Mindestens 36 Milliarden Euro hat der extreme Hitzesommer Deutschland gekostet. Plötzlich sprechen alle über Klimaanpassung. Ein wichtiger Punkt fehlt in den Berechnungen von Kosten der Klimakrise fast immer: das Koordinieren, Kümmern, Zusammenhalten, das eine Gesellschaft im Ausnahmezustand trägt – unbezahlte Sorgearbeit, die oft von Frauen geleistet wird. Kneipenbesitzerin Nicole Schober, Landrätin Cornelia Weigand und Unternehmerin Eveline Lemke haben die verheerende Flut im Ahrtal miterlebt. Was können wir praktisch, politisch und ganz persönlich aus ihrer Erfahrung für kommende Katastrophen lernen?
Eine, die weiß, was eine Dorfgemeinschaft im Krisenfall wirklich tragfähig macht, ist Nicole Schober, im Ahrtal besser bekannt als Missy Motown. In den Monaten nach der Flut wurde die 49-Jährige zu einer lokalen Celebrity.
Missy kommt aus der Veranstaltungsbranche, unter Stress zu improvisieren ist sie gewohnt. “Wenn es heißt, Samstag um acht ist Showtime, dann ist um 20 Uhr Showtime, nicht um halb neun, nicht drei Tage später. Egal was passiert, der Gig findet einfach statt.” Mit derselben Einstellung hat sie im Sommer 2021 im Ahrtal die Engagierten koordiniert, die zu tausenden in die Region kamen.
In Krisen kluge Köpfe kennen
Fünf Jahre später sitzt Missy an einem Tisch in der ‘Alten Krähe’, ihrem Gasthof auf einer Anhöhe, und erzählt. Über ihr persönliches Netzwerk organisierte sie nach dem 14. Juli in kürzester Zeit enorme Mengen an Sachspenden. “Ich hatte in Spitzenzeiten 400 Anrufe am Tag.” Auf Videos ist sie zu sehen, wie sie in einer Kirche stapelweise Kleidung, Kisten voll Taschenlampen und Geräten sortiert. “Wir hatten hunderte Stromaggregate, Benzinkanister, Feldküchen”, die Liste von Missy ist lang. Die Hilfsgüter an die Feuerwehr zu übergeben, stellte sich allerdings kompliziert heraus – die Einsatzleitung nahm sie nicht ernst. “Dafür war denen alleine meine Haarfarbe zu wild.” Aber was immer helfe, sagt Missy: In Krisen kluge Köpfe kennen.
Ein ehemaliger Brand- und Katastrophenschutzinspektor bringt sie auf eine Idee. Um für den Krisenstab von Polizei und Feuerwehr als Kooperationspartnerin überhaupt infrage zu kommen, müsse sie deren Sprache sprechen. Warum nicht ihren eigenen Stab gründen, den “Helfer-Stab”? Ein Konzept mit klaren Hierarchien und Zuständigkeiten im Sprech der Blaulichtorganisationen ist schnell geschrieben, und es funktioniert – noch heute erinnert sie sich an den Moment, der alles veränderte: als sie plötzlich mit Heinz und Rudi und Thomas am Tisch der Entscheider im Krisenstab saß.
Männer, die die Welt verbrennen
Dass im Katastrophenschutz Männer das Bild dominieren, steht im Kontrast zu ihrem Engagement für Klimaschutz. Studien zeigen: Frauen verhalten sich nachhaltiger, engagieren sich öfter fürs Klima und sind gleichzeitig stärker von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen. Männer könnten für den Klimaschutz eher motiviert werden, wenn die Aufgaben traditionell männlichen Rollen-Bildern entsprechen, schreibt Benedikt Siebauer in Männer.Macht.Klimaschutz! (2026). Tatsächlich braucht es beides: Den Ingenieur, Tüftler, Architekt einer sicheren Zukunft und mehr Fürsorge für die Mitwelt oder kommende Generationen. Der gesellschaftliche Diskurs um Klimaanpassung ist aktuell stark auf technische Lösungen und bauliche Maßnahmen fokussiert. Wer Menschen wie Missy zuhört, weiß, dass es genauso weiblich konnotierte Fähigkeiten braucht, um durch Krisen und Katastrophen zu navigieren. Beziehungen pflegen, zuhören, trösten, Menschen zusammenbringen.
Wanted: Empathische Führung
Missy Motown kann durchaus sehen, warum die Feuerwehr immer wieder skeptisch war, mit Freiwilligen zu kooperieren: Viele Spontanhelfende hatten keine Vorstellung davon, was sie im Einsatzgebiet erwarten würde.
Ohne sie wäre es nicht gegangen. Aber es war Fluch und Segen zugleich, die Situation hat auch viele überfordert.
