Rund 80 Prozent der Frauen, die in einen landwirtschaftlichen Betrieb eingeheiratet haben, arbeiten in Deutschland ohne einen Ehevertrag oder eine Regelung für Trennung oder Todesfall. Im Falle von Trennung, Scheidung oder Tod des Partners stehen sie oft mit leeren Händen da. Über diese tief verankerten Strukturen zu sprechen, trauen sich immer mehr Frauen.
„Die Warnsignale waren von Anfang an da, aber ich habe sie nicht erkannt“, sagt Charlotte Himmel. Früh habe sie eine Bekannte gewarnt: „Lass dich nicht ausnutzen, lass dich richtig anstellen, nicht nur auf 450-Euro-Basis.“ Damals fand sie das übergriffig. Heute sagt sie: „Sie hatte recht. Ich war jung und habe vieles hingenommen.“
Dr. Zazie von Davier kennt diese Realität genau. Die gelernte Landwirtin forscht am Thünen-Institut für Betriebswirtschaft zur Situation von Frauen in der Landwirtschaft. 2023 erschien unter ihrer Mitwirkung das Paper „Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland – Leben und Arbeit, Herausforderungen und Wünsche“.
Über 7.000 Frauen wurden befragt. Im Fokus stehen Zeit, Macht, Arbeit und soziale Sicherung. Die Ergebnisse zeigen: Das Leben auf dem Hof ist oft von Abhängigkeit, Überlastung und Unsichtbarkeit geprägt. Und die traditionelle Rollenverteilung hat im Privatleben vieler Frauen Bestand.
Nach Angaben der letzten Agrarstrukturerhebung 2023 war etwa jede dritte Arbeitskraft in der Landwirtschaft weiblich. Zugleich werden nur elf Prozent der Betriebe von Frauen geleitet. Die Mehrheit arbeitet als Familienarbeitskraft – oft ohne Vertrag oder Lohn. Besonders im Fall einer Scheidung oder Trennung gehen viele leer aus.
Wenn alles in den Betrieb fließt, bleibt fürs Alter nichts übrig
Fast ein Drittel der befragten Ehefrauen von Landwirten stuft die eigene Einkommenslage als schlecht bis sehr schlecht ein, nur 44 Prozent fühlen sich ausreichend fürs Alter abgesichert. In Workshops im Rahmen der Studie wurde der Wunsch nach finanziellem Spielraum laut: „Ich wünsche mir ein persönliches Einkommen zur privaten Verfügung, das nicht wieder in den Betrieb fließen muss, damit dieser erhalten bleiben kann!“, sagte eine 39-jährige Teilnehmerin. Häufig wird zudem die Versicherungspflicht durch einen Minijob umgangen, mit dem Ergebnis, dass viele Frauen trotz tragender Rolle völlig ungesichert sind.
Dabei gäbe es für einkommensschwache Betriebe Möglichkeiten wie Zuschüsse zur Alterskasse, doch viele kennen oder nutzen sie nicht. „Diese Lücken sind keine Einzelfälle, sondern Ausdruck struktureller Schieflagen“, sagt Dr. Zazie von Davier. Es brauche systematische Aufklärung, Beratung und politische Lösungen.
Beratung auf Augenhöhe
Eine, die genau hier ansetzt, ist Wiebke Wennemer. Seit fast 14 Jahren berät sie in der Landwirtschaftskammer Niedersachsen zu den Themen Absicherung, Eheverträge und Hofübergabe.
Ein zentrales Thema in Wennemers Vorträgen und Beratungen ist die Höfeordnung: In Niedersachsen erbt meist eine Person – oft der Sohn. Ehepartnerinnen, vor allem eingeheiratete Frauen, sind dadurch nur selten abgesichert.
