Queeres Jugendnetzwerk Lambda vor dem Aus: „Wir müssen zum Jahresende unsere Türen schließen“

Interview

Vor und nach dem Anschlag auf den Berliner CSD zeigt sich: Queerfeindliche Bedrohungen und Gewalt nehmen weiterhin zu. Gleichzeitig streicht die Bundesregierung dem einzigen bundesweiten queeren Jugendnetzwerk Lambda die komplette Finanzierung. 

Ein Demoschild, das eine Faust in Regenbogenfarben abbildet, in einer Menschenmenge

GWI: Seit dem Anschlag auf den Berliner CSD ist die queere Community erschüttert. Gleichzeitig soll dem einzigen bundesweiten Träger queerer Jugendarbeit die Förderung für 2027 vollständig gestrichen werden. Wie nehmt ihr diese beiden Entwicklungen im Zusammenhang wahr?

Lambda: Wir finden die aktuelle Entwicklung fatal. Gerade in einer Zeit, in der Queerfeindlichkeit zunimmt und sichere Räume für queere Menschen immer stärker unter Druck geraten, wird der einzigen bundesweiten Selbstorganisation queerer junger Menschen die zentrale Förderung vollständig gestrichen.

Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD gab es viele Solidaritätsbekundungen von Politiker*innen. Das finden wir gut und wichtig. Gleichzeitig darf Solidarität nicht bei Worten stehen bleiben, sondern muss sich auch in konkreten politischen Entscheidungen zeigen. 

Wenn auf der einen Seite betont wird, wie wichtig der Schutz queerer Menschen ist, und auf der anderen Seite genau den Strukturen die finanzielle Grundlage entzogen wird, die diesen Schutz im Alltag mittragen, ist das für uns schwer nachvollziehbar.

Für queere junge Menschen sendet diese Entscheidung ein alarmierendes Signal: Ihre Räume sind nicht verlässlich abgesichert, ihre Beratung, ihre Beteiligung und ihre Selbstorganisation stehen zur Disposition. Gerade jetzt wäre aus unserer Sicht der Zeitpunkt, queere Selbstorganisation und Schutzstrukturen zu stärken. Nicht ihre Grundlage zu entziehen.

Welche Bedeutung hat eure Arbeit als queeres Jugendnetzwerk angesichts solcher queerfeindlicher Angriffe?

Unsere Arbeit ist auf mehreren Ebenen wichtig. Einerseits schaffen wir Safer Spaces, in denen junge Queers Gemeinschaft erleben, neue Freund*innen finden und Unterstützung bekommen können. Ein wichtiger Bestandteil davon ist unsere Beratung. Unsere Peer-Berater*innen werden durch Fachkräfte entsprechend ausgebildet und auf ihre Beratungstätigkeit vorbereitet. Neben der Peer-Beratung bietet unser Lambda Queersupport auch eine Fachberatung an. Diese richtet sich insbesondere an junge queere Menschen in psychischen Krisen, etwa bei Suizidgedanken, und ermöglicht eine entsprechend professionelle Beratung.

Andererseits sind wir eine bundespolitische Stimme für queere junge Menschen. Bei Lambda sprechen junge Queers für sich selbst, setzen eigene Themen und vertreten ihre Interessen gegenüber Politik und Gesellschaft.

Eine Sprecherin des Ministeriums begründet die Entscheidung der Kürzung u. a. damit, dass die Belange geschlechtlicher und sexueller Vielfalt bei Jugendlichen mittlerweile in der Breite der Jugendverbände angekommen sind. Was sagt ihr zu dieser Begründung?

Dass andere Jugendverbände queere Lebensrealitäten inzwischen stärker berücksichtigen, begrüßen wir ausdrücklich. Genau dafür haben queere Organisationen und viele Verbündete jahrzehntelang gearbeitet. Aber das ersetzt keine Selbstorganisation. Es kann somit kein Argument dafür sein, unsere eigenständigen Strukturen abzuschaffen.

Was würde es für eure Arbeit bedeuten, wenn die Pläne des Ministeriums tatsächlich in Kraft treten?

Wenn die Entscheidung des Ministeriums bestehen bleibt, sind die Konsequenzen sehr konkret: Wir müssen zum Jahresende unsere Türen schließen und unsere Angebote einstellen.

Besonders hart trifft das junge queere Menschen, die abseits bestehender Angebotsstrukturen leben. Studien zeigen, dass etwa 25 bis 30 Prozent der queeren jungen Menschen keinen Zugang zu entsprechenden Angeboten in ihrer Nähe haben. Für viele von ihnen sind unsere digitalen Strukturen, wie etwa das digitale queere Jugendzentrum, deshalb nicht nur eine Ergänzung, sondern überhaupt erst der Zugang zu Community, Unterstützung und Austausch.

Wenn unsere Strukturen wegfallen, trifft es deshalb besonders diejenigen, die ohnehin schon weniger Zugang zu Unterstützung haben.

Bei der Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) ging ein Protestbrief ein, der von 198 Organisationen unterzeichnet wurde. Glaubt ihr, dass der Protestbrief noch etwas bewegen kann?

Inzwischen haben über 200 Organisationen unseren offenen Brief mitgezeichnet. Dahinter steht ein sehr breites Bündnis aus Jugendverbänden, Wohlfahrt, Fachorganisationen und weiteren Teilen der Zivilgesellschaft. Diese Unterstützung ist für uns enorm wichtig.

Wie erlebt ihr die Reaktionen aus der Gesellschaft auf die Förderstreichung? 

Gesellschaftlich bekommen wir enorm viel Zuspruch. Unsere Mitgliederzahlen sind in sehr kurzer Zeit stark gestiegen, uns erreichen viele liebe und solidarische Nachrichten und zahlreiche Menschen wenden sich direkt an Politiker*innen. Auch die Resonanz auf unsere Spendenaufrufe machen uns Hoffnung.

In queeren Kontexten wird oft von „Allyship“ gesprochen - also davon, dass Menschen, die nicht selbst betroffen sind, aktiv solidarisch handeln. Was wünscht ihr euch in der aktuellen Situation konkret von Allies?

Was wir uns von Allies wünschen, ist vor allem konkretes Handeln. 

Nachdem wir von der Kündigung erfahren haben, haben wir sehr schnell eine eigene Seite eingerichtet, auf der wir genau erklären, was Einzelpersonen und Organisationen jetzt tun können. Menschen können Politiker*innen anschreiben, Mitglied bei Lambda werden, unsere Situation öffentlich sichtbar machen oder unsere Arbeit finanziell unterstützen. Eine besonders konkrete Möglichkeit sind aktuell die Patenschaften für lambda space. Für fünf Euro im Monat können Einzelpersonen dazu beitragen, den Zugang zu unserem digitalen Jugendzentrum für eine queere junge Person mitzufinanzieren.

Für uns bedeutet Allyship: die eigenen Ressourcen, Kontakte, Reichweite und Stimme zu nutzen, damit diejenigen gehört werden, deren Strukturen bedroht sind.