Das Patriarchat fährt mit im Schleuserboot

So, wie hier in Wiesbaden im September 2015, entstehen derzeit weiterhin zahlreiche Sammelunterkünfte in ganz Deutschland. Sie sind gut gemeint - aus geschlechtersensibler und intersektionaler Perspektive aber eine Katastrophe, da sie keine Schutzräume für besonders gefährdete Menschen vorsehen: vor allem Frauen, Kinder, LGBTI*So, wie hier in Wiesbaden im September 2015, entstehen derzeit weiterhin zahlreiche Sammelunterkünfte in ganz Deutschland. Sie sind gut gemeint - aus geschlechtersensibler und intersektionaler Perspektive aber eine Katastrophe, da sie keine Schutzräume für besonders gefährdete Menschen vorsehen: vor allem Frauen, Kinder, LGBTI*. Urheber: Wiesbaden112.de. Creative Commons LizenzvertragDieses Bild steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Neulich wollte die Neue Zürcher Zeitung Flüchtlinge porträtieren, um ihre Schicksale den schon länger Heimischen nahezubringen. Die Reporter_innen fuhren also zu unterschiedlichen Unterkünften sprachen mit den Bewohner_innen, denen sie "ein Gesicht geben" wollten - ganz buchstäblich, mit einer Fotografie. Und so fanden sich in der Zeitung später elf Porträts wieder. Elf Männer. Und wo sind die Frauen? Die Autor_innen klärten auf: Die Frauen hätten entweder nicht zugelassen, dass sie fotografiert werden. Oder sie wollten nicht sprechen und verwiesen auf ihren Ehemann. Oder sie wollten ihre Fluchtgründe nicht nennen. Der Zeitung fiel daraufhin nichts anderes ein als die Frauen verschwinden zu lassen.

Diese Episode zeigt so furchtbar genau, was mit den Frauen auf der Flucht los ist, warum sie wenig gesehen und wenig gehört werden. Der Grund liegt in patriarchalen Strukturen, in denen viele von ihnen bisher lebten. Da spricht der Mann, nicht die Frau. Da geht der Mann nach draußen und sie bleibt drinnen. Und diese Unhörbarkeit geht noch um einiges tiefer. Haben die Frauen sexuelle Gewalt erfahren, was in Krisengebieten häufig vorkommt, so erlaubt ein umfassendes Verständnis von weiblicher Ehre nicht, dass sie darüber sprechen. Es kann also passieren, dass ihre Asylgründe gar nicht erst gehört werden.

Ulrike Krause vom Zentrum für Konfliktforschung der Uni Marburg hat zusammen gestellt, in welch besonderer Lage Frauen auf der Flucht sind. Frauen, die mit ihrem Mann fliehen, sind oft von seinem Asylantrag abhängig - ein Machtgefälle entsteht. Trennen kann man sich unter diesen Umständen schon mal nicht. Frauen, die alleine fliehen, sind nicht nur auf sich selbst gestellt. Allein reisende Frauen sind in einigen Kulturen eine Art Freiwild, Frauen, die man sich nehmen kann. Und so zahlen sie für die Schleusung unter Umständen nicht nur mit Geld, sondern mit ihrem Körper. Vergewaltigungen sind die Folge.

Nach solchen Erfahrungen ist es für Frauen in deutschen Flüchtlingsunterkünften schwer, sich etwa die Sanitäreinrichtungen mit Männern zu teilen. Männer, die unter Stress stehen und unter anderem ihre Macht im Heim demonstrieren, indem sie übergriffig werden. Alles Themen, die die Hilfsorganisationen seit langem kennen, denen sie vorzubeugen versuchen, indem sie sich ein Schutzkonzept ausdenken. Doch die schiere Zahl der Fliehenden und das weitgehende Staatsversagen haben viele dieser Pläne zu Makulatur werden lassen.