Mit der Gründung ihrer gemeinnützigen Helferstab gGmbH schaffte sie etwas bis dato Einzigartiges in einer Großschadenslage: Eine anschlussfähige Freiwilligen-Organisation, auf die sich die Einsatzkräfte verlassen konnten. Was sie gelernt hat: Spontanhelfende müssen nicht ausgebildet werden, bevor die Katastrophe kommt. Sie müssen organisiert werden, wenn die Katastrophe da ist.
Im Organisieren war Missy Motown viel flexibler als die bürokratischen Strukturen der professionellen Katastrophenhilfe. Ihre Dorf-WhatsApp-Gruppe wuchs auf 600 Mitglieder an. “Unsere Infos gingen über Social Media raus, statt irgendwelche FAQs auf Behördenseiten, die total unverständlich waren.” Jeden Morgen moderierte Missy ein Check-in auf dem Sportplatz, um Spontanhelfende einzuteilen. Wenn es hieß, es brauche 2.000 Essen, schickte sie dem Jäger eine Nachricht: “Der hat doch eine Kippbratpfanne, das kriegen meine Leute in unserer Küche nicht hin.”
Ähnlich pragmatisch wie Missy ging eine andere Frau die Herausforderung des Wiederaufbaus an: Cornelia Weigand – parteilose Biologin, ein halbes Jahr nach der Flut zur Landrätin gewählt, als erste Frau im Amt. Sie hat das internationale Prinzip „Build Back Better" ins Ahrtal übersetzt: Statt kommunale Gebäude und Infrastruktur im Landkreis wieder genauso aufzubauen wie vor der Flut, hat sie die millionenschweren Aufbauhilfen für soziale und klimagerechte Anpassungen eingesetzt. Kinder werden hier demnächst in barrierefreien Räumen lernen, die gleichzeitig für eine zukunftsweisende Pädagogik gestaltet sind. Die Ahrtalbahn wurde komplett elektrifiziert und fährt jetzt im 20-Minuten-Takt – und ist damit deutlich attraktiver geworden als der öffentliche Nahverkehr in vielen anderen ländlichen Regionen.
Einfach war dieser Weg nicht. Gelder für den Wiederaufbau sind an viele Auflagen geknüpft. Damit Bürger:innen in ihrem Kreis ihre Häuser hochwassersicher wieder aufbauen durften, brauchte es eine Änderung im Baugesetzbuch. Also schrieb Weigand selbst den Entwurf für den Gesetzestext und erreichte tatsächlich, dass die neue Wiederaufbauklausel §246c auch den Betroffenen in ihrem Landkreis noch zugutekam.
Von welchen Szenarien gehen wir aus?
Heute sind im Ahrtal Alarmpläne angepasst, Frühwarnsysteme verbessert, alle haben auf dem Handy eine Warn-App wie NINA installiert. Aber eine Sicherheit vor der nächsten Flut gibt es nicht, sagt die Landrätin: “Die Katastrophen werden extremer und die Sicherheit von heute ist brüchig. Feigenblattpolitik bringt uns da nicht weiter.” Es gehe vor allem darum, realistisch auf Zukunftsszenarien zu schauen. Statt “Milliarden über Milliarden” in den Wiederaufbau nach einer Katastrophe zu stecken, müssten mehr Gelder aus dem Bundeshaushalt in effiziente Hochwasservorsorge investiert werden, nicht nur an den Küsten Deutschlands.
Es ist paradox: Beliebtheitswerte von Politiker:innen sind in der Vergangenheit immer wieder gestiegen, wenn sie sich nach einer Katastrophe richtig inszeniert haben. Es heißt, sein Auftritt in Gummistiefeln nach dem Elbe-Hochwasser 2002 habe Gerhard Schröder die Wiederwahl gesichert. Aber mit ihrem Anliegen, heute Geld für den Katastrophenschutz von Morgen auszugeben, macht sich eine Politikerin wie Cornelia Weigand nicht beliebt – zumindest auf Bundesebene. Ihre Forderung, die Gesetzesgrundlage für die Verwendung von Geldern für Hochwasserprävention zu verändern, wurde von Friedrich Merz persönlich in einem Schreiben abgelehnt.
Diagnose: Hochwasserdemenz.
Mehr als 180 Menschen verloren in den Fluten 2021 ihr Leben, viele ihren Lebensmut. Eveline Lemke will verhindern, dass die Schreckensbilder in Vergessenheit geraten. Bis 2016 war sie Klima- und Wirtschaftsministerin in Rheinland-Pfalz. Später gründete sie eine Beratungsfirma für Kreislaufwirtschaft. Heute führt sie regelmäßig Gruppen durchs Ahrtal, Schulklassen, Bundestagsabgeordnete, zuletzt auch Betroffene der Überschwemmungen im spanischen Valencia.
