Ein Stück feministischer Geschichte

Ein Stück feministischer Geschichte

Filmpremiere "anfangen"  - mehr als 400 Gäste in der Heinrich-Böll-Stiftung
Mehr als 400 Gäste haben die Filmpremiere von "anfangen" zu einem unvergesslichen Abend gemacht. — Bildnachweise

Seit mehr als 40 Jahren gestaltet Christina Thürmer-Rohr politische Wissenschaftsgeschichte und Erkenntnistheorie mit. Eine ganze Generation von Frauen fand in ihren Texten feministische Inspiration und war angespornt, sich selbst neu zu erfinden und als „Vagabundinnen“ ihre Freiheit zu suchen. Mit „anfangen“ inszeniert Gerd Conrad, ein langjähriger Freund Thürmer-Rohrs, in Kooperation mit dem Gunda-Werner-Institut einen Film über ihre Person, ihre Gedanken und ihr Leben. Zu seiner Premiere am 14.10.2014 sind über vierhundert Gäste gekommen. Der große Saal der Heinrich-Boell-Stiftung ist übervoll und einigen Gästen kann kein Einlass mehr gewehrt werden. Thürmer-Rohr, die wie Prof. Dr. Sabine Hark im anschließenden Podium verrät, in ihrer Schaffenszeit als Professorin von „intellektuellen Groupies“ umgeben war, inspiriert und begeistert noch heute.

Dialogisches Denken bedeutet „Gastfreundschaft im eigenen Kopf“

Der Film, eine Hommage an Thürmer-Rohr, zeichnet das Leben einer Frau, die feministische Geschichte geschrieben hat: Thürmer-Rohr formuliert radikale Kritik am Patriarchat in allen Ausprägungen des sozialen Lebens, im Denken, in der Kunst, in Wissenschaft und Religion. Sie schließt, dass die heutige Welt eine andere wäre, wenn Frauen in der Geschichte ein gleichberechtigtes Geschlecht gewesen wären. In den 1980er Jahren gründet sie den Lehrstuhl „Feministische Theorie und Menschenrechte“, um kritisch die aktuelle Gesellschaft zu untersuchen und die unbekannte Geschichte von Frauen zu erforschen.

Hinsichtlich ihrer theoretischen Ansätze stellt der Film Thürmer-Rohrs von Hannah-Arendt inspirierten Pluralismusansatz ins Zentrum. Zu diesem gehört die Kontroverse, ebenso wie der Dialog. Die Kontroverse verfolgt das Ziel des Überzeugens anderer und des Schärfens der eigenen Meinung. Dialogisches Denken bedeutet nach Thürmer-Rohr dagegen eine „Gastfreundschaft im eigenen Kopf“: die Bereitschaft, andere Perspektiven und Sichten anzuhören und immer neu Anfängerin zu sein. Die Akzeptanz dessen, dass wir untereinander verschieden sind und gleichzeitig jeder einzelne Mensch ein plurales Wesen. Wie in der Musik sollen verschiedene Stimmen hörbar werden und nebeneinander stehen.

Thürmer-Rohr ist Theoretikerin, aber eine, die ihre Theorien lebt: Sie lebte mit Frauen zusammen, war Alleinerziehend und machte Karriere. Zur damaligen Zeit krasse Normbrüche, aber auch heute noch kein Mainstream.

Als Kind der direkten Nachkriegszeit setzt sich Thürmer-Rohr zudem intensiv mit Faschismus und der Nazi-Vergangenheit ihres Vaters auseinander. Sie trifft mit dem Begriff der Heimatlosigkeit das Gefühl des radikalen Bruches nach der NS-Zeit, als alles auf dem Prüfstand und unter Verdacht steht. Ihre umstrittene These der Mittäter_innenschaft von Frauen im Faschismus, aber auch im patriarchalen System als Ja-Sager_innen oder Nicht Nein-Sager_innen wird im Film in einem historischen Mitschnitt gezeigt. Thürmer-Rohr fordert: „Teil feministischer Arbeit muss es sein, zu thematisieren und zu erklären, dass der Erfolg des Patriarchats darin besteht, dass ein Großteil zustimmt.“

