Berichterstattung unter Druck

Kommentar

Machtstrukturen im Journalismus beeinflussen die Recherchen zu sexualisierter Gewalt und das damit verbundene Medienecho. Einblick einer Journalistin. 

Demonstatrionsplakat mit vielen Händen und dem Text: cause we are many!

Die Öffentlichkeit liebt klare Narrative. Sie wollen Betroffene vor allem als kämpferische Held*innen sehen, juristisch eindeutige Fälle und prominente Täter. Bei Collien Fernandes, die von ihrem Ex-Mann digital missbraucht und gedemütigt wurde, scheint vieles davon zuzutreffen. Die breite Berichterstattung über die Recherche des Spiegels ist immens wichtig, sie eröffnet anderen Betroffenen neue Perspektiven und verändert die öffentliche Debatte bis zu juristischen Reformen. Sie war ein kollektiver Ermächtigungsmoment.

Gleichzeitig gibt es sexualisierte Gewalt, die selten einen gesellschaftlichen Aufschrei erzeugt: Gewalt gegen migrantische Erntehelferinnen, Reinigungskräfte, Pflegerinnen oder Frauen ohne sicheren Aufenthaltsstatus. Welche Gewalt gilt als erzählbar?

Oft liefern Betroffene keine ‘perfekte Geschichte’

Ich berichte seit über zehn Jahren zu sexualisierter Gewalt. Ich habe erlebt, wie Frauen abgeschoben wurden, nachdem sie ihren Missbrauch gemeldet und öffentlich gemacht hatten. Frauen haben mich am Telefon angeschrien, in Wut und Verzweiflung, weil Recherchen aus redaktionellen Gründen gestoppt wurden. Recherchen, von denen ich überzeugt bin, dass sie heute veröffentlicht werden würden. Zurück blieb bei meinen Quellen und mir ein tiefes Ohnmachtsgefühl.

Die Realität sexualisierter Gewalt ist oft chaotisch, still und allzu oft das Gegenteil einer zusammenhängenden Geschichte. Etwa weil  Betroffene nur Bruchstücke erinnern - das kann psychologische Gründe haben oder an Einfluss von Substanzen während des Erlebten liegen - oder weil sie dem mutmaßlichen Täter noch immer ausgesetzt sind (etwa bei zusätzlicher häuslicher Gewalt) und damit Sicherheitsbedenken bestehen, die bestimmte Teile der Geschichte nicht erzählbar machen. Oder wenn die zusammengetragenen Beweise juristisch für eine Verdachtsberichterstattung nicht ausreichen: Weil Whatsapp-Nachrichten gelöscht, Handys gewechselt wurden oder Betroffene aus unterschiedlichen Gründen keine ärztlichen Untersuchungen oder eine Anzeige gemacht haben.

Über sexualisierte Gewalt zu sprechen oder zu berichten erfordert Ressourcen, die ungleich verteilt sind

Um sich an einer Recherche über die selbst erlebte Gewalt zu beteiligen, brauchen Betroffene Ressourcen, die den enormen Fliehkräften, die in und nach diesen Recherchen wirken, entgegenstehen. Ein starkes soziales Netz, mentale und emotionale Kraft, Geld, Anwält*innen: Privilegien, die die meisten Betroffenen nicht haben und die Journalist*innen ihnen nicht leihen können.

Besonders betroffen sind Menschen, deren Geschichten ohnehin wenig Platz in öffentlichen Debatten bekommen: Migrantische Frauen, prekär Beschäftigte, illegalisierte Arbeiter*innen, queere Menschen und Betroffene mit Behinderung. Die Frage „Welche Gewalt gilt als erzählbar?“ wird so schnell zur Frage, wessen Leben gesellschaftlich als relevant gilt.

Ich warte seit Jahren darauf eine Recherche über sexuelle Belästigung unter migrantischen Spargelstecher*innen zu lesen. Im letzten Jahr hat die Initiative Faire Landarbeit in ihrem Jahresbericht zum ersten Mal auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Frauen sollen von Vorarbeitern zum Geschlechtsverkehr gezwungen worden sein, mit der Drohung, dass ihnen ansonsten gekündigt werde, oder mit dem Versprechen, dass sie erleichterte, bessere Arbeitsbedingungen bekommen würden. In einem Interview sagt eine Verantwortliche dazu, es sei “ein strukturelles Problem.”

