Generalstreik der Frauen* am 09. März: "Frauen* brauchen in allen Feldern, die die Gesellschaften ausmachen, 50 Prozent der Stimmen"

Interview

Unter dem Motto ENOUGH! GENUG! BASTA! ruft die Bewegung ENOUGH! Frauen* weltweit dazu auf, am 9. März 2026 einen globalen Generalstreik durchzuführen. Ziel ist es, auf strukturelle Ungleichheiten, Gewalt und die unsichtbare Last von Care-Arbeit aufmerksam zu machen und die gesellschaftliche Macht gerechter zu verteilen. Im GWI-Interview erklären Rita Schuhmacher und Adrienne Goehler von ENOUGH!, warum der Streik weit über einen einzelnen Aktionstag hinausgeht, welche Veränderungen er bewirken könnte und welche Kraft entsteht, wenn Frauen* weltweit gleichzeitig handeln.

Banner von ENOUGH! zum Frauenstreik am 9. März

GWI: Ihr sprecht von einem „Generalangriff auf Geist, Psyche, Körper und Würde". Was erleben Frauen aktuell, dass diese starke Begriff notwendig ist?

Enough: Wir spüren gerade sehr konkret, wie dramatisch sich Belastungen verdichten. Es geht nicht nur um einzelne Fragen, sondern um das Zusammenspiel zwischen zunehmender Gewalt, empfindlicher Einsparungen bei sozialen und Frauen*projekten, allgemein ökonomische Unsicherheit sowie politische Rückschritte bei reproduktiven Rechten. Auch die permanente Überforderung durch Care-Arbeit, extreme psychische Belastungen bei Kindern seit und nach Corona, ein rapide wachsender Antifeminismus im Internet und ein gesellschaftliches Klima, in dem Gleichstellung und alle Erfolge wieder infrage gestellt wird, spielen eine Rolle. Und gleichzeitig sehen wir eine zunehmende Kriegslust und autoritäre Entwicklungen, die Frauen* besonders betreffen. Der Begriff „Generalangriff“ beschreibt das Erleben, bei dem Körper, Psyche und Lebensrealität gleichzeitig unter Druck geraten. Das sind keine individuellen Einzelfälle, sondern strukturelle Erfahrungen.  

Rita Schuhmacher ist Gewerkschafterin und Journalistin, studierte Medienkommunikation und Gender Studies und arbeitet bei ver.di, einer der größten Gewerkschaften Deutschlands, wo sie über Arbeit, Feminismus, Demokratie schreibt. Engagiert sich aktiv in der Bewegung ENOUGH! GENUG! und unterstützt dort insbesondere die Presse- und Kommunikationsarbeit.

Adrienne Goehler ist Initiatorin von ENOUGH!

Wenn ihr sagt „Dieser Befund hat ein Geschlecht" Welche strukturellen Veränderungen brauchen wir, damit Macht gerechter verteilt wird?

Naja, mit diesem Satz beschreiben wir die augenfällige Realität: Wer zettelt die Kriege an? Wer und was beherrscht die Nachrichten? Das sind Kriegsmacher und Tech-Milliardäre. Sie haben welches Geschlecht? Wer leugnet (abgesehen von Frau Reiche) die ökologischen Katastrophen aus dem hemmungslosen Abbau der Ressourcen? Wer leugnet wissenschaftliche Erkenntnisse?  
Haben wir Frauen* in Erinnerung, die in den Friedens-Verhandlungen, die keine sind, für eine Ende der russischen Invasion in der Ukraine, Ende des Grauens in Gaza, der Verhandlungen mit dem Iran, mit 50 Prozent an Tischen saßen? Sitzen? Dies würde etwa der Anzahl von Frauen und Kinder entsprechen, die die Opfer der Kriege und den ökologischen Katastrophen sind. In Kriegssituationen und Zeiten genereller Unsicherheit, wie gerade jetzt, nimmt häusliche Gewalt jeweils dramatisch zu und sie geht überwiegend von Männern aus.Die strukturellen Veränderungen liegen deshalb nahe und sind ja doch schon lange bekannt: Frauen* brauchen in allen Feldern, die die Gesellschaften ausmachen, 50 Prozent der Stimmen.

 

Euer Streik ist mehr als ein Aktionstag. Wie würde die Gesellschaft aussehen, wenn eure Forderungen umgesetzt würden?

Eine Gesellschaft, die das Wissen, die Erfahrung und das Wollen von Frauen* gleichberechtigt zugrunde legt, hätte eine spürbar andere Atmosphäre. Weniger Gewalt, andere Prioritäten, ganz sicher mehr Prävention, stabilere soziale Strukturen. Und zwar nicht nur für Frauen*, sondern für alle. Care-Arbeit wäre nicht mehr unsichtbar oder selbstverständlich, sondern fair verteilt und anerkannt. Wirtschaftliche Chancen wären gerechter organisiert, politische Entscheidungen breiter legitimiert. Es geht nicht nur um Frauen*rechte, sondern um Lebensqualität für alle.

Welche drei politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen hätten aus Eurer Sicht die größte unmittelbare Wirkung für Frauen?

Beteiligung der Frauen* an allen relevanten gesellschaftlichen und politischen, wirtschaftlichen Prozessen – entsprechend ihrem Anteil an der Weltbevölkerung. Dazu gehören sicher die Umverteilung, „Tax the Rich“, ökologische Notwendigkeit  vor ökonomischen Begehrlichkeiten.
Veränderung entsteht da, wo drei Dinge zusammenkommen: Sicherheit, ökonomische Unabhängigkeit sowie politische und gesellschaftliche Teilhabe. Wenn Frauen frei von Gewalt leben können, finanziell abgesichert sind und selbstverständlich mitentscheiden, verschieben sich Machtverhältnisse spürbar. 