Die 62-Jährige war durch die Klimakrise schon mehrmals existentiell bedroht. Sturmtief Kyrill zerstörte 2007 ihr Haus. “Es war eine traumatische Nacht”, erinnert sich Lemke, die auf einer Dienstreise vom Unwetter überrascht wurde und keine Kontaktmöglichkeit zu ihren Kindern zuhause hatte. Für sie ist klar: Auch die Flut war nicht der letzte Ausnahmezustand, den sie erleben wird. „Der Elefant im Raum ist ja: Ohne konsequenten Klimaschutz kann uns so eine Situation jederzeit wieder treffen."
Die Forschung zeigt: Extremwetterereignisse können einen Möglichkeitsspielraum öffnen, in dem politischer Wandel wahrscheinlicher wird – wenn sie kommunikativ genutzt werden. Deshalb setzt Lemke auf verschiedene Bildungsformate in der Unternehmensberatung, im Tourismus, in der Umweltlernschule von Bad Neuenahr. “Am besten fangen wir bei den Kleinsten an”, sagt sie – Bewusstseinswandel sei ein längerer Prozess. “Ein Schocklernen nach der Katastrophe funktioniert nicht, das wissen wir leider.”
Wie gut sind wir auf kommende Krisen vorbereitet?
Ihr Neffe fragte sie kürzlich: “Sag mal, Eveline, hast du eigentlich einen Lebensmittelvorrat, oder ist das alles ein bisschen Plemplem?“ Sie empfahl ihm, einmal in den Notfall-Ratgeber des Bundesamts für Katastrophenhilfe zu schauen: Nach der Flut war es wirklich hilfreich, einen Vorrat an Trinkwasser und Essen zu Hause zu haben, mindestens für drei Tage. Außerdem Taschenlampe, aufgeladene Powerbank, wichtige Medikamente. “Man kam ja weder raus, noch hatten die Läden offen.” Wer sich – und die Nachbarschaft – in den ersten kritischen Stunden selbst versorgen kann, fällt den Rettungskräften nicht zur Last.
Was in ihren Augen vor allem fehlt: Vermittlung von Basis-Wissen im Alltag. In Japan stehen Tsunami-Drills im Lehrplan, davon sei hier noch nichts zu spüren. Schwimm-Unterricht ernst zu nehmen, könnte ein erster solcher Schritt in deutschen Schulen sein. Aber auch: “Wer einen Führerschein macht, muss wissen, dass man mit seinem Auto nicht durch stehendes Wasser fährt.” Zu oft waren nach der Flut Unterführungen blockiert, weil der Motor abgesoffen war.
Aus der Katastrophenforschung weiß Lemke, dass kollektive Erinnerung die Resilienz einer Gesellschaft stärkt. Sich zu erinnern, heißt für sie aber nicht nur, die schwierigen Momente wachzuhalten. Eine solche Krisensituation schaffe auch Klarheit: „Was ist meine Aufgabe, was ist meine Rolle? Wie kann ich einen Beitrag leisten?” Die Erfahrung von Zusammenhalt und Selbstwirksamkeit war für viele Menschen auch eine Positive: “Persönliche Beziehungen zueinander, die bleiben stehen, egal was kommt.“
Klimaanpassung ist mehr als technischer Hochwasserschutz
Die Erfahrung aus dem Ahrtal hat gezeigt: Klimaanpassung ist nicht nur eine Frage von Warnapps, mobilen Hochwasserschutzwänden, Sirenen und Sandsackabfüllsystemen. Die Organisationsstruktur des Helferstabs löste Probleme auf originelle Weise, soziale Innovation ist manchmal relevanter als technische.
Extremwetter wie das Tief ‘Bernd’ werden durch die Klimakrise häufiger und heftiger. In einer solchen Welt Resilienz aufzubauen, ist Sorgearbeit. Beziehungen zu pflegen, die auch in der Krise tragen, ist Care-Arbeit. Sich darum zu kümmern, dass Hilfe dort ankommen kann, wo sie gebraucht wird, ist Care-Arbeit. Dafür zu sorgen, dass Gelder aus dem Bundeshaushalt in effektive Anpassungsmaßnahmen fließen, ist Care-Arbeit. Räume für Erinnerungskultur zu schaffen, ist Care-Arbeit.
Jetzt Klimaschutz zu priorisieren, statt nur auf Anpassung zu setzen, würde in der Zukunft jede Menge Sorgen ersparen. “Wir müssen unsere Prioritäten ändern,” sagt Eveline Lemke. “Sonst wird das zu einer regelmäßigen Disziplin: Leben retten – aufbauen. Leben retten – aufbauen.”