Der Weg in die Abhängigkeit beginnt unauffällig. „Gut ausgebildete Frauen entscheiden sich für ein Kind, planen Teilzeit – und stehen plötzlich ohne Einkommen da. Viele rechnen mit Elterngeld, das dann wegfällt, wenn der Betriebsgewinn das gemeinsame Einkommen über die Grenze von 175.000 Euro hebt.“ Dann sei das Kind da, aber es gebe weder Elterngeld noch eigenes Einkommen. „Für viele ist das ein Schock und sie erkennen erst spät, wie abhängig sie geworden sind.“
Familienarbeit muss entlohnt werden
Wiebke Wennemer sagt: „Ich bin da sehr klar: Familienarbeit muss entlohnt werden – und zwar vom Partner. Sonst gehen Frauen ein enormes Risiko ein“. Besonders kritisch wird es, wenn Frauen Betriebskredite mitunterschreiben. „Sie übernehmen die Verpflichtung, haben aber keinerlei Beteiligung.“ Meist begegnet Wennemer diesen Frauen erst in der Krise, bei Scheidung, Trennung oder drohender Altersarmut. „Im besten Fall kommen sie früher, etwa wenn klar wird, dass sie kein Elterngeld bekommen. Dann lässt sich noch etwas regeln. Wer trägt welche Verantwortung? Was wäre fair im Fall von Tod, Trennung oder Krankheit?“
Auch in der Landwirtschaft wird rund ein Drittel der Ehen geschieden, doch nur 17 Prozent der befragten Ehefrauen haben einen Ehevertrag oder eine Regelung für den Trennungs- oder Todesfall. Somit arbeiten rund 80 Prozent ohne rechtliche Absicherung. Auch für selbstständige Landwirtinnen ohne Anstellung ist die Lage prekär: Kein Elterngeld, kein Mutterschutz, unzureichende Altersvorsorge.
Noch prekärer ist die Lage unverheirateter Partnerinnen – ihnen steht zumeist gar nichts zu, es sei denn, es gibt ein Testament. Kein Wunder also, dass sich fast die Hälfte der in der Thünen-Studie befragten Frauen eine gezielte Beratung zur sozialen und rechtlichen Absicherung wünscht.
Zugewinnausgleich: Warum viele Frauen leer ausgehen
Im Scheidungsfall greift meist die Zugewinngemeinschaft. Doch in der Landwirtschaft ist diese Regelung komplex: Der Betrieb bleibt oft im Familienbesitz, da er vererbt oder übertragen wurde. „Er wird nicht geteilt – auch nicht im Fall der Scheidung“, erklärt Wiebke Wennemer. Anstelle des Marktwerts zählt der Ertragswert, also der Wert, den der Betrieb inflationsbereinigt erwirtschaftet hat. Das führt in der Praxis zu deutlich geringeren Ausgleichszahlungen für Ehepartnerinnen – selbst bei jahrzehntelanger Mitarbeit.
Wer in einen landwirtschaftlichen Betrieb einsteigt – durch Heirat, Mitarbeit oder Übernahme – sollte sich früh fragen: Fühlt sich das fair an?
Wennemer rät dringend: „Wer in einen landwirtschaftlichen Betrieb einsteigt – durch Heirat, Mitarbeit oder Übernahme – sollte sich früh fragen: Fühlt sich das fair an? Könnte ich mit dem leben, was mir im Zweifel zusteht? Wenn nicht, dann regle es vertraglich. Solange es noch geht.“
„Das Geld fehlt mir heute natürlich.“
Rund 40.000 Euro Privatvermögen hatte Charlotte Himmel in den Betrieb ihres damaligen Mannes investiert. Heute behauptet er, davon nichts zu wissen. Die Zahlung ist belegt, jedoch wurde nicht vertraglich festgehalten, wofür das Geld bestimmt war. „Es tut weh – das Geld fehlt mir heute natürlich.“
Zum Glück hatte Himmel früh vorgesorgt: Schon vor der Ehe hatte sie Bausparverträge sowie Lebens- und Rentenversicherungen abgeschlossen. „Ich war gut aufgestellt und bin es heute wieder.“ Beim Immobilienkauf bewies sie ebenfalls Weitsicht: 2019 erwarb sie ihr Elternhaus allein auf ihren Namen.
Auch beruflich zog sie 2019 Konsequenzen: Nach der Elternzeit ihres dritten Kindes ließ sie sich offiziell im Betrieb anstellen, nicht mehr nur auf Minijob-Basis. Zwar war die Stelle unterbezahlt, „aber immerhin sozialversicherungspflichtig“.
Wiebke Wennemer erklärt, dass die soziale Absicherung auch Grundlage für eine Beziehung auf Augenhöhe ist. „Sie stärkt auch die Partnerschaft.“ Gerät das Gleichgewicht einmal ins Wanken, ist es schwer wiederherzustellen, gerade in landwirtschaftlichen Familien.