Der Streik legt bewusst auch unbezahlte Arbeit nieder. Was glaubt ihr, wird an diesem Tag für viele Menschen erstmals wirklich sichtbar?

Viele Menschen werden wahrscheinlich zum ersten Mal spüren, wie viel Alltag auf unsichtbarer Arbeit basiert. Wer organisiert Termine? Wer denkt an Geburtstage, Pflege, Einkäufe, emotionale Unterstützung? Wer hält Beziehungen und Familien zusammen? Diese Arbeit wird oft erwartet, aber selten als Leistung gesehen. Davon haben wir GENUG! BASTA! YETER! Wenn Frauen* an diesem Tag bewusst nicht funktionieren, entsteht eine Lücke. Und genau diese Lücke zeigt, wie zentral diese Tätigkeiten für das Funktionieren unserer Gesellschaft sind. Weltweit gedacht, wäre die finanzielle Auswirkung eines Streiktags empfindliche Senkung des Bruttosozialprodukts und eine Störung des reibungslosen Ablaufs des Kapitalismus und patriarchalen Strukturen.  

Was bedeutet es für euch, dass Frauen* weltweit am selben Tag handeln?  Welche Kraft entsteht daraus?

Die Gleichzeitigkeit berührt viele von uns emotional. Frauen in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen merken: Wir sind Teil von etwas Größerem. Dieses Gefühl von Verbundenheit ist schon jetzt enorm kraftvoll. Es schafft Sichtbarkeit, Mut und es macht Lust! Die Erfahrung „Wir sind viele“ bzw. “Wir sind die Hälfte” verändert, wie Frauen* auf 
sich selbst und ihre Möglichkeiten schauen. Wir haben in zehn Monaten Denken und Sprechen eine wirkliche Welle losgetreten; und es wäre auch ein Novum, dass Männer* einen FRAUEN*GENERALSTREIK unterstützen, mit der Agenda, die Care-Verhältnisse  
zu ändern und sich der breitbeinigen toxischen Maskulinität die zelebriert wird entgegen zu stellen.

Wie breit seid ihr aufgestellt und  was habt ihr in diesem Prozess über kollektive Organisation und Solidarität gelernt?

Aus 4 Gründerinnen (Stand 5.3.26) sind 1.200 Multiplikatorinnen und einige Dutzend Männer in mehr als 70 Regionalgruppen geworden. Sie entstehen in Dörfern und Städten wie Buenos Aires, Lima, Lissabon, New York oder Wien. Zuletzt gab es sogar noch Anmeldungen zu Regionalgruppen in Lagos, Nigeria und Westen a.d. Aller! In Berlin sind derzeit über 30 Aktionen angemeldet. Insgesamt zählen wir gerade 140 angemeldete Aktionen.
70 Organisationen unterstützen uns mit ihren ENOUGH! BASTA! Darunter UN Women Deutschland, TERRE DES FEMMES, regionale Gruppen von Fridays for Future, Omas gegen Rechts, Netzwerke wie One Billion Rising und (JA!) Women’s March. 
Der 9. März wird getragen von der gemeinsamen Idee kollektiver Arbeitsverweigerung,  bezahlt und unbezahlt, von feministischer Solidarität und dem tiefsitzenden Gefühl: wir wollen ein anderes Leben und dafür setzen wir auf die Tagesordnungen der Länder: Frauen sind 50 Prozent der Weltbevölkerung!
Was wir in diesem Prozess gelernt haben, ist, einerseits, wie groß und umfassend die Abscheu vor der grassierenden toxischen Männlichkeit ist und wie schnell Solidarität und gemeinsame  Kreativität entsteht, wenn Frauen* - und tatsächlich auch zunehmend  Männer*- das Gefühl haben, Teil von etwas Sinnvollem zu sein, ihre eigene Lust, Erfahrung und Begabung und  Verantwortung einbringen zu können.  Wir sind - mit einer löblichen Ausnahme - von keiner Seite finanziell unterstützt worden. Sonst hätten sich noch viel mehr Frauen in GENUG! BASTA! YETER! einbringen können und wollen. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig klare Kommunikation und Vertrauen sind. Offenheit war dabei ein entscheidender Faktor: Gerade, weil wir keine Forderungskataloge aufgestellt haben, die Ausschlüsse und Abgrenzungen produzieren, sondern das GRÖßTMÖGLICHE GEMEINSAME VIELFÄLTIGE auf der Basis der Menschenrechte ermöglichen, in dem jedes GENUG! zählt! Das hat viele Frauen* bewogen, sich mit eigenen Aktionen zu beteiligen, um sichtbar zu werden, die Ohnmacht zu durchbrechen und die eigene gesellschaftliche Bedeutung zu spüren. 

Woran würdet ihr am 9. März spüren: Wir haben etwas bewegt?

Wenn Frauen* sichtbar werden, wenn die Begegnung wächst, Gespräche beginnen und Frauen* Selbstwirksamkeit erleben, ist schon viel erreicht. Für uns ist der 9. März kein Endpunkt, sondern ein Anfang. Entscheidend ist, wie die Verbindungen, die für diesen 
Tag entstanden sind, danach zu Netzwerken werden. Die Zeichen, genau das zu wollen, 
sind beglückend. 

 

Alle Infos zu Enough! und der Teilnahme am 09. März gibt's hier.