Sicherheit für wen? Feministische Perspektiven auf digitalen Verbraucherschutz und Cybersecurity

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Eine feministische und intersektionale Betrachtung von Cybersecurity, die sichtbar macht an welchen digitalen Schutzsystemen bestehende Machtverhältnisse ablesbar sind. Wer wird also wovon und wovor geschützt und womit hängt das eigentlich zusammen wem welche Werbung und Preise angezeigt werden? 

Kamera mit einem Auge in der Linse

Wenn man von Cybersecurity spricht, dann redet man oft über Cyberattacken auf Behörden, Krankenhäuser oder das Stromnetz. Die Sicherheit von Menschen in ihrem digitalen Alltag spielt in diesen Debatten dagegen häufig nur eine Nebenrolle. Der dominante Cybersecurity-Diskurs schützt vor allem das, was als besonders schützenswert gilt: staatliche Institutionen, wirtschaftliche Interessen, kritische Infrastrukturen. Die Risiken, denen zivilgesellschaftliche Akteur*innen, Einzelpersonen oder marginalisierte Gruppen ausgesetzt sind, bleiben dagegen oft unterbelichtet. Schutzmechanismen gegen digitale Gewalt sind für Menschen auf Social Media zum Beispiel oft schwer zugänglich.

Eine feministische Perspektive auf Cybersecurity setzt genau hier an. Sie stellt die scheinbar einfache, aber politisch zentrale Frage: Sicherheit für wen, vor was und mit welchen Mitteln? 
Denn was als Bedrohung gilt und wessen Schutz priorisiert wird, ist keine neutrale Entscheidung, sondern Ausdruck bestehender Machtverhältnisse.

Das zeigt sich auch daran, welche Vorfälle Aufmerksamkeit bekommen. Ein Angriff auf staatliche IT-Systeme wird sofort als Cybersecurity-Problem eingeordnet. Wenn hingegen zum Beispiel Journalist*innen oder Aktivist*innen online bedroht, beleidigt oder gezielt eingeschüchtert werden, wird das oft als individuelles Problem behandelt. Betroffene sollen sich selbst schützen, Inhalte melden oder ihre Accounts privatisieren. Feministische Cybersecurity macht diese Verschiebung auf das Individuum und in das Private sichtbar und erweitert den Blick auf Sicherheit.

Beschränkungen im klassischen Cybersecurity-Diskurs

Digitale Unsicherheit entsteht nicht nur durch Hackerangriffe oder Datenlecks. Sie entsteht auch durch Geschäftsmodelle, die auf Überwachung, Datenauswertung und Verhaltenssteuerung basieren. Besonders sichtbar wird das im digitalen Verbraucherschutz. Menschen sollen Datenschutzerklärungen lesen, Tracking verhindern oder manipulative Designs erkennen. Gleichzeitig sind viele digitale Dienste genau darauf ausgelegt, möglichst viele Daten zu sammeln und Verhalten gezielt zu beeinflussen. Wer schon einmal versucht hat, Cookies abzulehnen und sich dafür durch mehrere Untermenüs klicken musste, kennt diese sogenannten Dark Patterns. Gemeint sind damit die Designs von Apps oder Webseiten, die Menschen gezielt zu bestimmten Entscheidungen drängen sollen, etwa Tracking zu akzeptieren oder mehr Daten preiszugeben, als sie eigentlich möchten.

Solche Mechanismen sind längst zentraler Bestandteil digitaler Geschäftsmodelle der meisten großen Online-Handelsplattformen wie Amazon oder Alibaba. Sie profitieren davon, möglichst viele Informationen über Verhalten, Interessen oder Kaufentscheidungen zu sammeln. Diese Datenauswertung macht Menschen nicht nur dort, wo sie Produkte kaufen, verwundbar, sondern im gesamten Internet, da ihre Daten verkauft werden. Trotzdem werden solche Praktiken selten als Sicherheitsproblem diskutiert.

