtigkeit, wird sie in der Öffentlichkeit kaum gehört und hat im öffentlichen Diskurs, aber auch in Gleichstellungs- und (sozial-)wissenschaftlichen Gender-Diskursen keine Legitimität, also keine autorisierte Sprechposition inne.

Doch, woher kommt diese Ungehörtheit, diese fehlende Legitimität?

Als politische Akteurin lässt sich die gleichstellungsorientierte Männerpolitik als Nachfolgerin unterschiedlicher Strömungen der Männerbewegung seit den 1960er/1970er Jahren verstehen, die eine Reaktion auf die Neue Frauenbewegung sowie auf die sich entwickelnde Frauenforschung war: „Insbesondere der Anfang der Männerbewegung ist von einer Abarbeitung an den vom feministischen Diskurs vorgegebenen Themen und Thesen gekennzeichnet.“ (Behnke/ Meuser 1996: 34). Im Laufe der Entwicklung der Frauenforschung wurden immer wieder Stimmen laut, die sich auch für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Männern und Männlichkeit(en) aussprachen. Mit der damit entstehenden Geschlechterforschung ging auch ein zunehmendes Interesse an Männlichkeiten einher. Die Entwicklung von Männerbewegung und Männerpolitik, die sich im deutschsprachigen Raum seit den 1990er Jahren institutionalisiert, ist also nur im Kontext der Frauenbewegung und der feministischen und (sozial-)wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Geschlecht zu verstehen.

Positionierung als Aussagebedingung

Während meiner Analyse fiel auf, dass jede Äußerung, ob schriftlich oder mündlich und jede Thematisierung, die getätigt wird, mit einer Positionierung in Form einer unbedingten Sympathiebekundung mit feministischen oder geschlechterwissenschaftlichen Theorien oder auch einer Abgrenzung von etablierter Gleichstellungspolitik verbunden ist. Vielfach wird sich zu antifeministischen Thesen abgegrenzt oder auch zu unterschiedlichen Stimmen innerhalb des männerpolitischen Feldes. Dies brachte mich dazu, Positionierung als Aussagebedingung zu verstehen: Um also im Diskurs gleichstellungsorientierter Männerpolitik etwas sagen zu können, was gehört und richtig verstanden wird, ist Positionierung vonnöten. Wenn es an dieser mangelt, besteht die Gefahr, als antifeministisch, dogmatisch, kompromisslos, ideologisch oder unpolitisch (miss-)verstanden zu werden. Manche der Positionierungen geschehen gegenüber dem diskursiven Feld, also beispielsweise gegenüber anderen männerpolitischen Organisationen, andere Positionierungen sind an die Gender Studies, an die etablierte Gleichstellungspolitik oder auch an eine weibliche Forscherin gerichtet.

Die fehlende Legitimität gleichstellungsorientierter Männerpolitik

In öffentlichen Diskursen findet die gleichstellungsorientierte Männerpolitik kaum Gehör. Dies hat zum einen den Grund, dass es antifeministischen Akteur*innen und Männerrechtler*innen gelingt, insbesondere im Internet (z.B. in Diskussionsforen), geschlechterpolitische Diskussionen zu dominieren (Rosenbrock 2012). Zum anderen stellt gleichstellungsorientierte Männerpolitik auch in sich ein Paradox dar: Denn die Akteur*innen, die im Feld aktiv sind, sind vorwiegend – wenn auch nicht ausschließlich – weiß, männlich und heterosexuell. Wie kann jedoch seitens einer privilegierten Diskursposition ein geschlechterpolitischer Diskurs ausgehen, der per definitionem das Geschlechterverhältnis fokussiert, das strukturell von Ungleichheiten zu Ungunsten von Frauen* durchzogen ist? Geht das und wenn ja: Dürfen die das überhaupt?

