Warum Intersektionalität nicht warten kann

Warum Intersektionalität nicht warten kann

Intersektionalität war gelebte Realität, bevor sie zu einem Begriff wurde.

Heute – fast drei Jahrzehnte, nachdem ich dem Konzept erstmals einen Namen gegeben habe – scheint der Begriff allgegenwärtig. Wenn aber trotzdem Frauen* und Mädchen of Color weiterhin zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, ist etwas Wesentliches für das Verständnis von Intersektionalität verloren gegangen.

Im Jahre 1976 verklagte Emma DeGraffenreid zusammen mit einigen anderen Schwarzen Frauen* General Motors wegen Diskriminierung. Sie behauptete, dass das Unternehmen seine Belegschaft nach Rasse und Geschlecht unterteile: Schwarze verrichteten bestimmte Aufgaben, Weiße andere. Ausgehend von den Erfahrungen der Klägerinnen konnten sich Frauen* zwar für bestimmte Jobs bewerben, für andere Jobs hingegen wurden ausschließlich Männer berücksichtigt. Das war natürlich ein Problem für sich; für Schwarze Frauen* jedoch waren die Auswirkungen deutlich eklatanter. Soll heißen: Die Schwarzen Jobs waren Männerjobs, und die Frauenjobs standen nur den Weißen offen. Während also ein Schwarzer Bewerber in der Fabrikhalle eine Stelle bekommen konnte, wurde eine Schwarze Bewerberin gar nicht erst berücksichtigt. Gleichermaßen hatte eine weiße Frau eine Chance auf Anstellung als Sekretärin, nicht jedoch eine Schwarze Frau. Weder die Schwarzen Jobs noch die Frauenjobs waren geeignet für Schwarze Frauen*, da diese weder männlich noch weiß waren. War das nicht ein klarer Fall von Diskriminierung, auch wenn verschiedentlich Schwarze und Frauen* eingestellt wurden?

Zum Bedauern für DeGraffenreid und Millionen anderer Schwarzer Frauen* wies das Gericht die Klage ab. Warum? Weil das Gericht glaubte, dass es Schwarzen Frauen* nicht erlaubt werden sollte, ihre Ansprüche aufgrund von Rasse und Geschlecht in einer gemeinsamen Klage zu vereinen und geltend zu machen. Da die Klägerinnen nicht beweisen konnten, dass das, was ihnen widerfahren war, genau das war, was auch weißen Frauen* und Schwarzen Männern erlebt hatten, fiel diese Art der Diskriminierung von Schwarzen Frauen* durch das Raster.

Genau in dem Moment, als ich mich fragte, wie es sein konnte, dass ein derartig „großes Versäumnis“ in der komplexen Struktur des Antidiskriminierungsrechts existierte, wurde der Begriff „Intersektionalität“ geboren. Als junge Juraprofessorin wollte ich diese tiefgreifende Unsichtbarkeit rechtlich beschreiben. Diskriminierung aufgrund von Rasse und Geschlecht überschnitt sich nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch in anderen Lebensbereichen. Ebenso bedeutsam ist, dass diese Hypothek so gut wie gar nicht von feministischen und Antirassismus-Gruppen thematisiert wurde. Intersektionalität war somit mein Versuch, Feminismus, antirassistischen Aktivismus und Antidiskriminierungsrecht zu ihrem eigentlichen Ziel zu verhelfen: Ich wollte die verschiedenen Straßen aufzeigen, welche Unterdrückung aufgrund von Rasse und Geschlecht transportieren, sodass die Probleme einfacher zu diskutieren und zu verstehen sind.

Intersektionalität ist eine analytische Sensibilität, eine Möglichkeit, über Identität und ihr Verhältnis zu Macht nachzudenken. Ursprünglich wurde der Begriff im Namen von Schwarzen Frauen* ins Spiel gebracht, und er brachte 15 die Unsichtbarkeit zahlreicher Mitglieder innerhalb von Gruppen ans Licht, zu denen sie zählten, die sie aber oftmals nicht repräsentierten. Intersektionales Auslöschen ist nicht ausschließlich auf Schwarze Frauen* begrenzt: Menschen of Color innerhalb der LGBTQ-Bewegungen; Mädchen of Color im Kampf gegen die School-Prison-Pipeline; Frauen* innerhalb der Einwanderungsbewegungen; Transfrauen innerhalb der feministischen Bewegungen; und Menschen mit Behinderungen im Kampf gegen Polizeimisshandlung – sie alle sind verwundbar an den Schnittstellen von Rassismus, Sexismus, Klassenunterdrückung, Transphobie oder Behindertendiskriminierung. Intersektionalität hat vielen Vertreter*innen ein Instrument an die Hand gegeben, um die eigene Situation zu framen und für Sichtbarkeit und Inklusion zu kämpfen.

