Digitale Gewalt ist kein Einzelfall - Der Fall Collien Fernandes und was daraus folgen muss

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Der Fall Collien Fernandes macht sichtbar, was sonst verborgen bleibt: Digitale Gewalt ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem. Die Vorwürfe gegen Christian Ulmen stehen exemplarisch für eine Realität, die viele täglich erleben. Die Folgen gehen weit über das Netz hinaus und reichen bis in die Demokratie selbst.

Cover von DER SPIEGEL mit Gesicht der Moderatorin und Schauspielerin Collien Fernandes

Durch den Fall Collien Fernandes wurde für einen kurzen Moment sichtbar, was sonst oft unsichtbar bleibt: die systematische, andauernde und entgrenzte Dimension digitaler Gewalt. Fernandes berichtete davon, wie ihr Ehemann Christian Ulmen jahrelang über Fake-Profile mit gefakten pornographischen Inhalten mit mehreren Dutzend Männern in Kontakt stand und sie gezielt demütigte und der Gewalt und Hass anderer aussetzte. Der Fall ist kein Ausreißer, sondern exemplarisch für eine Realität, die viele Betroffene täglich erleben, insbesondere Frauen und marginalisierte Gruppen im öffentlichen Raum.

Digitale Gewalt wird häufig erst dann breit diskutiert, wenn prominente Fälle Aufmerksamkeit erzeugen. So hatte Fernandes schon vor Jahren öffentlich gemacht, dass KI-generierte sexualisierte Inhalte von ihr im Netz kursieren. Seither setzt sie sich gegen die Gesetzeslücken ein. Massive mediale Aufmerksamkeit bekam der Fall allerdings erst, als Recherchen des Spiegel ihren prominenten (Ex)Mann als vermeintlichen Täter benannten. Doch: Digitale Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Sie dient der Aufrechterhaltung patriarchaler Strukturen und erfährt unter aktuellen politischen Verschiebungen zusätzlichen Aufwind. Ihre Bekämpfung ist deshalb eine Frage der Demokratiesicherheit.

Was ist digitale Gewalt?

Viele kennen Hasskommentare unter Instagramposts oder übergriffige private Nachrichten auf LinkedIn. Das ist ein Teil digitaler Gewalt, sie umfasst jedoch ein sehr breites Spektrum an Handlungen: Stalking, Doxing, Bedrohung oder auch nicht einvernehmliche KI-generierte sexualisierte Deepfakes wie im Fall von Collien Fernandes gehören dazu. Digitale Gewalt funktioniert entgrenzt: räumlich, weil sie jederzeit und überall stattfinden kann. Zeitlich, weil Inhalte dauerhaft verfügbar bleiben. Und sozial, weil sie sich schnell vervielfältigen und eskalieren kann.

Digitale Gewalt ist dabei kein rein technisches Problem, sondern ein gesellschaftliches. Sie zielt auf Kontrolle, Einschüchterung und Ausschluss. Und sie trifft nicht alle gleichermaßen. Frauen, queere Menschen, Menschen mit Rassismuserfahrungen oder Behinderungen sind überproportional betroffen. Digitale Gewalt stabilisiert damit bestehende Machtverhältnisse. Sie ist, zugespitzt formuliert, die Digitalisierung von Ungleichheit und Diskriminierung.

Digitale Gewalt ist eine Gefahr für die Demokratie

Digitale Gewalt ist nicht nur ein individuelles Problem. Sie hat eine klare demokratiepolitische Dimension. Wenn Menschen systematisch angegriffen, bedroht oder öffentlich diffamiert werden, hat das Konsequenzen: Sie ziehen sich zurück, äußern sich weniger, verlassen Plattformen oder den öffentlichen Diskurs ganz. Von diesem Digital Silencing sind besonders diejenigen betroffen, die ohnehin marginalisiert sind. Ihre Stimmen fehlen dann in politischen Debatten, in Medien, in zivilgesellschaftlichen Aushandlungsprozessen. Digitale Gewalt wirkt damit wie ein stiller Ausschlussmechanismus. Sie verschiebt, wer sichtbar ist und wer nicht. Wer spricht und wer verstummt.

Digital Silencing

Von Silencing sind vor allem FLINTA* Personen betroffen. Aus Angst vor Hasskommentaren bekennen sie sich seltener zu ihrer politischen Einstellung. Dadurch reduziert sich die Meinungsvielfalt im Netz. So entsteht ein Bild vom gesellschaftlichen Mainstream, das nicht der Realität entspricht und es entsteht der Eindruck, dass der Hass dominiert. 