Ein typisches Szenario aus Wennemers Beratung: Der Mann sagt „Ich bin Unternehmer, ich habe keine Zeit für Familienarbeit.“ Und überlässt der Frau alles – Haushalt, Kinder, weitere Pflegearbeit, und Arbeit im Büro und auf dem Hof – ohne Anerkennung, ohne Gegenleistung. Über die Jahre wächst Groll: „Du machst hier gar nichts. Ich mache alles und bekomme nichts.“ Diesen Satz hört Wennemer oft. Das belastet die Beziehung – und die Kinder.
„Ich wollte nie einen Landwirt daten.“
Dieses Risiko war auch Lena Göth sehr früh bewusst. Sie wuchs auf einem Weingut in Rheinhessen auf. Schon früh spürte sie, dass der Umgang mit Mädchen klischeehaft war. Wenn sie auf einem Weingut aushalf, wurde sie nie gefragt, ob sie bei der Weinprobe helfen oder etwas über Wein lernen wolle. Stattdessen landete sie im Service oder in der Küche.
Vor Jahren hätte sie genau deshalb auch gesagt: „Einen Landwirt würde ich nie daten.“ Sie wollte etwas bewegen, am liebsten „die Welt retten“. Als sie ihr Studium der Erwachsenen- und Medienpädagogik begann, hätte sie nie gedacht, dass sie wieder in die Landwirtschaft zurückkehren würde. Und dann verliebte sie sich doch in einen Landwirt. Über ihren heutigen Ehemann, den Winzer Sebastian Baum, kehrte sie 2018 in die Landwirtschaft zurück. Von Anfang an hat sie ihm ganz klar gesagt: „Ich steige nur ein, wenn wir gemeinsam etwas verändern.“
Lena Göth und Sebastian Baum verhandelten ganz bewusst ihr Gehalt. Altersarmut war für sie ein Thema. Früh war beiden klar: Es braucht klare Verträge – auch für den Fall einer Trennung. „Der Betrieb soll weiterlaufen können und beide sollen finanziell abgesichert sein.“
Für das gemeinsame Zusammenziehen wurde ebenfalls verhandelt. „Er hat keine Zeit für Care-Arbeit. Aber dann muss er mehr zur Finanzierung beitragen“, so Göth. Als Ausgleich stellten sie eine Haushaltshilfe ein, bezahlt vom Partner.
Um eine faire Regelung für die Ehe zu finden, hat sich das Paar drei Jahre lang Zeit genommen. Mit mehreren Berater*innen haben sie unter anderem an einem Ehevertrag getüftelt. Eine der zentralen Vereinbarungen ist, dass Lena Göth wie eine externe Arbeitskraft bezahlt wird.
Heute führen Lena Göth und Sebastian Baum zwei Betriebe, ein Weingut und einen Abfüllbetrieb – mit bewusstem Blick auf Gleichstellung und Verantwortung. „Wir gehen diesen Weg gemeinsam. Das war und ist ein Lernprozess, doch er bereichert uns beide“, so Göth.
Mehr Last, kaum Entlastung
Ein weiterer Schwerpunkt der Thünen-Studie ist die Vereinbarkeit von Familie und Betriebsleitung. „Trotz gesellschaftlichem Wandel hat sich bei der Arbeitsteilung auf Höfen in 30 Jahren erstaunlich wenig verändert“, sagt Dr. Zazie von Davier. Zwar hat fast jede zweite Frau ein zweites berufliches Standbein außerhalb vom Betrieb, doch 83 Prozent sind weiterhin hauptverantwortlich für Haushalt und Care-Arbeit.
Was fehlt, ist eine verlässliche Vertretung bei Krankheit, Mutterschutz oder Urlaub sowie eine Aufklärung über bestehende Hilfen.
59 Prozent erhalten dabei keinerlei Unterstützung. Hilfe kommt, wenn überhaupt, meist von Müttern oder Schwiegermüttern – unbezahlt und ohne Absicherung. „Das ist keine tragfähige Lösung“, so von Davier. Was fehlt, ist eine verlässliche Vertretung bei Krankheit, Mutterschutz oder Urlaub sowie eine Aufklärung über bestehende Hilfen. Davier fordert gesetzliche Reformen, bessere Betriebshilfe und flexiblere Unterstützungsangebote – auch im Haushalt.
Auch im Betrieb selbst fehlt es oft an Augenhöhe: Technik und Verantwortung liegen meist beim Mann, Quereinsteigerinnen fehlt der Zugang. „Gleichverteilung funktioniert nur, wenn beide Partner die nötigen Kenntnisse haben“, sagt von Davier. Landtechnikkurse für Frauen sollen das ändern.