Intersektionalität ist das Banner, unter dem unterschiedlichste Forderungen nach Inklusion aufgestellt werden. Aber ein Begriff allein kann nur so viel erreichen, wie seine Nutzer*innen Macht haben. Und es ist kaum verwunderlich, dass Intersektionalität immer wieder zu Debatten und Streitigkeiten führt.

Die Konservativen bezeichnen diejenigen, die Intersektionalität praktizieren, als von Identitätspolitik Besessene. Wie der Fall DeGraffenreid zeigt, geht es beim Thema Intersektionalität selbstverständlich nicht nur um Identitäten, sondern um die Institutionen, die Identität nutzen, um Menschen auszuschließen oder zu privilegieren. Je besser wir die Interdependenzen zwischen Identitäten und Macht in unterschiedlichen Zusammenhängen verstehen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass unsere auf Wandel ausgerichteten Bewegungen zerbrechen.

Andere werfen Intersektionalität vor,zu theoretisch und „nur Worthülsen“ zu sein. Darauf erwidere ich, dass wir seit der Sklaverei über Rassengleichstellung reden und sie noch nicht einmal annähernd erreicht haben. Anstatt 16 die Stimmen, die Probleme aufzeigen, an den Pranger zu stellen, sollten wir vielmehr die Machtstrukturen untersuchen, die bis heute Wandel erfolgreich verhindert haben.

Einige Leute sind der Meinung, dass intersektionales Verständnis eine Atmosphäre des Schikanierens und „Privilegienabprüfens“ schaffe. Privilegien einzugestehen, ist schwer – insbesondere für diejenigen, die außerdem Diskriminierung und Exklusion erfahren. Während weiße Frauen* und Männer of Color ebenfalls Diskriminierung erfahren, werden ihre Erfahrungen zu oft als einziger Ausgangspunkt für Gespräche über Diskriminierung genommen. Im Mittelpunkt von Gesprächen über Rassismus und Sexismus zu stehen, ist ein kompliziertes Privileg, das häufig schwer zu erkennen ist.

Einige Leute sind der Meinung, dass intersektionales Verständnis eine Atmosphäre des Schikanierens und „Privilegienabprüfens“ schaffe. Privilegien einzugestehen, ist schwer – insbesondere für diejenigen, die außerdem Diskriminierung und Exklusion erfahren. Während weiße Frauen* und Männer of Color ebenfalls Diskriminierung erfahren, werden ihre Erfahrungen zu oft als einziger Ausgangspunkt für Gespräche über Diskriminierung genommen. Im Mittelpunkt von Gesprächen über Rassismus und Sexismus zu stehen, ist ein kompliziertes Privileg, das häufig schwer zu erkennen ist.

Obgleich der jüngste Aufruf des Präsidenten (damals Obama) zur Unterstützung von Schwarzen Frauen* lobenswert ist, erfordert die Durchführung intersektionaler Arbeit konkrete Maßnahmen, um die Gleichstellungshürden anzugehen, die sich vor Frauen* und Mädchen of Color in der US-amerikanischen Gesellschaft auftun.

Intersektionalität allein kann unsichtbare Körper jedoch nicht ins Blickfeld rücken. Bloße Wörter vermögen die Art und Weise nicht zu ändern, wie bestimmte Menschen – die weniger sichtbaren Mitglieder politischer Wählerschaften – weiterhin auf Führungskräfte, Entscheidungsträger* innen und andere warten müssen, um ihre Probleme zu erkennen. Wenn es darum geht, die rassischen Disparitäten anzugehen, die unsere Nation nach wie vor plagen, müssen Aktivist*innen und Interessenvertreter*innen Bewusstsein schaffen für die intersektionalen Dimensionen rassischer Ungerechtigkeit. Diese müssen adressiert werden, um letztlich das Leben aller jungen Menschen of Color zu verbessern.

Daher setzen wir unser Engagement im Rahmen der Kampagne #WhyWeCantWait, die ganzheitliche und 17 inklusive Ansätze an das Thema Rassengerechtigkeit fordert, fort. Aus diesem Grund schafft es die soziale Bewegung „Say Her Name“ auch weiterhin, Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass Frauen* ebenfalls gefährdet sind, bei einem Polizeieinsatz ums Leben zu kommen. Und daher sind sich tausende von Menschen einig, dass die Tragödie in Charleston, S. C., gezeigt hat, dass wir eine Vision sozialer Gerechtigkeit brauchen, die die Interdependenzen zwischen Rassismus, Sexismus und anderen Ungerechtigkeiten, die uns alle schwächen, anerkennt. Wir sind schlichtweg nicht in der Lage, soziale Bewegungen zu schaffen, die nicht intersektional sind. Ferner dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, dass wir intersektional arbeiten, nur weil wir darüber reden.

Der Text wurde zunächst in der Washington Post, am 24. September 2015 veröffentlicht.

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