Diese Recherchen sind sehr zeitaufwändig und erfordern einen hohen persönlichen und emotionalen Einsatz. Wochen- oder monatelang mit Menschen über traumatische Erfahrungen, über Angst, Scham, Abhängigkeiten und Gewalt zu sprechen, ist sehr fordernd.

Viele Quellen können aufgrund ihres Aufenthaltsstatus und Prekarität nur anonym sprechen. Selten gibt es Dokumente, die die Vorwürfe stützen. Damit sind sie juristisch schwer absicherbar. Gleichzeitig sind Recherchen über strukturelle Missstände mit anonymen Quellen ökonomisch schlechter verwertbar. Sie versprechen Redaktionen weniger Absatz und sind - aufgrund ihrer Länge - unterdurchschnittlich schlecht bezahlt.

Getragen wird diese Arbeit seit Jahren vor allem von freien Journalist*innen, die selbst unter prekären Bedingungen arbeiten. Sie sind abhängig von Entscheidungen investigativer Redaktionen, die in Deutschland noch immer mehrheitlich von Männern geleitet werden. Damit bewegen sie sich - wenn auch auf anderer Ebene - in ähnlichen strukturellen Machtverhältnissen wie viele ihrer Quellen: ökonomische Unsicherheit, Abhängigkeiten und die ständige Frage, welche juristischen und finanziellen Risiken sie sich leisten können.

Rechtsruck und Antifeminismus erschweren die journalistischen Produktionsbedingungen von Verdachtsberichterstattung

Sie treffen innerhalb und außerhalb der Redaktionen auf ein gesellschaftliches Klima, das zunehmend antifeministisch und rechtsoffen ist. Feministische Perspektiven werden zunehmend als ideologisch motiviert, Autor:innen als hysterisch oder aktivistisch delegitimiert. Gerade Recherchen zu sexualisierter Gewalt geraten so unter einen permanenten Rechtfertigungsdruck. Sie müssen nicht nur ihre Ergebnisse akribisch belegen, sondern oft schon ihre Ausgangsfrage verteidigen. Das beeinflusst auch journalistische Entscheidungen: welche Themen überhaupt bei einer Redaktion gepitcht werden, ihre Finanzierung und ob Shitstorms oder juristische Angriffe zu erwarten sind.

Diese Dynamiken wirken bereits im Vorfeld journalistischer Arbeit. Themen werden seitens der Redaktionen nicht nur nach Relevanz bewertet, sondern auch danach, welche Konflikte sie auslösen könnten. Gerade im digitalen Raum haben antifeministische Narrative und Mobilisierungen in den letzten Jahren an Reichweite gewonnen und wirken damit direkt in redaktionelle Abwägungsprozesse hinein.

Dadurch geraten insbesondere komplexe, strukturelle oder intersektionale Perspektiven auf sexualisierte Gewalt schneller unter Druck. Nicht nur, weil sie schwerer zu erzählen sind, sondern auch, weil sie häufiger gegen bestehende Erwartungshaltungen verstoßen – etwa darüber, wie „Opfer“, „Täter“ oder „Beweise“ auszusehen haben. Hiervon betroffen sind wiederum insbesondere die Kolleg*innen, die sich mit Themen befassen, die in deutschen Redaktionen ohnehin schon unterrepräsentiert sind. Ein Teufelskreis.

Viele Geschichten über sexualisierte Gewalt scheitern nicht an ihrer Relevanz oder daran, dass sie nicht wahr wären. Sie scheitern an den Bedingungen, unter denen sie erzählt werden müssen. Welche Gewalt sichtbar wird, ist auch Jahre nach #MeToo keine Frage der Wahrheit, sondern eine Frage der Macht.


Dieser Artikel wurde vom Selbstlaut Kollektiv organisiert und redigiert – einem Zusammenschluss von Journalist*innen, die gemeinsam arbeiten, recherchieren und Aufträge annehmen. Statt Konkurrenz und Vereinzelung setzt das Kollektiv auf Solidarität, Austausch und gegenseitiges Empowerment und das ohne Hierarchien, sondern auf Augenhöhe.

Selbstlaut steht für einen Journalismus, der machtkritisch, klischeefrei und kollaborativ ist. Die Mitglieder recherchieren international und wurden vielfach ausgezeichnet. Mit ihrem Anspruch, marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen und bestehende Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen, passt die Arbeitsweise des Kollektivs besonders gut zu den queerfeministischen Inhalten des Gunda-Werner-Instituts.