Digitale Märkte sind nicht neutral

Digitale Märkte werden oft als effizient und innovativ beschrieben. Wer freut sich nicht über die Same-Day-Delivery seiner Katzenspielzeuge Dieses Innovationsversprechen blendet jedoch bestehende Machtasymmetrien aus. Große Plattformen verfügen über enorme Datenmengen, detaillierte Profile und die Möglichkeit, Verhalten gezielt zu beeinflussen. Gleichzeitig haben Menschen immer weniger echte Auswahlmöglichkeiten, weil digitale Märkte stark von Konzernen wie Google und Co. geprägt werden.

Diese Macht zeigt sich besonders in datengetriebenen Geschäftsmodellen, welche die meisten der Big Tech Firmen betreiben. So können Preise personalisiert werden, abhängig davon, wie kaufkräftig oder entscheidungsfreudig Menschen eingeschätzt werden. Untersuchungen zeigen, dass solche Systeme bestehende Ungleichheiten verstärken können. Bestimmte Gruppen erhalten schlechtere Angebote oder zahlen höhere Preise. Auch Werbung ist davon betroffen: Frauen werden beispielsweise häufiger mit stereotypen oder diskriminierenden Rollenbildern adressiert, während Cis-Männer bestimmte Angebote gar nicht erst angezeigt werden.Hinzu kommen algorithmische Entscheidungssysteme, die darüber entscheiden, welche Inhalte sichtbar sind oder welche Chancen Menschen bekommen, etwa bei Jobbewerbungen oder Kreditvergaben. Da diese Systeme zumeist auf diskriminierenden Daten basieren, reproduzieren sie diese Diskriminierung. In Folge erhalten zum Beispiel FINTA oder BIPOC-Personen weniger Jobangebote oder schlechtere Kreditbedingungen. Trotz dieser strukturellen Probleme wird Cybersecurity häufig als individuelle Aufgabe behandelt. Menschen sollen sich selbst informieren, Einstellungen anpassen und Risiken selbst minimieren.

In der Praxis stößt dieser Ansatz schnell an Grenzen. Datenschutzerklärungen sind oft schwer verständlich, Entscheidungsoptionen unübersichtlich und wahre Alternativen neben Big Tech fehlen. Selbst gut informierte Menschen können sich diesen strukturellen Machtasymmetrien kaum entziehen.

Dies zeigt: Sicherheit bedeutet nicht nur Schutz vor Angriffen, sondern auch Schutz vor struktureller Ausbeutung und Manipulation.

Sicherheit neu denken: Digitale Fairness und der Digital Fairness Act

Wie kann die digitale Welt denn für alle sicherer gestaltet werden? Digitale Systeme müssen von vornherein die Interessen von Menschen berücksichtigen und sie nicht erst im Nachhinein korrigieren. Dieser Ansatz heißt „Fairness by design and default“: Menschen sollen nicht aktiv nach Schutz suchen müssen, sondern sich darauf verlassen können, dass digitale Dienste fair gestaltet sind, ohne sich permanent selbst schützen zu müssen.

Konkret würde das bedeuten, manipulative Designs einzuschränken, transparente algorithmische Systeme zu schaffen und personalisierte Preise stärker zu regulieren. Genau hier setzt der geplante Digital Fairness Act der Europäischen Union an.  Er soll bestehende Lücken im digitalen Verbraucherschutz schließen und unfaire Praktiken stärker regulieren.

Eine feministische Perspektive auf Cybersecurity fragt deshalb nicht nur, wie Systeme geschützt werden können. Sie fragt auch, wie digitale Räume gestaltet sein müssen, damit Menschen sich sicher bewegen und selbstbestimmt entscheiden können. Genau darin liegt eine zentrale demokratische Herausforderung digitaler Sicherheit.

 

Gendersymbol aus bröckelnder Mauer und Schirm, der vor fliegenden Steinen schützt.

Dieser Text wurde im Rahmen des Dossiers 'Mit Sicherheit - nicht?' veröffentlicht.

Ein Dossier, das hinterfragt wessen Sicherheit in den aktuellen politischen Debatten eigentlich gemeint ist. Das Dossier versammelt Beiträge, die mit feministischen Ansätzen den verengten sicherheitspolitischen Diskurs herausfordern.

Die Schwerpunkte sind: Innere Sicherheit, Cybersecurity, Reproduktive Gerechtigkeit, Antifeminismus und Äußere Sicherheit 

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