Das „feministische Wir“  - emotional, strategisch und politisch

Zur anschließenden Debatte ist das Podium hochkarätig besetzt: mit Prof. em. Dr. Christina Thürmer-Rohr sprechen Prof. Dr. Sabine Hark, Leiterin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und  Geschlechterforschung (ZIFG) an der TU Berlin und Prof. Dr. Nivedita PrasadProfessorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin, unter Moderation von Gitti Hentschel, Leiterin des Gunda-Werner-Instituts. Drei Professorinnen, die sich kennen, die Freundinnen sind, doch auch in verschiedenen Zeiten feministisch sozialisiert wurden und in ihren Feminismen unterschiedliche Sichtweisen und auch Auseinandersetzungen haben. Hier sind sie im Dialog.

Zentrale Kontoverse der Debatte ist das „feministische Wir“. Thürmer-Rohr benennt im Film drei „Wir“: das emotionale, das strategische und das politische. Diese Aufteilung drückt die Hoffnung aus, dass Frauen sich verbünden könnten und eine feministische Revolution möglich wäre. Doch das „feministische Wir“ wird schon zu Thürmer-Rohrs Hochzeiten als vereinnahmend kritisiert; schwarze Frauen protestieren und sehen sich in vielen Perspektiven nicht wieder. Während weiße Frauen sich vom Opferkonzept nicht trennen wollten und bereits Schwierigkeiten mit dem Begriff der Mittäter_innen hatten, gingen schwarze Frauen noch einen Schritt weiter und forderten den Begriff der Täter_innen in rassistischen und antisemitischen Handlungen. Thürmer-Rohr bezeichnet diese Kritik als Schock. Prof. Dr. Nivedita Prasad hebt hervor, dass als Folge dessen auch eine Abwehr gegenüber der Aufgabe des einnehmenden „Wir“ und dem Einbezug anderer Diskriminierungsformen wie des Rassismus bestand. Die Schwierigkeit mit der Reflexion eigener Privilegien wird auch noch heute bei einigen im Publikum sichtbar; bei anderen Zuschauer_innen, vielleicht auch jüngerer feministischer Generationen, ist das „feministische Wir“ hingegen schon immer ein fragmentiertes, schwerlich zu rechtfertigendes.

Neben früheren Kontroversen wird auch auf heutige Streitpunkte eingegangen: Kritik am Modell der Intersektionalität, das die Verwobenheit und Verflechtung sozialer Kategorien ins Zentrum stellt und nach Thürmer-Rohr auf „feige“ Art und Weise soziale Diskriminierungskategorien aufreiht ohne eine Hierarchisierung zu wagen. Die Analyse hat sich entfernt von der Dichotomie Opfer-Täter, sucht kontextabhängig nach den/der wirkmächtigste(n) Kategorie(n). Das Konzept der diversity, das Verschiedenheit lobt, aber Machtaspekte ausklammert, wird ebenfalls kritisch diskutiert.

Festhalten an feministischer Geschichte

Der Abend ist ein Stück der Geschichte des Feminismus mit ihren Kontroversen und Entwicklungen. Christina Thürmer-Rohr hat eine Frauengeneration mit beeinflusst und geprägt und Kontroversen innerhalb der feministischen Strömung angestoßen. Der Abend verdeutlicht jedoch auch die schnelle Veränderung feministischer Perspektiven und starken Brüche zwischen den Generationen. Heute ist das, was Thürmer-Rohr lebte nicht mehr revolutionär: es gibt institutionalisierte Gender Studies, es wird in vielen Ländern über die Homoehe diskutiert und das „feministische Wir“ wird so beständig hinterfragt, dass es schwerlich gehalten werden kann. Veranstaltungen wie diese verdeutlichen für mich die schnelle Entwicklung feministischer Theorien und die daraus resultierende Notwendigkeit, feministische Geschichte auf diese Weise festzuhalten. Auf diese Weise können auch heutige Theorien und Kontroversen als Abgrenzung, Auseinandersetzung und Lernprozess aus Vorangegangenem verstanden werden.


Eine Besprechung des Films hat Marie Anderson auf www.kino-zeit.de veröffentlicht.

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