Es steht zu befürchten, dass die mangelhafte Hörbarkeit auch damit zu tun hat, dass nicht nur die Menschen aus traditionelleren Kulturen der Gewalt gegen Frauen keinerlei Aufmerksamkeit widmen und sie als normal ansehen - sondern die Menschen, die schon lange in Deutschland leben, ebenfalls. Vergewaltigungen etwa sind oft ein Thema für die Medien, wenn es darum geht, dass eine Frau einen Mann eventuell zu Unrecht angeklagt hat. Stichwort Kachelmann. Nicht aber die vielen Fälle, in denen sie es ganz eindeutig zu Recht tun. Keine Story. Rape Culture nennen Spezialist_innen diese Umkehr von Täter und Opfer.

Hoffen wir, dass einige dieser Geschichten in Zukunft doch erzählt werden. Denn Deutschland bietet nicht nur Unsicherheit, es bietet auch Möglichkeiten. Viele Frauen warten ungeduldig darauf, sich weiterqualifizieren zu können und möglichst bald einen Job zu haben. So viele Frauen lernen gerade schwimmen an den "Frauenschwimmtagen" im Stadtbad. Oder sie lernen Fahrradfahren. Und auch das ist nur ein Bild dafür, welche Chancen die Flucht auch eröffnen kann - auf ein neues Leben. Gut wäre es, wenn möglichst viele Frauen ihre Gewaltgeschichte so verarbeiten können, dass sie die neuen Möglichkeiten  ergreifen. Hier muss der Staat liefern: Es braucht angemessene Unterkünfte, es braucht fortgebildetes Personal. Und dafür braucht es eine Politik, die sich endlich mal der Rape Culture widmet und sie bekämpft.

Creative Commons Lizenzvertrag Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons Lizenz.

Kommentare

Was gibt es denn für Strategien, dieses Ungleichgewicht und diese Not zu verbessern? (Also kurzfristigere, als Frauenrechte in den Herkunftsländern zu stärken.) Sollte die Politik über Maßnahmen verschiedenster Art nachdenken, die Einreise von Frauen zu vereinfachen?

Allgemeiner lässt sich doch feststellen, dass Migration (einschließlich legaler Einreise) für die Schlausten und Stärksten und nicht besonders Armen am einfachsten ist, dass unsere Ausländerpolitik also Privilegierte bevorzugt.

Als Beispiel für eine Strategie siehe Hamburg (http://www.hamburg.de/nachrichten-hamburg/4612322/hamburg-stellt-schutzz...), wo am 6.10. zunächst vier Schutzzelte für Frauen und Kinder zur Verfügung gestellt wurden. Ab Mitte November soll zudem ein Flüchtlingsheim nur für Frauen, Kinder und weitere 'Schutzbedürftige' (außer 'schwulen Männern' werden LGBTI* nicht explizit genannt) in Betrieb gehen. Die Aufnahmekapazität beträgt etwa 100-150 Plätze. (http://www.welt.de/regionales/hamburg/article147878349/Fluechtlingsheim-...)

Ich finde es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Missbrauch und sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen, Kindern und LGBTI* nicht nur durch andere Bewohner der Sammelunterkünfte ausgeübt wird. Auch von Übergriffen durch das zuständige Wachpersonal, oft in Verbindung mit Erpressung und Drohungen, oder aber über deren Wegsehen berichten Hilfsorganisationen wiederholt. Nur wird dies scheinbar von den Medien ignoriert, mal ganz abgesehen von den zuständigen Behörden.

https://anarchistofcolor.wordpress.com/2015/11/13/das-unwissen-der-patri...

zu dem werden dreiste lügen konstruiert. wart ihr mal in ein kolonisiertes land? sind da keine frauen auf der straße auf arbeit und sonstiges? denoch werden pauchale aussagen getroffen, was wo männer machen und was frauen nicht machen. die rollen verteilung welche mit dem europäischen dualimus von mann und frau zu denken wären… sind von dorf zu dorf unterschiedlich. es gibt orte wo männer hinter den frauen her laufen müssen in öffenlichkeit und matrichale familien wo die “frau” zwar zuhause ist, aber eine großfamilie organisiert gehören, genau so zu konzepte in eine welt wo nicht alle gleich geschaltet wurden sind. und da wo die reise beginnt.. wo mensch aus den kleinen welten ausbricht, die es auch in deutschland gibt, befindet mensch sich in patriarchat und die endet ganz sicher nicht an der deutschen grenze.

Neuen Kommentar schreiben