Ein neues Buch schildert im Detail, wie in der New Yorker Christopher Street die schwule Emanzipationsbewegung begann - und zieht Verbindungen zu heutigen queerfeindlichen und antifeministischen Angriffen.
Wer als Mann in der deutschen Nachkriegszeit Männer liebte, musste seine sexuelle Orientierung verbergen. Denn die junge Bundesrepublik stellte gleichgeschlechtliche Beziehungen unter rigide Strafe. In den zwanzig Jahren nach der Staatsgründung wurden über fünfzigtausend Männer verurteilt, hunderttausende Ermittlungsverfahren eingeleitet. In den sogenannten Sittendezernaten arbeiteten häufig Polizisten, die schon in der NS-Zeit Jagd auf Schwule gemacht hatten. Rechtliche Grundlage war der Paragraf 175 des Strafgesetzbuches, der aus dem Kaiserreich stammte, von den Nationalsozialisten drastisch verschärft worden war und in Westdeutschland zunächst unverändert gültig blieb. Die ehemalige DDR griff immerhin auf die etwas liberale Regelung der Weimarer Republik zurück. Schon ab Ende der 1950er Jahre wurde die Strafverfolgung weitgehend eingestellt
“Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende”, konstatierte 1963 der deutsch-jüdische Religionshistoriker Hans-Joachim Schoeps. Viele schwule Männer flüchteten in eine heterosexuelle Ehe, die sie selbstverleugnend aufrecht erhielten. Erst das vereinigte Deutschland beendete die juristische Verfolgung endgültig. An die Stelle der Angst vor Kriminalisierung trat im Laufe der Jahrzehnte unter den Betroffenen Stolz ein.
Nicht nur in Großstädten wie Köln oder Berlin, auch in der tiefsten Provinz finden inzwischen “Prides” am Christopher Street Day statt.
Der Tag erinnert an eine Straße im New Yorker Szeneviertel Greenwich Village. Dort liegt die Bar “Stonewall”, sie war 1969 Schauplatz eines Aufstands von Homosexuellen gegen ihre Diskriminierung. Anlass waren ständige Razzien, Personenkontrollen oder gar Verhaftungen durch die Polizei. Mehrere Tage lang kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen tausenden Demonstrierenden und den Ordnungskräften, auch lesbische Frauen und Transpersonen beteiligten sich daran. Stonewall wurde in der Folgezeit zum Symbol einer weltweiten Bewegung, zum Auftakt einer Wertewandel-Revolution. Immer mehr Menschen trauten sich, ihre sexuelle Orientierung individuell zu bekennen und dies auch öffentlich kundzutun.
In seiner Analyse verfolgt der Literaturwissenschaftler Thomas Sparr nicht den Anspruch, die (historisch schön früher beginnende) queere Emanzipation lückenlos zu erzählen. Sein Buch, betont der Autor, sei “keine Geschichte der Homosexualität nach 1969", sondern handele von “einem historischen Moment und dessen Selbstverständnis”. Er konzentriert sich auf die Ereignisse jenes Sommers und deren bis in die Jetztzeit reichenden Folgen.
Verspätete Gesetzgebung
In den USA, aber auch in Deutschland zeigten sich diese in einem toleranter werdenden gesellschaftlichen Klima. Der Gesetzgeber trug diesem allerdings nur in kleinen Schritten Rechnung. Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt entschärfte zwar den “Schwulenparagrafen” 175, doch erst 1994 folgte verspätet die vollständige Streichung. 2001 erlaubte die damalige rotgrüne Bundesregierung die eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Beziehungen. 2002 wurden, längst überfällig, sämtliche Urteile aus nationalsozialistischer Zeit gegen schwule Männer aufgehoben. Seit 2006 können sich Menschen auf der Grundlage des Antidiskriminierungsgesetzes gegen Benachteiligungen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung wehren. 2017 beschloss der Deutsche Bundestag schließlich mit großer Mehrheit, und sogar mit Stimmen aus der CDU/CSU-Fraktion, die “Ehe für alle”.
Homosexuelle Orientierungen sind in Deutschland mittlerweile bis in konservative Kreise hinein nichts Besonderes mehr.
Sie sind gesellschaftlich weitgehend akzeptiert, ihre öffentliche Wahrnehmung hat sich schleichend verändert. In der Politik machte Berlins Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit kurz nach der Jahrtausendwende mit seinem mutigen Parteitags-Bonmot “Ich bin schwul, und das ist auch gut so” einen damals Aufsehen erregenden Anfang. Danach wagten auch Ole von Beust, Guido Westerwelle, Barbara Hendricks, Jens Spahn oder Kevin Kühnert ihr Outing. In der Wirtschaft und in den meisten Sportarten, noch am wenigsten im Männerfußball, gilt Homosexualität meist nicht mehr als randständig oder gar anrüchig.
Queerfeindliche Angriffe von rechts
Konträr zum liberalen (West)Europa ist die Lage in anderen Weltgegenden. In Ungarn und Russland zum Beispiel fallen autokratische Regierungen immer wieder durch homophobe und antifeministische Äußerungen auf. Von einer Akzeptanz queerer Lebensstile kann auch sonst in Osteuropa (und erst recht in Teilen Afrikas) kaum die Rede sein. In den Vereinigten Staaten, wo die Schwulenemanzipation mit den “Riots” in New York und im Castro-Viertel von San Francisco ihren Anfang nahm, wollen christliche Fundamentalisten das Rad zurückdrehen. Einige von der republikanischen Partei regierte US-Bundesstaaten haben das Abtreibungsrecht verschärft. Die Trump-Administration wettert gegen Diversity-Programme und versucht, sie in staatlichen Behörden wieder abzuschaffen. Global betrachtet stehen queere und feministische Bewegungen unter starkem Druck. Und auch in Deutschland machen sich in bestimmten Milieus antiemanzipatorische Einstellungen breit. Vor allem Transpersonen haben weiterhin mit Abwertung und Diskriminierung zu kämpfen.
Die Errungenschaften der Vergangenheit sind keineswegs selbstverständlich und für die Ewigkeit gesichert, sondern durch Geschlechterkämpfe von rechts gefährdet.
Thomas Sparr verweist in seinem historischen Abriss auf befreiende Impulse gerade aus der Kultur, auf für den Widerstand ikonische Fotos, Bücher und Filme. In Deutschland steht dafür vor allem der kürzlich verstorbene schwule Aktivist Rosa von Praunheim. Die Ausstrahlung seiner umstrittenen Fernsehsendung “Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt” boykottierte 1971 der besonders konservative, von der CSU dominierte Bayerische Rundfunk. Praunheims Film wurde damals in die Dritten Programme verbannt, nur verspätet auch in der ARD ausgestrahlt.
Forscher wie Benno Gammerl und Rainer Herrn haben die vor allem von dem schwulen Mediziner Magnus Hirschfeld geprägte, bis ins Kaiserreich zurückgehende Geschichte der deutschen Sexualwissenschaft in jüngerer Zeit umfassend beschrieben. Mit seinem Buch über die weltweit folgenreichen Auseinandersetzungen in der Christopher Street knüpft Autor Sparr an diese Arbeiten an. “Der Nationalsozialismus endete für Homosexuelle in Deutschland 1969 in New York” lautet sein Fazit in der Kurzversion.