Seid faul, Frauen!

Seid faul, Frauen!

Zwei Frauen, die einen Tag frei machen. Urheber: The U.S. National Archives. Public Domain.

Es ist natürlich richtig, dass mehr Frauen auf die oberen Stufen der Karriereleiter gehören. Aber es ist auch Zeit zu fragen: Ist  entspanntes Runterrutschen nicht viel attraktiver? Ein Text aus dem neuen Böll.Thema "Sehnsucht nach Zeit".

Frauen machen Karriere. Frauen machen den Haushalt. Frauen machen Kinder. Frauen machen Altenpflege. Frauen machen sich hübsch. Frauen machen sich die Beine glatt. Frauen machen sich die Haare schön. Frauen machen Sport. Frauen machen Wellness. Frauen machen Frühstück. Frauen machen Mittag. Frauen machen Abendbrot. Frauen machen Frauenabend. Machen Frauen eigentlich mal frei?

Die Ansprüche an Frauen sind heute so hoch wie noch nie zuvor. Was auf den ersten Blick wie ein bunter Reigen an Wahlfreiheiten aussieht, ist am Ende nichts anderes als neoliberaler Zwang zum Erfolg auf allen Ebenen. Oder wie Laurie Penny in ihrem Buch "Unsagbare Dinge" schreibt: "Wer verhindern will, dass Mädchen etwas erreichen, zwingt sie am besten dazu, alles zu erreichen." Alles ist Arbeit. Und in allem könnten Frauen noch besser sein. Penny schreibt: "Genderidentität ist Arbeit."

Frauen sind gestresst. Laut einer Umfrage der Techniker Krankenkasse elf Prozent gestresster als Männer. Dazu haben auch einige feministische Ansätze der vergangenen Jahre beigetragen, indem sie sich darauf fokussiert haben, dass Frauen auf der Karriereleiter nach möglichst ganz oben klettern können, auch mit Kindern. Vollkommen zu Recht. Mit keiner Logik der Welt ist es erklärbar, warum derzeit etwa nur eine Frau Chefredakteurin einer überregionalen Zeitung in Deutschland ist.

Frauen müssen die gleichen Rechte haben wie andere auch. Genauso, wie Homosexuelle auch ein Recht auf die Eheschließung haben sollen. Gleiche Rechte für alle. Das wäre gerecht für die Welt, in der wir leben. Aber ist das denn die Welt, in der wir leben wollen? Mit der Chefposition, die das Privatleben absorbiert. Mit der Ehe als Institution. Müssen wir wollen?

Paul Lafargue begegnete schon 1880 dem "Recht auf Arbeit" mit dem "Recht auf Faulheit". In seiner Analyse schreibt er:

"Aber damit ihm seine Kraft bewusst wird, muss das Proletariat die Vorurteile der christlichen, ökonomischen und liberalistischen Moral mit Füßen treten; es muss zu seinen natürlichen Instinkten zurückkehren, muss die Faulheitsrechte ausrufen."

Fast ein Jahrhundert später, 1976, wurden im Gesetz Richtlinien zur Gleichberechtigung verankert. Für Lafargue führte das Recht auf Arbeit nach Marx lediglich dazu, dass in Zeiten der Industrialisierung nun auch Frauen und Kinder in den Fabriken malochen mussten – zu grausigen Bedingungen. Kapitalismus, Industrialisierung, Getriebe. Dass Faulheit der Sand darin sein kann, verrät schon der Wortstamm der Industrialisierung: Industria beschreibt auf Lateinisch "eine beharrliche, nachhaltige Tätigkeit; Betriebsamkeit; Fleiß".

Dass das Verweigern von jeglicher Arbeit von größerem Erfolg gekrönt sein kann als Fleiß, haben Frauen in Island vor genau 40 Jahren gezeigt. Am 24. Oktober 1975 riefen sie zum Generalstreik auf und legten jegliche Arbeit nieder – die Erwerbs- wie auch die Reproduktionsarbeit. 90 Prozent beteiligten sich. Das Telefonnetz des Landes brach zusammen, Schulen blieben geschlossen, Hemden ungebügelt.

Mit nur einem Tag Arbeitsverweigerung hatten die Frauen den Wert ihrer Arbeit verdeutlicht. Ein Jahr später wurden im Gesetz Richtlinien zur Gleichberechtigung verankert. Vier Jahre später hatte Island seine erste weibliche Präsidentin und gilt heute weltweit als eines der Länder, in denen die Gleichberechtigung mehr als anderswo Realität wurde.

Die isländischen Frauen waren nicht faul im Oktober 1975. Sie gingen auf die Straße, demonstrierten. In ihrem Aufruf sprachen die Initiatorinnen allerdings nicht von Streik – sondern von "einem Tag frei" machen. "Streik" hätte so manche vielleicht abgeschreckt, "ein Tag frei" klingt, wonach sich überarbeitete Menschen sehnen. "Ein Tag frei" wirkt harmlos. Der 24. Oktober 1975 war alles andere als harmlos. Er war ein starkes Zeichen, was Frauen erreichen können, wenn sie sich durch kollektives Miteinanderabhängen auf den Straßen widersetzen. 
 

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe von Böll.Thema: "Sehnsucht nach Zeit". Das Heft zum Download und weitere Beiträge finden Sie hier.  Am 16.10.2015 geben Katrin Gottschalk und Sahar Rahimi auf der Konferenz "Dare the im_possible" den Workshop "Entdecke das Faultier in dir!" (leider schon ausgebucht).

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