Kurze Antwort: Jein. Zwar sind die Themen der gleichstellungsorientierten Männerpolitik im öffentlichen Diskurs und in geschlechter- bzw. sozialwissenschaftlichen Kreisen durchaus legitim. So werden männerpolitische Organisationen auch von vielen Frauenorganisationen oder Wissenschaftler*innen als Verbündete für die Beseitigung der Hindernisse auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit zugelassen; die Themen müssen aber zuvor von der etablierten Gleichstellungspolitik, der Geschlechterforschung sowie vom öffentlichen Diskurs artikuliert worden sein. Darüber hinausgehende und von der Männerpolitik eigens formulierte Themen oder Handlungsstrategien, die nicht schon vorher auf der Agenda bestimmter Öffentlichkeiten waren, haben es durch die Sprechposition ihrer Träger*innen jedoch schwer, sichtbar bzw. gehört zu werden: Deutungsmacht bei Geschlechterthemen haben die etablierte Gleichstellungspolitik und die (sozial-)wissenschaftlichen Gender Studies. Dadurch sind sie die Legitimationsinstanz, der gegenüber sich gleichstellungsorientierte Männerpolitik legitimieren muss. So sind die männerpolitischen Akteur*innen in ihrer Kollektivität als politische Akteur*innen bzw. als Partikularität nicht legitim und autorisiert, Themen zu artikulieren, die vorher noch nicht von legitimen Sprecher*innen geäußert wurden.

So fehlt den Akteur*innen gleichstellungsorientierter Männerpolitik trotz weitgehend legitimer Themen eine im übergeordneten Gender-Diskurs notwendige Aussagebedingung, nämlich eine Markierung. Diese besteht in einem Antidiskriminierungsdiskurs (wie dem Gleichstellungs- bzw. Geschlechterdiskurs) in ihrer Diskriminierung. Frauen- und Gleichstellungspolitik autorisiert diejenigen Akteur*innen zum Sprechen, die durch ihr Geschlecht oder ihre Sexualität, zunehmend auch jene, die durch Hautfarbe, Herkunft, Religion, körperliche Beeinträchtigungen u.a. Diskriminierungen erfahren und dadurch markiert sind. Diese Diskriminierungskategorien können weiße, heterosexuelle Männer nicht auf sich selbst anwenden, ohne dabei letztlich als nicht diskriminiert bzw. geschont hervor zu gehen und damit wiederum die Subjektposition der Geschonten einzunehmen. Diese Nichtbetroffenen und in dem Sinne Unmarkierten können in dieser Logik keine Unterstützung durch eine Politik für Markierte erwarten (vgl. auch Di Blasi 2013).

Dies ist einerseits verständlich, andererseits kann daran auch ein Essentialismus kritisiert werden, den Paula-Irene Villa und Sabine Hark als „positionalen Fundamentalismus“ (Villa 2017; Hark/Villa 2017: 26) bezeichnen. Damit kritisieren sie eine Zuschreibung, die Menschen auf ihre soziale Position beschränkt, von der aus abgeleitet wird, was selbige sagen dürfen und was nicht. Der „positionale Fundamentalismus“ würde „aus jeder Positionierung im sozialen Raum eine unausweichliche Position zur Welt ableiten“ (ebd.). Noch deutlicher beschreibt Villa den „positionalen Fundamentalismus“ in einem Zeitungsartikel als „biologistische Verdinglichung“ und schreibt:

„In öffentlichen Debatten erleben wir immer wieder einen positionalen Fundamentalismus, die primitive Essentialisierung und Verabsolutierung von sozialen Positionen: Weil jemand weiß ist, soll er dieses oder jenes nicht dürfen. Weil jemand schwul ist, hat er angeblich so oder so zu sein.“ (Villa 2017).

Bezogen auf die oben beschriebene Diskursposition der gleichstellungsorientierten Männerpolitik kann vermutet werden, dass es dieser Essentialismus oder „positionale Fundamentalismus“ ist, der verhindert, dass die Aussagen der Akteur*innen gehört werden, auch wenn es sich inhaltlich um dieselben Aussagen handelt, deren Wahrheitsgehalt zwar nicht grundlegend bestritten wird, die aber eher von markierten Subjekten getätigt werden sollen.

Wie damit umgehen?

