Intersektionalität ist ein Konzept, das in meinem Leben nie ein Konzept war

Intersektionalität ist ein Konzept, das in meinem Leben nie ein Konzept war

Erfahrungen einer Transperson of Color in Berlin.

Ich muss zwei Geschichten erzählen, wenn ich der Bedeutung von Prof. Kimberlé Crenshaw nur annähernd gerecht werden möchte. Zum einen ist das meine persönliche Geschichte, die mit Prof. Crenshaw und ihrer Bedeutung für die Berliner Vereins- und Aktivist*innen-„Szene“ zu tun hat, in der ich aktiv war und manchmal auch noch bin. Zum anderen sind das die Critical Race Theory Retreats der Jahre 2010 und 2012, die auch mich beeinflusst haben.

Prof. Crenshaw hat mich als Transperson of Color, noch bevor ich sie oder ihre Texte kannte, schon früh beeinflusst: Ich bin 2004 aus einer westdeutschen Kleinstadt nach Berlin gekommen, habe deswegen mein Abitur abgebrochen und wollte ein neues Leben beginnen. 2005 bin ich in Queer-of-Color-Kreise gekommen, u. a. GLADT e. V., wo wir mit ihrer Theorie der Mehrfachdiskriminierung gearbeitet haben. 2010, als wir Prof. Crenshaw im Rahmen der Gruppe SUSPECT (größtenteils queere BIPoC-Lesegruppe) kennenlernten, war ich 25, wütend, voll Energie und tief in meiner Politisierung, sehr verbunden mit anderen queeren und Transmenschen of Color. Crenshaws Theorien und die Schwarzer Feminist*innen aus dem deutschen Kontext, die diese Theorien in ihren Körpern ge- und erlebt haben, waren und sind für unser gemeinsames Denken und Handeln eine der wichtigsten Quellen und auch für mich als nicht-Schwarze Person unverzichtbar. Ich werde das großzügige Teilen von Wissen immer wertschätzen.

Eine meiner ersten Erinnerungen, die unmittelbar mit Prof. Crenshaw zusammenhängen: Sie wurde zu einer Konferenz eingeladen, die von weißen Feminist*innen organisiert und in einer sehr weißen elitären Institution durchgeführt wurde. Ihre Theorie wurde dort nicht nur in Frage gestellt, sondern auch noch „weitergedacht“. (Not.) Crenshaw hat das Beste gemacht – wofür ich und andere queere und trans BPoCs sie (laut) gefeiert haben –: Sie hat spontan ihren kompletten Vortrag verworfen und eine Einführung in Intersektionalität gegeben. Und das war absolut notwendig.

Es ist sehr traurig und gleichzeitig schräg für mich zu sehen, dass Intersektionalität mittlerweile so inflationär von weißen (queeren) Feminist*innen gebraucht wird. Vor einigen Jahren ist derselbe Personenkreis noch in Tränen ausgebrochen, wenn wir oder die Generationen vor uns über Rassismus gesprochen haben oder wenn wir nur sagten, dass sie weiß sind. Heute aber ist Intersektionalität das Thema in Uni-Seminaren, in den Sozialwissenschaften oder bei Fortbildungen für Menschen, die in der Berufspraxis
stehen. Wie konnte das passieren? Es gab ja eine Zeit, in der es nicht besonders viel galt, über Rassismus, Weiß- Sein, systematisch gegebene bzw. vorenthaltene Privilegien zu sprechen. Wie ist dieser Diskurs also in Deutschlands Universitäten und Vereinen angekommen? Am besten finde ich, wenn sie dann so tun, als ob sie schon immer so gedacht hätten oder – noch irritierender – als ob sie selbst darauf gekommen wären.

Meiner Meinung nach ist Prof. Crenshaws Theorie über die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland etabliert worden, und zwar auch gegen die Widerstände solcher Institutionen und Personen, die sie heute vereinnahmen. Ohne die Arbeit von Schwarzen Feminist*innen und Feminist*innen of Color, wie ADEFRA (Schwarze Frauen in Deutschland), u. a. Peggy Piesche, Prof. Maisha-Maureen Auma, May Ayim, Prof. Fatima El-Tayeb oder andere Queer-of-Color-Denker*innen wie Prof. Jin Haritaworn, Noah Sow, Koray Yılmaz-Günay oder Migrant*innen- Selbstorganisationen wie GLADT (Gays and Lesbians aus der Türkei) und LesMigraS (Lesbische Migrant*innen und Schwarze Lesben) würde es den Intersektionalitätsdiskurs in Deutschland überhaupt nicht geben. Nach sehr langen und harten Kämpfen, Diskussionen und auch Verlusten, die längst noch nicht ausgestanden sind, wie es der rassistische Backlash nicht nur in Deutschland zeigt, wird deutlich, dass und von wem Intersektionalität erkämpft und verteidigt werden muss.
Später, auf den zwei Critical Race Theory Retreats 2010 und 2012, habe ich als junger nicht-akademischer Mensch viel gelernt. Einmal, dass es aufgrund der Person, die ich damals war, nicht einfach, aber dafür umso wichtiger gewesen ist, als junge Transperson ohne akademische Karriere Raum einzunehmen, laut zu sein und ernstgenommen zu werden. Man traut sich, Dinge anzusprechen, die andere Leute nicht ansprechen oder tun. Dass viele Dinge und Verhaltensweisen irgendwann sehr vorhersehbar werden – und dass sie sich immer wieder wiederholen. Dass unsere Räume wichtig und zu verteidigen sind. Dass unsere gegenseitige Unterstützung unverzichtbar ist, dass wir nicht austauschbar sind. Ich war vorher schon ein paar Jahre aktiv gewesen in der Szene, habe aber zum ersten Mal so viele tolle, super intelligente Menschen in einem Raum gesehen, die all die Dinge, die ich für mich gerade erst neu entdeckt hatte, schon längst zu Papier gebracht, tausend Mal darüber nachgedacht hatten und die damit Generationen beeinflussen werden. Und aber auch, dass selbst diese Menschen eben nur Menschen sind, die auch Fehler machen (können). Unsere Abschlussparty war legendär, aber dazu kann ich nichts öffentlich schreiben.

Ich beobachte bei manchen eine „Faszination“ für Crenshaws Theorien, einen temporären Charme. Es ist interessant, dass ich gerade zuhause sitze und diesen Artikel schreibe, während das Seminar, in dem ich eigentlich sitzen sollte, heute einen Text von Prof. Crenshaw behandelt. Allerdings leider nur als Theorie. Die Entscheidung war eine bewusste. Die so kreierten Orte sind nicht die meinigen. Intersektionalität ist ein Konzept, das in meinem Leben nie „ein Konzept“ oder eine Mode-Erscheinung war. Das konnte es gar nicht sein, denn Intersektionalität ist eine Lebensrealitätsbeschreibung für mich, die unverzichtbar ist. Es ist der praktische, der zunehmende Nutzen, den die Critical-Race-Theory in meinem Leben und im Leben vieler Menschen wie mir hat. Weil diese Theorie zu einem Großteil aus der Überlebens-Praxis stammt und weil sie sich genau dort bewiesen hat, dass sie funktioniert. Wenn ich versuche zu verstehen, wie Diskriminierung funktioniert, kann ich das nur, indem ich versuche zu verstehen, wie verschiedene Formen der Diskriminierung zusammen-wirken. Intersektionalität beschreibt für mich zutiefst reale Dinge, die geschriebene und nicht-geschriebene Gesetze, Grenzen und Nationalstaaten nicht (be-)greifen können.

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