Gleichzeitig entstehen Räume, in denen Hass, Antifeminismus und menschenfeindliche Ideologien ungehindert wachsen können. Digitale Gewalt wird so zum Verstärker extremistischer Dynamiken und untergräbt die Grundlagen einer offenen, pluralen Gesellschaft. Wer digitale Gewalt bekämpft, schützt daher nicht nur einzelne Betroffene sondern demokratische Teilhabe selbst.


Die Antwort der Bundesregierung: Strafrecht verschärfen

Die Bundesregierung hat auf die wachsende Aufmerksamkeit für digitale Gewalt mit dem Versuch reagiert, strafrechtliche Instrumente zu schärfen. Diskutiert werden unter anderem vereinfachte Möglichkeiten zur Identifizierung von Täter*innen, schnellere Verfahren und neue Straftatbestände.

Diese Schritte sind notwendig. Denn in vielen Fällen scheitert der Schutz Betroffener bereits an der Durchsetzung bestehenden Rechts: Täter*innen bleiben anonym, Verfahren dauern zu lange, Anzeigen verlaufen im Sand. Strafrecht kann hier eine wichtige Rolle spielen und als Signal wirken, dass Rechtsverfolgung nicht an der Schwelle vom Analogen ins Digitale stoppt. Gleichzeitig greift ein Fokus auf Strafrecht allein zu kurz. Denn die Dunkelziffer für Gewalttaten, insbesondere sexualisierte und partnerschaftliche Gewalt, die einen hohen Prozentsatz von digitaler Gewalt ausmachen, ist extrem hoch. Eine Verschärfung des Strafrechts alleine wird also nicht ausreichen, um Betroffene zu empowern, Täter*innen anzuzeigen.  Zweitens adressiert die Strafrechtsverschärfung vor allem die Symptome, nicht die strukturellen Ursachen von digitaler Gewalt.

Digitale Gewalt ernst nehmen heißt strukturell handeln

Wenn wir digitale Gewalt wirklich bekämpfen wollen, müssen wir an die Ursachen gehen. Was in der Antwort der Bundesregierung fehlt, ist eine umfassende, ressortübergreifende Strategie, die die Perspektive der Betroffenen ins Zentrum stellt. Dazu gehört erstens der Ausbau von Beratungs- und Unterstützungsstrukturen. Betroffene brauchen niedrigschwellige, sichere und gut finanzierte Anlaufstellen vor Ort und digital. Frauenhäuser, Fachberatungsstellen und spezialisierte Projekte müssen langfristig abgesichert werden, statt von kurzfristiger Projektförderung abhängig zu sein.

Zweitens braucht es konkrete Unterstützungsangebote: juristisch, psychosozial und technisch. Viele Betroffene stehen vor der Frage, wie sie Beweise sichern, ihre Geräte schützen oder gegen Täter*innen vorgehen können. Ohne entsprechende Ressourcen bleiben diese Fragen oft unbeantwortet.

Drittens ist Prävention zentral. Bildungsangebote zu digitaler Gewalt, Gleichstellung und Medienkompetenz müssen ausgebaut werden, in Schulen, in der Erwachsenenbildung und in der beruflichen Qualifizierung. Digitale Räume sind gesellschaftliche Räume. Entsprechend müssen auch gesellschaftliche Kompetenzen gestärkt werden.

Viertens braucht es mehr Wissen und Sensibilität in Polizei und Justiz. Noch immer berichten Betroffene davon, nicht ernst genommen zu werden oder auf strukturelle Unkenntnis zu stoßen. Digitale Gewalt wird zu oft verharmlost, als etwas, das „nur im Internet“ passiert.

Und schließlich braucht es strukturelle Anpassungen im Recht selbst: etwa besseren Schutz persönlicher Daten, vereinfachte Zugänge zu Melderegister-Sperren oder Regelungen, die verhindern, dass Privatadressen öffentlich gemacht werden müssen.

In welcher digitalen Gesellschaft wollen wir leben?

Der Fall Collien Fernandes hat Aufmerksamkeit geschaffen. Doch Aufmerksamkeit allein reicht nicht. Wenn digitale Gewalt weiterhin primär als individuelles Problem behandelt wird, bleiben ihre strukturellen Ursachen unsichtbar und damit unangetastet. Es braucht einen Perspektivwechsel: weg von der Frage, wie sich Einzelne besser schützen können, hin zu der Frage, wie digitale Räume so gestaltet werden, dass Gewalt gar nicht erst zur Normalität wird.

Digitale Gewalt zu bekämpfen heißt, Machtverhältnisse zu hinterfragen. Es heißt, digitale Infrastrukturen demokratisch zu gestalten. Und es heißt, die Stimmen derjenigen zu stärken, die am häufigsten zum Schweigen gebracht werden. Denn am Ende geht es nicht nur um Sicherheit im Netz. Es geht um die Frage, in was für einer digitalen Gesellschaft wir leben wollen.