Vielleicht ist es an der Zeit, stärker eine Politik der Deprivilegierung zu verfolgen und zu betonen. Eine Abgabe von Privilegien, eine Enthaltung von Herrschaftsintentionen (Bourdieu 2005) oder ein Verzicht auf den Benefit von Herrschaft und Komplizenschaft oder der patriarchalen Dividende (Connell 1995) wäre die reflexive Haltung einer Politik der Deprivilegierung. Verglichen mit den meisten sozialen Bewegungen oder politischen, kollektiven Akteur*innen, denen es um einen Zugewinn an Rechten und Privilegien geht, ist eine Besonderheit von gleichstellungsorientierter Männerpolitik, dass sie bereits – zumindest anteilig – eine Politik der eigenen Deprivilegierung betreibt. Als eine Geschlechterpolitik, die größtenteils vonseiten einer gesellschaftlich noch immer privilegierten Gruppe aus geschieht, muss sie sich selbst und ihrer Zielgruppe einen Verzicht und die Abgabe von Macht und Privilegien auferlegen. Sie ist herausgefordert, auf eine Abgabe und damit eine Reduktion hinzuwirken und hierfür zu mobilisieren. Die gleichstellungsorientierte Männerpolitik ist sich ihrer Unmarkiertheit, die aus dem Geschont-sein weißer, heterosexueller Männer resultiert, bewusst. Eine Politik der Deprivilegierung könnte sich in Bündnissen mit anderen politischen (kollektiven) Akteur*innen als ein Grundpfeiler etablieren, für den es darüber hinaus keinen inhaltlichen Konsens oder gar vermeintliche gemeinsame Identität braucht. Eine geeignete Bündnispartner*in wäre beispielsweise die Postwachstumsbewegung, die ebenfalls durch eine Perspektive der Deprivilegierung gekennzeichnet ist, wenn sie für eine notwendige Schrumpfung, Reduktion und den Verzicht auf Annehmlichkeiten (vgl. Eversberg/ Schmelzer 2017: 84; Kastein, im Erscheinen) plädiert.

Von der Autorin ist im Februar 2019 das Buch „Gleichstellungsorientierte Männerpolitik unter Legitimationsdruck. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse in Deutschland, Österreich und der Schweiz“ im Budrich-Verlag erschienen.

Literatur

1.    Behnke, Cornelia/Meuser, Michael (1996): Ausdiskutieren oder Ausschwitzen. Männergruppen zwischen institutionalisierter Dauerreflexion und neuer Wildheit. In: Knoblauch, H. (Hrsg.): Kommunikative Lebenswelten. Zur Ethnographie einer geschwätzigen Gesellschaft. Konstanz: UVK, Univ.-Verl., S. 31–51.

2.    Bourdieu, Pierre (2005): Die männliche Herrschaft. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

3.    Connell, R. W. (1995): Masculinities. Cambridge, UK: Polity Press.

4.    Di Blasi, Luca (2013): Der weiße Mann. Ein Anti-Manifest. 1. Aufl. X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. Bielefeld: Transcript.

5.    Eversberg, Dennis/Schmelzer, Matthias (2017): Mehr als Weniger. Erste Überlegungen zur Frage nach dem Postwachstumssubjekt. In: psychosozial 40, 2 (Nr. 148), S. 83–100.

6.    Hark, Sabine/Villa, Paula-Irene (2017): Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart. X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. Bielefeld: Transcript.

7.    Kastein, Mara (2019). Gleichstellungsorientierte Männerpolitik unter Legitimationsdruck. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Budrich Uni Press.

8.    Kastein, Mara (im Erscheinen). Gleichstellungsorientierte Männerpolitik als Politik der De-Privilegierung. In: Heilmann, Andreas/ Scholz, Sylka. Caring Masculinities? Auf der Suche nach Transformationswegen in eine demokratische Postwachstumsgesellschaft (Arbeitstitel). Oekom-Verlag.

9.    Rosenbrock, Hinrich (2012): Die antifeministische Männerrechtsbewegung. Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung ; eine Expertise für die Heinrich-Böll-Stiftung. Schriften des Gunda-Werner-Instituts, Band 8. Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung.

10.  Villa, Paula-Irene (2017): Eure Gefühle sind mir schnuppe. Der "Breitbart"- Journalist Milo Yiannopoulos steht für das fatale politische Prinzip unter Trump: Beleidigung und Mackerposen. Empörung allein ist kein Mittel dagegen. In: ZEIT Online, 10.02.2017. Online verfügbar unter: https://www.zeit.de/kultur/2017-02/milo-yiannopoulos-populismus-usa-dona... [letzter Zugriff: 28.01.2019].

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