Töchter werden nicht gefragt
Die Hofnachfolge ist ein zentraler Hebel in der Landwirtschaft. Übergaben finden oft erst nach Jahrzehnten statt – und zwar meist automatisch an Söhne. Laut der Thünen-Studie liegt der Anteil geplanter Nachfolgerinnen bei nur 18 Prozent. Der Zugang zu Land, Kapital und Entscheidungsmacht bleibt für viele Frauen erschwert. Eine ältere Teilnehmerin der Workshops gestand: „Ich habe meine Tochter nie gefragt. Ich dachte einfach, sie will etwas anderes machen.“
Ein Umdenken findet erst langsam statt, vor allem bei größeren Höfen. Hier wird die Nachfolge früher geregelt – auch für Töchter, die gezielt darauf vorbereitet werden.
Gleichstellung ist ein Gewinn für alle
Lena Göth sagt: „Was oft vergessen wird: Wenn Frauen ausgeschlossen sind, tragen Männer die volle wirtschaftliche Verantwortung.“ Das erzeugt massiven Druck – emotional, sozial und finanziell. Rund 50 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft gelten als psychisch belastet, die Suizidrate ist überdurchschnittlich hoch. „Gleichstellung ist kein Geschenk an Frauen, sondern ein gerechteres, gesünderes System für alle.“ Sie allein löst nicht alle Probleme, aber sehr viele.
Wer gleichzeitig im Betrieb, im Haushalt und in der Familie arbeitet – oft ohne Absicherung – trägt eine enorme Last.
Ein Ergebnis der Thünen-Studie macht Dr. Zazie von Davier besonders betroffen: 21 Prozent der befragten Frauen gelten als burnoutgefährdet. „Unsere Ergebnisse zeigen – wie auch andere Studien – eine hohe psychische Belastung“, so von Davier. Das überrascht Lena Göth nicht: „Wer gleichzeitig im Betrieb, im Haushalt und in der Familie arbeitet – oft ohne Absicherung – trägt eine enorme Last.“
Wie eng und schwierig das Familienleben oft ist, bringt Wiebke Wennemer in ihren Vorträgen auf den Punkt: „Wenn eine Schwiegertochter den Biomüll vergräbt, damit niemand sieht, was sie wegwirft, dann läuft grundsätzlich etwas schief.“ Die Frauen im Saal nicken. Sie kennen diese Angst vor Verurteilung und die ständige Beobachtung.
Die starke familienunternehmerische Orientierung der Landwirtschaft wird politisch als erhaltenswert gefördert. Doch in dieser Struktur ist aufgrund der emotionalen und wirtschaftlichen Nähe eine Trennung von Arbeit und Privatleben fast unmöglich.
Krankheit? Kein Grund, sich auszuruhen
Als Charlotte Himmel im Betrieb ihres Mannes anfing, fand sie schnell ihren Platz und entwickelte eigene Ideen. „Ich bin richtig aufgeblüht.“ Doch kurz darauf kam es zu Spannungen wegen der fehlenden Privatsphäre und der hohen Arbeitsbelastung. Das Schlafzimmer war einsehbar, das Büro lag direkt nebenan.
Als ihre zweijährige Tochter ins Krankenhaus musste und Himmel selbst mit Komplikationen im Krankenhaus lag, kam nach einer Woche von ihrem Mann lediglich die Nachricht: „Es wird Zeit, dass du mal wieder heimkommst – die Arbeit bleibt liegen.“
Charlotte Himmel kümmerte sich um vier Kinder und den Haushalt, plante das Familienleben, führte das Büro und organisierte alle Veranstaltungen, offiziell lange auf Minijob-Basis, zehn bis zwölf Stunden Arbeit pro Tag.
Über Jahre litt sie an Dauererschöpfung, Mandel- und Herpesentzündungen, Fieber. „Mein Mann hat mich systematisch krank gemacht. Ich musste einfach funktionieren.“ Baby Nummer drei kam an einem Freitag zur Welt, montags saß sie wieder am Schreibtisch.
Die Hebamme warnte: „Du musst dich erholen – für dich und deine Kinder.“ Doch Himmel arbeitete weiter und erlitt eine Thrombose. Als sie zum Arzt gehen wollte, sagte ihr Mann nur: „Nimm wenigstens das ganz Kleine mit. Die anderen bleiben bei der Oma. Ich muss weg.“
Mit Beginn der Corona-Pandemie verschärfte sich die Situation. Himmel war ständig krank, arbeitete aber weiter. „Ohne mich läuft das hier nicht“, sagte sie. Im Winter 2021 lag sie mit hohem Fieber im Bett. Ihr Mann sagte nur: „Du musst aufstehen. Ich fahre morgen den Wein weg.“ Kurz darauf verließ sie den Hof – und ihren Mann.
