Lachen gegen den Hass? Queer Mourning nach dem Massaker in Orlando

Lachen gegen den Hass? Queer Mourning nach dem Massaker in Orlando

Das in regenbogenfarben erleuchtete Brandenburger Tor in einem Handy-Display.Das Brandenburger Tor leuchtet in den Regenbogenfarben. Homonationale Fallstricke des Trauerns in der medialen Übersetzung. Urheber: andiweiland. Public Domain.

Die Trauer um die Toten von Orlando zeigt, wie schwierig es ist, sich vor politischen Vereinnahmungen jenseits queerer Gefühlspolitiken zu schützen. Bleibt nur, dagegen anzulachen? KWEEK. Der queere Zwischenruf.

Diesen Freitag feiert einen Tag vor dem Kreuzberger CSD das Institut für Queer Theory sein 10-jähriges Bestehen unter dem Titel „Embracing the Ridiculous. An Evening dedicated to queer politics of laughter“. (Feiern wir das Lächerliche. Ein Abend, gewidmet  der queeren Politik des Lachens)

Eingehüllt in die Bilder der Trauer angesichts des tödlichen Hasses gegenüber Queers of Color und Brown Queers in Orlando bleibt der Community jedoch das Lachen im Halse stecken. Jeder Versuch, den Hass ins Lächerliche zu ziehen und durch „zynisches Lachen“ seiner verheerenden Wirkung zu berauben, scheint verunmöglicht. 

Fassungslosigkeit, Bestürzung, Mitgefühl bestimmen die mediale Debatte und die sich transnationalisierenden Bilder vieler in Regenbogenfarben getauchter Repräsentationsbauten. Zu Recht: der Anschlag zeigt, wie lebendig Hass, Homo- und Transphobie in Kombination mit Rassismus sind. Wer darüber nun angesichts von Orlando staunt, ist daher entweder naiv oder absichtsvoll ignorant. Schließlich ließe sich ja schon allein aus der Tatsache, dass es Clubs wie PULSE gibt, ableiten, dass es Safer Spaces bedarf beziehungsweise dass es ein Bedürfnis gibt, sich in solchen zu treffen – und zwar auch in den USA und auch in der das ‚Begehren freisetzenden’ Queer Capital Berlin! Pauschal zu behaupten, dass es sich um einen Angriff auf die offene Gesellschaft gehandelt hätte, trägt dazu bei, eine Illusion zu festigen, die nur noch verwundbarer macht. Denn wenn Offenheit und Toleranz lediglich Distinktionsversprechen sind und der Abgrenzung gegenüber vermeintlich weniger offenen Gesellschaften dienen, wird prekäres Leben produziert und Leben weiter gefährdet. 

Mich beschleicht Unbehagen. Weil Angela Merkel zur Entnennung beiträgt, wenn sie nicht konkret adressiert, wem Bürgerrechte verweigert werden – nämlich Queers of Color! Aber auch weil die nunmehr ausgesprochene Anerkennung, dass Queers of Color Opfer waren und nicht die allgemein freiheitliche Gesellschaft als Zielscheibe diente, für Interessen jenseits der Opfer dienstbar gemacht wird. Denn wem helfen denn diese marktgerechten Bilder vom bunten Brandenburger Tor, vom Eiffelturm und dem schillernden Verwaltungsgebäude in Tel Aviv? 

Ich will überhaupt nicht leugnen, dass die Gatherings vor beflaggten und beleuchteten Bauten in den Zentren westlicher Städte Momente schaffen, die für die trauernde Community nicht nur emotional wichtig sind, sondern auch politisch empowernd sein können. Dennoch kann ich nicht umhin, mich an all die Debatten zu erinnern, die, ausgelöst durch Jasbir Puars Analyse des Homonationalismus, Fragen nach der Einbindung von Queers in nationalstaatliche Programme der Terrorismusbekämpfung aufwarfen. War es nach 9/11 nicht auch das US-amerikanische Militär, das sich durch die Aufhebung der „Don't ask, don´t tell“-Praxis regelrecht in Regenbogenflagge geworfen hat, um zu ermöglichen, dass Queers gegen die Taliban kämpfen? Und war es nicht auch die israelische Selbstvermarktung von sich als LGBTIQ-freundlich, die half, die Besetzung Palästinas zu übertünchen? 

In Anbetracht dessen, dass milliardenschwere Polterhengste sofort die Terrorkarte gespielt haben, um die Eingemeindung in die Wehrhaftmachung zu wagen, müssen wir sehr darauf Acht geben, wo wir wie mit wem trauern und wo wir wie zur Kulisse von Politiken werden, die ganz sicherlich nichts mit der Infragestellung neokolonialer, neoliberaler und heteronormativer Regelwerke zu tun haben.

Auch ist  Skepsis gegenüber den aufbrandenden Argumenten angebracht, die sexuelle Identität/das Geschlecht als Religion oder Nation begründen wollen. Wenn der Vergleich von Queers mit jüdischen Gläubigen, wie vom Organisator des CSD in Hamburg angestellt, nur dazu dient, das Betroffenheitsranking zu bedienen, ist nichts erreicht außer der Hervorstellung der eigenen Betroffenheit zu Ungunsten anderer minorisierter Gruppen. Zumal die zu eindimensionale Fokussierung auf LGBTIQs als Opfergruppe die Gefahr des Whitewashings birgt: tatsächlich betroffen waren schließlich Menschen, die nicht nur wegen ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identität getötet wurden, sondern auch aufgrund von Race. Rassismus als Motivationsgrund ist gefährlich oft im Reklamieren von homo- und transphober Gewalt untergegangen. Sicherlich weil wir alle schlucken mussten in Anbetracht des Brutalitätsausmaßes. 

Was aber tun mit dem Schlucken und Verschlucken, dem im Halse stecken gebliebenen Lachen? Soll es sich doch herausgurgeln und freimachen? Soll sich vielleicht doch die Verzweiflung in einem Lachen artikulieren als in manchmal befremdlichen Formen des öffentlichen Trauerns? Vielleicht können wir ja bei der Party des Instituts für Queer Theory all den Hass „der Lächerlichkeit“ preisgeben und im Auslachen versuchen, Politikformen neu zu sondieren.

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