Geduldet statt gesichert
Ein weiteres unterschätztes Risiko betrifft Frauen, deren Partner vor der Hofübergabe versterben. In diesem Fall bleibt der Hof im Besitz der Schwiegereltern und die Frau hat oft keinerlei Anspruch, weder auf das Wohnhaus noch auf investiertes Geld.
Wennemer kennt viele junge Frauen mit Kindern, die ohne Absicherung auf dem Hof leben. In der Beratung geht es dann um ein Mindestmaß an Sicherheit, beispielsweise ein Wohnrecht oder eine freiwillige Ausgleichszahlung. Die Schwiegereltern zeigen vor allem Interesse, wenn die Enkel als künftige Nachfolger*innen gelten.
Es geht nicht um individuelle Schuld, sondern um strukturelle Ausschlüsse.
Auch der Deutsche Bauernverband räumt inzwischen ein, dass er jünger und weiblicher werden müsse. „Es geht nicht um individuelle Schuld, sondern um strukturelle Ausschlüsse“, sagt Lena Göth. „Es tut sich etwas, aber viel zu langsam.“
Zwar gibt es erste Coachingangebote, etwa von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG), doch viele Frauen wissen nichts davon. Es fehlt an gezielter Förderung, die an der Realität ansetzt. Ein bundesweites Förderprogramm gibt es bislang nicht. Immerhin hat die SVFLG als Reaktion auf die Thünen-Studie eine neue Broschüre zur sozialen Absicherung erstellt.
Auch Zazie von Davier sieht Fortschritte, doch tief verankerte Rollenbilder seien schwer zu hinterfragen: „Was als normal gilt, ist oft ungerecht. Wer das infrage stellt, erschüttert leicht das eigene Lebensmodell.“ Deshalb brauche es Aufklärung mit Fingerspitzengefühl.
In Workshops zeigen sich gerade ältere Frauen offen. „Einige sagten, sie würden heute vieles anders machen – zum Beispiel nicht mehr täglich für 15 Personen kochen“, erzählt von Davier. Für sie liegt genau darin die Chance: Wandel durch Nachdenken, nicht durch Schuldzuweisungen.
Lena Göth verbindet die Liebe zur Landwirtschaft mit einem klaren Blick auf das, was sich ändern muss. „Beides darf nebeneinanderstehen: die wunderschönen Seiten dieser Branche ebenso wie die Kritik an dem, was nicht gut läuft.“
Ein riesiger Schritt nach vorne
Trotz ihrer schlechten Erfahrungen wollte Charlotte Himmel in der Weinbranche bleiben. Heute leitet sie die Geschäftsstelle des Vereins Vinissima Frauen & Wein. „Ein riesiger Schritt nach vorne. Ich arbeite Vollzeit im Homeoffice und kann mir die Zeit einteilen. Das ist eine große Erleichterung.“
Wie können sich Frauen in der Landwirtschaft absichern? Wiebke Wennemer rät zu drei Schritten: Als erstes die Risiken kennen. Dann offen über Geld reden, am besten mit Frauen in ähnlichen Situationen. Und frühe, ehrliche Paargespräche. „Die rosarote Brille hält keine Ehe durch – besser absetzen, bevor der Bauch wächst“, sagt Wennemer. Ihre Kollegin Anne Dirksen sage immer: „Lieber einmal unromantisch, als später arm.“
Wennemers Appell: Auch Männer müssen sich aktiv beteiligen – in der Care-Arbeit und in der finanziellen Absicherung. Ihr wichtigster Rat: „Lebe nicht das Leben, das andere von dir erwarten. Sonst lebt man am Ende ein Leben, das niemand wollte.“
„Ich war ständig krank – seit der Trennung kein einziges Mal“, sagt Charlotte Himmel dreieinhalb Jahre nach der Trennung. Die Scheidung ist vollzogen, doch der finanzielle Zugewinn noch immer ungeklärt. Heute lebt sie in einer neuen Beziehung mit klaren Grenzen: „Ich gebe meine finanzielle Sicherheit nie wieder komplett aus der Hand.“